Warum es besser ist, Gutes zu erwarten
Haghiri, S. (2024). Mit Nachsicht. Wie Empathie uns selbst und vielleicht sogar die Welt verändern kann. München: Kösel. 267 S., 20 €
verfasst von: Wolfgang Schmidbauer, München
Es gibt wenig, was auf Kinder einen so tiefen Eindruck macht wie die Angst der Personen, mit denen sie sich verbunden fühlen. Das lässt sich biologisch damit erklären, dass die Wahrnehmung dieser Ängste eine hohe Bedeutung für das Überleben des Kindes hat; wenn es sich irgendetwas merken muss, dann auf jeden Fall dieses. In Psychoanalysen wird immer wieder deutlich, wie stark traumatisch bedingte Ängste der Eltern die Kinder auch dann geprägt haben, wenn sich diese gar nicht an direkte Einflüsse erinnern.
Eltern glauben, ihre Kinder zu beschützen; in Wahrheit beschützen sie sich selbst. Sie fürchten sich vor Schuldgefühlen, als Eltern versagt zu haben, nicht nur, wenn ein Kind nicht überlebt, sondern auch, wenn aus ihm nicht das wird, was die bedeutungsvollen Personen in der Umgebung der Eltern erwarten. Das Kind spürt diese Ängste und richtet sich nach ihnen.
Ein fremdes Element kommt in eine Entwicklung, die sich in Jahrmillionen optimiert hat – und behauptet von sich, sie zu verbessern, aus dem kleinen Tier einen richtigen Menschen, aus dem Wilden den Bürger zu machen. Dabei wird der radikal lebensfreundlichen, dem Artgenossen und dem eigenen Überleben dienenden Spontaneität eines primär sozialen Tieres Gewalt angetan. Sie kann sich nicht entfalten; am Ende wird die Wut über das zerstörte Spiel und die zerbrochene Übung als primäre Dynamik des menschlichen Unbewussten beschrieben.
Es ist eine lange und an vielen Stellen bösartige Geschichte, die von der unbewussten Weisheit des tierischen und des in den schriftlosen Kulturen noch tiernahen Sozialverhaltens in die Gegenwart führt, in der sich die Menschheit kritisch mit ihren kolonialistischen Strukturen auseinandersetzt und die klinische Forschung erkennt, wie wenig es den durchsetzungsstärksten Kulturen gelingt, ihr Versprechen einzulösen, dem Menschen ein behaglicheres Leben zu verschaffen.
Was die „zivilisierte“ Erziehung an Vorsicht überbetont, wo sie uns beibringt, dem Mitmenschen zu misstrauen und von ihm eher Schlechtes als Gutes zu erwarten, rückt Sina Haghiri in seinem Buch „Mit Nachsicht. Wie Empathie uns selbst und vielleicht sogar die Welt verändern kann“ zurecht. Er macht deutlich, wie wichtig und oft unterschätzt Nachsicht als Gegenströmung zur Vorsicht für unsere Kontakte ist. Sein Vorgehen ist zweigleisig: in Fallbeispielen zeigt er, wie sich negative Erwartungen an andere sozusagen selbst erfüllen; auf der anderen Seite referiert und zerpflückt er auf wirklich überraschende Weise „klassische“ sozialpsychologische Experimente von Milgram, Sherif und Zimbardo, die für Generationen von Psychologiestudentinnen und -studenten ein menschenfeindliches Bild unseres Sozialverhaltens gezeichnet haben. So fundiert er eine Einsicht, die mir in vielen Jahren der Supervision angehender Psychotherapeutinnen und -therapeuten kostbar geworden und geblieben ist: Wir sollten niemals die Bereitschaft eines Menschen unterschätzen, auch unter schwierigen Umständen mit uns zusammenzuarbeiten und auf ein empathisches Angebot mit Einfühlung zu reagieren.