Originalia

Was wünschen sich in der klinischen Versorgung tätige Psychotherapeut*innen von der Psychotherapieforschung?

Ergebnisse einer Online-Umfrage der PTK Hessen

What do practicing psychotherapists expect from psychotherapy research?

Results from an online survey conducted by the Psychotherapists' Regional Chamber of Hessen (PTK Hessen)

verfasst von: Carola Cropp, Eyyuba Cevirici-Kurt, Anke Haberkamp, Ruth Hertrampf, Florian Kaiser, Mona Lange-von Szczutowski, Daniela Stoye, Heike Winter & Julian Rubel

Veröffentlicht / published 17.09.2025

Abstract

Zusammenfassung: Im Rahmen seiner Ausschussarbeit hat der Ausschuss für Wissenschaft und Forschung (WuF) der PTK Hessen eine Online-Umfrage unter den Kammermitgliedern durchgeführt, in der erfragt wurde, in welchem Umfang und in welcher Form von primär in der klinischen Versorgung tätigen Psychotherapeut*innen Forschungsbefunde rezipiert und Studienergebnisse in der klinischen Praxis genutzt werden, ob und wie die Verbindung zwischen Forschung und klinischer Praxis potenziell verbessert werden könnte und in welcher Form die PTK Hessen ihre Mitglieder dabei unterstützen kann. Die Umfrage ergab, dass unter den Kammermitgliedern grundsätzlich Interesse an aktuellen Forschungsbefunden besteht, dass die Verbindung von Forschung und klinischer Praxis jedoch bisher nur bedingt gelingt. Als Hürden wurden insbesondere zeitliche und finanzielle Ressourcen sowie die Zugänglichkeit von Forschungsbefunden genannt. Eine verbesserte Zugänglichkeit von aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen und Belohnungen für die in die Rezeption von Forschungsbefunden investierte Zeit (in Form von Fortbildungspunkten oder einer monetären Vergütung) scheinen am ehesten geeignet zu sein, eine stärkere Beschäftigung mit Forschung unter den vorwiegend in der klinischen Versorgung tätigen Psychotherapeut*innen zu fördern.

Summary: As part of its committee work, the Committee for Science and Research of the Psychotherapists' Regional Chamber of Hessen (PTK Hessen) conducted an online survey among its members. The survey examined how psychotherapists in clinical care engage with research findings, apply them in clinical practice, and how the link between research and practice could be improved. Results showed general interest in current research, but limited integration of study results into clinical practice. Key barriers include time and financial constraints, as well as limited access to scientific literature. Improving access to current research and offering incentives for the time invested appear to be the most promising strategies to strengthen the research-practice link.


Zum Hintergrund der Umfrage

Die Kluft zwischen klinischer Versorgungspraxis einerseits und Wissenschaft und Forschung andererseits ist im psychotherapeutischen Bereich weiterhin groß – sowohl international als auch innerhalb Deutschlands (vgl. Caspar, 2013; Fernández-Álvarez et al., 2020; Schwarzbach et al., 2025; Tasca et al., 2015; Weber et al., 2013). Dies hat unter anderem zur Folge, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nur bedingt Eingang in die klinische Versorgungspraxis finden, umgekehrt aber auch einige für Kliniker*innen relevante Themen eher marginal in der Forschung behandelt werden (vgl. Caspar, 2013; Schwarzbach et al., 2025; Tasca et al., 2015).

Der Ausschuss für Wissenschaft und Forschung (WuF) der PTK Hessen hat sich zum Ziel gesetzt, einen stärkeren Diskurs zwischen diesen beiden Bereichen zu initiieren, zu organisieren und zu fördern. Um dieser Zielsetzung adäquat nachkommen und die Perspektive der in der klinischen Versorgung tätigen Psychotherapeut*innen dabei hinreichend berücksichtigen zu können, wurden die Mitglieder der PTK Hessen Anfang 2023 über den monatlichen Kammer-Newsletter eingeladen, an einer Online-Umfrage zum Thema „Was wünschen Sie sich von der Psychotherapieforschung?“ teilzunehmen. Ziel der Umfrage war, genauere Informationen darüber zu generieren, welches Interesse die Kammermitglieder an der Verbindung zwischen wissenschaftlicher Forschung und klinischer Praxis haben, wie aktiv und in welcher Form sie bisher Forschungsbefunde rezipieren und in ihrer klinischen Praxis nutzen und welche Unterstützung sie sich von der PTK Hessen diesbezüglich wünschen.

Die Ergebnisse dieser Umfrage werden im Rahmen des vorliegenden Beitrags detailliert dargestellt und im Hinblick auf ihre praktischen Implikationen diskutiert.


Ergebnisse

Stichprobe

An der Umfrage nahmen insgesamt 178 Kammermitglieder teil, die zu 81,5 % weiblich und im Durchschnitt 48 Jahre alt waren (Range 29–93 Jahre).[1] Die Mehrzahl (83 %) hatte ein Studium der Psychologie absolviert und einen Master-/Diplomabschluss erlangt (85 %). 93,3 % hatten bereits eine Approbation erworben, 6,7 % befanden sich noch in Ausbildung. Von den Umfrageteilnehmer*innen hatten 69,7 % eine Approbation für Erwachsenenpsychotherapie, 22,5 % für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und 7,9 % für beide Altersgruppen bzw. strebten diese an (vgl. Abbildung 1). 121 Teilnehmer*innen hatten eine Fachkunde in Verhaltenstherapie, 58 Teilnehmer*innen eine Fachkunde in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, 13 Teilnehmer*innen eine Fachkunde in analytischer Psychotherapie und zwei Teilnehmer*innen eine Fachkunde in systemischer Psychotherapie erworben bzw. strebten diese an (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 1: (Angestrebte) Approbation der Umfrageteilnehmer*innen (N = 178), Anzahl (%)

Abbildung 1: (Angestrebte) Approbation der Umfrageteilnehmer*innen (N = 178), Anzahl (%)

Abbildung 2: (Angestrebte) Fachkunde(n) der Umfrageteilnehmer*innen (N = 178), Mehrfachauswahl möglich

Abbildung 2: (Angestrebte) Fachkunde(n) der Umfrageteilnehmer*innen (N = 178), Mehrfachauswahl möglich

Knapp zwei Drittel der Teilnehmer*innen (74,2 %) waren in eigener Praxis tätig, der Rest arbeitete in verschiedenen Kontexten als Angestellte. Dementsprechend entfiel auch der größte Teil der Arbeitszeit der Umfrageteilnehmer*innen (durchschnittlich 74 %) auf die Arbeit mit Patient*innen und nur ein sehr geringer Anteil (durchschnittlich 3 % der Arbeitszeit) auf Forschungstätigkeit.

Rezeption von Forschungsergebnissen

Die Umfrageteilnehmer*innen gaben an, dass sie durchschnittlich 5,7 Stunden pro Monat in die Beschäftigung mit Forschungsbefunden investierten (Range: 0–50 Stunden). Am häufigsten wurden Fortbildungen, Supervision/Intervision/Qualitätszirkel und Vorträge als Informationsquelle genutzt, gefolgt von Leitlinien und Fachzeitschriften (vgl. Tabelle 1). Bei den genutzten Fachzeitschriften fiel auf, dass vorwiegend solche genannt wurden, die approbierte Psychotherapeut*innen regelmäßig frei Haus geliefert bekommen (Psychotherapeutenjournal und Ärzteblatt PP; vgl. Tabelle 2).

n

%

Fortbildungen

156

90,7

Supervision/Intervision/Qualitätszirkel

151

87,8

Vorträge

111

64,5

Leitlinien

103

59,9

Fachzeitschriften

96

55,8

Foren, Mailinglisten und Newsletter

74

43,0

Social Media

22

12,8

Tabelle 1: Antworten auf die Frage „Welche Quellen ziehen Sie zur Information über aktuelle Forschungsbefunde heran?“ (N = 172), Mehrfachauswahl möglich

n

%

Fortbildungen

156

90,7

Supervision/Intervision/Qualitätszirkel

151

87,8

Vorträge

111

64,5

Leitlinien

103

59,9

Fachzeitschriften

96

55,8

Foren, Mailinglisten und Newsletter

74

43,0

Social Media

22

12,8

Tabelle 1: Antworten auf die Frage „Welche Quellen ziehen Sie zur Information über aktuelle Forschungsbefunde heran?“ (N = 172), Mehrfachauswahl möglich

n

%

Psychotherapeutenjournal

37

38,5

Ärzteblatt (PP)

23

24,0

Psyche

8

8,3

Psychotherapie aktuell

8

8,3

Verhaltenstherapie

5

5,2

Psychotherapie im Dialog

5

5,2

Tabelle 2: Antworten der Studienteilnehmer*innen, die Fachzeitschriften lesen, auf die Frage „Welche Fachzeitschriften nutzen Sie?“ (N = 96), Mehrfachauswahl möglich

n

%

Psychotherapeutenjournal

37

38,5

Ärzteblatt (PP)

23

24,0

Psyche

8

8,3

Psychotherapie aktuell

8

8,3

Verhaltenstherapie

5

5,2

Psychotherapie im Dialog

5

5,2

Tabelle 2: Antworten der Studienteilnehmer*innen, die Fachzeitschriften lesen, auf die Frage „Welche Fachzeitschriften nutzen Sie?“ (N = 96), Mehrfachauswahl möglich

Persönliche Einstellung zu und Nutzung von Forschungsbefunden

Die Mehrzahl der Umfrageteilnehmer*innen halten wissenschaftliche Studien für eine „eher verlässliche“ oder „sehr verlässliche“ Quelle (insgesamt 87,2 %) und fühlen sich auch „eher sicher“ oder „sehr sicher“ in der Interpretation von Studienergebnissen (insgesamt 73,9 %). Eine Mehrheit schätzt Forschungsbefunde zudem als „eher nützlich“ oder „sehr nützlich“ für die eigene praktische Tätigkeit ein (insgesamt 62,4 %) und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die praktische Arbeit als „leicht“ oder „sehr leicht“ (insgesamt 53,3 %).

Im Hinblick auf die tatsächliche Beeinflussung der praktischen Arbeit durch aktuelle Forschungsbefunde ist das Verhältnis hingegen umgekehrt: Hier schätzt eine Mehrheit den Einfluss als „weniger stark“ oder „gar nicht“ ein (insgesamt 57 %). Es zeigt sich zudem, dass die zuvor genannten Aspekte miteinander zusammenhängen: Je nützlicher Forschungsbefunde von ihnen wahrgenommen werden, desto leichter fällt den befragten Psychotherapeut*innen der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in ihre praktische Arbeit (r = .35) und desto größer ist auch der wahrgenommene Einfluss von Forschungsbefunden auf die eigene praktische Arbeit (r = .47). Eher keine Rolle scheint zu spielen, wie viel Zeit real in die Rezeption von Forschungsbefunden investiert wird. Auffällig ist auch, dass weder die Sicherheit hinsichtlich der Interpretation von Forschungsbefunden noch die wahrgenommene Verlässlichkeit und Nützlichkeit von Forschungsergebnissen einen Einfluss auf die in die Rezeption von Forschungsbefunden investierte Zeit hatten. Ein signifikanter positiver Zusammenhang ergab sich lediglich zwischen der in die Rezeption von Forschungsbefunden investierten Zeit und der Anzahl der Jahre, die die Befragten in Forschungskontexten tätig waren (r = .57). D. h., eine berufliche Tätigkeit im wissenschaftlichen Bereich erhöht am ehesten die Wahrscheinlichkeit einer (weiteren) Beschäftigung mit Forschungsbefunden.

Wünsche an die Wissenschaft

In einem weiteren Fragenblock wurde nach inhaltlichen und praktischen Aspekten gefragt, die eine Rezeption von Forschungsbefunden für die Umfrageteilnehmer*innen attraktiver machen würden. Aus inhaltlicher Sicht wünschen sich die Befragten insbesondere eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Veränderungsmechanismen und -prozessen (53,7 %), spezifischen Interventionstechniken (53 %), der therapeutischen Beziehung (49,4 %) und schwierigen Situationen in der Therapie (48,8 %). Eine Übersicht über alle von den Umfrageteilnehmer*innen genannten Themenwünsche ist in Tabelle 3 aufgelistet.

n

%

Veränderungsmechanismen/-prozesse

88

53,7

Spezifische Interventionstechniken

87

53,0

Therapeutische Beziehung

81

49,4

Schwierige Situationen in der Therapie

80

48,8

Integrative Ansätze

78

47,6

Therapeut*inneneffekte

71

43,3

Prädiktoren des Behandlungs(miss)erfolgs

67

40,9

Unbewusste/implizite Prozesse

65

39,6

Matching von Patient*innenmerkmalen zu Behandlungsformen bzw. Therapeut*innenmerkmalen

61

37,2

Konzeptuelle Weiterentwicklung von Störungs- und Behandlungstheorien

60

36,6

Dynamik von Mehrpersonensettings

60

36,6

Subjektives Erleben von Therapeut*innen und Patient*innen (z. B. im Rahmen qualitativer Forschung)

51

31,1

Transdiagnostische Ansätze

48

29,3

Prozessforschung

47

28,7

Versorgungsforschung

46

28,0

Intervision

44

26,8

Supervision und Ausbildung

36

22,0

Behandlungsmanuale

36

22,0

Integration digitaler Tools in die Praxis

33

20,1

Dynamik von Mehrpersonensettings

32

19,5

Therapievergleichsstudien

30

18,3

Störungsklassifikationen

26

15,9

Fortschrittsmonitoring

22

13,4

Fragebogenentwicklung

21

12,8

Tabelle 3: Antworten auf die Frage „Welche Themen/Fragestellungen sollten in der Forschung stärker adressiert werden, damit Sie diese als nützlicher für Ihre Tätigkeit erleben?“ (N = 164), Mehrfachauswahl möglich

n

%

Veränderungsmechanismen/-prozesse

88

53,7

Spezifische Interventionstechniken

87

53,0

Therapeutische Beziehung

81

49,4

Schwierige Situationen in der Therapie

80

48,8

Integrative Ansätze

78

47,6

Therapeut*inneneffekte

71

43,3

Prädiktoren des Behandlungs(miss)erfolgs

67

40,9

Unbewusste/implizite Prozesse

65

39,6

Matching von Patient*innenmerkmalen zu Behandlungsformen bzw. Therapeut*innenmerkmalen

61

37,2

Konzeptuelle Weiterentwicklung von Störungs- und Behandlungstheorien

60

36,6

Dynamik von Mehrpersonensettings

60

36,6

Subjektives Erleben von Therapeut*innen und Patient*innen (z. B. im Rahmen qualitativer Forschung)

51

31,1

Transdiagnostische Ansätze

48

29,3

Prozessforschung

47

28,7

Versorgungsforschung

46

28,0

Intervision

44

26,8

Supervision und Ausbildung

36

22,0

Behandlungsmanuale

36

22,0

Integration digitaler Tools in die Praxis

33

20,1

Dynamik von Mehrpersonensettings

32

19,5

Therapievergleichsstudien

30

18,3

Störungsklassifikationen

26

15,9

Fortschrittsmonitoring

22

13,4

Fragebogenentwicklung

21

12,8

Tabelle 3: Antworten auf die Frage „Welche Themen/Fragestellungen sollten in der Forschung stärker adressiert werden, damit Sie diese als nützlicher für Ihre Tätigkeit erleben?“ (N = 164), Mehrfachauswahl möglich

Auf praktischer Ebene werden insbesondere ein kostenfreier Zugang zu Fachartikeln (77,3 %), ein stärkerer Einbezug von Praktiker*innen bei der Entwicklung von Forschungsprojekten (62,6 %), eine Zusammenfassung von Fachartikeln auf Projektwebseiten (52,8 %) sowie eine kritischere Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen (52,1 %) genannt. Tabelle 4 gibt eine Gesamtübersicht aller Antworten.

n

%

Kostenfreier Zugang zu Fachartikeln

126

77,3

Stärkerer Einbezug von Praktiker*innen bei der Entwicklung von Forschungsprojekten

102

62,6

Zusammenfassungen von Fachartikeln auf Projektwebseiten

86

52,8

Kritischere Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen

85

52,1

Veröffentlichung von „nicht signifikanten Ergebnissen“

69

42,3

Publikation deutschsprachiger Artikel

56

34,4

Kritische Reflexion der Anreize des Publikationswesens

46

28,2

Veröffentlichung ausreichender Replikationsstudien

39

23,9

Weniger technische Sprache

37

22,7

Open Data – Veröffentlichung der den Studien zugrundeliegenden Datensätze

30

18,4

Tabelle 4: Antworten auf die Frage „Was würden Sie sich von der Wissenschaft weiterhin wünschen?“ (N = 163), Mehrfachauswahl möglich

n

%

Kostenfreier Zugang zu Fachartikeln

126

77,3

Stärkerer Einbezug von Praktiker*innen bei der Entwicklung von Forschungsprojekten

102

62,6

Zusammenfassungen von Fachartikeln auf Projektwebseiten

86

52,8

Kritischere Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen

85

52,1

Veröffentlichung von „nicht signifikanten Ergebnissen“

69

42,3

Publikation deutschsprachiger Artikel

56

34,4

Kritische Reflexion der Anreize des Publikationswesens

46

28,2

Veröffentlichung ausreichender Replikationsstudien

39

23,9

Weniger technische Sprache

37

22,7

Open Data – Veröffentlichung der den Studien zugrundeliegenden Datensätze

30

18,4

Tabelle 4: Antworten auf die Frage „Was würden Sie sich von der Wissenschaft weiterhin wünschen?“ (N = 163), Mehrfachauswahl möglich

Als konkrete Anreize für eine intensivere Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen nannten die Befragten eine leichtere Zugänglichkeit (69,8 %), eine stärkere Ausrichtung der Themen an den eigenen Interessen (66 %), mehr Fortbildungspunkte (51 %), eine (bessere) Vergütung (37 %) und eine größere Nachvollziehbarkeit der Qualität von Studien (35,8 %) (vgl. Tabelle 5). Es zeigte sich allerdings, dass die Befragten im Durchschnitt nur geringfügig mehr Zeit in die Rezeption von Forschungsbefunden investieren würden, wenn diese als nützlicher für die eigene Praxis erlebt würden (6,3 Std./Monat statt 5,7 Std./Monat). Mehr Fortbildungspunkte, eine (bessere) Vergütung und eine leichtere Zugänglichkeit scheinen hingegen geeignete Maßnahmen zu sein, die vermehrte Rezeption von Forschungsbefunden zu fördern (vgl. Tabelle 6).

n

%

Leichtere Zugänglichkeit

113

69,8

Themen sind stärker auf die eigenen Interessen abgestimmt

107

66,0

Mehr Fortbildungspunkte

83

51,2

(Bessere) Vergütung

60

37,0

Wenn die Qualität von Studien nachvollziehbarer wäre

58

35,8

Tabelle 5: Antworten auf die Frage „Unter welchen Umständen könnten Sie sich vorstellen, sich mehr mit Forschungsbefunden zu beschäftigen?“ (N = 162), Mehrfachauswahl möglich

n

%

Leichtere Zugänglichkeit

113

69,8

Themen sind stärker auf die eigenen Interessen abgestimmt

107

66,0

Mehr Fortbildungspunkte

83

51,2

(Bessere) Vergütung

60

37,0

Wenn die Qualität von Studien nachvollziehbarer wäre

58

35,8

Tabelle 5: Antworten auf die Frage „Unter welchen Umständen könnten Sie sich vorstellen, sich mehr mit Forschungsbefunden zu beschäftigen?“ (N = 162), Mehrfachauswahl möglich

Zusätzlich investierte Zeit (Stunden) in die Rezeption von Forschungsbefunden, wenn diese nützlicher für die eigene Praxis wahrgenommen würdena

Aspekt ist relevant für stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefundenb

Aspekt ist nicht relevant für stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefundenc

Leichtere Zugänglichkeit

3,9

3,1

Themen sind stärker auf die eigenen Interessen abgestimmt

3,5

4,1

Mehr Fortbildungspunkte

4,4

2,8

(Bessere) Vergütung

4,1

3,5

Wenn die Qualität von Studien nachvollziehbarer wäre

3,7

3,7

Tabelle 6: Welche Aspekte würden sich potenziell positiv auf die vermehrte Rezeption von Forschungsbefunden auswirken?
Erläuterungen: aDifferenz (in Stunden) zwischen der aktuell investierten Zeit in die Rezeption von Forschungsbefunden und der Zeit, die potenziell investiert werden würde, wenn diese als nützlicher für die eigene Praxis erlebt würden; bDifferenzwert für Personen, die das in der linken Spalte genannte Kriterium als relevant für eine stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefunden genannt haben; cDifferenzwert für Personen, die das in der linken Spalte genannte Kriterium nicht als relevant für eine stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefunden genannt haben

Zusätzlich investierte Zeit (Stunden) in die Rezeption von Forschungsbefunden, wenn diese nützlicher für die eigene Praxis wahrgenommen würdena

Aspekt ist relevant für stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefundenb

Aspekt ist nicht relevant für stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefundenc

Leichtere Zugänglichkeit

3,9

3,1

Themen sind stärker auf die eigenen Interessen abgestimmt

3,5

4,1

Mehr Fortbildungspunkte

4,4

2,8

(Bessere) Vergütung

4,1

3,5

Wenn die Qualität von Studien nachvollziehbarer wäre

3,7

3,7

Tabelle 6: Welche Aspekte würden sich potenziell positiv auf die vermehrte Rezeption von Forschungsbefunden auswirken?
Erläuterungen: aDifferenz (in Stunden) zwischen der aktuell investierten Zeit in die Rezeption von Forschungsbefunden und der Zeit, die potenziell investiert werden würde, wenn diese als nützlicher für die eigene Praxis erlebt würden; bDifferenzwert für Personen, die das in der linken Spalte genannte Kriterium als relevant für eine stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefunden genannt haben; cDifferenzwert für Personen, die das in der linken Spalte genannte Kriterium nicht als relevant für eine stärkere Beschäftigung mit Forschungsbefunden genannt haben

Wünsche an die Psychotherapeutenkammer Hessen

Eine Mehrzahl der Befragten (insgesamt 64,9 %) wünscht sich „eher“ oder „sehr“, dass es zusätzliche Angebote vonseiten der Kammer gibt, die sie bei der Sichtung und dem Transfer wissenschaftlicher Befunde unterstützen. Als konkrete Maßnahmen wurden am häufigsten kurze Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien (73 %), Vorträge von Wissenschaftler*innen (62 %) und ein verbesserter Zugang zu wissenschaftlichen Studien (48,5 %) genannt. Weitere von den Umfrageteilnehmer*innen genannten Wünsche können Tabelle 7 entnommen werden.

n

%

Kurze Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien

119

73,0

Vorträge von Wissenschaftler*innen

101

62,0

Zugang zu wissenschaftlichen Studien

79

48,5

Fortbildungspunkte auf ausgewählte PTJ-Artikel

72

44,2

Möglichkeiten zum Austausch mit Wissenschaftler*innen

59

36,2

Einbezug in Forschungsprojekte

47

28,8

Trainings zur Interpretation und Nutzung von Forschungsbefunden

36

22,1

Trainings zur Recherche von Forschungsbefunden

13

8,0

Tabelle 7: Antworten auf die Frage „Welche unterstützenden Angebote würden Sie sich von der Kammer wünschen?“ (N = 163), Mehrfachauswahl möglich

n

%

Kurze Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien

119

73,0

Vorträge von Wissenschaftler*innen

101

62,0

Zugang zu wissenschaftlichen Studien

79

48,5

Fortbildungspunkte auf ausgewählte PTJ-Artikel

72

44,2

Möglichkeiten zum Austausch mit Wissenschaftler*innen

59

36,2

Einbezug in Forschungsprojekte

47

28,8

Trainings zur Interpretation und Nutzung von Forschungsbefunden

36

22,1

Trainings zur Recherche von Forschungsbefunden

13

8,0

Tabelle 7: Antworten auf die Frage „Welche unterstützenden Angebote würden Sie sich von der Kammer wünschen?“ (N = 163), Mehrfachauswahl möglich


Diskussion und Fazit

Die Ergebnisse der Umfrage belegen, dass unter den Kammermitgliedern ein grundsätzliches Interesse an aktuellen Forschungsbefunden besteht und diese größtenteils als vertrauenswürdig und nützlich für die klinische Praxis erlebt werden. Es zeigt sich allerdings auch, dass die Verbindung von Wissenschaft und klinischer Praxis in der Realität bisher nur bedingt gelingt. Die Mehrzahl der Umfrageteilnehmer*innen gibt an, dass der tatsächliche Einfluss von Forschungsbefunden auf ihre eigene klinische Arbeit nicht oder kaum gegeben sei. Relevante Hürden scheinen insbesondere zeitliche und finanzielle Ressourcen sowie die Zugänglichkeit von Forschungsbefunden darzustellen, was sich mit den Befunden vorheriger Studien (vgl. Schwarzbach et al., 2025; Weber et al., 2013) deckt. Auch die inhaltlichen Wünsche an psychotherapeutische Forschung stimmen stark mit früheren Befragungsergebnissen (Tasca et al., 2015; Weber et al., 2013) überein: Präferiert wird insbesondere eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit praxisrelevanten Aspekten wie Veränderungsmechanismen und -prozessen, spezifischen Interventionstechniken, der therapeutischen Beziehung sowie schwierigen Situationen in der Psychotherapie.

Ein interessanter Befund unserer Studie ist außerdem, dass eine berufliche Tätigkeit im wissenschaftlichen Bereich am ehesten die Wahrscheinlichkeit einer (weiteren) Beschäftigung mit Forschungsbefunden erhöht. Dies bekräftigt die Empfehlung mehrerer Autor*innen, die Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Forschung möglichst früh – am besten schon während der psychotherapeutischen Ausbildung – zu fördern (Fernández-Álvarez et al., 2020; Schwarzbach et al., 2025; Tasca et al., 2015) und könnte auch ein wichtiger Auftrag im Rahmen der neuen Psychotherapieweiterbildung sein.

Im Hinblick auf eine stärkere Integration von Wissenschaft und klinischer Praxis wurden in der Umfrage zudem klare Wünsche an die PTK Hessen gerichtet, u. a. die Bereitstellung von kurzen Zusammenfassungen wissenschaftlicher Studienergebnisse, die Organisation von wissenschaftlichen Vorträgen sowie ein verbesserter Zugang zu wissenschaftlichen Studienergebnissen. Eine verbesserte Zugänglichkeit von Forschungsbefunden und Belohnungen für die in die Rezeption investierte Zeit (in Form von Fortbildungspunkten oder einer monetären Vergütung) scheinen insgesamt am besten geeignet zu sein, eine stärkere Beschäftigung mit Forschung unter den vorwiegend in der klinischen Versorgung tätigen Psychotherapeut*innen zu fördern.

Einschränkend ist in Bezug auf die Interpretation unserer Umfrageergebnisse darauf hinzuweisen, dass nur ein kleiner Teil der Mitglieder der PTK Hessen an der Befragung teilgenommen hat (178 von 6.620), die Ergebnisse also nicht als repräsentativ für die gesamte Mitgliedschaft angesehen werden können. Die Übereinstimmung unserer Befunde mit denen ähnlicher Befragungen unter Kliniker*innen lassen allerdings vermuten, dass die genannten Aspekte dennoch als Grundlage für Maßnahmen zur Beförderung einer stärkeren Integration von Wissenschaft und klinischer Praxis vonseiten der Psychotherapeutenkammern nützlich sein können.

„Die Landeskammern könnten praktische Maßnahmen ergreifen, um Kliniker*innen den Zugang zu Forschungsbefunden zu erleichtern“

Christoph Sülz (Mitglied des PTJ-Redaktionsbeirates) im Gespräch mit Carola Cropp und Florian Kaiser (Co-Autor*innen des Beitrags)

Christoph Sülz: Frau Cropp und Herr Kaiser, Sie beide sind an dem Beitrag beteiligt gewesen. Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, unsere ergänzenden Fragen zu beantworten. Wenn wir auf die zentrale Aussage der Untersuchung schauen, was wird als das größte Hindernis für die Praktiker*innen angesehen, wissenschaftliche Artikel zu rezipieren?

Carola Cropp (CC): In unserer Umfrage wurde von vielen Teilnehmer*innen insbesondere der Wunsch nach einer leichteren Zugänglichkeit wissenschaftlicher Artikel benannt. Die meisten ausschließlich klinisch tätigen Kolleg*innen scheinen ihr Wissen über aktuelle Forschungsbefunde primär aus den Zeitschriften zu beziehen, die sie als approbierte Psychotherapeut*innen regelmäßig frei Haus geliefert bekommen, also dem Psychotherapeutenjournal und dem Ärzteblatt PP. Und auch darüber hinaus wurden von den meisten – wenn überhaupt – nur deutschsprachige Fachzeitschriften als Informationsquelle genannt. Das heißt, viele Forschungsbefunde, die international publiziert werden, werden von ihnen vermutlich gar nicht wahrgenommen. Allerdings scheint hierbei nicht nur der fehlende Zugang zu bestimmten Fachzeitschriften eine Rolle zu spielen, sondern auch das Wissen darüber, wie man relevante Forschungsliteratur überhaupt eigenständig recherchieren und Studienergebnisse im Hinblick auf ihre Qualität und Nützlichkeit bewerten kann. Und schließlich begrenzt natürlich auch der Faktor Zeit für viele Praktiker*innen die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen.

Florian Kaiser (FK): Aus Sicht der eigenen Niederlassung erscheinen die Ergebnisse unserer Studie wenig überraschend. Zum einen stellt Recherche durchaus einen nicht zu unterschätzenden Zeitaufwand dar und Zeit ist im Alltag oft eine sehr kostbare Ressource. Gerade internationale Artikel o. ä. sind zudem oft auch mit nicht unerheblichen Kosten verbunden und in diversen Publikationen abgedruckt, sodass das für eine einzelne Niederlassung ohne Anbindung oder direkten Kontakt an Hochschulen bzw. Universitäten gar nicht zu leisten ist. Auch wenn die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit durchaus bedeutend ist, so steht in der alltäglichen Arbeit mit den Patient*innen auch ganz klar die praktische Verwertbarkeit bzw. Anwendbarkeit der Forschungsbefunde (außerhalb eines Forschungssettings) im Vordergrund – und hier die passenden Quellen zu finden, ist oft nicht ganz so einfach.

Sie problematisieren einen mit Hürden versehenen und oftmals nicht ausreichenden Zugang zu Publikationen und einen in der Kolleg*innenschaft erlebten begrenzten Anwendungsbezug. Was könnte Wissenschaft diesbezüglich verbessern?

CC: Grundsätzlich hat sich in Bezug auf die Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen in den letzten Jahren durch die Open-Science-Initiative bereits einiges getan. Immer mehr wissenschaftliche Artikel werden inzwischen in Open-Access-Journals veröffentlicht, deren Inhalte ohne jegliche Zugangsbeschränkung online verfügbar sind. Und auch anhand von Online-Tools wie dem Open Science Framework, über das Studien präregistriert, Forschungsdaten geteilt und Preprints von Artikeln veröffentlicht werden können, kann man sich über viele aktuell laufende und bereits abgeschlossene Forschungsprojekte informieren. Allerdings gebe ich Florian Kaiser recht, dass die praktische Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse in wissenschaftlichen Artikeln nicht immer adressiert wird und es bei der Literaturrecherche auch nicht ganz leicht ist, die für Praktiker*innen relevantesten Artikel auf die Schnelle herauszufiltern. Und trotz der verbesserten Zugänglichkeit ist es natürlich immer noch von Vorteil, wenn man über einen Universitätsaccount verfügt und darüber auch Zugriff auf viele der weiterhin kostenpflichtigen Zeitschriften hat.

FK: Ich denke, dass hier auch zentral wäre, einen besseren Austausch mit den forschenden Kolleg*innen zu haben und über Möglichkeiten der Informationsbeschaffung, u. a. durch die Kammern, besser aufzuklären. Während meines Studiums oder meiner Zeit an der University of Liverpool war es überhaupt kein Problem, auf entsprechende Ressourcen und kostenpflichtige Angebote zurückzugreifen, was mir heute im Alltag eindeutig fehlt. Allerdings war es hilfreich, durch die in der Forschung tätigen Kolleg*innen zu erfahren, dass ich einzelne Autor*innen ja auch einfach direkt anschreiben kann und dass das gar nicht so unüblich ist.

Innerhalb der PTK Hessen, aus deren Ausschuss diese Untersuchung hervorgegangen ist, sind die Ergebnisse sicherlich diskutiert worden. Gibt es hier bereits schon Überlegungen, wie man als Landeskammer die Mitglieder in ihren Anliegen unterstützen könnte?

CC: Ja, darüber haben wir intensiv diskutiert. Auf der einen Seite können die Landeskammern natürlich ganz praktische Maßnahmen ergreifen, um den Kliniker*innen den Zugang zu und den Umgang mit Forschungsbefunden zu erleichtern. In Hessen ist jetzt beispielsweise geplant, zur Vereinfachung des Zugangs für Mitglieder auf der Kammerhomepage eine Rubrik „Neues aus der Forschung“ einzurichten, in der sowohl kurze Zusammenfassungen aktueller Forschungsbefunde inklusive der Links zu dazugehörigen Publikationen als auch allgemeine Hinweise zur Literaturrecherche, zum Zugang zu Open-Access-Artikeln und Testverfahren etc. zur Verfügung gestellt werden.

FK: Zusätzlich ist es auch wichtig, dass die Kammern Angebote zur Vernetzung und zum Austausch zwischen wissenschaftlich und „praktisch“ tätigen Mitgliedern fördern und ermöglichen. In Hessen gibt es bspw. alle zwei Jahre einen hessischen Psychotherapeut*innentag, an dem eine solche Möglichkeit geboten wird.

CC: Um allerdings grundlegend mehr Verbindung zwischen den beiden Bereichen zu schaffen, müsste aus meiner Sicht eigentlich noch früher angesetzt werden, zum Beispiel im Rahmen der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung. Wenn bereits hier mehr Integration zwischen Forschung und Behandlungspraxis gelänge, bestünde auch eine größere Chance, dass aus den bisher eher parallelen Diskursen perspektivisch ein gemeinsamer wird – wovon denke ich beide Seiten sehr profitieren würden.

Wie könnte man den Transfer von der Praxis zurück in die Wissenschaft fördern/unterstützen, damit wissenschaftliche Studien „praxistauglicher“ werden?

CC: Die Frage ist ja zunächst einmal, was „praxistauglicher“ genau meint. Also geht es dabei um die Auswahl von Forschungsthemen, um die praktische Umsetzung von Forschungsprojekten oder um die Vermittlung der Forschungsergebnisse und daraus abgeleiteten Konsequenzen? Unsere Umfrage hat beispielsweise ergeben, dass die Teilnehmenden sich auf inhaltlicher Ebene vor allem mehr wissenschaftliche Befunde wünschen zu Veränderungsmechanismen, Interventionstechniken, schwierigen Situationen in der Therapie oder der therapeutischen Beziehung – also zu Themen, die eine hohe Relevanz für die Behandlungspraxis haben. Dass Kliniker*innen sich besonders für diese Themen interessieren, finde ich erst einmal sehr nachvollziehbar. Allerdings wurde zu diesen Themen in den letzten Jahren auch gar nicht so wenig geforscht. Zu klären wäre daher zunächst einmal, ob der Wunsch sich auf ein Mehr an Forschung in der bereits existierenden Form bezieht oder ob eine ganz andere Auseinandersetzung mit diesen Themen gewünscht wird. Zum Beispiel hat Florian Kaiser ja schon benannt, dass für ihn als niedergelassener Psychotherapeut Hinweise zur praktischen Anwendbarkeit von Forschungsergebnissen oft zu kurz kommen.

FK: Ich würde die Frage auch gerne in die andere Richtung betrachten, also wie kann die Wissenschaft die Praxis unterstützen. Da ist es natürlich wenig überraschend, dass die Kolleg*innen sich vor allem für die praktische Anwendung in deren Arbeitsalltag interessieren. Hier besteht in Forschungsartikeln noch Potenzial, was nicht ausgeschöpft ist. Auch der Aspekt, dass Patient*innen im Alltag in den Niederlassungen und den Kliniken nicht unbedingt den Auswahlkriterien von Studiendesigns entsprechen, sondern viel diverser in ihrer Symptomatik und ihren Voraussetzungen sind, und häufiger auch Komorbiditäten (psychisch, somatisch und psychosomatisch) anzutreffen sind, ist nicht zu unterschätzen.

CC: Das ist ein relevanter Punkt, dass die strengen Ein- und Ausschlusskriterien bei den klassischen Wirksamkeitsstudien die Praxistauglichkeit von Forschungsbefunden zusätzlich einschränken. Ein damit zusammenhängendes Problem ist ja auch, dass aktuell die meisten evidenzbasierten manualisierten Behandlungskonzepte in RCT-Studien mit hochselektierten Stichproben überprüft werden und in der Versorgungspraxis dann nur selten in Reinform angewendet werden, gleichzeitig aber die zentrale Grundlage für die Behandlungsempfehlungen in den Leitlinien bilden. Auch hier wäre, denke ich, ein wechselseitiger Austausch zwischen Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen sinnvoll – was natürlich sowohl die Offenheit von Wissenschaftler*innen voraussetzt, Anregungen aus der klinischen Praxis in die Konzeption ihrer Forschungsprojekte einfließen zu lassen und die Ergebnisdarstellung noch praxisbezogener aufzubereiten, als auch das Interesse und die Bereitschaft von vorwiegend klinisch tätigen Kolleg*innen, sich aktiv in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.

FK: Die Idee, den Diskurs zwischen „Praxis“ und „Wissenschaft“ zu fördern, setzt natürlich voraus, dass entsprechende Räume dafür geschaffen werden. An der Stelle ist zu erwähnen, dass sich hier durchaus positive Entwicklungen zeigen. Beispielsweise wird bei Anträgen auf Fördermittel auf europäischer Ebene fast immer eine Disseminationsstrategie gefordert, was eine gute Möglichkeit darstellt, die Arbeit in der Praxis zu berücksichtigen und ggf. eben auch die Kammern einzubinden und von Beginn an mitzudenken.

CC: Die Dissemination von evidenzbasierten Behandlungskonzepten zu fördern, finde ich grundsätzlich eine sinnvolle Strategie. Allerdings befürchte ich, dass die bestehende Kluft zwischen den beiden Bereichen nicht allein dadurch überwunden werden kann, dass Praktiker*innen sich etwas mehr für Forschung interessieren und Forscher*innen stärker die Bedarfe der Praxis adressieren. Das ist sicher ein guter erster Schritt, aber aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Forschung in der Versorgungspraxis schon auch mit einigem Aufwand verbunden ist und Engagement und Durchhaltevermögen von beiden Seiten erfordert. Aus diesem Grund erscheint es mir wichtig, dass auch auf einer substanzielleren Ebene noch mehr Verbindungen zwischen Wissenschaft und Praxis geschaffen werden. Dazu gehört für mich unter anderem auch, dass es für junge Kolleg*innen einfacher möglich wird, sich in beiden Bereichen parallel zu qualifizieren. Hierfür gute Modelle zu entwickeln, halte ich für eine wichtige berufspolitische Aufgabe.

Als Mitglied des Redaktionsbeirates dieser Zeitschrift freut es natürlich zu sehen, wie gut wir anscheinend die Kolleg*innen erreichen. Bei der Konzeption der jeweiligen Ausgaben und konkret im Austausch mit den Autor*innen versuchen wir u. a. die Relevanz und den Praxisbezug für die Leser*innen hervorzuheben. Leiten Sie aus den Ergebnissen der Umfrage zusätzliche Dinge ab, die für das PTJ sinnvoll erscheinen?

CC: Von sehr vielen Teilnehmer*innen unserer Studie wurden neben der bereits diskutierten verbesserten Zugänglichkeit wissenschaftlicher Literatur und praxisrelevanten Forschungsthemen auch aufbereitete Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studienergebnissen als zentraler Wunsch benannt. Den Mitgliedern der hessischen Landeskammer wollen wir solche Zusammenfassungen künftig unter der Rubrik „Neues aus der Forschung“ auf der Kammerhomepage bereitstellen. Vielleicht könnte auch im PTJ die Rubrik „Aktuelles aus der Forschung“ wieder reaktiviert werden, mit der Möglichkeit, dort Zusammenfassungen aktueller Studienergebnisse als Kurzbeiträge zu veröffentlichen, inklusive eines Verweises auf die entsprechenden Originalpublikationen. Denn grundsätzlich wird sich denke ich nichts daran ändern, dass Wissenschaftler*innen ihre Studienergebnisse primär in internationalen Zeitschriften publizieren, die weltweit rezipiert und damit auch häufiger zitiert werden – gleichzeitig aber nicht unbedingt die Praktiker*innen in Deutschland erreichen. Um diese Forschung für niedergelassene Kolleg*innen zugänglicher zu machen, könnten zusammenfassende Kurzbeiträge im PTJ eventuell eine Lösung sein.

FK: Aus unserer Umfrage lässt sich ableiten, so wie es Carola Cropp schon zuvor gesagt hat, dass die Teilnehmer*innen vor allem ein Interesse an praktischen Themen wie Veränderungsmechanismen, spezifischen Interventionstechniken, integrativen Ansätzen etc. geäußert haben. Tipps zur praktischen Anwendung im klinischen Alltag oder CME-Fortbildungen mit der Möglichkeit, darüber auch Fortbildungspunkte zu erwerben, könnten ebenfalls einen Anreiz zur vertieften Auseinandersetzung schaffen. Dies wird zwar von unseren Teilnehmer*innen nicht explizit genannt, jedoch wird der Wunsch nach „mehr Fortbildungspunkten“ von mehr als der Hälfte der Teilnehmer*innen benannt, um die Auseinandersetzung mit Forschungsbefunden attraktiver zu machen.

Vielen Dank für das Interview!


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Carola Cropp
Dr. Carola Cropp
Korrespondenzadresse:
Universität Greifswald
Institut für Psychologie
Franz-Mehring-Str. 47
17489 Greifswald
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Dr. Carola Cropp, Dipl.-Psych., KJP (AP, TP), ist aktuell Vertretungsprofessorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und -psychotherapie an der Universität Greifswald. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf praxisbezogener Forschung im Bereich der psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Sie ist u. a. Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Forschung der PTK Hessen, Forschungsbeauftragte der VAKJP und Vorstandsmitglied im Arbeitskreis OPD-KJ.

Eyyuba Cevirici-Kurt
Eyyuba Cevirici-Kurt
mail icon info@praxiseck.de

Eyyuba Cevirici-Kurt, M.Sc.-Psych., ist Psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt in Verhaltenstherapie in eigener Praxis in Frankfurt am Main niedergelassen. Sie ist Delegierte im Ausschuss für Wissenschaft und Forschung der Psychotherapeutenkammer Hessen sowie Vorsitzende des Vereins IASE e. V.

Anke Haberkamp
Prof. Dr. Anke Haberkamp
mail icon anke.haberkamp@uni-wh.de

Prof. Dr. Anke Haberkamp ist Professorin für Experimentelle Pathopsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Diagnostik und den aufrechterhaltenden Faktoren sowie mit therapeutischen Interventionen von Angststörungen. Aktuell ist sie Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung der Psychotherapeutenkammer Hessen. (Foto: Universität Witten/Herdecke – Volker Wiciok)

Ruth Hertrampf
Dr. Ruth Hertrampf

Dr. phil. Ruth Hertrampf, M. Sc. Psych., M. A., ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin (VT) mit eigener Privatpraxis. Neben ihrer klinischen Tätigkeit engagiert sie sich als Dozentin sowie in verschiedenen Ausschüssen der Psychotherapeutenkammer Hessen. Ihr besonderes Anliegen gilt der Förderung des psychotherapeutischen Nachwuchses sowie der Stärkung des Dialogs zwischen klinischer Forschung und praktischer Versorgung.

Florian Kaiser
Florian Kaiser
Schlüchterner Str. 2
36391 Sinntal
mail icon praxis.f.kaiser@gmx.de

Dipl.-Psych. Florian Kaiser, Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie), niedergelassen in eigener Praxis in Sinntal. Nach dem Studium der Psychologie war er an der University of Liverpool tätig. Er ist Mitglied der Delegiertenversammlung der Psychotherapeutenkammer Hessen und dort auch in mehreren Ausschüssen aktiv.

Mona Lange-von Szczutowski
Dr. Mona Lange-von Szczutowski
Reuterweg 42
60323 Frankfurt
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Dr. Mona Lange-von Szczutowski (KJP/VT), ist niedergelassen in eigener Praxis in Frankfurt a. M. und forscht an der Universität Gießen im Bereich Psychotherapie und Psychoneuroimmunologie, mit einem besonderen Fokus auf Bewältigungsprozesse bei Patient*innen mit Schädelhirntrauma und der Weiterentwicklung evidenzbasierter Interventionen bei PTBS. Darüber hinaus ist sie ehrenamtlich als Richterin am Verwaltungsgericht Gießen tätig und unterstützt das PTBS-Psychotherapeutenverfahren der gesetzlichen Unfallversicherung.

Daniela Stoye
Daniela Stoye
Schulstraße 6
65232 Taunusstein

Daniela Stoye ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, tiefenpsychologisch fundiert und in eigener Praxis in Taunusstein niedergelassen. Neben ihrer Tätigkeit als Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene arbeitet sie als Supervisorin und Selbsterfahrungsleiterin.

Heike Winter
Dr. Heike Winter
Ausbildungsprogramm Psychologische Psychotherapie
an der Goethe-Universität Frankfurt
Varrentrappstr. 40–42
60486 Frankfurt
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Dr. Heike Winter ist Psychologische Psychotherapeutin für Erwachsene (VT), wissenschaftliche Geschäftsführerin des Ausbildungsprogramms Psychologische Psychotherapie am Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft der Goethe- Universität Frankfurt und niedergelassen in eigener Praxis in Offenbach. Sie ist Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen.

Julian Rubel
Prof. Dr. Julian Rubel
Universität Osnabrück
Fachbereich Humanwissenschaften
Institut für Psychologie
Psychotherapieforschung & Klinische Psychologie
Lise-Meitner-Straße 3
49076 Osnabrück
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Prof. Dr. Julian Rubel ist Psychologischer Psychotherapeut und Professor für Psychotherapieforschung und Klinische Psychologie an der Universität Osnabrück. Seit März 2023 ist er Leiter der Forschungs- und Ausbildungsambulanzen und des Weiterbildungsstudiengs (Erwachsene) der Universität Osnabrück. Prof. Dr. Rubel forscht im Bereich Einzelfallbezogener Entscheidungshilfen für die Psychotherapiepraxis.

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Cropp, C., Cevirici-Kurt, E., Haberkamp, A., Hertrampf, R., Kaiser, F., Lange-von Szczutowski, M., Stoye, D., Winter, H. & Rubel, J. (2025). Was wünschen sich in der klinischen Versorgung tätige Psychotherapeut*innen von der Psychotherapieforschung? Ergebnisse einer Online-Umfrage der PTK Hessen. Psychotherapeutenjournal, 24 (3), 242–250. https://doi.org/10.61062/ptj202503.003