Psychotherapeutisches Wissen gesellschaftlich nutzbar machen
Dohm, L. (2025). Stark im Wandel. Wie wir die psychische Gesundheit der Zukunft gestalten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 192 S., 25,00 €
verfasst von: Stefan Baier, Offenbach
Heute praktizierende Psychotherapeut*innen können ihren Beruf in einem im Wesentlichen gut geordneten demokratischen Gemeinwesen ausüben, konzentriert auf die Anliegen und Probleme ihrer Patient*innen und Klient*innen. Dies mag lange Zeit einen geschützten Raum dargestellt haben, in dem Politik und globale Probleme außen vor bleiben konnten. Nur noch wenige aktive Berufsangehörige haben Psychotherapie unter den Bedingungen der Unfreiheit des „real existierenden Sozialismus“ der DDR angeboten. Bedrohung von Leib und Leben, wie sie Sigmund Freud durch die Nationalsozialisten vor seinem Gang ins Exil erleben musste, blieb den Psychotherapeut*innen des 21. Jahrhunderts glücklicherweise erspart. Bisher jedenfalls.
Heute aber sind wir alle mit umwälzenden technischen und sozial-ökologischen Veränderungen bzw. Verwerfungen sowie einer lange nicht gekannten Gefährdung der Demokratie konfrontiert. Lea Dohm, tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Psychotherapeutin, Autorin und Aktivistin, zieht in ihrem neuen Buch „Stark im Wandel“ aus den genannten neuen Ausgangsbedingungen eine klare Schlussfolgerung: Auf Vertreter*innen der „Psy-Berufe“ (wie sie die angesprochenen Berufsgruppen nennt) komme die Verantwortung zu, Menschen dabei zu unterstützen, mit diesen fundamentalen Umwälzungen einen konstruktiven Umgang zu finden. Dohm beschreibt, wie zahlreiche ihrer Positionen im lebhaften Austausch mit aktivistisch tätigen Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen ausgeprägt wurden, mit denen sie im Verein „Psychologists/Psychotherapists for Future“ und bei der „Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit“ (KLUG) zusammenarbeitet. Sie fächert auf, wie Arbeitsdruck, Isolation und Einsamkeit, soziale Ungleichheit, Klimaerhitzung etc. Menschen körperlich und seelisch für Krankheiten und Belastungsreaktionen anfällig machen können, auch wenn Betroffene das selbst oft nicht erkennen. Dohm bezieht dabei die Krisen demokratischer Systeme in ihre Betrachtungen ein und verweist auf die sich bei Einzelpersonen und gesellschaftlichen Gruppen zeigenden Auswirkungen von Gegenwartsphänomenen wie wahrgenommener Kriegsgefahr, eines Nebeneinanders von Dauerinformation einerseits und Fake News oder Propaganda andererseits, von Klimaerhitzung und Überflutungen. Künstliche Intelligenz, so Dohm, komme als ein weiterer Problemkomplex hinzu und werde „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Gesellschaft stärker und vor allem schneller verändern, als es jede andere Technik vor ihr getan hat“ (S. 81). Im Gewimmel fundamentaler Krisen, in dem wir leben, lässt die Autorin Kolleg*innen zu Wort kommen und beschreiben, in welcher Hinsicht sie eher skeptisch und pessimistisch bleiben, was die Lösung anstehender Probleme anbelangt, und wo sie demgegenüber zukunftsträchtige und positive Ansätze der Krisenbewältigung sehen.
Die Arbeit von Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen sollte sich nach Lea Dohm heute nicht länger darauf beschränken, Menschen mit Angststörungen oder bei Belastungsreaktionen zu unterstützen, ohne zugleich auslösende Faktoren in Umwelt, Gesellschaft und Welt in den Blick zu nehmen. Folgerichtig leitet die Autorin daraus u. a. ein Plädoyer für die Stärkung von Prävention ab. Mit den Fragen „Was brauchen wir wirklich? Was ist genug?“ öffnet Dohm den Raum für Überlegungen dazu, was die Menschen des 21. Jahrhunderts abseits einer kapitalistischen Logik als Anhaltspunkte für hohe Lebensqualität sehen und welche daraus folgenden Ziele sie perspektivisch verfolgen möchten. Zusammen mit anderen Expert*innen schlägt sie vor, das etablierte biopsychosoziale Krankheitsmodell nach von Uexküll von 1990 zu erweitern zu einem „biopsychosozialökologischen“ Verständnis, bei dem äußere Faktoren wie z. B. Hitze oder Dürre, die wir in der Alltagserfahrung oft als „normal“ oder unabänderlich einordnen, systematisch mitbetrachtet werden. Dohm hebt zudem die Bedeutung gemeinschaftlichen Handelns unter der Einwirkung multipler Krisen hervor, bei dem Psy-Berufe als „Change Agents“, Veränderungsagent*innen, prä-
destiniert seien, Verantwortung zu übernehmen.
„Stark im Wandel“ ist zunächst ein verstörendes Buch, das Vertreter*innen der Psy-Berufe aus ihrer ruhigen Arbeit in den Praxen, Büros und Laboren herausholt, indem es ihnen eine gesellschaftliche und gar globale Verantwortung dafür zuschreibt, in diesen ungewissen Zeiten Orientierung und Perspektive zu bieten. Doch auch wenn die Autorin nachvollziehbar aktuelle soziale, kulturelle, ökologische und politische Probleme beschreibt, bleiben viele ihrer Vorschläge zum Umgang damit oder gar zur Lösung skizzenhaft, vage und vorläufig. Wenn Dohm den Kapitalismus kritisiert, weil Menschen durch ihn existenziellem Druck ausgesetzt sind, erscheint das wohlfeil vor dem Hintergrund, dass mithilfe desselben Kapitalismus in Deutschland ein im internationalen Vergleich starkes Sozialsystem und eine Gesundheitsversorgung mit hohem Standard finanziert werden können. Und Belege dafür, dass Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen, die ja denselben Krisen unterworfen sind wie alle anderen, in verwirrenden Zeiten herausgehobene Expert*innen für Transformation sein und Orientierung bieten könnten, bleibt Dohm schuldig. Der Titel des Buches „Stark im Wandel“ beschreibt insofern eine Zielperspektive, die das Buch nicht an allen Stellen füllt.
Aber trotzdem: Als Alexander und Margarete Mitscherlich, Ärzt*innen und Psychoanalytiker*innen, 1967 das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ veröffentlicht haben, in dem sie sich mit seelischen Nachwirkungen des Nationalsozialismus bei ehemaligen Anhängern Hitlers beschäftigt haben, trafen sie auf eine Weigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und auf eine fortbestehende gesellschaftliche Autoritätsfixiertheit. Doch ihre Arbeit stieß zusammen mit den Studentenprotesten von 1968 Prozesse der Reflexion und Erneuerung an, wie sie in der heutigen Stagnation wieder nötig sind. Dohm fordert in ihrem Buch eine ähnliche Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Polykrisen. Dazu brauchen wir gesellschaftliche Debatten und eine vitale Zivilgesellschaft. Vertreter*innen von Psy-Berufen können dabei wesentliche Beiträge liefern, um psychische Gesundheit und Orientierung in Krisenzeiten zu fördern. „Stark im Wandel“ bietet einen Rahmen dafür, wie wir uns dafür auf den Weg machen können.