Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer Berlin

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Arbeitskreis Rassismussensible Psychotherapie der PtK Berlin

Der Arbeitskreis „Rassismussensible Psychotherapie“ und Referierende

Der Arbeitskreis „Rassismussensible Psychotherapie“ und Referierende

Im Dezember 2023 wurde der Arbeitskreis Rassismussensible Psychotherapie in der PtK Berlin ins Leben gerufen. Diese dringend notwendige Initiative wurde durch die Kammermitglieder Katharina Dinică und Rico-Benjamin Hiemeyer gemeinsam mit dem Vorstandsmitglied Pilar Isaac-Candeias realisiert. Die Gründung des Arbeitskreises stieß sofort auf großes Interesse der Berliner Mitglieder.

Schwerpunkte des Arbeitskreises

Bereits bei unserem Auftakttreffen im Januar 2024 wurde schnell der große Bedarf nach gemeinsamem Austausch mit Schwerpunkt Rassismuskritik deutlich. Gemeinsam diskutierten wir zahlreiche Bedarfe und einigten uns auf verschiedene Fokusthemen: unter anderem die Erleichterung des Zugangs zu Psychotherapie sowie die Optimierung der psychotherapeutischen Versorgung rassifizierter/migrantisierter Patient*innen, die Bündelung rassismussensibler psychotherapeutischer Ressourcen und die Stärkung von Netzwerkarbeit, die Verbesserung psychotherapeutischer Aus-, Fort- und Weiterbildung, Supervision, Intervision und Selbsterfahrung. So entstand auch die Idee eines Fachtages mit rassismuskritischem Fokus, der schnell Form annehmen und zu einem Symposium heranwachsen sollte.

Symposium „Rassismus: das Erbe des Kolonialismus – Was hat das mit Psychotherapie zu tun?“

Am 14. Dezember 2024 fand in den Räumlichkeiten der PtK Berlin das Symposium „Rassismus: das Erbe des Kolonialismus – Was hat das mit Psychotherapie zu tun? Eine Einführung in die rassismuskritische Haltung in der Psychotherapie“ statt. Bereits im Rahmen des Anmeldeprozesses zeigte sich das große Interesse an der geplanten Veranstaltung in besonderem Maße. Nach nur wenigen Stunden waren alle Veranstaltungsplätze ausgebucht.

Nach kurzen einführenden Worten des Vorstandsmitglieds Pilar Isaac-Candeias sowie der AK-Leitung moderierte Pilar Isaac-Candeias durch das reichhaltige Programm des Symposiums. Der erste Teil des Symposiums bestand aus drei Vorträgen mit anschließenden Frage- bzw. Diskussionsrunden. Den Anfang machte die Anglistin, Afrikanistin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Susan Arndt, die eine sehr aufschlussreiche Einführung in die Geschichte des Rassismus, die materiellen Bedingungen sowie die kolonialen Kontinuitäten bis in die Gegenwart gab. Anschließend stellte der Soziologe und Leiter des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors Dr. Cihan Sinanoğlu die wichtigsten Befunde vor, die im Zusammenhang mit Rassismus in der deutschen Gesundheitsversorgung, speziell beim Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung, stehen. Und schließlich stellte die Psychologische Psychotherapeutin Dr. Birsen Kahraman in ihrem Vortrag wichtige Bezüge zu Rassismus in der Psychotherapie her und beleuchtete Maßnahmen zur aktiven antirassistischen psychotherapeutischen Arbeit. Begleitet wurde dieser erste Teil des Tages von Gedichten und Erzählungen des Schriftstellers Nefvel Cumart.

Der Nachmittag war gezeichnet von intensiver Auseinandersetzung in kleineren Gruppen im Rahmen von vier verschiedenen Workshops. Dr. Timo Slotta, Psychologischer Psychotherapeut, fokussierte in seinem Workshop die Auseinandersetzung mit (verbalen) Mikroaggressionen. Auf diese Weise sollten erste Impulse zum konstruktiven Umgang mit dieser subtilen Diskriminierungsform im therapeutischen Prozess gegeben werden. Sema Akbunar, Psychologische Psychotherapeutin, zielte ihrerseits in ihrem Workshop auf die Sensibilisierung für eine rassismuskritische Haltung in der Psychotherapie und beleuchtete mittels Input und Selbstreflexion unbewusste Vorurteile. Melek Yula, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, legte einen ähnlichen Schwerpunkt in ihrem Workshop, bediente sich jedoch anderer Übungen und Methoden der Selbsterfahrung zur Auseinandersetzung mit Diskriminierungserfahrungen und der Reflexion eigener Positionen. Kadir Kaynak, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, zentrierte in seinem Workshop die Perspektive von rassifizierten Kindern und Jugendlichen und deren Mehrfachbelastung durch Diskriminierung. Insgesamt war es für alle Beteiligten eine sehr gelungene, anregende Veranstaltung, wie die Evaluationsbögen bestätigten.

Auftakt und Aufbruch

Das Symposium hat eindrücklich gezeigt, wie zentral die kritische Auseinandersetzung mit Rassismen für Psychotherapeut*innen und wie hoch die Motivation in unserer Berufsgruppe ist, sich mit den strukturellen, institutionellen und individuellen Auswirkungen zu beschäftigen und sie zu bekämpfen. Die Initiierung des AK sowie die Realisierung des Symposiums sind aus unserer Sicht wichtige Meilensteine im Rahmen rassismuskritischen Handelns und dabei keinesfalls ausreichend, sondern sollten viel mehr als Impulsgebung und Aufbruch für zunehmende, weitreichende und fortwährende Maßnahmen zum Abbau von Rassismen im psychotherapeutischen Versorgungssystem angesehen werden.

Rico-Benjamin Hiemeyer & Katharina Dinică


Kindeswohlgefährdung in suchtbelasteten Familien: Veranstaltungsbericht

Nach epidemiologischen Studien weisen etwa sieben Millionen Menschen in Deutschland eine Abhängigkeitsstörung auf. Die Auswirkungen einer derartigen Erkrankung auf die Familie sind vielfältig: So können die Sorge und Angst um den Betroffenen das Familienklima ebenso beeinträchtigen wie häufiger Streit und eine latent angespannte Familiensituationen. Immer wieder sind Kinder suchtkranker Menschen konfrontiert mit massiver Vernachlässigung, körperlichen oder psychischen Misshandlung und mit negativen Folgen für die psychosoziale Entwicklung. Forschungsarbeiten legen nahe, dass Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien signifikant häufiger psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten aufweisen als altersgleiche Kinder und Jugendliche ohne Suchtstörungen in der Familie. Auch konsumieren Heranwachsende aus suchtbelasteten Familien deutlich häufiger als ihre Altersgleichen Alkohol und illegale Drogen.

Die Fortbildungsveranstaltung „Kindeswohlgefährdung in suchtbelasteten Familien“ wurde von der Kommission Sachverständigentätigkeit in Kooperation mit dem KJP-Ausschuss und der Kinderschutzbeauftragten der Berliner PtK konzipiert und am 6. November 2024 durchgeführt. Es wurden insbesondere Familienrichter*innen, psychologische Sachverständige und Kinder- und Jugendlichentherapeut*innen in die Räumlichkeiten der Kammer eingeladen, um die Kooperation in Sachen Kindeswohlgefährdung zu reflektieren.

Tobias Stützer, Aufsichtsführender Familienrichter des Amtsgerichts Kreuzberg, stellte die gesetzlichen Grundlagen von Familienrechtsverfahren dar, die eine Kindeswohlgefährdung zum Gegenstand haben. Demnach befasst sich § 1666 Abs. 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) mit der Gefährdung des Kindeswohls. Er legt fest, dass das Familiengericht eingreifen kann, wenn das Wohl eines Kindes gefährdet ist. In solchen Fällen kann das Gericht Maßnahmen anordnen, um das Kind zu schützen, beispielsweise durch die Anordnung von Hilfemaßnahmen oder die Entziehung des Sorgerechts. Art. 6 Abs. 2 des Grundgesetzes (GG) betont dagegen die Verantwortung der Eltern für die Pflege und Erziehung ihrer Kinder und stellt das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt. Dieser Artikel unterstreicht, dass der Staat nur eingreifen kann, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Zusammengefasst bilden diese Regelungen einen rechtlichen Rahmen, der sicherstellen soll, dass das Wohl von Kindern in Deutschland stets an erster Stelle steht und im Falle von Gefährdungen entsprechende Maßnahmen ergriffen werden können. Bei der Feststellung einer Kindeswohlgefährdung sind die Familiengerichte jedoch mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten konfrontiert, insbesondere durch fehlende Mitwirkung der Eltern bei der Sachverhaltsaufklärung und bei der Begutachtung sowie fehlendem Zugang des Verfahrensbeistands bzw. des*der Sachverständigen zum Kind.

Dr. Anne Huber, Psychologische Psychotherapeutin und psychologische Sachverständige, zeigte anhand von Praxisbeispielen, welche Anforderungen die Sachverständigentätigkeit bei einer Kindeswohlgefährdung stellt. So gehören Hausbesuche, Leitfadeninterviews mit Eltern und Kindern ebenso zu den Aufgaben von Sachverständigen wie Gespräche mit Klassenlehrer*innen, dem Jugendamt, der Familienhilfe oder anderen Personen aus dem Umfeld der Familie. Ergänzt werden die so gewonnenen Erkenntnisse durch psychometrische Untersuchungsverfahren, durch Untersuchungen auf Betäubungsmittel (Haarprobe) und ggf. durch einen Auszug aus dem Bundeszentralregister. Bei der Erarbeitung des Sachverständigengutachtens werden die im Familienkontext vorgefundenen und für die kindliche Entwicklung bedeutsamen risikomildernden und risikoerhöhenden Bedingungen bewertet und abgewogen. Frau Dr. Huber zufolge stellt sich für Sachverständige die übergeordnete Frage: „Bis zu welchem Stadium ist der Verbleib der Kinder bei ihren Eltern vertretbar?“

Prof. Dr. Jelena Zumbach-Basu hat eine Professur für forensische Psychologie an der Universität Basel und arbeitet seit mehreren Jahren zu Fragen der (Weiter-)Entwicklung diagnostischer Ansätze für die psychologische Begutachtung im Familienrecht. In ihren Ausführungen beschrieb sie vor dem Hintergrund zahlreicher Ergebnisse aus Längsschnittstudien und Metaanalysen jene Risikofaktoren, die eine Kindeswohlgefährdung charakterisieren. Zum anderen machte sie deutlich, vor welch komplexen Anforderungen Sachverständige und Familiengerichte stehen, wenn es um die differenzierte Beurteilung einer Kindeswohlgefährdung geht: „Eine Kindeswohlprognose ist eine hoch komplexe Form der Verhaltensprognose, die sich nicht intuitiv bewältigen lässt.“ Im Rahmen ihrer aktuellen Forschungsarbeit (PROSPECT-Studie) untersucht ihre Arbeitsgruppe in einer multizentrischen Studie an mehreren Standorten in Deutschland die Zuverlässigkeit psychologischer Sachverständigeneinschätzungen und die Validität der Kindeswohlprognosen. Auf der Grundlage der Studiendaten soll ferner ein strukturiertes Risikoeinschätzungsverfahren entwickelt werden, das die Arbeit der psychologischen Sachverständigen optimieren soll.

Jacqueline Moreau, niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin mit Zusatzqualifikation Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, und Andrea Kaden, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Kinderschutzbeauftragte der PtK Berlin, skizzierten die Perspektive psychotherapeutisch Tätiger im Konfliktfeld der Kindeswohlgefährdung in suchtbelasteten Familien. Während Frau Moreau hierzu grundlegende entwicklungspsychologische Konzepte darstellte (Bindungstheorie, Affektspiegelungsmodell, Mentalisierung etc.) steuerte Frau Kaden ihre institutionellen Erfahrungen als langjährige Mitarbeiterin eines Kinderschutzzentrums in Berlin bei.

Mit der Veranstaltung zur Kindeswohlgefährdung in suchtbelasteten Familien haben wir bewusst unterschiedliche Institutionen und Professionen adressiert und in die Fortbildung eingebunden. Die Darstellung und Diskussion der unterschiedlichen Perspektiven sollen eine gute Kooperation der beteiligten Akteur*innen befördern.

Dr. Peter Tossmann


Inklusive Psychotherapie: trans* Kinder und Jugendliche – Bericht und Impulse aus der Fortbildung der PtK Berlin

Im Rahmen einer zweiteiligen Fortbildung der Berliner PtK, die am 28. November 2024 und 23. Januar 2025 stattfand, wurde die fachliche und medizinethische Versorgung von trans* und nicht-binären Jugendlichen thematisiert. Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse und war schnell ausgebucht. Ziel der Fortbildung war es, einen empathischen Verstehenszugang zu den Erfahrungen und Bedürfnissen trans* und nicht-binärer Jugendlicher zu schaffen und therapeutische Kompetenzen in diesem Bereich zu stärken.

Die Fortbildung begann mit der Vorstellung des Gender Unicorn, eines grafischen Tools, das die Vielschichtigkeit von Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck, biologisch zugewiesenem Geschlecht sowie romantischer und sexueller Orientierung veranschaulicht. Dieses Modell diente als Grundlage für ein Selbsterfahrungsangebot, bei dem die Teilnehmenden ihre eigenen Perspektiven und Annahmen reflektieren konnten. Diese Übung erleichterte den Einstieg in die Thematik und förderte ein tieferes Verständnis für die Erfahrungen der Betroffenen.

Ein zentraler Schwerpunkt der Fortbildung lag darauf, Geschlechtsidentität aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Die Diskussion begann mit einem Privilegien-Check, bei dem die Teilnehmenden ihre eigenen Privilegien im Hinblick auf Heterosexualität und Cis-Geschlechtlichkeit reflektierten. Diese Übung führte zu Betroffenheit und Erkenntnisgewinn und ermöglichte einen differenzierten Einstieg in das Thema.

Im weiteren Verlauf wurde das Minderheiten-Stress-Modell vorgestellt (s. Grafik), das ursprünglich von Meyer (2003) entwickelt und für trans* Personen von Hendricks und Testa (2012) erweitert wurde. Dieses Modell beschreibt die psychosozialen Stressoren, denen Minderheiten ausgesetzt sind, sowie deren Auswirkungen auf Gesundheit und Identität. Anhand eines Traumanarrativs einer transweiblichen Patientin wurden zentrale Themen wie die problematisch erlebte Pubertät, das innere Coming-out, das Coming-out nach außen sowie erste negative und positive Erfahrungen veranschaulicht. Besondere Aufmerksamkeit erhielt dabei die Schilderung von Minderheitenstress und Gewalterfahrungen, die ein besseres empathisches Verständnis für die komplexen Prozesse der Identitätsfindung ermöglichten.

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Ergänzt wurde diese Perspektive durch die Multicultural Guidelines der American Psychological Association (APA), die eine Reflexion über Machtstrukturen und Privilegien fordern und die Belastungen auf Mikro-, Meso- und Makroebene beleuchten. Die Guidelines halfen den Teilnehmenden, die unterschiedlichen Ebenen der Diskriminierung zu verstehen und deren Auswirkungen auf das psychische Wohlbefinden trans* Jugendlicher besser einzuordnen.

Ein weiteres zentrales Element war die Orientierung an den Menschenrechten als Grundlage für eine inklusive und gerechte psychotherapeutische Praxis. Die Reflexion über Privilegien und Machtstrukturen wurde hierbei als essenziell hervorgehoben, um therapeutische Interventionen nachhaltig und wertschätzend zu gestalten. Es wurde betont, dass die Anerkennung von Vielfalt und die aktive Bekämpfung von Diskriminierung nicht nur therapeutische Aufgaben, sondern auch gesamtgesellschaftliche Verantwortung sind.

Die Fortbildung zeigte auch, wie wichtig es ist, trans* und nicht-binäre Jugendliche aktiv in den Entscheidungsprozess einzubinden, insbesondere bei der Gestaltung ihrer Behandlungsziele. Dieser Ansatz, der informierte Zustimmung und partizipative Entscheidungsfindung betont, erfordert eine sensible Kommunikation sowie die Bereitschaft, sich auf die Bedürfnisse der Jugendlichen einzulassen.

Die Resonanz der Teilnehmenden machte deutlich, wie relevant diese Themen für die psychotherapeutische Praxis sind. Viele betonten, dass die Fortbildung nicht nur ein größeres Verständnis für die spezifischen Herausforderungen von trans* Jugendlichen geschaffen habe, sondern auch Anstöße für eine umfassendere Reflexion der eigenen Haltung und Praxis gegeben habe. Der empathische Zugang, der durch theoretische Modelle, praktische Werkzeuge und die interaktive Gestaltung gefördert wurde, wurde als wertvoll für die eigene Arbeit hervorgehoben.

Die Fortbildung machte deutlich, dass die Bedürfnisse von trans* und nicht-binären Jugendlichen nicht nur durch Wissen und Fachkompetenz, sondern vor allem durch eine wertschätzende Haltung adressiert werden können. Therapeut*innen, die bereit sind, sich auf die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten einzulassen, tragen dazu bei, dass Jugendliche gestärkt und mit einem positiven Selbstbild aus der Therapie hervorgehen. Dies ist nicht nur eine therapeutische Aufgabe, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.

Sascha Bos


Klimawandel, Krisen und Demokratie – Vortrag „Klimawandel als sozialer Sprengstoff“

Am 5. Dezember 2024 fand der von der Klima-AG organisierte Vortrag „Klimawandel als sozialer Sprengstoff“ von Katharina van Bronswijk statt. Nach einer Begrüßung durch Katharina Simons (Moderation) und einleitende Worte durch Eva-Maria Schweitzer-Köhn (Präsidentin) präsentierte Frau van Bronswijik ihren Vortrag zum Zusammenhang zwischen ökologischen und gesellschaftlichen Krisen und einer rechten politischen Radikalisierung. Sie nutzte dafür sozialpsychologische und soziologische Modelle und konnte zeigen, wie der Wunsch nach der Herstellung von gefühlter Sicherheit die Hinwendung zu Gruppen mit starker Gruppenidentität attraktiv macht, dass dabei die Strategie, sich nach innen zurückzuziehen und nach außen eine feindliche Gesinnung zu hegen, angewendet werden kann, bspw. wie beim „Preppen“, aber nicht muss. Alternativ dazu wurde das „solidarische Preppen“ erwähnt, das bewusste Aufbauen von sozialen Kontakten und Unterstützungsnetzwerken.

Frau van Bronswijk erklärte auch die Entstehung und Attraktivität von Verschwörungsmythen in diesem Kontext. Anhand der „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung machte sie darauf aufmerksam, dass menschenfeindliche und autoritäre Überzeugungen, wie eine Bevorzugung einer Diktatur, in den letzten Jahren deutlich zunahmen, insbesondere, aber nicht nur, bei jungen Menschen.

Abschließend führte sie verschiedene Möglichkeiten auf, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt und das demokratische Miteinander gefördert und geschützt werden können: durch evidenzbasierte, auf den Menschen zugeschnittene Politik und eine politische Kommunikation, die Perspektiven eröffnet und Unsicherheit auffängt; eine bessere politische Teilhabe, um dem Kontrollverlusterleben zu begegnen; eine angemessene psychosoziale Versorgung, wie auch die Förderung emotionaler Kompetenzen und Selbstwirksamkeitserleben, Stärken der Narrative rund um soziale Gerechtigkeit und Fairness als zentrale Schutzfaktoren in Krisen.

In der sich dem Vortrag anschließenden Q-&-A-Runde ging es um die Möglichkeit, die Resilienz von Kindern und Jugendlichen zu fördern, ohne ihnen die Verantwortung für die Verbesserung der Lage überzuhelfen, die bei den Erwachsenen bleiben muss. Zudem ging es um Hitzeschutz und den Zusammenhang von Hitze, Verhalten und psychischen Erkrankungen. Frau van Bronswijk skizzierte zudem die Rolle von Psychotherapeut*innen im Umgang mit den aktuellen Krisen. Durch unsere psychotherapeutische Arbeit befähigen wir bereits Menschen in ihrer emotionalen Kompetenz oder ihrem Selbstwirksamkeitserleben und tragen damit zur Stärkung der Demokratie bei. Wir können jedoch noch aktiver psychosoziale Versorgungsbedarfe in die Gesellschaft hinein kommunizieren. Und wir können uns als Privatmenschen offensiv gegenüber Falschinformationen oder menschenfeindlichem Verhalten äußern.

Katharina Simons


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