(Wie) ist Psychotherapieerfolg verlässlich abbildbar?
Geissner, E., Koch, S. & Schmitt, M. (2025). Psychotherapieerfolg messen und beurteilen. Ein Handbuch. Stuttgart: Kohlhammer. 344 S., 46,00 €
verfasst von: Bernd Leplow, Halle/Saale
Braucht man für die niedergelassene und stationäre Psychotherapie ein weiteres Buch zur systematischen Erfassung des Therapieerfolges? Diese Frage beantwortet sich mit dem vorliegenden Werk, welches zwei langjährig erfahrene Kliniker/Psychotherapeuten und ein emeritierter Lehrstuhlinhaber für Diagnostik und Differentielle Psychologie verfasst haben. Es wurde mit dem Ziel geschrieben, Beurteilungskriterien für standardisierte Instrumente darzustellen, über welche die Wirksamkeit einer psychotherapeutischen Behandlung prüfbar ist.
Das Buch ist als kompaktes Nachschlagewerk konzipiert. Im Kern (Kap. 3) werden zu 21 psychischen Störungen 32 diagnostische Instrumente besprochen. Darunter sind so gebräuchliche Instrumente wie das „Beck’sche Depressions-Inventar“ (BDI-II) und das „Eating Disorder Inventory-2“ (EDI-2), aber auch Checklisten wie die „Posttraumatic Stress Disorder Checklist for DSM-5“ (PCL-5) oder der „Metakognitionsfragebogen-30“ (MKF-30). Die Bewertungen der Instrumente erfolgen jeweils unter strengem Bezug auf die formalen und normativen Gütekriterien (s. Kap. 2). Am Ende jeder Besprechung finden sich ein übersichtlicher „Steckbrief“ und eine klare Empfehlung für die praktische Anwendung.
Im Kapitel 4 werden störungsübergreifend verwendbare Verfahren besprochen, welche positive Entwicklungen zu erfassen vorgeben. Es sind dieses der „Outcome Questionnaire“ (OQ-45), der PANAS-Fragebogen („Positive and Negative Affect Schedule“), der „Veränderungsfragebogen des Erlebens und Verhaltens“ (VEV) mit dem „Bochumer Veränderungsbogen“ (BVB-2000) und der „Zufriedenheitsfragebogen“ (ZUF-8). Das Kapitel 5 wiederum enthält fünf Instrumente zu übergeordneten Gesichtspunkten mit Therapierelevanz (psychosoziale Gesundheit, Symptomchecklisten, Verhaltensdiagnostik, Persönlichkeitsstörungen und -stile). Im Kapitel 6 werden Instrumente behandelt, die sehr spezifische Konstrukte abbilden sollen: Annäherungs-/Vermeidungsziele (FAMOS), Handlungs-/Lageorientierung (HAKEMP 90), ein Stadienmodell zur Verhaltensänderung (AAVA), dysfunktionale-depressive Einstellungen (DAS 18) sowie die Komponente 2 der Schmerzverarbeitung nach dem FESV. Auch für die in den Kapiteln 4 bis 6 aufgeführten Instrumente erfolgen die Bewertungen entlang testmethodischer Gütekriterien und unter Bezug auf die vorliegende Datenlage.
Die Testbesprechungen der Kapitel 3 bis 6 werden in Abschnitte zu formalen Gesichtspunkten des diagnostischen Vorgehens eingebettet. So folgt auf das kürzere Kapitel 1 mit Ausführungen zum „Warum“ und „Wie“ formal-diagnostischen Vorgehens und einer kriteriengeleiteten Begründung der Auswahl der hier vorgestellten Instrumente im Kapitel 2 eine ausführliche Wiederholung testmethodischen Grundlagenwissens. Diesbezüglich wird u. a. auf die üblichen Gütekriterien wie Reliabilität, Validität, Fairness, Nützlichkeit, Ökonomie, Normierung und Standardisierung sowie auf die Änderungssensitivität eingegangen. Für die zufallskritische Absicherung der Befundung werden auch die für die praktische Durchführung notwendigen Formeln zum Vertrauensintervall und der „Kritischen Differenz“ erläutert.
Im Anschluss an die Testbesprechungen werden im Kapitel 7 formale Gesichtspunkte einer Therapieevaluation behandelt (u. a. empfohlene Zeitpunkte und Frequenz der Messungen). Im abschließenden Kapitel 8 gehen die Autoren auf allgemeine Fragen der Qualitätssicherung, der ICD-11-Diagnostik und eventuell in der Zukunft relevante hierarchische („HiTOP“) und dimensionale Erfassungsstrategien sowie die „Research Domain Criteria (RDoC)“ ein.
Die Verfasser konzentrieren sich stark auf die psychometrischen Eigenschaften der dargestellten Instrumente und leiten daraus die Eignung für das Ziel der Therapieevaluation ab. Das genau war ihre Aufgabe und das ist auch hervorragend gelungen. So liegt der Wert des vorliegenden Werkes in der kompakten Darstellung sowohl diagnostisch-methodischen Grundlagenwissens als auch anwendungsorientierter Beschreibungen und Bewertungen konkreter Instrumente. Damit eignet sich das Buch ausgezeichnet als Nachschlagewerk für den diagnostischen Alltag.
Die meisten der im Kapitel behandelten Konstrukte bilden das Vorliegen und den Schweregrad störungsspezifischer Kriterien ab. Von daher indiziert das „Weniger“ einer Ausprägung einen therapeutischen Erfolg (sofern er zufallskritisch abgesichert wurde und klinisch relevant ist). Andererseits ist für eine Beurteilung therapeutisch erfolgreichen Vorgehens auch das „Mehr“ an beispielsweise sozialer Teilhabe, Funktions- und Leistungsfähigkeit, Handlungsoptionen und konkreten Verhaltensweisen oder, allgemein gesprochen, der „Arbeits- und Liebesfähigkeit“ erforderlich. Einige dieser Konstrukte finden ihren teilweisen Niederschlag in den im Kapitel 4 besprochenen Instrumenten, doch hätte man sich diesbezüglich eine umfangreichere Auswahl gewünscht.
Allerdings geht es in der wissenschaftlich fundierten Psychotherapie um Krankenbehandlung und damit zunächst um eine nachhaltige Reduktion psychopathologischer Auffälligkeiten. Von daher ist der Schwerpunkt des Buches angemessen. In einem eventuellen Folgeband sollten die Verfahren zur Abbildung wünschenswerter Zustände (z. B. „soziale Teilhabe“) jedoch mit der gleichen Akribie und empirischen Fundierung behandelt werden, wie dies bei den hier ausgewählten Instrumenten in hohem Maße gelungen ist. Auch sollte eine Ergänzung für den Kinder- und Jugendlichenbereich in Erwägung gezogen werden.
Zur Erfolgsbeurteilung psychotherapeutischen Handelns gehört das hier vorgestellte Werk wegen der komprimierten, nachvollziehbaren Beurteilung evaluationsrelevanter Instrumente und deren Einbettung in testmethodische Grundlagen nach meinem Dafürhalten in jede Praxis und Klinik. Die Ausführungen sind gerade für die Praxis ausgesprochen nützlich und handhabbar.
Das Buch ist als klassisches Lehrbuch geschrieben und erfordert einige Leseanstrengung. Diese rechtfertigt sich zwar durch den anspruchsvollen Inhalt, ist aber nicht mehr ganz kompatibel mit heutigen Lesegewohnheiten. So hätte man sich zum Beispiel einige zusätzliche didaktische und Lesehilfen gewünscht. Von diesen kleinen Einschränkungen abgesehen, ist das Werk aber sowohl für das grundlegende Studium als auch für die Weiterbildung und die therapeutische Anwendung uneingeschränkt zu empfehlen. Damit ist auch die Antwort auf die eingangs gestellte Frage mit „eindeutig ja“ zu beantworten.