Rezension

Kinderpsychoanalytikerinnen als „Ersatzmütter“

Ludwig-Körner, C. (2022). Und sie fanden eine Heimat. Zum Leben und Wirken der Mitarbeiterinnen von Anna Freud. Bad Cannstadt: fromann-holzboog. 400 S., 38 €

verfasst von: Christa Rohde-Dachser, Hannover

Veröffentlicht / published 18.03.2025

Mit diesem Buch führt uns Ludwig-Körner zurück in die Welt der Kriegskinderheime, die von Anna Freud und Dorothy Burlingham während des zweiten Weltkriegs in London errichtet wurden, um vor allem jüdischen Kindern, die vor der Verfolgung durch die Nazis aus Deutschland und Österreich fliehen mussten, eine neue Heimat zu bieten. Im Mittelpunkt ihrer Schilderungen stehen aber nicht die traumatischen Erfahrungen, die diese Kinder durchlitten hatten, sondern die Mitarbeiterinnen der Kriegskinderheime, die diese Kinder betreuten und alles dafür taten, damit diese auch in ihrer neuen Heimat wieder Wurzeln fassen konnten. Sechs von ihnen lernen wir auf diesem Wege auch selber näher kennen. Das sind Alice Goldberg aus Berlin, Sophie und Gertrud Dans aus Augsburg, Manna Friedmann aus Köln, Anneliese Schnurmann aus Karlsruhe bzw. Berlin und Ilse Hellmann und Hansi Kennedy aus Wien. Als junge Frauen waren auch sie nur knapp dem Holocaust entkommen; manche von ihnen hatten den Kontakt zu ihren jüdischen Angehörigen ganz verloren und wussten nichts von ihrem Verbleib. Umso intensiver wendeten sie sich nunmehr den Kindern zu, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten hatten und brachten damit zum Ausdruck, wohin auch sie selbst gehörten, nämlich an deren Seite.

Die Mehrzahl der Mitarbeiterinnen brachte auch eine pädagogische Ausbildung mit. Von der Psychoanalyse hatten die meisten von ihnen bis dahin aber kaum oder gar nichts gehört. Anna Freud organisierte für sie deshalb zusammen mit ihren psychoanalytischen Kolleginnen Weiterbildungskurse, in denen neben psychoanalytischen Grundkenntnissen auch Entwicklungspsychologie und kindgerechte Ernährung und Babypflege unterrichtet wurden. Regelmäßig fanden auch Fallbesprechungen statt, in denen die Mitarbeiterinnen über die täglichen Erfahrungen mit den ihnen anvertrauten Kindern berichteten und dabei auch psychoanalytische Sichtweisen kennen lernen konnten. Für viele Mitarbeiterinnen war aber auch dies noch zu wenig. Schließlich gab Anna Freud ihrem Drängen nach und baute für sie eine eigenständige psychoanalytische Ausbildung zum/zur Kinder-Therapeuten/-Therapeutin („Child Expert“) auf, über die einige von ihnen später auch Kinderanalytikerinnen wurden.

Die Verantwortung, die die Mitarbeiterinnen der Kriegskinderheime für die ihnen anvertrauten Kinder übernommen hatten, war damit aber noch nicht ausreichend beschrieben. Sie ging auch über das Ziel einer Kindertherapie hinaus. Rückschauend ließe sie sich am ehesten als „entwicklungsorientiert“ bezeichnen, das heißt ganz auf die Bedürfnisse des Kindes eingestellt, die seinem jeweiligen Entwicklungsstand entsprachen, ohne dass es dazu einer weiteren psychoanalytischen Erklärung bedurfte. Folgt man den Schilderungen der Betreuerinnen (oder sollte man vielleicht doch besser „Ersatzmütter“ sagen?) in den Kriegskinderheimen, dann waren diese vor allem Menschen, die sich dem Gegenüber zuwendeten oder sich ihm als Container zur Verfügung stellten, wann immer es dies brauchte, und dies als ihre eigentliche Rolle sahen. Würde es sich dabei um einen erwachsenen Patienten handeln, würde man darin vermutlich eine Überschreitung der Grenzen der therapeutischen Beziehung sehen. Den Betreuerinnen in den Kriegskinderheimen waren solche Gedanken fern. Für sie hörte die Beziehung auch nicht auf, wenn ein Kind das Kriegskinderheim irgendwann wieder verließ. Mit einigen von ihnen bestand sogar ein lebenslanger Kontakt. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die Geschichten der Mitarbeiterinnen verstehen, die Ludwig-Körner per Interview erhoben hat und an denen nun auch wir als LeserInnen teilnehmen dürfen. Bei der Lektüre wird einem unwillkürlich auch selber warm ums Herz. Hätte Sigmund Freud die Gelegenheit gehabt, dieses Buch zu lesen, hätte er die frühe Mutter-Kind-Beziehung vermutlich nicht mehr als den „dunklen Kontinent“ bezeichnet, der für ihn selbst ein Leben lang unerforschbar blieb. Das Buch liefert nicht nur interessante Informationen über die Fortentwicklung der Kinderanalyse unter den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs. Es ist auch ein zutiefst weiblich-mütterliches Buch, dem ich viele Leserinnen und auch Leser wünsche.

Beeindruckend ist dabei vor allem das lebendige Engagement für traumatisierte Kinder mit einschneidenden Verlusterfahrungen und -ängsten auch aus jüngerer Zeit und der entsprechend hohe und weiter steigende Bedarf an psychotherapeutischer und psychosozialer Arbeit, den diese Kinder und Jugendlichen haben. Vieles von der Arbeit, die in diesem Band geschildert wird, findet sich heute auch in den Psychosozialen Zentren für Geflüchtete wieder, in denen viele unserer psychotherapeutisch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen tätig sind. Insbesondere sie werden vieles aus diesem Band auch in ihrer eigenen Arbeit wiederfinden. Schön wäre es, wenn dieses Erfahrungswissen auch in die neue Weiterbildungsordnung Eingang finden könnte. Der Band lädt jedenfalls dazu ein, sich über methodische Grenzen hinaus auch emotional auf eine psychoanalytisch fundierte Arbeit mit diesen verstörten Kindern und Jugendlichen einzulassen.

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