Mitteilungen der Psychotherapeutenkammer Hessen
Liebe Kollegin, lieber Kollege,
ich hoffe Sie haben einen angenehmen und erholsamen Sommer verbracht und hatten ausreichend Gelegenheit, Energie und Vitamin D zu tanken.
Bevor ich mich in die Sommerpause verabschieden konnte, standen einige wichtige Termine in meinem Kalender. Als Vorstand haben wir es in den vergangenen Jahren geschafft, die Psychotherapeutenkammer Hessen als kompetente und sichtbare Ansprechpartnerin in der politischen Landschaft in Hessen zu etablieren. Das zeigt sich sowohl an der gestiegenen Zahl der inhaltlichen und terminlichen Anfragen als auch an den Einladungen, die wir erhalten. Ich möchte einige Beispiele aus den vergangenen Monaten nennen: Staatssekretärin Optentrenk, Hessisches Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege, hielt ein Grußwort auf unserem 13. Hessischen Psychotherapeutentag; wir konnten erneut am Hessenfest in Berlin teilnehmen und dort unter anderem mit der hessischen Gesundheitsministerin Diana Stolz ins Gespräch kommen; wir sind Teil des hochkarätig besetzten Runden Tisches der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (HAGE) zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und erhielten Besuch aus dem Landtag von Kathrin Anders, Landtagsmitglied und gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen.
Aktuelle Themen, die wir in den politischen Gesprächen platzieren, sind insbesondere die dringend benötigte Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen sowie das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz. Ein neuer Paragraph soll die Kliniken verpflichten, Patient*innen, die entlassen werden und von denen ohne Behandlung weiterhin eine Fremdgefährdung ausgehen könnte, an die Polizei oder Ordnungsbehörde zu melden. Der Vorstand der PTK Hessen hat sich einstimmig gegen eine solche Änderung ausgesprochen, da er darin eine Diskriminierung von psychisch erkrankten Menschen sieht. Der Vorstand wünscht sich wirksamere Maßnahmen wie ein spezifisches Behandlungsangebot. Eine Meldung alleine wird Gewalt sicherlich nicht verhindern!
Ein erfreuliches Beispiel für wirksame politische Arbeit gibt es in Sachen „Entbürokratisierung“. Dazu hatte ich in der vergangenen Ausgabe bereits berichtet. 2024 hatten wir von der hessischen Politik gefordert, das Heilberufegesetz zu ändern. Dabei ging es konkret um eine Anpassung im Hinblick auf die automatische Entlassung von Mitgliedern, im Falle einer vorübergehenden Einstellung der Tätigkeit, beispielsweise bei Elternzeit. Dies bedeutet bislang zusätzlichen Verwaltungsaufwand für das Mitglied, aber auch für die Kammer. Deshalb soll diese Regelung geändert werden. Unser Vorschlag sieht vor, die Mitgliedschaft an den Wohnsitz zu knüpfen. Mit Ausnahme von Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist diese Regelung bereits in allen weiteren Heilberufegesetzen der Länder verankert. Nun hat es unser Vorschlag in den Entwurf des ersten Bürokratieabbaugesetzes geschafft. Ein toller politischer Erfolg – wir bleiben dran!
Herzliche Grüße
Ihre Heike Winter
Präsidentin
13. Hessischer Psychotherapeutentag begeistert 450 Gäste
„Spannungsfelder der Psychotherapie – Vertrauen und Konflikt“
Im Mai fand der 13. Hessische Psychotherapeutentag (HPT) auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt statt. Über 450 Teilnehmer*innen aus ganz Hessen nahmen über die beiden Tage an der Veranstaltung teil, um sich unter dem Motto „Spannungsfelder der Psychotherapie – Vertrauen und Konflikt“ mit Kolleg*innen auszutauschen und bei spannenden Vorträgen und Workshops fortzubilden. „Wir haben einen großartigen Hessischen Psychotherapeutentag erlebt und freuen uns besonders über das große Interesse unserer Mitglieder. Wir hatten die Gelegenheit, mit vielen Gästen ins Gespräch zu kommen – eine wirklich bereichernde Veranstaltung!“, betont Dr. Heike Winter, Präsidentin der PTK Hessen.
13. Hessischer Psychotherapeutentag in der Goethe-Universität Frankfurt a. M.
Auftakt am Freitag: Austausch, Orientierung und Impulse für die Zukunft der Psychotherapie
Der Nachmittag bot dem psychotherapeutischen Nachwuchs Gelegenheit, sich über ihren weiteren Berufsweg zu informieren. Präsidentin Dr. Heike Winter und Vorstandsmitglied Sabine Wald hielten Vorträge zur neuen Weiterbildung und gaben praktische Hinweise zum Weg in die eigene Praxis. Angestellte Psychotherapeut*innen diskutierten unter der Leitung von Karl-Wilhelm Höffler, ebenfalls Vorstandsmitglied, zentrale Fragen zu Herausforderungen und Chancen im institutionellen Arbeitsalltag.
Else Döring, Vizepräsidentin der PTK Hessen, eröffnete die offizielle Auftaktveranstaltung des 13. Hessischen Psychotherapeutentags am Abend. Sie hieß die Teilnehmenden willkommen – darunter auch Vertreter*innen aus Politik und Berufsstand, wie Yanki Pürsün, MdL und gesundheitspolitischer Sprecher der hessischen FDP-Landtagsfraktion.
Döring gab einen Rückblick auf mehr als ein Jahrzehnt berufspolitischer Arbeit, das in die Reform der Weiterbildung mündete – ein wichtiger Schritt für die Profession. Sie nutzte den Rahmen auch, um aktuelle Herausforderungen zu benennen: die ungesicherte Finanzierung der Weiterbildung, lange Wartezeiten auf Therapieplätze sowie das geplante Qualitätssicherungsverfahren (QS-Verfahren) des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). „Ich möchte dringend vor einer Überregulierung durch ein komplexes QS-System warnen, die unsere Arbeit zusätzlich belastet anstelle uns einen Mehrwert zu bringen. Die berufsgruppenspezifischen Bedürfnisse und Bedingungen müssen unbedingt einbezogen werden“, hob Else Döring, Vizepräsidentin der PTK Hessen und Vorstandsbeauftragte für das Thema Qualitätssicherung in der Psychotherapie, hervor.
Sie betonte zudem die zunehmende gesellschaftliche Verantwortung von Psychotherapeut*innen angesichts aktueller Krisen wie Krieg, Klimawandel und demokratiefeindlicher Entwicklungen – Themen, die immer häufiger auch die psychotherapeutische Arbeit direkt tangieren. Die Vizepräsidentin rief zu gemeinschaftlichem Engagement auf, um die Versorgung weiter zu verbessern und den Beruf zukunftsfähig zu gestalten.
Festvortrag und Get-together
Darauf folgte der Festvortrag von Prof. Dr. Markus Langer (Foto): „KI in der Psychotherapie: Revolution oder Risiko?“ – eine Präsentation, die beim Publikum sehr positiv ankam und sowohl im Plenum als auch im anschließenden Get-together Raum für ausgiebige Diskussion eröffnete.
Der Arbeits- und Organisationspsychologe der Universität Freiburg stellte das Für und Wider Künstlicher Intelligenz (KI) und ihr Potenzial im Arbeitsfeld der Psychotherapie gegenüber – eine differenzierte Betrachtung, die sowohl Neulinge im Thema als auch informierte Zuhörer*innen erfolgreich abholte. KI-Sprachmodelle und Tools unterschiedlicher Firmen (ChatGPT, Perplexity, Deepseek) würden laut erster Ergebnisse tatsächlich bereits von vielen Nutzer*innen zu Themen aus dem psychotherapeutischen Kontext befragt und genutzt. Das zeige die hohe Nachfrage nach Hilfestellungen in diesem Bereich und führe zu der entscheidenden Frage, was gute Psychotherapie im Kern ausmache – und ob dies durch die KI leistbar beziehungsweise von den Herstellern gewollt ist.
Erste Forschungen zeigten zwar, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, eine Beziehung zu den Tools aufzubauen, unter anderem da diese als ‚Person‘ mit den User*innen interagieren. Ob sich darüber aber auch eine ‚therapeutische‘ Beziehung aufbauen ließe, sei zu untersuchen – nur Langzeitstudien und gezielte Metaanalysen könnten dies zeigen. Auch das Risiko, dass Menschen unter Einsatz der KI-Tools noch weniger sozial interagierten, sei nicht von der Hand zu weisen, wie sich bereits bei der Social-Media-Nutzung seit einigen Jahren zeige. Positiv zu bewerten seien, nach Meinung Langers, alle Formen von organisatorischer Unterstützung durch KI-Software – ob bei der Transkription, Dokumentation oder zur Erstellung von Übungsblättern für die Patient*innen. Auch zur allseits bekannten Datenschutz-Thematik gab Langer einige Hinweise für die Einhaltung und Umsetzung.
Im Anschluss an die Vorträge bot ein Empfang mit Fingerfood und Live-Musik der Jazz-Kombo „Engeltrio“ Gelegenheit zum persönlichen Austausch. In entspannter Atmosphäre kamen Teilnehmende wie Referent*innen miteinander ins Gespräch und ließen den ersten Veranstaltungstag in geselligem Rahmen ausklingen.
Die Jazz-Kombo „Engeltrio“ sorgte musikalisch für eine tolle Stimmung am Auftaktabend des 13. HPT.
Hauptveranstaltung am Samstag: Neue Perspektiven und tiefergehende fachliche Diskussion
Auch das Hauptprogramm des 13. Hessischen Psychotherapeutentags fand großen Zuspruch. Die hochkarätig besetzten Vorträge und Workshops drehten sich um zentrale Fragen zur Zukunft der Psychotherapie. Eröffnet wurde der Tag von Kammerpräsidentin Dr. Heike Winter. In ihrer Rede betonte sie die wachsende Bedeutung psychischer Erkrankungen in allen Altersgruppen. Besonders hob sie die alarmierende Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen hervor, wo unbehandelte Störungen oft zu lebenslangen Belastungen führen. Auch bei Erwachsenen seien psychische Erkrankungen wiederholt eine der häufigsten Ursachen für krankheitsbedingte Arbeitsausfälle – mit enormen persönlichen und volkswirtschaftlichen Folgen.
Winter forderte eindringlich, mehr Engagement und Mittel in Prävention, Diagnostik und psychotherapeutische Versorgung zu investieren. Ein zentrales Anliegen war ihr zudem die Umsetzung der neuen Weiterbildung. Diese könne nur dann voranschreiten, wenn das Vorhaben auch strukturell und finanziell abgesichert werde. In Richtung der anwesenden politischen Vertreterin Dr. Sonja Optendrenk, Staatssekretärin des Gesundheitsministeriums, appellierte sie: „Ich möchte dringend dazu aufrufen, die psychische Gesundheit als gesellschaftliche Schlüsselaufgabe anzuerkennen und die Profession bei der Weiterentwicklung der Versorgung wirksam zu unterstützen. Wir stehen als Berufsstand für den Austausch und die Beratung zu diesen Themen bereit.“
Kammervorstand beim 13. HPT (v. l.): Else Döring (Vizepräsidentin), Karl-Wilhelm Höffler, Dr. Heike Winter (Präsidentin), Prof. Dr. Rudolf Stark, Birgit Wiesemüller
Die Staatsekretärin selbst ging in ihrem Grußwort ebenfalls auf die Notwendigkeit einer guten psychotherapeutischen Versorgung sowie der Finanzierung der neuen Weiterbildung ein. Lobend hob Optendrenk die gute und konstruktive Zusammenarbeit mit der Psychotherapeutenkammer Hessen hervor und bedankte sich für das politische Engagement der Kammer rund um das Thema psychischer Erkrankungen und psychotherapeutische Versorgung.
Vorträge und Workshops: Zukunft der Psychotherapie – Neue Perspektiven durch wissenschaftliche Integration
Prof. Dr. Winfried Rief (Foto), Universität Marburg, machte den Anfang in der Vortragsreihe – mit einem Impuls zur Weiterentwicklung der Psychotherapie. Er betonte, dass Psychotherapie zwar wissenschaftlich anerkannt und wirksam sei, zugleich aber immer wieder an strukturelle und konzeptionelle Grenzen stoße. Als Antwort darauf skizzierte Rief die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels: weg von starren Therapieschulen hin zu einem prozess- und kompetenzbasierten Ansatz. Zentrale Konzepte wie translationale und transtheoretische Psychotherapie, lernende Versorgungssysteme und ein gemeinsames Kompetenzprofil seien dazu geeignet, eine flexiblere und evidenzgeleitete Versorgung zu ermöglichen. Besonders betonte er das Potenzial gezielter Erwartungsinterventionen für wirksamere Behandlungen.
Brüche in der therapeutischen Beziehung – Chance statt Störung
Prof. Dr. Bernhard Strauß (Foto), Universitätsklinikum Jena, referierte zur Bedeutung der therapeutischen Beziehung als zentralen Wirkfaktor in der Psychotherapie. Er zeigte auf, dass sogenannte ‚Allianzbrüche‘, also Störungen in der Zusammenarbeit zwischen Patient*in und Psychotherapeut*in, nicht als Scheitern bewertet werden sollten, sondern als potenziell produktive Momente in deren Beziehung. Dabei stellte er Strategien vor, wie solche Brüche erkannt und professionell bearbeitet werden können – etwa durch Validierung, Prozessreflexion und das Aufdecken interpersoneller Muster. Studien belegen: Erfolgreich bearbeitete Brüche sind mit besseren Therapieergebnissen verbunden.
Epistemisches Vertrauen – Ein zentraler Veränderungsmechanismus
Prof. Dr. Svenja Taubner (Foto), Universitätsklinikum Heidelberg, schloss sich an und stellte das Konzept des Epistemischen Vertrauens in den Mittelpunkt ihres Vortrags: die Fähigkeit, sozial vermittelte Informationen als vertrauenswürdig, relevant und verallgemeinerbar anzunehmen. Epistemisches Vertrauen gilt als entscheidender Mechanismus in der Lernpsychologie. Aus entwicklungspsychologischer Perspektive zeigte sie, wie sichere Bindungserfahrungen die Grundlage dafür bilden und wie Störungen, etwa durch Vernachlässigung oder Missbrauch, zu chronischem Misstrauen führen können. Eine gezielte mentalisierungsbasierte Therapie ermögliche eine Wiederherstellung dieses Vertrauens – mit großer Bedeutung für die Bereiche Persönlichkeitsstörungen und soziale Teilhabe.
Verhaltenssüchte 4.0 – Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im digitalen Zeitalter
Den Abschluss am Vormittag machte Dr. Kerstin Paschke (Foto), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, mit einem hochaktuellen Beitrag zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im digitalen Zeitalter. Sie zeigte, wie intensiv die Nutzung von sozialen Medien, Computerspielen und Online-Videos bereits den Alltag junger Menschen prägt und welche Risiken sich daraus für deren psychische Entwicklung ergeben. Der Vortrag beleuchtete insbesondere pathologische Nutzungsmuster und betonte die Notwendigkeit früher Prävention und wirksamer therapeutischer Angebote bei Verhaltenssüchten im digitalen Kontext. Im Fokus standen mögliche Folgen wie emotionale Belastungen, Rückzug, Konzentrationsprobleme oder Konflikte im sozialen Umfeld. Dr. Paschke betonte die Bedeutung frühzeitiger Sensibilisierung und stellte Ansätze vor, wie eine gesunde Entwicklung im digitalen Kontext gefördert werden kann.
Workshops am Nachmittag – Vertiefung, Vielfalt und kollegialer Austausch
Nach der gemeinsamen Mittagspause ging das Programm am Nachmittag in neun parallele Workshops über. In Gruppen von 25 bis 50 Personen konnten die Teilnehmer*innen zentrale Themen des Vormittags vertiefen. Darüber hinaus wurden aktuelle Herausforderungen in den Blick genommen: So standen auch die psychotherapeutische Arbeit mit chronischen Schmerzen, Post-Covid und ME/CFS, Fragen therapeutischer Neutralität in einem gesellschaftlich polarisierten Umfeld sowie die Behandlung von trans-, genderqueeren und gendernonkonformen Personen auf dem Programm.
Kaffeepausen boten Raum für Austausch und kollegiale Gespräche in angenehmer Atmosphäre. Die Mitglieder des Vorstandes und Vertreter*innen der Ausschüsse der PTK Hessen begleiteten die Vorträge und Workshops, standen für Fragen zur Verfügung und beteiligten sich aktiv am fachlichen Diskurs. Der Nachmittag war geprägt von praxisnaher Arbeit, thematischer Vielfalt und einer offenen, engagierten Stimmung. „Wir als Vorstand, die Planungsgruppe und das Organisationsteam der Geschäftsstelle sind begeistert von den tollen inhaltlichen Beiträgen und dem großen Interesse. Wir bedanken uns herzlich bei allen Beteiligten für einen überaus gelungenen 13. Hessischen Psychotherapeutentag. Wir freuen uns, Sie 2027 wieder begrüßen zu dürfen“, betonte Prof. Dr. Rudolf Stark, Mitglied des Vorstands der PTK Hessen und Leiter der Planungsgruppe.
Eventteam PTKH: (v. l.) Lisa Raudasch, Olaf Diederichs (Geschäftsführer), Laura Speinger, Ben Diederichs und Hanna Ghebreab.
Mehr Fotos finden Sie unter „Aktuelles“ auf der PTK-Webseite.