Mitteilungen der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz
Liebe Kolleg*innen,
Psychotherapeut*innen begleiten Menschen in psychischen Belastungssituationen und tragen dazu bei, individuelles Leid zu lindern. Dabei ist es essenziell, gesellschaftliche Rahmenbedingungen einzubeziehen – denn psychische Gesundheit ist nicht losgelöst von sozialen Strukturen denkbar.
Vor diesem Hintergrund beobachten wir mit Sorge die aktuelle politische Debatte, in der sich der Ton gegenüber marginalisierten Gruppen stetig verschärft. Das Feindbild der Geflüchteten oder die Verleugnung der Existenz von trans* Menschen wird seit Jahren von rechten Kreisen in die Mitte des politischen Diskurses transportiert. Gezielt wird gegen Anti-Diskriminierungsstrategien und Sensibilisierungsprogramme Stimmung gemacht, Hass und Hetze in den Sozialen Medien nehmen zu und die Zahl der Hassverbrechen steigt.
Strukturelle Ungleichheit, Ausgrenzung und Hass haben nachweislich negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Wer psychische Gesundheit fördern will, kann also nicht schweigen, wenn Diskriminierung verharmlost wird. Von zentraler Bedeutung ist außerdem ein diskriminierungssensibler Ansatz in der Psychotherapie: Gesellschaftliche Machtverhältnisse müssen ebenso wie die eigene Haltung reflektiert und ihre Auswirkungen auf die psychische Gesundheit immer mitgedacht werden. Ohne die Berücksichtigung dieser Rahmenbedingungen besteht die Gefahr in der Psychotherapie, dem Individuum Schuld für gesellschaftliche Problemlagen zuzuschreiben.
Eine diskriminierungssensible Haltung ist daher grundlegende Voraussetzung für professionelles psychotherapeutisches Arbeiten. Die Landespsychotherapeutenkammer möchte hierzu einen Beitrag leisten und hat in diesem Kontext den Fachtag „Diskriminierungssensible Psychotherapie“ veranstaltet, über den wir in dieser Ausgabe berichten.
Mit kollegialen Grüßen
Ulrich Bestle
Mitglied des Vorstandes der LPK RLP
LPK-Fachtag Diskriminierungssensible Psychotherapie: „Psychotherapeut*innen müssen Flagge zeigen“
Wie verschiedene Studien gezeigt haben, machen Menschen aus marginalisierten Gruppen leider auch im Gesundheitswesen – und damit auch in der Psychotherapie – Diskriminierungserfahrungen.
Um die Kammermitglieder für diese Thematik zu sensibilisieren und Auswege aufzuzeigen, veranstaltete die Landespsychotherapeutenkammer am 17. Januar 2025 einen digitalen Fachtag zum Thema „Diskriminierungssensible Psychotherapie“ mit zwei Fachvorträgen und drei Workshops von renommierten Expert*innen. Moderiert wurde die Veranstaltung mit rund 70 Teilnehmer*innen von LPK-Vorstandsmitglied Ulrich Bestle.
Wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Thema Diskriminierung für Psychotherapeut*innen ist, machte Kammerpräsidentin Sabine Maur in ihrem Grußwort deutlich. „Mit der Ausgrenzung und Diskriminierung von marginalisierten Menschen wird wieder verstärkt Politik gemacht. Wir sehen eine Zunahme von Hass und Hetze in den Sozialen Medien und entsprechend eine Zunahme von Hassverbrechen in der Lebensrealität marginalisierter Menschen.“, konstatierte sie. „Wir als Psychotherapeut*innen wissen um die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und den sozialen Zusammenhalt und müssen deshalb hier Flagge zeigen.“
Statement der LPK-Präsidentin Sabine Maur
Dr. Klemens Ketelhut (Projektleiter „Konversionsbehandlungen: Kontexte, Praktiken, Biografien“ bei Mosaik Deutschland e. V.) beleuchtete in seinem Fachvortrag das Thema „Konversionserfahrungen von queeren Menschen“. Er forderte, Qualifizierungs- und Sensibilisierungsangebote zu Konversionsmaßnahmen in allen relevanten beraterischen und psychotherapeutischen Kontexten verfügbar zu machen. Außerdem solle Grundlagenforschung zu dieser Thematik gefördert und Präventionsmaßnahmen zur Verringerung queerfeindlicher Haltungen geschaffen sowie spezifische therapeutische Zugänge entwickelt werden.
Sema Akbunar (PP, Leiterin Interkulturelle Psychologische Praxis, Berlin) referierte über „Rassismuskritische Psychotherapie“ und bot einen Workshop zum selben Thema an. In ihrem Vortrag berichtete sie, dass laut einer Studie aus dem Jahr 2020 62 % der Befragten der Aussage „Bei der Psychotherapie werden meine Rassismuserfahrungen nicht ernst genommen und in Frage gestellt“ zustimmten und erörterte, was dagegen getan werden könne. Häufig geschehe diese Form der Diskriminierung in der Therapie nicht mit böser Absicht, könne aber ungeachtet dessen sehr negative Folgen haben. Eine rassismuskritische Haltung helfe, subtile Formen der Diskriminierung („Mikroaggressionen“) zu erkennen und zu vermeiden. Diskriminierungserfahrungen sollten in der Anamnese von der Psychotherapeut*in angesprochen werden. Zentral sei außerdem Selbstreflexion und das besondere Bemühen um den Aufbau von Vertrauen in der therapeutischen Beziehung.
Parallel zu Frau Akbunars Workshop fanden die Workshops „Psychotherapie für Menschen mit Geschlechsdysphorie“ von Sabine Christian (PP, Stellvertretende Leiterin der psychotherapeutischen Ausbildungsambulanz der Universität Mainz, Leitung des Schwerpunkts Genderinkongruenz) und „Psychotherapie für Menschen mit Behinderungen“ von Christina Heil (PP, Psychotherapeutische Praxis mit Schwerpunkt Psychotherapie und Beratung von Menschen mit Körper- und Sinnesbehinderungen, Pforzheim) statt.
Im abschließenden Plenum mit allen Referent*innen wurde unter anderem die Antidiskriminierungsstrategie der Bundespsychotherapeutenkammer vorgestellt, die momentan erarbeitet wird.
Insgesamt machte dieser Fachtag deutlich, dass Psychotherapeut*innen und die sie vertretenden Organisationen einiges tun können, um Diskriminierung im Gesundheitswesen abzubauen. Zentral ist, diese auf allen Ebenen zu erkennen und das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen. Die Teilnahme am Fachtag war also ein Schritt in die richtige Richtung. Die Veranstaltung endete mit dem Appell des Plenums, viel stärker das Verbindende aller Menschen zu sehen, als das Trennende.
Jahresempfang der Wirtschaft 2025: Angeregter Austausch zwischen Kammern und Politik
Die Kammerpräsident*innen und Geschäftsführer*innen mit Ministerpräsident A. Schweitzer und F. Merz
Auch dieses Jahr hat die Landespsychotherapeutenkammer gemeinsam mit 14 anderen rheinland-pfälzischen Kammern zum Jahresempfang der Wirtschaft eingeladen. Der Empfang fand mit mehreren tausend Gästen in der Mainzer Rheingoldhalle statt. Er gilt als größter Jahresempfang von Selbstverwaltung und Wirtschaft in Deutschland und findet bundesweit Beachtung. Die einladenden Kammern vertreten rund 100.000 Unternehmen mit mehr als 400.000 Beschäftigten. Das Zusammenwirken so vieler landesweiter und regionaler Institutionen bei einer solchen Veranstaltung ist deutschlandweit einzigartig. Die Veranstaltung gibt dem Selbstbewusstsein der freien Berufe Ausdruck und hat zum Ziel, den Austausch von Kammern, Politik und Wirtschaft zu fördern. Die Landespsychotherapeutenkammer war auf dem Empfang vertreten durch Präsidentin Sabine Maur, Vizepräsidentin Dr. Andrea Benecke, Vorstandsmitglied Ulrich Bestle sowie Geschäftsführerin Petra Regelin. Zudem hatten rund 50 Mitglieder der Landespsychotherapeutenkammer die Einladung zum Empfang angenommen und nutzten gerne die Gelegenheit zum Austausch und Netzwerken mit Mitgliedern anderer Kammern.
Der Jahresempfang ist parteipolitisch neutral. Als Keynote-Speaker werden mit großem zeitlichem Vorlauf prominente Vertreter*innen aus Politik und Wirtschaft eingeladen. Nachdem im letzten Jahr Vizekanzler Dr. Robert Habeck als Gastredner auftrat, kam diese Rolle diesmal dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz zu. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer nahm an der Podiumsdiskussion teil.
LPK trifft Gesundheitspolitik 2024: Jetzt in psychische Gesundheit junger Menschen investieren!
Wer den weiteren Anstieg psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung verhindern will, muss jetzt in die psychotherapeutische Versorgung junger Menschen investieren. Denn 50 % aller psychischen Störungen treten vor dem 15. Lebensjahr auf, 75 % vor dem 25. Lebensjahr. Werden diese nicht rechtzeitig behandelt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass aus psychisch kranken Kindern psychisch kranke Erwachsene werden. Dies wurde sehr deutlich bei der Veranstaltung „LPK trifft Gesundheitspolitik“ am 25. November 2024, die unter dem Motto „Kinder in der Krise – Versorgung am Limit?“ stand.
Vor allem Kinder und Jugendliche leiden unter den zahlreichen Krisen unserer Zeit; viele von ihnen sind psychisch stark belastet. Wie Studien zeigen, haben einige psychische Erkrankungen zugenommen. Hilfe zu bekommen, ist nicht einfach: Ambulante Therapieplätze sind rar, stationäre Versorgung und Jugendhilfe überlastet. Was ist also zu tun, um die psychische Gesundheit der jungen Menschen zu schützen – am besten, bevor sie erkranken?
Um diese drängende Frage zu erörtern, hatten sich rund 100 Gäste im Restaurant ESSZIMMER des Rheinland-Pfälzischen Landtags in Mainz eingefunden, darunter Nicole Steingaß, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz und Referent*innen des Ministeriums sowie zahlreiche Landtagsabgeordnete verschiedener Fraktionen, der Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung des Bundesministeriums für Gesundheit Michael Weller, Vertreter*innen verschiedener Universitäten, Vorstandsmitglieder der Bundespsychotherapeutenkammer, Präsident*innen und Geschäftsführer*innen anderer rheinland-pfälzischer Kammern und von Landespsychotherapeutenkammern anderer Bundesländer, Geschäftsführer*innen von Krankenversicherungen, Verbänden und weitere Akteur*innen des Gesundheitswesens sowie Mitglieder der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz.
Sabine Maur und Staatssekretärin Nicole Steingaß
Sowohl LPK-Präsidentin Sabine Maur, die die Veranstaltung moderierte und ein Grußwort sprach, als auch der als Experte eingeladene Michael Weller aus dem Bundesgesundheitsministerium, machten deutlich, was das vorzeitige Auseinanderbrechen der Regierungskoalition für die psychotherapeutische Versorgung bedeutet: Wichtige, lang geplante Reformen, die kurz vor der Umsetzung standen – wie beispielsweise die eigene Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche – werden nun doch nicht umgesetzt und auf ungewisse Zukunft verschoben, was Herr Weller „als sehr frustrierend“ bezeichnete. Doch auch wenn momentan Stillstand zu herrschen scheine, würde doch daran gearbeitet, noch so viel wie möglich von den geplanten Vorhaben zu retten. Wie wichtig diese Reformen sind, verdeutlichte auch der Fachvortrag von Prof Dr. Silvia Schneider, Leiterin des Zentrums für Kinder- und Jugendpsychotherapie der Ruhr-Universität Bochum. Werden psychische Probleme in jungen Lebensjahren nicht rechtzeitig versorgt, geht häufig eine Störung in die andere über und es kann zu „negativen Entwicklungskaskaden“ kommen. Diese bringen nicht nur viel subjektives Leid, sondern letztlich auch großen ökonomische Schaden für den Wirtschaftsstandort Deutschland mit sich. Risikofaktoren für psychische Erkrankungen sind unter anderem Armut und psychisch erkrankte Eltern, erklärte die Referentin. Sie stellte Studien vor, die zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken durch Prävention deutlich gesenkt werden kann. Sie ermutigte die Zuhörer*innen: „Wir können also etwas tun!“ Den gesamten Bericht zu „LPK trifft Gesundheitspolitik“ finden Sie auf www.lpk-rlp.de unter „Aktuelles“.
Dr. Andrea Benecke und Michael Weller (Bundesgesundheitsministerium)
Verdienstpreis der LPK RLP 2024: Preisträger*innen geben dem Ahrtal Hoffnung
Verleihung des Verdienstpreises der LPK RLP am 25. November 2024
Der Verdienstpreis der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz wurde im Rahmen der Veranstaltung „LPK trifft Gesundheitspolitik“ kollektiv an die Psychotherapeut*innen im Ahrtal verliehen. Die Flutkatastrophe ist mittlerweile über drei Jahre her, aber viele Betroffene haben bis heute nicht nur unter den materiellen Folgen sowie der Zerstörung ihrer Heimatregion zu leiden, sondern vor allem unter dem, was sie in der Flutnacht und infolge der Katastrophe erlebt haben. „Das sind Erlebnisse, die ohne psychotherapeutische Hilfe schwer zu bewältigen sind“, sagte LPK-Vizepräsidentin Dr. Andrea Benecke in ihrer Laudatio. Mit dem Verdienstpreis ehrt die Landespsychotherapeutenkammer diejenigen Mitglieder, die den zahlreichen Betroffenen psychotherapeutische Unterstützung bei der Verarbeitung der Folgen der Flutkatastrophe leisten. „Die Kammer ist sehr stolz auf diese Mitglieder, die im Ahrtal unter diesen seit Jahren schwierigen Bedingungen unseren Berufstand hervorragend vertreten und möchte sich heute Abend ganz herzlich bedanken“, so Frau Dr. Benecke. „Für die Betroffenen, aber auch für den Rest des Landes ist es von enormem Wert, dass es Menschen wie diese Psychotherapeut*innen gibt, die dem Katastrophengebiet nicht den Rücken kehren, sondern dort bleiben und den Menschen dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Durch ihre Arbeit tragen Sie dazu bei, Wunden zu heilen und dem Ahrtal Hoffnung zu geben.“
Detlef Placzek als Präsident des Landesamtes verabschiedet
Der Präsident des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung (LSJV), Detlef Placzek wurde am 10. Januar 2025 vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer und von Sozialministerin Dörte Schall in den Ruhestand verabschiedet. Zu der Feier im Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung wurden zahlreiche Gäste aus dem Ministerium, der Landespolitik und weitere Kooperationspartner*innen eingeladen. Auch Kammerpräsidentin Sabine Maur und Geschäftsführerin Petra Regelin sind zur Abschiedsfeier eingeladen worden. Das Landesamt ist für die Landespsychotherapeutenkammer ein sehr wichtiger Partner, unter anderem weil dort die Approbationsbehörde angegliedert ist. Die Kammer steht daher mit dem Landesamt im permanenten Austausch, beispielsweise über Approbationen sowie Fachsprachenprüfungen und kann sich dabei über eine herausragend gute Zusammenarbeit freuen. Mit Herrn Placzek verbindet die Kammer darüber hinaus eine besonders lange Kooperation in Krisenzeiten: Als Opferbeauftragter des Landes war er für die Kammer nach der Amokfahrt in Trier im Dezember 2020 und besonders im Nachgang der Flutkatastrophe im Juli 2021 erster Ansprechpartner, um Hilfe von psychotherapeutischer Seite anzubieten. In seiner Abschiedsrede bedankte er sich ausdrücklich bei Sabine Maur und Petra Regelin für diese gute Zusammenarbeit. Die Kammer erwidert diesen Dank herzlich und schätzt sich glücklich, dass Herr Placzek weiterhin ehrenamtlich Opferbeauftragter des Landes bleibt.
S. Maur, D. Placzek und P. Regelin