Die körperdysmorphe Störung
Eine „neue“ Störung des Zwangsspektrums
Body dysmorphic disorder
A „new“ diagnosis in the spectrum of obsessive-compulsive disorders
verfasst von: Viktoria Ritter
Abstract
Zusammenfassung: Die körperdysmorphe Störung (KDS) ist gekennzeichnet durch die exzessive Beschäftigung mit einem oder mehreren wahrgenommenen Makeln in der äußeren Erscheinung, die für andere nicht oder allenfalls minimal erkennbar sind. Patient*innen führen erschöpfende repetitive Verhaltensweisen (z. B. Kontroll- und Spiegelrituale) durch und sind mental mit dem/den Makel(n) beschäftigt. Die Störung ist mit einem starken Leidensdruck verbunden und stärker verbreitet als ursprünglich angenommen. In der ICD-11 wurde die körperdysmorphe Störung erstmals als eigenständige Diagnose auf dem Spektrum der „Zwangsstörungen und verwandten Störungen“ aufgenommen. Im Artikel werden phänomenologische und epidemiologische Aspekte, die Geschichte der Diagnose, Differenzialdiagnosen, diagnostische Verfahren und ätiologische Aspekte zusammengefasst. Für die Behandlung der komplexen Störung werden neben kognitiver Verhaltenstherapie und neueren Therapieansätzen das prozessbasierte Erklärungsmodell und die prozessbasierte Therapie kurz vorgestellt.
Summary: Body dysmorphic disorder (BDD) is characterized by excessive preoccupation with one or more perceived flaws in one's appearance that are not noticeable to others, or at most only minimally noticeable. Patients engage in exhausting repetitive behaviors (e.g., checking and mirroring rituals) and are mentally preoccupied with the flaw(s). The disorder is associated with severe psychological distress and is more common than originally thought. In the ICD-11, body dysmorphic disorder was included for the first time as a separate diagnosis in the spectrum of “obsessive-compulsive and related disorders.” This article summarizes phenomenological and epidemiological aspects, the history of the diagnosis, differential diagnoses, diagnostic procedures, and etiological aspects. For the treatment of this complex disorder, in addition to cognitive behavioral therapy and newer therapeutic approaches, the process-based explanatory model and process-based therapy are briefly presented.
Einleitung
Die körperdysmorphe Störung (KDS; engl.: body dysmorphic disorder, BDD) ist eine neue Zwangsspektrumsstörung, über die Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal berichtet wurde (Morselli, 1886). Die diagnostische Einordnung blieb lange Zeit umstritten. Dies resultierte unter anderem aus der schwierigen differentialdiagnostischen Abgrenzung und der Komplexität der Störung. In den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts begannen intensive Forschungsbemühungen, die das Verständnis der Störung kontinuierlich verbessert haben (Phillips, 1996). Personen mit KDS sind intensiv mit einem oder mehreren wahrgenommenen Makeln im äußeren Erscheinungsbild beschäftigt. Sie leiden unter der Überzeugung, durch diese(n) Makel hässlich, entstellt oder unattraktiv zu sein. Es besteht eine große Diskrepanz zwischen subjektivem Erleben und objektiver Beurteilung. Die häufigsten Beschwerden beziehen sich auf einen vermeintlichen Makel im Gesicht.
Gesichtsasymmetrien oder die Form oder Größe bestimmter Gesichtsteile, wie Nase, Augen, Mund, Lippen, Kiefer, Kinn, aber auch die Größe, Form oder Disproportionalität anderer Körperteile, z. B. Brüste und Genitalien, können im Mittelpunkt der Besorgnis stehen. Darüber hinaus stellen die Haut und die Hautanhangsgebilde, insbesondere Haare und Schweißdrüsen, aufgrund der visuellen Exposition einen besonderen Fokus für die Beobachtung von wahrgenommenen Abweichungen dar. Es können daher auch Falten, Narben, Akne, Pigmentstörungen, Gefäßzeichnungen, übermäßige Körper- bzw. Gesichtsbehaarung oder Haarausfall Gegenstand der Beschäftigung sein (Veale et al., 1996; Phillips, 1996; Veale & Neziroglu, 2010). Eine besondere Form der KDS ist die sogenannte „Muskel-Dysmorphie“, bei der Betroffene trotz eigener Muskulosität ihren Körperbau als zu schmächtig und unmuskulös empfinden (Cunningham et al., 2017; Pope et al., 2000). Die Störung geht häufig mit exzessivem Gewichteheben und Anabolikamissbrauch einher (Pope et al., 1997).
Anfänglich sind die Betroffenen nur wegen einer Körperregion besorgt, es treten jedoch im Krankheitsverlauf neue Körperregionen in den Mittelpunkt der Besorgnis. Nach einer ästhetisch plastisch-chirurgischen oder differentiell dermatologischen Behandlung kann sich die übermäßige Beschäftigung auf andere Körperregionen verlagern oder sich Unzufriedenheit bezüglich der behandelten Körperteile einstellen, die weiterhin als unattraktiv angesehen werden (Phillips et al., 2001). Ästhetisch-plastische und dermatologische Korrekturmaßnahmen sind bei KDS kontraindiziert (Bowyer et al., 2016).
Folgende problematische Verhaltensweisen werden in hoher zeitlicher Intensität und als Zwangshandlung in erschöpfenden Kontrollritualen durchgeführt: Spiegelrituale („mirror checking“), Verbergen des Makels mittels Make-up, Kleidung, Kopfbedeckung, Brillen o. a. („camouflaging“), exzessives Kämmen, Haarentfernung, Rasieren („grooming“) oder Manipulationen an der Haut („skin picking“) (Veale & Riley, 2001; Veale & Neziroglu, 2010). Die gedankliche Beschäftigung mit diesem/diesen Makel(n) wird als unkontrollierbar, anstrengend und zeitaufwendig beschrieben. Präokkupationen treten in Form von wiederkehrenden, zwanghaft-persistierenden und intrusiven Gedanken, Ruminationen und Metakognitionen auf (Zeinodini et al., 2015; Veale & Neziroglu, 2010).
Die KDS geht mit einer Vielzahl emotionaler Symptome einher, wie Depressivität, Hoffnungslosigkeit, Gefühle von Wertlosigkeit, soziale Ängste, Scham, Ekel und Wut bezüglich des eigenen Körpers oder Verhaltens sowie interpersonelle Konflikte (Summers et al., 2020; Weingarden et al., 2016; 2017; Coles et al., 2006). Das Suizidrisiko ist bei KDS stark erhöht: 31–81 % der Patient*innen mit KDS äußern Suizidgedanken, 24–28 % berichten von Suizidversuchen in der Vorgeschichte (z. B. Phillips et al., 2005a). Im Vergleich hierzu liegt die Suizidrate (vollendeter Suizid) in der deutschen Allgemeinbevölkerung bei 0,01 % (10.300 Menschen), wobei die Mehrheit eine psychische Störung aufwies (90 %), am häufigsten eine Depression (> 50 %) (Statistisches Bundesamt, 2025; Deutsche Depressionshilfe, 2025).
Diagnose und Kriterien
Im Zuge der Revisionen der beiden Klassifikationssysteme DSM-5 und ICD-11 wurde die körperdysmorphe Störung als eigenständige Kategorie dem Spektrum der Zwangsstörungen zugeordnet („Obsessive-Compulsive and Related Disorders“; APA, 2013; WHO, 2019). Im Vergleich zum DSM-5 bestehen in der ICD-11 geringfügige Unterschiede in den Diagnosekriterien, da zusätzlich die Symptome „exzessive Selbstaufmerksamkeit oder Referenzgedanken/Beziehungsideen“ sowie die „deutliche Vermeidung sozialer Situationen oder anderer Auslöser von Belastungen aufgrund des Makels“ definiert werden. In der ICD-11 ist die KDS durch folgende Kriterien definiert (WHO, 2019):
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Tabelle 1: Diagnostische Kriterien der KDS nach der ICD-11 (Diagnoseschlüssel: 6B21)
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Tabelle 1: Diagnostische Kriterien der KDS nach der ICD-11 (Diagnoseschlüssel: 6B21)
Es kann zudem auch der Grad der Einsichtsfähigkeit kodiert werden, wenn alle anderen vorgenannten Kriterien erfüllt sind.
KDS mit guter oder mäßiger Einsicht (Diagnoseschlüssel: 6B21.0): Die Person ist die meiste Zeit in der Lage, zu erkennen, dass die körperdysmorphen Überzeugungen nicht wahr sind, und bereit, alternative Erklärungen zu akzeptieren. Zu bestimmten Zeiten (z. B. wenn die Person sehr ängstlich ist) besteht keine Einsichtsfähigkeit.
KDS mit geringer oder fehlender Einsicht (Diagnoseschlüssel: 6B21.1): Die Person ist die meiste oder die ganze Zeit davon überzeugt, dass die körperdysmorphen Annahmen wahr sind, und kann keine alternativen Erklärungen akzeptieren. Der Mangel an Einsichtsfähigkeit variiert nicht bedeutsam in Abhängigkeit vom Angstniveau.
Wie in Tabelle 1 ersichtlich, ist die KDS in der ICD-11 differentialdiagnostisch abzugrenzen von der Körperlichen Belastungsstörung (Diagnoseschlüssel: 6C20), die gekennzeichnet ist durch übermäßige Sorgen bezüglich körperlicher Symptome oder Erkrankungen (z. B. Schmerzen oder Krebs), die nicht (vollständig) durch eine organische Erkrankung geklärt werden können. Zudem ist die KDS abzugrenzen von Sorgen um das körperliche Aussehen, die unter der Kategorie „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen“ aufgeführt werden. Hierzu zählen die „Sorge um das Aussehen der Brüste“ (Diagnoseschlüssel: QD30), eine „Andere spezifische Sorge um das körperliche Aussehen“ (Diagnoseschlüssel: QD3Y) oder eine „Unspezifische Sorge um das körperliche Aussehen“ (Diagnoseschlüssel: QD3Z). Diese Diagnosen werden vergeben, wenn eine objektivierbare körperliche Sorge vorliegt, die den Gesundheitszustand der Person beeinflusst, und um eine konkrete Behandlungsmaßnahme gebeten wird (z. B. Sorge um das Aussehen der Brust infolge wahrgenommener Knoten, Veränderungen in Form oder Größe oder Hautveränderungen bei Karzinomen, die medizinische Behandlung notwendig machen). Die Kriterien einer KDS sind dann jeweils nicht erfüllt (z. B. exzessive Zwangshandlungen und -gedanken). Weitere differenzialdiagnostische Abgrenzungen zu anderen psychischen Störungsbildern wie Essstörungen (z. B. Anorexia Nervosa, Diagnoseschlüssel: 6B80) finden sich im Absatz „Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen“ und in Tabelle 2.
Geschichte der Diagnose und wissenschaftlicher Diskurs um die Diagnosekriterien
Die körperdysmorphe Störung wurde erstmalig 1886 durch den italienischen Psychiater Enrico Morselli unter dem Begriff „Dysmorphophobie“ (griech.: dysmorphia = Missgestalt, phobos = Furcht) beschrieben. Morselli verstand darunter das von den Betroffenen geschilderte subjektive Gefühl der Hässlichkeit oder der körperlichen Missgestaltung trotz normalen Aussehens, wobei der*die Patient*in glaubt, von anderen in gleicher Weise wahrgenommen zu werden (Morselli, 1886). Sigmund Freud schilderte 1918 in seinem berühmten Fallbericht „Der Wolfsmann“ die Symptomatik einer körperdysmorphen Störung. Freuds Analysand, ein russischer Aristokrat, fühlte sich durch Schwellungen und Krater seiner Nase so sehr verstümmelt, dass er seine täglichen Beschäftigungen und seine Arbeit vernachlässigte. Sein einziger Lebensmittelpunkt war ein kleiner Taschenspiegel, in dem er sich ständig betrachtete (Gardiner et al., 1982). Pierre Janet sprach von einer „obsessiven Scham bezüglich des Körpers“, der als „hässlich und lächerlich“ erlebt wird (Janet, 1903; zitiert nach Phillips, 1991).
Seitdem wurden für das Störungsbild historisch und synonym verschiedene Begriffe verwendet: Schönheitshypochondrie, dermatologische Hypochondrie, Hässlichkeitskümmerer, dermatologische Non-Disease, Dysmorphophobe Störung, Dorian-Gray-Syndrom (Jahreis, 1930; Zaidens, 1950; Bishop, 1980 – zitiert nach Phillips, 1991; Brosig & Gieler, 2000). Die „Dysmorphophobie“ wurde erstmals 1980 im DSM-III als atypische somatoforme Störung erwähnt (APA, 1980). Bis dahin wurden Patient*innen mit störungsspezifischen Symptomen verschiedenen Diagnosen zugeordnet (Wahnhafte Störung, Angststörung). Mit dem Erscheinen des DSM-III-R 1987 wurde der Bezeichnung „körperdysmorphe Störung“ der Vorzug gegeben (APA, 1987). Im DSM-IV-TR und ICD-10 wurde die körperdysmorphe Störung den „somatoformen Störungen“ zugeordnet (APA, 2000; WHO, 1994), wobei sie in der ICD-10-GM unter der alten Bezeichnung „Dysmorphophobie“ als Unterkategorie der hypochondrischen Störung aufgeführt ist. Im DSM-IV-TR hingegen bildete sie bereits eine eigenständige Kategorie.
Obwohl die KDS als somatoforme Störung klassifiziert wurde, gab es keine hinreichenden empirischen Befunde, die für diese Zuordnung sprachen. Insbesondere geringe Komorbiditätsraten und eine schwache somatische Symptomatik bei KDS (Gunstad & Phillips, 2003) führte im Zuge der zurückliegenden Revision der beiden Klassifikationssysteme zu dem Vorschlag führender Expert*innen, diese Zuordnung zu überdenken (Phillips et al., 2010). Enge Parallelen hinsichtlich klinischer Charakteristika, Phänomenologie, Verlauf, Komorbidität, Familiengeschichte, genetischer und neuropsychologischer Aspekte oder Ansprechbarkeit auf Serotonin-Wiederaufnahmehemmer führten zu einer Konzeptualisierung auf dem Spektrum der Zwangsstörungen (z. B. Phillips et al., 2010; 2007; Bienvenu et al., 2000; Monzani et al., 2014; Rauch et al., 2003).
Epidemiologie
Weltweite epidemiologische Studien belegen Prävalenzraten zwischen 0,7 und 3,2 % in der Allgemeinbevölkerung, mit einer gewichteten Prävalenz von 1,9 % bei Erwachsenen, 2,2 % bei Jugendlichen und 3,3 % bei Studierenden (Minty & Minty, 2021; Veale et al., 2016). Repräsentative Studien in Deutschland ergaben Prävalenzraten zwischen 1,7 und 2,9 % (Schieber et al., 2015; Buhlmann et al., 2010; Rief et al., 2006). In klinischen Populationen sind deutlich erhöhte Prävalenzraten zu finden, insbesondere bei ambulanten dermatologischen Patient*innen (11–15 %) sowie in der ästhetisch-plastischen Chirurgie (bis zu 54 %; Rhinoplastik bis zu 20 %; Veale et al., 2016). In psychiatrischen Settings finden sich Prävalenzraten von 7,4 % für Erwachsene und Jugendliche, in ambulanten Einrichtungen von 5,8 % (Veale et al., 2016).
Die KDS gilt als unterdiagnostiziert und unterbehandelt. Dies erklärt sich aus den Schamgefühlen der Betroffenen, der Angst vor Offenbarung, der geringen Einsichtsfähigkeit, der Ambivalenz gegenüber Psychotherapie, einem Informationsdefizit bezüglich der Störung, der schwierigen differenzialdiagnostischen Abgrenzung und hohen Komorbiditätsraten (Schulte et al., 2020).
Der Beginn der Störung liegt zumeist in der Adoleszenz (16 ± 7 Jahre) (Bjornsson et al., 2013). Der Verlauf der unbehandelten Störung ist chronisch bei einer durchschnittlichen Dauer von 18 Jahren. Als prognostisch ungünstige klinische Merkmale im Krankheitsverlauf haben sich ein ausgeprägter Schweregrad, eine längere Dauer, komorbide Persönlichkeitsstörungen, wahnhafte Denkstörungen und ein starkes Vermeidungsverhalten erwiesen (Phillips et al., 2005b).
Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen
Verschiedene Studien belegen, dass die Mehrheit der Patient*innen mit KDS unter mindestens einer komorbiden Störung leidet. Häufige Komorbiditäten sind depressive Störungen, soziale Angststörung, Zwangsstörung, Essstörungen, Substanzgebrauchsstörungen (Gunstad & Phillips, 2003). 57–100 % der Betroffenen weisen mindestens eine komorbide Persönlichkeitsstörung auf (Cluster C: Vermeidend-Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, Zwanghafte Persönlichkeitsstörung, Dependente Persönlichkeitsstörung sowie Paranoide Persönlichkeitsstörung; Phillips & McElroy, 2000; Cohen et al., 2000). Bei Patient*innen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung finden sich zu 54 % Hinweise auf eine KDS (Semiz et al., 2008). Die hohen Komorbiditätsraten mit Persönlichkeitsstörungen, insbesondere die Überlappungen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung könnten u. a. resultieren aus frühen negativen autobiografischen Erlebnissen wie emotionaler, körperlicher und/oder sexueller Missbrauch, die zu einer Manifestation von maladaptiven Schemata nach Young (z. B. emotionale Entbehrung, Verlassenheit/Instabilität, Misstrauen/Missbrauch, Unzulänglichkeit/Scham) führen können. Schemata sind stabile Muster, die mit Persönlichkeitsakzentuierungen einhergehen können, die von Defiziten in der Emotionsregulation sowie einer Abneigung gegenüber dem eigenen Körperbild begleitet werden (Malcolm et al., 2021; Ritter & Stangier, 2024; Kollei et al., 2012; Young et al., 2005).
Differenzialdiagnostische Abgrenzungen sind Tabelle 2 zu entnehmen.
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Differenzialdiagnose |
Differenzialdiagnostische Merkmale |
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Zwangsstörung |
Repetitive Zwangsgedanken und -handlungen beziehen sich nicht auf einen wahrgenommenen Makel, sondern auf andere Inhalte, wie z. B. Kontamination. |
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Depressive Störungen |
Vernachlässigung des eigenen Aussehens, Gefühle von Hässlichkeit/Unattraktivität sind von geringerer Intensität als bei KDS |
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Soziale Angststörung |
Angst vor negativer Bewertung aufgrund peinlichen oder blamablen Verhaltens, bei KDS ausschließlich aufgrund eines wahrgenommenen Makels |
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Essstörungen |
Sorge bezüglich gesamter Körperfigur, Körperfett oder -gewicht, bei KDS primär Sorge bezüglich einzelner Körperteile |
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Dermatillomanie („Skin Picking“) |
Wiederholtes unkontrolliertes Hautzupfen oder -quetschen zur Spannungsregulation, bei KDS primär, um wahrgenommenen „hässlichen“ Makel auf der Haut zu entfernen |
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Olfaktorische Referenzstörung |
Übermäßige Beschäftigung mit eigenem vermeintlich übelriechendem Körper- oder Mundgeruch, bei KDS ausschließlich mit wahrgenommenen Makeln im Aussehen |
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Wahnhafte Störung mit körperbezogenem Wahn (somatischer Typ) |
Wahnhafte Denkinhalte, Beziehungsideen und Halluzinationen beziehen sich auf den Körper (z. B. an schwerer Krankheit, wie Krebs oder Parasitenbefall, zu leiden) oder bestimmte Körperfunktionen |
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Geschlechtsinkongruenz/ |
Inkongruenz zwischen gewünschter Geschlechtsidentität, biologischem Geschlecht und primären/sekundären körperlichen Geschlechtsmerkmalen und ggf. resultierende dysphorische Stimmung. Bedenken bzgl. des Aussehens beziehen sich darauf, dass körperliches Merkmal nicht richtig/angemessen ist und nicht per se als „hässlich“ wahrgenommen wird wie bei KDS. |
Tabelle 2: Differenzialdiagnosen der körperdysmorphen Störung
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Differenzialdiagnose |
Differenzialdiagnostische Merkmale |
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Zwangsstörung |
Repetitive Zwangsgedanken und -handlungen beziehen sich nicht auf einen wahrgenommenen Makel, sondern auf andere Inhalte, wie z. B. Kontamination. |
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Depressive Störungen |
Vernachlässigung des eigenen Aussehens, Gefühle von Hässlichkeit/Unattraktivität sind von geringerer Intensität als bei KDS |
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Soziale Angststörung |
Angst vor negativer Bewertung aufgrund peinlichen oder blamablen Verhaltens, bei KDS ausschließlich aufgrund eines wahrgenommenen Makels |
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Essstörungen |
Sorge bezüglich gesamter Körperfigur, Körperfett oder -gewicht, bei KDS primär Sorge bezüglich einzelner Körperteile |
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Dermatillomanie („Skin Picking“) |
Wiederholtes unkontrolliertes Hautzupfen oder -quetschen zur Spannungsregulation, bei KDS primär, um wahrgenommenen „hässlichen“ Makel auf der Haut zu entfernen |
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Olfaktorische Referenzstörung |
Übermäßige Beschäftigung mit eigenem vermeintlich übelriechendem Körper- oder Mundgeruch, bei KDS ausschließlich mit wahrgenommenen Makeln im Aussehen |
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Wahnhafte Störung mit körperbezogenem Wahn (somatischer Typ) |
Wahnhafte Denkinhalte, Beziehungsideen und Halluzinationen beziehen sich auf den Körper (z. B. an schwerer Krankheit, wie Krebs oder Parasitenbefall, zu leiden) oder bestimmte Körperfunktionen |
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Geschlechtsinkongruenz/ |
Inkongruenz zwischen gewünschter Geschlechtsidentität, biologischem Geschlecht und primären/sekundären körperlichen Geschlechtsmerkmalen und ggf. resultierende dysphorische Stimmung. Bedenken bzgl. des Aussehens beziehen sich darauf, dass körperliches Merkmal nicht richtig/angemessen ist und nicht per se als „hässlich“ wahrgenommen wird wie bei KDS. |
Tabelle 2: Differenzialdiagnosen der körperdysmorphen Störung
Diagnostik
Es liegen im deutschsprachigen Raum verschiedene diagnostische Verfahren zur Fremd- und Selbstbeurteilung vor, die gleichzeitig auch der Therapieevaluation dienen können. Für eine sichere Diagnosestellung nach DSM-5 sind die entsprechenden Module aus dem „Strukturierten Klinischen Interview für DSM-5-Störungen – Klinische Version“ hilfreich (SCID-5-CV; Beesdo-Baum et al., 2019). Darüber hinaus wurde unter Einbezug der diagnostischen Kriterien gemäß der ICD-11 von Ritter und Stangier (2019) ein „Strukturierter Interviewleitfaden für körperdysmorphe Störung nach DSM-5 und ICD-11“ entwickelt, der die diagnostischen Kriterien beider Klassifikationssysteme in einem halbstrukturierten Interview erfasst und circa 25 Minuten dauert (Schüller et al., under review). Er kann bei den Autoren direkt angefragt werden. Die „Yale-Brown Obsessive-Compulsive Scale für körperdysmorphe Störung“ (BDD-YBOCS; Stangier et al., 2000; Phillips et al., 1997) dient der Erfassung des Schweregrades der KDS-Symptomatik anhand von 12 Items und bietet in der Routinepraxis sichere Anhaltspunkte für das Vorliegen einer körperdysmorphen Störung. Die Items erfassen die gedankliche Beschäftigung mit einem wahrgenommenen Makel, zwanghafte Verhaltensweisen, Einsicht und Vermeidung. Die deutschsprachige Version weist sehr gute psychometrische Gütekriterien auf (Kollei et al., 2023). Die „Brown Assessment of Belief Scale“ (BABS; Buhlmann, 2014) ermöglicht die Erfassung der Einsichtsfähigkeit in die Übertriebenheit der körperdysmorpen Überzeugungen anhand von sechs Items und trägt zu einer besseren Beurteilung des Grades der Einsichtsfähigkeit/Wahnhaftigkeit bei. Zudem stehen im deutschsprachigen Raum verschiedene Selbstbeurteilungsinstrumente zur Verfügung. Der „Fragebogen körperdysmorpher Symptome“ (FKS; Buhlmann et al., 2009) ermöglicht die Erfassung körperdysmorpher Symptome während der letzten Woche anhand von 18 Items. Der „Fragebogen körperdysmorpher Kognitionen“ (FKDK; Schüller et al., 2023) erlaubt die Erfassung typischer KDS-bezogener Kognitionen und Überzeugungen. Der „Dysmorphic Concerns Questionnaire“ (DCQ; Stangier et al., 2003) dient dem Screening körperdysmorpher Symptome anhand von sieben Items.
Ätiologie
Eine Vielzahl von prädisponierenden Faktoren können die Entstehung und Aufrechterhaltung der KDS begünstigen. Hierzu zählen unter anderem prämorbide Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, Zwanghaftigkeit oder Neurotizismus, aber auch genetische Faktoren sowie frühe negative autobiografische Erlebnisse, frühe Vernachlässigung und/oder emotionaler und/oder körperlicher und/oder sexueller Missbrauch, aversive soziale Erfahrungen wie Hänseleien bezüglich des Aussehens oder soziokulturelle Faktoren wie Schönheitsideale und der Einfluss medialer Bilderwelten (Krebs et al., 2019; Monzani et al., 2014; Malcolm et al., 2021; Buhlmann et al., 2012; Didie et al., 2006; Neziroglu et al., 2006; Borkenhagen, 2024).
Ästhetikalität
Unter Ästhetikalität wird eine übermäßige Sensitivität für ästhetische Abweichungen im Hinblick auf Symmetrie, Größe oder Proportionalität verstanden. Empirische Belege für eine erhöhte Ästhetikalität finden sich in verschiedenen experimentellen Wahrnehmungsstudien (z. B. Lambrou et al., 2011; Stangier et al., 2008; Yaryura-Tobias et al., 2002; aber z. B.: Buhlmann et al., 2014). Stangier et al. (2008) fanden bei Patient*innen mit KDS eine verbesserte visuelle Diskriminationsfähigkeit für ästhetische Abweichungen im Gesicht. Diese zeigte sich in einem genaueren Urteil bezüglich proportionalen Merkmalsveränderungen im Gesicht (Nasengröße, Augenabstand).
Neurobiologie
Eine Vielzahl bildgebender und neuropsychologischer Studien hat in den letzten zwei Jahrzehnten insbesondere die Gesichterwahrnehmung bei KDS untersucht. So konnten Feusner et al. (2007) in einer fMRI-Studie bei Personen mit KDS eine erhöhte linkshemisphärische Aktivität (lateraler präfrontaler Cortex, lateraler Temporallappen) sowie eine verstärkte Amygdala-Aktivierung nachweisen, während die Personen unbekannte Gesichter in unterschiedlicher Auflösung sahen. Die Ergebnisse legen eine detailorientierte, analytische Gesichterwahrnehmung sowie eine Mitbeteiligung emotionaler Hirnzentren nahe. Die detailorientierte Wahrnehmung konnte ebenfalls für das eigene Gesicht sowie neutrale Stimuli (Häuser) nachgewiesen werden (Feusner et al., 2010a; 2011). Darüber hinaus fand sich eine Hypoaktivität im linken okzipitalen Cortex bei der Betrachtung des eigenen Gesichts in geringer Auflösung, die auf Abnormalitäten bei der konfiguralen, ganzheitlichen Wahrnehmung hinweist. EEG-Studien sind der Fragestellung nachgegangen, ob die analytische, detailorientierte Wahrnehmung zurückzuführen ist auf frühe abweichende basale Verarbeitungsprozesse. Li et al. (2015) fanden bei KDS geringere Amplituden während der Verarbeitung fremder Gesichter und neutraler Stimuli (Häuser), die frühe abweichende Verarbeitungsprozesse nahelegen und die Wahrnehmungsverzerrungen erklären könnten. In einer eigenen EEG-Untersuchung konnten keine neuronalen Belege für eine stärkere merkmalsbasierte Wahrnehmung des eigenen/fremden Gesichts auf frühen Verarbeitungsstufen gefunden werden (Ritter et al., 2020).
Erklärungsmodelle
Im Einklang mit neurobiologischen und kognitiv-behavioralen Modellen bei KDS (Feusner et al., 2010b, Veale & Neziroglu, 2010, Wilhelm et al., 2013) sowie bisherigen Befunden aus der Grundlagenforschung werden im prozessbasierten Modell der KDS maladaptive Verarbeitungsprozesse des eigenen Aussehens und interpersonelle Prozesse berücksichtigt (Ritter & Stangier, 2024; Ritter & Stangier, 2020). Während traditionelle kognitiv-behaviorale Modelle annehmen, dass Emotionen und Verhalten durch Kognitionen gesteuert werden, wird aus prozessbasierter Perspektive davon ausgegangen, dass Verarbeitungsprozesse in entscheidendem Maße Emotionen, Kognitionen und Verhalten bestimmen. Zu den Verarbeitungsprozessen zählen:
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selektive Selbstaufmerksamkeit für Details sowie damit einhergehende Gefühle, Gedanken, Vorstellungsbilder,
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detailorientierte Wahrnehmung des Makels,
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verzerrte mentale Vorstellungsbilder aus der Beobachterperspektive (detailliert, präzise, überproportional, inkl. negativer Assoziationen),
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negative autobiografische Erinnerungen (z. B. Erfahrungen von emotionaler Entbehrung oder Zurückweisung durch primäre Bindungspersonen in der Kindheit oder Hänseleien bzgl. des Aussehens durch Gleichaltrige in der Adoleszenz), die mit den Vorstellungsbildern in Zusammenhang stehen,
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Bewusstseinsprozesse.
In Abbildung 1 wird veranschaulicht, wie diese Prozesse Erlebens- und Verhaltensmuster bei KDS steuern. Ausgangspunkt ist eine in der Gegenwart erlebte problematische Trigger-Situation, die mit emotionalem Stress einhergeht und gleichzeitig Verarbeitungsprozesse aktiviert, die dem*der Patient*in nicht sofort bewusst sein müssen, weil diese teilweise implizit ablaufen.
Abbildung 1: Prozessbasiertes Modell
(Der Abdruck dieser Abbildung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Springer VS.)
Das prozessbasierte Modell integriert auch motivationale Schemata, bei denen es sich um zentrale Grundmotivationen, Bedürfnisse und Werte handelt, die durch frühe autobiografische Erlebnisse geprägt werden. Sie beeinflussen aktuelle Verarbeitungsprozesse, interpersonelle Prozesse (therapeutische Beziehung, Beziehungs- und Bindungsverhalten des*der Patient*in) und Reaktionsmuster. Motivationale Schemata sind in den unterschiedlichen theoretischen Therapierichtungen enthalten: als Werteorientierungen (KVT: Kanfer et al., 2012; ACT: Hayes et al., 2014), Annäherungs- und Vermeidungsschemata (Grawe, 2004) oder emotionale Grundbedürfnisse im Zusammenhang mit maladaptiven Schemata in der Schematherapie (Young et al., 2005). Motivationale Schemata können daher ebenso schematherapeutischen Modi zugeordnet werden (Ritter & Stangier, 2020). „Kindmodi“ beinhalten intensive schemaassoziierte Emotionen wie Trauer, Angst oder Wut, die aufgrund der Nichterfüllung von Grundbedürfnissen entstehen. „Elternmodi“ bezeichnen den fordernden oder strafenden Elternteil (z. B. innerer Kritiker). Sie entstehen aufgrund der Übernahme der negativen Werte aus destruktiven Eltern-Kind-Beziehungen und werden in der Gegenwart durch schemakongruentes Erleben und Verhalten aufrechterhalten. „Bewältigungsmodi“ entsprechen den drei maladaptiven Bewältigungsstilen Erduldung, Vermeidung und Überkompensation (Young et al., 2005). Zudem gibt es den Modus des*der Gesunden Erwachsenen, der adaptives emotionales und funktionales Erleben und Handeln zusammenfasst und in der Therapie unter Berücksichtigung der persönlichen Ressourcen aufgebaut und gestärkt werden soll.
Die aus den Verarbeitungsprozessen und motivationalen Schemata resultierenden Kognitionen (z. B. „Mein [Makel] ist hässlich, merkwürdig. Andere finden mich wegen [Makel] abstoßend.“) und Grundüberzeugungen („Nur wenn ich makellos aussehe, bin ich akzeptabel und liebenswert.“) werden zumeist gleichzeitig aktiviert. Negative Emotionen, wie Wut, Ekel, Scham, Traurigkeit oder Angst, und ungünstige Körperempfindungen, wie Anspannung oder Druck, gehen mit diesen Prozessen einher. Problematische Verhaltensweisen (z. B. Spiegelrituale) und ungünstige Bewältigungsreaktionen (Vermeidung) tragen zur Aufrechterhaltung der Störung bei.
Die Befunde zur Erforschung von Verarbeitungsprozessen bei KDS belegen, dass eine selektive Aufmerksamkeit für Details (Kollei et al., 2017; Grocholewski et al., 2012), eine detailorientierte Wahrnehmung des Makels (Feusner et al., 2007), negative autobiografische Erinnerungen und verzerrte Vorstellungsbilder (Ritter & Stangier, 2016) oder frühe traumatische Erlebnisse und maladaptive Schemata (Malcolm et al., 2021; Weingarden et al., 2018) einen Einfluss auf das Erleben haben und zur Entstehung sowie Aufrechterhaltung der KDS beitragen. Zudem gibt es signifikante Hinweise auf frühe maladaptive Schemata nach Young (2005) bei KDS. Hierzu zählen unter anderem emotionale Entbehrung, Verlassenheit/Instabilität, Misstrauen/Missbrauch, Unzulänglichkeit/Scham. Es ergaben sich signifikante positive Korrelationen zwischen diesen maladaptiven Schemata, KDS-Schweregrad und Einsichtsfähigkeit (Ritter et al., in Vorbereitung). Zudem weisen Patient*innen mit KDS unsicher-vermeidende Bindungsmuster auf, die signifikante Zusammenhänge zu frühen maladaptiven Schemata wie emotionale Entbehrung, Unzulänglichkeit/ Scham und soziale Isolation aufweisen (Ritter et al., in Vorbereitung). Die explizite Berücksichtigung dieser verschiedenen Prozesse ist daher aus prozessbasierter Perspektive sehr sinnvoll.
Behandlung der körperdysmorphen Störung
Kognitive Verhaltenstherapie
Für die Behandlung der KDS wurden in den letzten drei Jahrzehnten verschiedene kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsmanuale entwickelt (z. B. Wilhelm et al., 2013; Veale & Neziroglu, 2010; Phillips, 1996). Darüber hinaus wurden zunehmend transdiagnostische Therapieansätze mit einem stärkeren Fokus auf Emotionen und Emotionsregulationsprozessen, Akzeptanz und Mitgefühl zur Regulation von Scham, Akzeptanz- und Commitment-Therapie, achtsamkeitsbasierter kognitiver Therapie, akzeptanzbasierter Exposition und Metakognitionen berücksichtigt. Auch die Entwicklung internetbasierter Therapieprogramme wurde auf den Weg gebracht.
Allerdings mangelt es bislang an nationalen und aktualisierten internationalen Leitlinien zur Behandlung der KDS. Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) veröffentlichte für England und Wales geltende Leitlinien für die Behandlung der KDS über die gesamte Lebensspanne (NICE, 2005). Diese Leitlinien wurden jedoch vor fast zwei Jahrzehnten verfasst und sind zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels nicht mehr aktuell. Auf nationaler Ebene finden sich Hinweise zur Behandlung der KDS in der S3-Leitlinie zur Behandlung der Zwangsstörungen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF, 2022).
Es bedarf jedoch dringend eines nationalen und internationalen Updates zur spezifischen leitlinienorientierten Behandlung der KDS.
Traditionell kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsbausteine bei KDS sind Exposition mit Reaktionsverhinderung und kognitive Umstrukturierung. Exposition mit Reaktionsverhinderung verfolgt das Ziel, Vermeidung zu überwinden und sich wiederholt mit beängstigenden Situationen zu konfrontieren, ohne problematische Verhaltensweisen (sog. Reaktionsverhinderung) durchzuführen (z. B. den vermeintlichen Makel im Spiegel zu kontrollieren). Exposition erfolgt anhand einer gestuften Hierarchie, in der all jene Situationen oder Aktivitäten aufgesucht werden, die mit Angst und Vermeidung einhergehen.
Obwohl die in früheren kontrollierten Therapiestudien überprüfte Exposition mit Reaktionsverhinderung nach traditioneller Ansicht zu einer Habituation an die Situation und aus kognitiver Perspektive zu einer Korrektur der körperdysmorphen Überzeugungen führen müsste, bleiben bei einigen Patient*innen mit KDS manifeste Überzeugungen bestehen. Es wurden daher zunehmend Interventionen aus der kognitiven Therapie, wie Aufmerksamkeitstraining, Imagery Rescripting, Videofeedback und Verhaltensexperimente, integriert, die sich bei der Modifikation kognitiver und emotionaler Verarbeitungsprozesse als hilfreich erwiesen haben (Ritter & Stangier, 2024; Veale & Neziroglu, 2010). Zudem wurden Wahrnehmungstrainings zur Veränderung der detailorientierten Wahrnehmung entwickelt und achtsamkeitsbasierte Übungen einbezogen, die eine bewusste Wahrnehmung und Distanzierung von negativen Gefühlen, Gedanken, Vorstellungsbildern und Erinnerungen ermöglichen (Wilhelm et al., 2013). Daraus wird ersichtlich, dass es umfassende Bemühungen gibt, die aufrechterhaltenden Faktoren und Prozesse bei KDS in verschiedenen Therapieansätzen und Settings zu berücksichtigen.
Prozessbasierte Therapie
Generell ist der prozessbasierte kognitive Ansatz der Psychotherapie von Hayes und Hofmann (2018) kein neuer Therapieansatz, sondern eine Metatheorie, die Diagnostik und Therapieplanung neu konzipiert. Dabei soll vorhandenes Wissen über Störungen und Interventionen besser genutzt werden, um eine auf die individuelle Problematik zugeschnittene Therapie zu entwickeln. Prozessbasierte Therapie bei KDS fokussiert auf die im prozessbasierten Modell dargestellten maladaptiven Störungs- und Verarbeitungsprozesse (selektive Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Vorstellungsbilder, Erinnerungen, Bewusstsein), motivationale Schemata (Grundbedürfnisse, Motive, Werte, frühe maladaptive Schemata) und interpersonelle Prozesse, die sich unter anderem in der therapeutischen Beziehung, aber auch in den maladaptiven Schemata widerspiegeln. Interpersonelle Prozesse wurden bislang bei KDS eher vernachlässigt. Prozessbasierte Therapie integriert evidenzbasierte kognitive Interventionen, die anhand individueller Fallkonzeptionen sinnvoll und hilfreich erscheinen und stellt eine Erweiterung bisher bekannter Therapieansätze bei KDS dar (Phillips, 1996; Veale & Neziroglu, 2010; Wilhelm et al., 2013). Zu den Interventionen, die bislang noch nicht im Rahmen modularer Therapieprogramme integriert und für KDS überprüft wurden, zählen beispielsweise Videofeedback und schematherapeutische Interventionen, die auf eine Veränderung emotionaler Verarbeitungsprozesse fokussieren und interpersonelle Prozesse stärker berücksichtigen.
Abbildung 2 veranschaulicht Ziele und zugeordnete Interventionstechniken prozessbasierter kognitiver Therapie im Veränderungsprozess bei KDS.
Abbildung 2: Prozessbasierte Therapie bei KDS: Veränderungsprozess (links) und Interventionen (rechts)
(Der Abdruck dieser Abbildung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Springer VS.)
Zentraler Ausgangspunkt der Therapie ist (links) der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung, die Klärung der Veränderungsmotivation sowie die Ableitung eines individuellen prozessbasierten Modells, das dem*der Patient*in als Behandlungsrational dient. Die Veränderung der störungsspezifischen Verarbeitungsprozesse ist ein zentrales Ziel. Durch die Veränderung maladaptiver Verarbeitungsprozesse ist es möglich, Erlebens- und Verhaltensmuster zu ändern, neue Erfahrungen zu sammeln, den Gesunden Erwachsenen zu stärken und vorhandene Kompetenzen weiterzuentwickeln. Sowohl die Veränderung von Verarbeitungsprozessen als auch die Generierung neuer Verhaltensweisen, Erfahrungen und Kompetenzen schaffen wiederum die Voraussetzung, um Grundüberzeugungen, motivationale Schemata und maladaptive Beziehungsmuster zu verändern (Ritter & Stangier, 2020).
Dieser Prozess ist nicht als rigide Abfolge von Interventionen zu verstehen; vielmehr sind Ziele und Interventionen in flexibler Weise an den Therapie- und Veränderungsprozess anzupassen. Das therapeutische Vorgehen ist dabei adaptiv. Zu den Interventionen prozessbasierter Therapie (rechts) zählen unter anderem: Aufmerksamkeitstraining, Distanzierungsübungen, Wahrnehmungstraining mit Spiegelfeedback, Videofeedback, Imagery Rescripting, Vorstellungsübungen oder Stuhldialoge. Diese sollen dabei helfen, die Verarbeitungsprozesse zu aktivieren und zu verändern. Behaviorale Techniken wie Verhaltensaktivierung, Verhaltensexperimente und Verhaltensaufgaben werden eingesetzt, um das dysfunktionale Erleben und Verhalten zu verändern. Eine detaillierte Beschreibung der Interventionen und der prozessbasierten Therapie findet sich im modularen Behandlungsmanual von Ritter und Stangier (2024).
Effektivität
Kontrollierte randomisierte Behandlungsstudien belegen, dass kognitive Verhaltenstherapie inklusive der oben erwähnten neueren Therapieansätze und Interventionen bei Jugendlichen und Erwachsenen effektiv ist und die Behandlungserfolge stabil bleiben (Liu et al., 2024; Harrison et al., 2016). Bislang sind die Mechanismen der Veränderung jedoch noch nicht umfassend untersucht und bedürfen weiterer intensiver Forschungsbemühungen. Als wichtiger Wirkfaktor gilt die Veränderung dysfuktionaler Kognitionen, die einen signifikanten Mediator für den Behandlungserfolg bei KVT darstellt (Fang et al., 2020). Darüber hinaus ist die Akzeptanz- und Commitment-Therapie hilfreich bei der Behandlung der KDS (Torkian et al., 2022). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Beziehung zu den Gedanken (Fusion vs. Defusion) eine wichtige Rolle spielt. Auch für die oben erwähnten transdiagnostischen Therapieansätze mit einem stärkeren Fokus auf Emotionen und Emotionsregulationsprozessen, Achtsamkeit, Akzeptanz, Mitgefühl und Metakognitionen konnte erfolgreich die Effektivität belegt werden (s. Metaanalyse Liu et al., 2024). Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass eine deutliche Wirksamkeit der Behandlung mit diesen Erweiterungen erzielt werden kann. Ebenso konnte die Effektivität internetbasierter Therapien mehrfach belegt werden (s. die Metaanalyse von Liu et al., 2024; Schmidt et al., 2025).
Die Wirksamkeit der prozessbasierten kognitiven Therapie wurde sehr erfolgreich im Rahmen einer randomisierten kontrollierten Pilotstudie belegt (Ritter et al., 2023). In der 12. Behandlungswoche war prozessbasierte kognitive Therapie der Warteliste signifikant überlegen hinsichtlich der Verringerung des Schweregrades der KDS, der Einsichtsfähigkeit, selbstberichteter KDS-Symptome, Scham, Depression, allgemeiner Psychopathologie und Lebensqualität (Cohen’s d = 0.72 bis d = 1.38). Die Verringerung der Scham und die Zunahme der Einsichtsfähigkeit waren signifikante Mediatoren des Behandlungserfolgs in der 12. Behandlungswoche. Nach der Behandlung wurden signifikante Verbesserungen auf allen Symptommaßen mit hohen Effektstärken (Cohen’s d = 0.85 und d = 1.32) gefunden, die auch nach dem Drei- und Sechs-Monats-Follow-up anhielten. Die Response- und Remissionsraten lagen zum Behandlungsende bei 68 % und 58 % und verbesserten sich in Drei- und Sechs-Monatskatamnesen (Response: 83 % und 85 %, Remission: 58 % und 60 %).
Psychopharmakologische Behandlung
Es liegen verschiedene Studien vor, die auf die Wirksamkeit von Medikamenten aus unterschiedlichen Substanzklassen hinweisen. Die psychopharmakologische Behandlung ist insbesondere initial beim wahnhaften Subtyp, bei ausgeprägtem Schweregrad und Suizidalität indiziert. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) wie Fluoxetin, Fluvoxamin, Citalopram, Escitalopram und trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin weisen die stärksten Effekte auf und wurden in verschiedenen randomisierten kontrollierten sowie Open-Label-Studien erfolgreich überprüft (Castle et al., 2021; Hong et al., 2019). SSRIs werden als First-Line-Medikation empfohlen (NICE 2019; Ipser et al., 2009). SSRIs führen unter anderem zu einer Verringerung der Zwangsgedanken und -handlungen, zu einer Reduktion der Fixierung und einer Verringerung der Suizidalität.
Bei unzureichendem Ansprechen auf SSRIs können verschiedene Medikamente ergänzend eingesetzt werden, darunter atypische Neuroleptika bzw. Antipsychotika oder Anxiolytika (Castle et al., 2021). Es gibt jedoch bislang keine groß angelegten randomisiert-kontrollierten Studien zu diesen Substanzklassen. Generell kann für einen Augmentationsansatz plädiert werden, der auf das individuelle Profil des*der einzelnen Patient*in eingeht und auf bestimmte Symptomgruppen abzielt. Bei wahnhafter KDS kann die medikamentöse Behandlung durch atypische Neuroleptika bzw. Antipsychotika (Pimozid, Olanzapin, Quetiapin, Risperidon) ergänzt werden. Bislang existieren dazu jedoch primär Einzelfallstudien bei KDS. Es müssen die möglichen Nebenwirkungen gegen den möglichen Nutzen abgewogen werden. KDS-Patient*innen mit komorbiden Angststörungen könnten von Anxiolytika (Buspiron) profitieren. Aufgrund des Mangels an randomisiert-kontrollierten Studien und kleinen Stichprobengrößen sollten diese Medikamente jedoch nur dann eingesetzt werden, wenn SSRIs nicht wirksam sind.
Effektivität
Es existieren randomisiert-kontrollierte Studien sowie Open-Label-Studien, die die Wirksamkeit insbesondere von SSRIs belegen (Castle et al., 2021). Ein Überblick findet sich unter anderem auch bei Phillipou et al. (2016). Eine Metaanalyse zum Vergleich Pharmakotherapie und kognitiv-behavioraler Therapie (KVT) bei KDS belegt die Überlegenheit von KVT. Es ergaben sich signifikant höhere Effektstärken für KVT (Cohen’s d = 1.78) im Vergleich zu psychopharmakologischen Behandlungsansätzen (Cohen’s d = 0.92) (Williams et al., 2006). Generell sprechen die Ergebnisse dafür, dass beide Behandlungsansätze zu einer Symptomreduktion sowie zu einer Verringerung depressiver Symptome führen. Bislang wurden keine Studien durchgeführt, die die Wirksamkeit der Kombination von KVT oder Psychotherapie und Pharmakotherapie überprüft haben.
Körperdysmorphe Störung im Kindes- und Jugendalter
Da der KDS in den letzten Jahren besondere empirische Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ermöglichte dies ein besseres Verständnis der Phänomenologie, Epidemiologie und Behandlung im Kindes- und Jugendalter. Die häufigsten Sorgen bei Kindern und Jugendlichen beziehen sich unter anderem auf Körpergröße oder -form (z. B. zu groß oder zu klein, zu dünn oder zu dick), den Zustand der Haut (z. B. Flecken, Aknenarben) oder einzelner Körperteile im Gesicht (z. B. Nase, Zähne). Zu typischen Verhaltensweisen zählen der Vergleich des eigenen Aussehens mit dem anderer, Spiegel- und Kontrollrituale, übermäßige Pflege (z. B. Selbstbräunung, Haarstyling) oder das Verbergen und Kaschieren der vermeintlichen Makel (z. B. durch Make-up, Tragen von Sonnenbrillen oder Kapuzen). Kinder und Jugendliche neigen eher dazu, die Symptome nicht zu offenbaren (Krebs et al., 2024).
Der Beginn der KDS liegt häufig in der Adoleszenz zwischen 11 und 19 Jahren, wenn sich das Körperbild verändert. Die Prävalenzrate liegt für Jugendliche bei ca. 1–2 % (Veale et al., 2016; Krebs et al., 2025). Nach Krebs et al. (2025) tritt die KDS signifikant häufiger bei Jugendlichen auf als bei Kindern. Es werden Geschlechtseffekte berichtet, wonach die KDS eher bei weiblichen als bei männlichen Jugendlichen auftritt. Etwa 70 % der Jugendlichen mit KDS weisen mindestens eine komorbide Störung auf, am häufigsten internalisierende Störungen, Angststörungen, depressive Störungen. Die KDS geht einher mit emotionalen Symptomen, Problemen mit gleichaltrigen Peers, psychosozialen Beeinträchtigungen wie z. B. Schulabbruch (22–37 %), Selbstverletzungen, Selbstmordversuchen, aber auch der Inanspruchnahme von professioneller Unterstützung (Rautio et al., 2022; Krebs et al., 2025).
Für die Ätiologie sind alle jene Faktoren relevant, die bereits oben berichtet wurden. Kontrovers diskutiert wird insbesondere der Einfluss von soziokulturellen Faktoren, wie z. B. sozialen Medien bei Kindern und Jugendlichen. Es wurde spekuliert, ob bildbasierte soziale Medienplattformen und die Verwendung von Filtern oder anderen digitalen Verbesserungen Risikofaktoren für die Entwicklung von KDS darstellen könnten. Die vorhandenen Erkenntnisse beschränken sich jedoch weitgehend auf Korrelationsstudien, die einen Querschnittszusammenhang zwischen KDS-Symptomen und soziokulturellen Einstellungen zum Aussehen, wahrgenommenem Mediendruck und der Nutzung bildbasierter sozialer Medien zeigen (Ahmadpanah et al., 2019; Alsaidan et al., 2020). Zur Diagnostik und Behandlung können die gleichen Instrumente und evidenzbasierten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Interventionen sowie psychopharmakologische Substanzen (SSRIs) eingesetzt werden, die bereits vorgestellt wurden (Liu et al., 2024; Castle et al., 2021; Hong et al., 2019; Harrison et al., 2016; Schmidt et al., 2025).
Fazit und Ausblick
Bei der körperdysmorphen Störung handelt es sich um eine komplexe Störung. Bisherige Erkenntnisse und Forschungsbemühungen haben gezeigt, dass spezifische Verarbeitungs-, Interaktions- und Veränderungsprozesse eine zentrale Rolle spielen bei der Entstehung und der Aufrechterhaltung der Störung. Diese müssen integrativ in der Behandlung Berücksichtigung finden. Prozessbasierte Therapie stellt die jeweils individuell spezifischen dynamischen Prozesse in den Vordergrund, die innerhalb einer Person bestehen und deren Symptommuster bestimmen. Der prozessbasierte Ansatz kann als innovativer Behandlungsansatz betrachtet werden, da er auf ideographische Prozesse fokussiert, die die Entstehung und Aufrechterhaltung von seelischem Leid bei einer bestimmten Person, in einem bestimmten Kontext und zu einer bestimmten Zeit erklären (Hofmann & Hayes, 2019).