Psychotherapie in Resonanz mit dem Körper und dem gesellschaftlichen Wandel
Holle, C. & Tasche, J. (Hrsg.). (2024). Psychodynamische Grundlagen der Bioenergetischen Analyse (Forum Körperpsychologie; o. Bd.). Gießen: Psychosozial. 536 S., 79,90 €
verfasst von: Gabriele Eßing, Berlin
Das hier zu besprechende Buch widmet sich den Grundlagen und Entwicklungstendenzen der psychodynamischen Bioenergetik. Autor*innen aus unterschiedlichen Ländern informieren und reflektieren dabei in 18 Einzelbeiträgen über einschlägige Behandlungstechniken, mögliche Anwendungsbereiche und allgemein psychotherapeutisches Arbeiten, wie es sich heute angesichts von sozial mitbedingten Veränderungen in der Psychopathologie darstellt.
Angesichts der zahlreichen Anschlussmöglichkeiten, die der Sammelband bietet, sollen für diese Besprechung zwei paradigmatische Artikel herausgegriffen werden, die Themen behandeln, die im Sinne einer schulenübergreifenden Betrachtung auch für psychotherapeutische Ansätze jenseits der psychodynamischen Bioenergetik von Interesse sein dürften: die Einbeziehung des Körpers in die Psychotherapie und die Reflexion des Wandels von psychischen Störungsbildern im Zuge gesellschaftlicher Transformationsprozesse.
Dieter Rau-Luberichs beschreibt in seinem Beitrag „Der bewegte Körper in Beziehung“ sehr anschaulich, wie das körperliche Miteinander von Patient*in und Psychotherapeut*in im psychotherapeutischen Prozess die unbewusste Psychodynamik des*der Patient*in zum Ausdruck bringt: etwa wenn sich in dem von ihm beschriebenen Fallbeispiel ein Patient an der Kante des Stuhls festhält, mit dem Oberkörper schaukelt und auf diesem Wege haltgebende, sich selbst beruhigende Bewegungen ausführt. Gleichermaßen gehen die Körperbewegungen des Psychotherapeuten in den Prozess ein, der mit seinem Oberkörper zurückweicht, so eine Abwehr des starken Nähebedürfnisses des Patienten artikuliert und zugleich mit leichten Kopfbewegungen beruhigend auf den Patienten einzuwirken versucht. Der Psychotherapeut nimmt in dieser Sichtweise im Therapiegeschehen nicht primär die Rolle eines distanzierten Beobachters ein, sondern die eines Beziehungspartners. Seine Gegenübertragung ist nicht ausschließlich vom Patienten abhängig. Seine eigene Lebensgeschichte, eine Eigenübertragung, fließt hier gleichermaßen mit ein.
Das hat Konsequenzen für die Psychotherapie: Im Mittelpunkt stehen hier vorrangig die körperdynamisch konstituierten und kommunizierten Beziehungskonstellationen zwischen Psychotherapeut*in und Patient*in. Das Unbewusste des*der Psychotherapeut*in und das Unbewusste des*der Patient*in sind über körperliche Bewegungen miteinander verbunden, was für beide (!) Seiten zu einem Wachstumsprozess führen kann. Dafür muss der*die Psychotherapeut*in ggf. die Fähigkeit besitzen, mit Angst und Fehlbarkeit umzugehen, da er*sie sich eventuell nicht mehr allein auf vorgefertigte Therapiemodelle stützen kann.
Insgesamt beleuchtet der Beitrag auf produktive Weise Möglichkeiten und Grenzen einer solchen körperorientierten Perspektive auf das therapeutische Beziehungsgeschehen, wovon Praktiker*innen aller Ausrichtungen profitieren können.
Jens Tasche macht in seinem Artikel „Störungsbilder und der gesellschaftliche Wandel“ die Abhängigkeit psychischer Erkrankungen bzw. psychotherapeutischer Diagnosestellung vom jeweiligen Zeitgeschehen deutlich. Er zeigt zugleich die Notwendigkeit auf, das psychotherapeutische Vorgehen so anzupassen, dass es den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten mit ihren teils neu hinzutretenden Krankheitsbildern entspricht.
In einem historischen Rückblick trägt Tasche zusammen, wie psychisches Leiden von zeitlichem Wandel geprägt ist: Die Darstellung reicht von der Hysterie, einer Erkrankung des 19. Jahrhunderts, die so heute kaum noch vorkommt, über das zur Zeit des Ersten Weltkriegs auftretende Phänomen der sogenannten Kriegszitterer bis zu den pathologischen Folgen von Triebunterdrückung in einer „Gehorsamskultur“ (S. 475), in Reaktion auf welche Freiheitsbestrebungen seit den 1960er-Jahren, insbesondere die Studentenbewegung, die Schuldgefühle, Verdrängungen und Konflikte, die aufgrund verinnerlichter Regeln entstanden waren, aufdecken und überwinden wollten.
Tasche versucht ferner herauszuarbeiten, wie sich heute, im Zeitalter der beschworenen „Postmoderne“, dominierende psychische Störungsbilder von denen vergangener Zeiten unterscheiden. Hier zeichne sich ein erneuter gesellschaftlicher Umbruch mit Auswirkungen auf die Psychopathologie ab. Eine prägende soziale Leitidee unserer Zeit beruhe auf einem radikalen Freiheitsverständnis. Die eigene Identität könne demgemäß selbst bestimmt werden – bis hin zur Selbstfestlegung jenseits des biologischen Geschlechts. In einer Welt, in der (vorgeblich) alles möglich erscheint und selbstbestimmt geregelt werden kann, werde es zugleich zunehmend schwerer, Schmerz, Verlust und Versagen zu verarbeiten. So könne es leicht zu Gefühlen von Überforderung wie auch zu regelrechten Erschöpfungskrankheiten kommen. In der Psychotherapie stehe in der Folge nicht mehr unbedingt wie einst in autoritären Gesellschaften die Aufhebung einer Unterdrückung von Bedürfnissen und Emotionen im Vordergrund. Vielmehr seien psychotherapeutische Bestrebungen darauf zu richten, ein fragil gewordenes Identitätsgefühl zu stärken und Patient*innen dazu zu befähigen, auch mit schwierigen Lebensumständen umzugehen.
An dieser Stelle wäre auf Basis der genannten zeitdiagnostischen Befunde eine deutlich konkretere Beschreibung dieser Prozesse im Rahmen psychotherapeutischer Diagnostik und Behandlung wünschenswert gewesen. In diesem Zusammenhang mutet es etwas verwunderlich an, dass es in dem vom Autor gewählten Fallbeispiel denn auch gar nicht spezifische psychotherapeutische Interventionen waren, sondern bestimmte Lebenserfahrungen bzw. eine damit einhergehende persönliche Reifung, die bei dem Patienten einen besseren Umgang mit Belastungssituationen ermöglicht hätten.
Durch diese Einwände wird das Verdienst des Verfassers aber nicht geschmälert, mit seinen Ausführungen zum Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und psychischen Störungsbildern einen prägnanten Überblick zu bieten, der zum Nachdenken anregt.
Mithilfe dieser beiden Schlaglichter sollte ein kleiner erster Einblick in die Inhalte des mehr als 500 Seiten umfassenden Sammelbandes gewährt werden, in dem außerdem interessante Themen wie neurobiologische Grundlagen, Körperinterventionen, Bindungstheorie, weibliche Identitäten oder das Verhältnis von Körper und Spiritualität behandelt werden. Über angegebene Links können im Internet zugehörige Lernkarten, prägnante Zusammenfassungen der Beiträge sowie ein Multiple-Choice-Test zur Lernkontrolle abgerufen werden.
Zu empfehlen ist dieses Buch Psychotherapeut*innen aller Schulen, die an einer Erweiterung und Vertiefung ihrer beruflichen Praxis interessiert sind.