Editorial
Liebe Kolleg*innen,
Donald Trump erneut zum Präsidenten der USA gewählt, anhaltende Kriege in der Ukraine und außerhalb Europas, Erstarken rechtspopulistischer Kräfte auch in Deutschland, gesellschaftliche Spaltungsprozesse, vorzeitiges Ende der „Ampel“-Regierung, verheerende Umweltkatastrophen usw.
Dies zeigt nur beispielhaft die großen globalen Herausforderungen, die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche wie auch die damit einhergehenden ökologischen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind.
Die Lage erscheint so unwirklich wie unvorhersagbar und man ist vielleicht versucht, bei dem ganzen Kaleidoskop erschütternder Ereignisse einfach nur noch teilnahmslos zu- oder sogar wegschauen zu wollen.
Aber auch wenn man den Blick von der beschriebenen Makro- auf die Mikroebene der Psychotherapie richtet, könnten die Versuchung der Teilnahmslosigkeit oder Vermeidungstendenzen ihren Widerhall finden. So fordert uns gerade die Einführung der ePA, die immer noch nicht stehende Finanzierung der Weiterbildung mit der damit einhergehenden Ungewissheit über die Zukunft unseres Berufsstandes, die weiterhin mangelhafte Bedarfsplanung usw. Man könnte den Eindruck gewinnen, die To-Do-Liste an Aufgaben und ungelösten Problemen wirkt verstärkend auf den Engpass in der Versorgung ein.
Dennoch sollten wir trotz oder gerade wegen dieser Widrigkeiten nicht vergessen, warum wir diesen Beruf für uns gewählt haben, weiter die Faszination für die individuelle Entwicklung des Menschen beibehalten und eine Bereicherung in der Begleitung dieser Prozesse erleben. Daraus resultieren immer wieder aufs Neue besondere Erfahrungen, Begegnungen und darüber hinaus auch unerwartete Erkenntnisse, die bisweilen sowohl für Behandelnde als auch für Patient*innen gewinnbringend sein können.
Die Auseinandersetzung, die den Beiträgen auch der vorliegenden Ausgabe zugrunde liegt, zeigt immer wieder die nicht enden wollende Neugier unserer Berufsgruppe auf den Menschen. So könnte man – frei nach Gregory Bateson und im Sinne der lösungsfokussierten Therapie – sagen: „Der Unterschied, der den Unterschied macht, ist Neugier.“
Trotz der beschriebenen schwierigen Entwicklungen in der Welt bleibt die Neugier unser Kompass und die treibende Kraft unseres Handelns. Sie lässt uns innehalten, hinterfragen und neue Perspektiven entdecken.
Daraus folgernd wäre doch die Frage zu stellen: Was hilft uns Psychotherapeut*innen dabei, weiterhin neugierig zu bleiben? Eine erste Antwort könnte in unserer Faszination für menschliches Wachstum und in der Erfahrung sich immer wieder neu erschließender Erkenntnisse zu finden sein.
Daher sollten wir nicht müde werden, uns weiterhin überraschen zu lassen, und uns offen zeigen für Möglichkeiten der Entwicklung.
Und es muss nicht beim bloßen Reflektieren und Reagieren bleiben. Vielmehr sollten wir auch aktiv die eigenen Potenziale nutzen, um unsere Patient*innen bei der Annahme und Bewältigung der äußeren Herausforderungen zu unterstützen. Zugleich sollten wir als Profession unsere Möglichkeiten dafür ausloten, unsere Expertise auch in gesellschaftliche Prozesse einzubringen.
Es ist nicht immer leicht, in diesen Zeiten Neugier und auch Zuversicht zu bewahren und sich nicht von der allgemeinen Verunsicherung und Stagnation im Problemdenken leiten zu lassen. Umso mehr sollte jede*r von uns sorgsam achtgeben auf den Erhalt der Neugier als innerer Orientierung und Verantwortung. Wir sind uns sicher, dass die Artikel wie auch die Berichte der Landeskammern in dieser Ausgabe einen gelungenen Beitrag zur Erweckung bzw. Aufrechterhaltung dieser Neugier leisten.
Sie sind bereits am Lesen und, wie wir hoffen, im besten Sinne neugierig auf das, was kommt!
Jörg Hermann & Holger Grotjohann (Niedersachsen)
Mitglieder des Redaktionsbeirats