Psychotherapie und wissenschaftliche Psychologie: Zwei Bereiche – ein Paradigma
Glatzel, P. M. (2023). Die Grundlagen der allgemeinen und der speziellen Systemtherapie. Systemische Psychologie und ihre Anwendung auf die Psychotherapie-Integration. Regensburg: Roderer. 673 S., 68 €
verfasst von:
Wolf B. Emminghaus,
Saarbrücken
Wie in dem durch verschiedene Paradigmen und Ansätze fragmentierten Feld der Psychotherapie noch so etwas wie eine Verständigung über Verfahrensgrenzen hinweg möglich sein kann, ist eine zentrale Fragestellung unseres Berufsstands. Die Suche nach einem geteilten Fundament und einer gemeinsamen Sprache bildet auch das Anliegen des hier zu besprechenden Buches. Vor dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrung als Psychotherapeut und insbesondere Lehrtherapeut in der Systemischen Therapie möchte dessen Verfasser, Peter M. Glatzel, dieses Verbindende einerseits im gemeinsamen Verständnis der Psychotherapie als angewandter Wissenschaft finden, andererseits im Bemühen, dem Patienten bzw. der Patientin gerecht zu werden. Aus diesem in der Praxis der Psychotherapie entstandenen Anliegen entwickelt der Autor eine besondere metatheoretische Betrachtungsweise, die Gegenstand des vorliegenden Buches ist. Erkenntnistheoretische Ideen der systemischen Therapie bilden dabei für ihn nur den Ausgangspunkt.
Man kann Glatzels Publikation als Ergänzung zu Grawes „Psychotherapie im Wandel“ lesen (Grawe et al., 1994), dem Grawe den Untertitel „Von der Konfession zur Profession“ gab. Glatzels Anliegen ist jedoch ein anderes: Er will die Psychotherapie fest auf dem Boden der Wissenschaft verankern und entsprechend als angewandte psychologische Wissenschaft verstanden wissen. Psychologie als Wissenschaft wird dabei als einfachparadigmatisch interpretiert. Das von ihm gewählte Paradigma ist ein systemischer Zugang. Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem Ansatz der systemischen Familientherapie. Vielmehr zielt der systemische Rahmen auf eine Metatheorie der Psychologie ab, die die Kluft von Wissenschaft und Praxis zu überbrücken versucht. Die Verwendung des ja bereits in der Psychotherapie geläufigen Begriffs „systemisch“ in unterschiedlichen Kontexten folgt zwar dem Streben des Autors nach einer gemeinsamen Sprache, erschwert zuweilen aber die Lesbarkeit des umfangreichen Textes.
Verfahrensübergreifend soll das neu eingerichtete universitäre Psychotherapiestudium sein, verfahrensübergreifend ist auch der Ansatz dieses Buches. Es greift den dezidiert wissenschaftlichen Anspruch auf, der den verschiedenen Verfahren gemeinsam ist, indem es den Versuch unternimmt, einen gemeinsamen wissenschaftlichen Bezugsrahmen zu entwickeln. Für den Leser oder die Leserin ist es hilfreich, eigentlich sogar erforderlich, dass er oder sie schon Kenntnisse in einem der Verfahren hat oder diese sich parallel zur Lektüre des Buches erarbeitet. Man kann durchaus das Vorhandensein verschiedener Verfahren begrüßen und zugleich einen Bezugsrahmen entwickeln, der eine Verständigung zwischen ihnen ermöglicht oder zumindest erleichtert. Genau das beabsichtigt Glatzel in seinem Buch.
Das Buch besteht aus zwei Teilen. Unter der Überschrift „Systemische Psychologie“ stellt der erste Teil den Entwurf einer umfassenden psychologischen Theorie vor. Sie stützt sich dabei insbesondere auf Theorien von Freud, Powers, Piaget und Maturana, die in vier eigenen Kapiteln ausführlich dargestellt werden. Diese bilden die Grundlage für die Formulierung einer neuen psychologischen Theorie, in der Sprache des Autors: einer psychologischen Systemtheorie. Das zentrale Konzept dieser Theorie nennt Glatzel – den Anfangsbuchstaben der Vertreter der vier Basistheorien entsprechend – „FPMP-Modell“. Dieses Modell hat den Anspruch, interdisziplinär anschlussfähig zu sein, und beschreibt das kognitive System als aus 18 Modulen bestehend. Im weiteren Verlauf des Buches wird in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder darauf Bezug genommen. Es soll dabei nicht nur die Grundlage einer schulenübergreifenden Sprache bilden, sondern sogar den Brückenschlag zur Neurowissenschaft ermöglichen – jedenfalls soll sich dieses Modell zugleich, das ist Anspruch des Autors, eins zu eins auf die funktionelle Anatomie des Gehirns übertragen lassen.
Der Titel des zweiten Teils des Buches lautet „Psychologische Systemtherapie“ und lehnt sich begrifflich an den Titel „Systemische Psychologie“ des ersten Teils an. Der zweite Teil behandelt Fragen zur Psychotherapie, zu deren Zielsetzung und zur Diagnostik psychischer Störungen. Der Autor stellt Ergebnisse der Therapieforschung dar, die zeigen, dass prinzipiell alle Therapiemethoden das Potenzial haben, zum Erfolg zu führen (das sog. Dodo-Verdikt). Grawe (1995) und viele andere in der Psychotherapieforschung machen dafür unspezifische oder gemeinsame Faktoren der diversen therapeutischen Ansätze verantwortlich. Auf der Grundlage der im ersten Teil des Buches ausgearbeiteten systemischen Psychologie entwickelt Glatzel das Rahmenkonzept einer allgemeinen Systemtherapie. Er argumentiert, dass vor deren Hintergrund jede Richtlinientherapie und jede andere Variante der Psychotherapie – sofern sie den Systemgedanken berücksichtigt – als eine Art spezieller Systemtherapie angesehen werden kann.
Es ist das Anliegen des Wohls der Patientinnen und Patienten, das hier in den Mittelpunkt gerückt wird. Dabei seien es die kontextuellen Faktoren, der individuelle Zuschnitt der Therapie auf den jeweiligen Patienten bzw. die jeweilige Patientin, die ausschlaggebend sind, nicht das bedingungslose Festhalten an einer einmal erworbenen Schulmeinung. Nicht nur die therapeutische Beziehung, auch die von Glatzel sogenannten „therapeutischen Narrative“ (z. B. Therapietheorien und mit ihnen zusammenhängende sprachliche Interventionen) und „therapeutischen Inszenierungen“ (eher handlungsorientierte, nonverbale Teile der Interventionen) seien dann als gemeinsame Ingredienzen jeder Psychotherapie aufzufassen. Es ist – so Glatzel – deren konkrete und spezifische Umsetzung, in der sich die verschiedenen Therapieverfahren unterscheiden.
Insgesamt gesehen liefert das Buch eine anregende, nicht immer leicht zu verarbeitende Lektüre. Mitunter ist es auch etwas polemisch geschrieben. Es verrät dabei immer wieder seine Herkunft aus der Praxis, versucht dort entstehende Differenzen mit dem Rückgriff auf die Wissenschaft „aufzuheben“, d. h. in ein neues übergreifendes wissenschaftliches Modell zu überführen und zugleich die gegenwärtige Vielfalt der Therapieansätze und -schulen bestehen zu lassen.
Wenn aktuell dem ‚reinen’ Psychologiestudium an der Universität ein Psychotherapiestudium ergänzend hinzugestellt wird, so ist allerdings abzuwarten, ob dieser neue Studiengang nicht ein eigenes Selbstverständnis entwickelt. Es ist zweifellos gut und ein Verdienst dieses Buches, sich der wissenschaftlichen Psychologie als Grundlage der Psychotherapie zu vergewissern. Das kann aber nicht alles sein. Glatzel öffnet seine Rahmentheorie entsprechend für Neurowissenschaft und Soziologie.
In der Medizin unterscheidet man medizinische Wissenschaft und ärztliche Kunst. Ein Psychotherapiestudium kann entsprechend zum Erlernen der „therapeutischen Kunst“ durchaus ein eigenes Profil entwickeln, ohne seinen wissenschaftlichen Bezug aufzugeben. Ob und wie sich ein solches eigenes Selbstverständnis herausbildet, wird die Zukunft erweisen. Das vorliegende Buch kann dabei auf jeden Fall als Beitrag zu dieser Entwicklung gelesen werden.
Der Leser bzw. die Leserin wird dazu mit einem sehr systematischen Zugang in die wissenschaftlichen Grundlagen der Psychologie eingeführt. Wer sich auf das von Glatzel ausgearbeitete Modell einlässt, dem kann sich Psychotherapie vom Grunde auf in ihrer wissenschaftlichen Einbettung erschließen. Insbesondere Personen in der psychotherapeutischen Ausbildung und Studierende können so Therapiekonzepte in ihrer einheitlichen Fundierung in der Psychologie kennenlernen. Glatzels Zugang ermöglicht auch, einzelne Autoren der Psychologie und Psychotherapie in einem neuen Lichte zu sehen. All dies könnte einen für alle Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten relevanten Beitrag dazu darstellen, die oft beklagte Kluft zwischen Wissenschaft und therapeutischer Praxis zu überwinden. Beispiele aus der Praxis und Anleitungen für das konkrete therapeutische Handeln werden die Leserinnen und Leser allerdings vergeblich suchen.
Die Therapietheorien, die sich Auszubildende aneignen, werden in diesem Buch weiterhin als nützliche Hilfsmittel dargestellt, die nun anhand des vorgelegten Modells wissenschaftlich im konkreten Handeln befragt und weiterentwickelt werden können. Anders als bei Grawe (1995) und Goldfried (2019) werden sie nicht als vorwissenschaftliche Konzepte abgetan. Insofern ist das Buch auch geeignet für Lehrende in der Psychotherapieausbildung. Erfahrenen und theoretisch interessierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten liefert Glatzel hier den Rahmen für ein verändertes Verständnis ihrer Arbeit und für die Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen bzw. Patientinnen und Patienten. Durch häufige Querverweise auf frühere oder spätere Kapitel ist es möglich, die Lektüre des Buches auch in der Mitte zu beginnen und dann je nach eigenem Interesse fortzusetzen. Das Werk ist zu empfehlen für praktisch tätige Psychotherapeuten, sofern sie theoretische Interessen haben, ebenso für verwandte Berufe. Es könnte als Basistext in der fortgeschrittenen Psychotherapieausbildung Verwendung finden, und auch Forschung und Lehre könnten von den angebotenen Ideen profitieren.