Originalia

Strukturbezogenes Arbeiten in der Psychoonkologie

Strukturdiagnostik und Strukturbezogene Psychotherapie in der psychosozialen Versorgung onkologischer Patient*innen

Addressing personality functioning in psycho-oncology

Assessment and therapeutic interventions in the psychosocial care of oncological patients

verfasst von: Karl Haller, Ulrike Dinger & Johannes C. Ehrenthal

Veröffentlicht / published 17.12.2025

Abstract

Zusammenfassung: Trotz erheblicher medizinischer Fortschritte bleiben Krebserkrankungen eine existenzielle Bedrohung und führen bei einem Großteil der Patient*innen zu klinisch relevanten psychosozialen Belastungen. Die Psychoonkologie hat im Laufe ihrer Entwicklung zahlreiche Interventionskonzepte hervorgebracht, dabei jedoch Einflüsse und Wechselwirkungen zwischen strukturellen Einschränkungen der Persönlichkeitsfunktion – wie sie auch bei Persönlichkeitsstörungen vorkommen – und der psychischen Belastung im Zuge der Krebserkrankung weitgehend unberücksichtigt gelassen. Ausgehend von der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD-3) beleuchtet der Artikel zentrale diagnostische und therapeutische Konzepte der strukturbezogenen Diagnostik und Therapie und geht der Frage nach, wie diese Ansätze die psychoonkologische Versorgung besonders vulnerabler Patient*innengruppen verbessern können. Anhand konzeptioneller und klinischer Überlegungen sowie mehrerer Fallbeispiele werden praxisnahe Empfehlungen für die psychotherapeutische Arbeit mit Krebspatient*innen aufgezeigt.

Summary: Despite considerable medical progress, cancer remains an existential threat and causes clinically relevant psychosocial stress in a large proportion of patients. Within the field of psycho-oncology, numerous interventions have been developed, however, they largely ignored the influences and interactions between deficits in personality functioning – as they also occur in personality disorders – and psychological stress during the course of cancer. Based on the Operationalized Psychodynamic Diagnosis system (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik; OPD-3), this article examines central diagnostic and therapeutic concepts of personality functioning-related assessment and interventions. It explores how these approaches can enhance psycho-oncological care for particularly vulnerable patient groups. Drawing on conceptual and clinical considerations as well as several case studies, practical therapeutic recommendations working with oncological patients are presented.


Psychische Belastungen bei Krebspatient*innen

Trotz zielgerichteter Therapien mit steigenden Überlebenswahrscheinlichkeiten bleiben eine Tumorerkrankung und deren Behandlung für viele Patient*innen und ihre Angehörigen mit psychosozialen Herausforderungen verbunden, die sich etwa aus Erkrankung, Therapien, der Unsicherheit bezüglich der Prognose sowie einer reduzierten Lebenserwartung ergeben können. Etwa die Hälfte der Krebspatient*innen berichtet ein signifikantes Ausmaß an Distress während ihrer Krebserkrankung (Carlson et al., 2019; Mehnert et al., 2018).

Die Bewältigung der Herausforderungen einer Krebserkrankung erfordert schon unter günstigen Bedingungen ein hohes Maß an inneren und äußeren Ressourcen. Selbst bei guter Verfügbarkeit funktionaler Bewältigungsstrategien sind Phasen mit deutlichem Distress als erwartbares und somit im weitesten Sinne normales Phänomen angesichts einer existenziellen Bedrohung zu verstehen. Zusätzlich kann es auch bei guter medizinischer Prognose oder bereits erfolgreich abgeschlossener Behandlung zu Progredienz- oder Rezidivängsten sowie anderen psychologischen Belastungsreaktionen kommen. Die besondere Komplexität der Belastungssituation ergibt sich auch aus der Vielfalt von Krebserkrankungen und den damit verbundenen Anforderungen an psychische Verarbeitungs-, Coping- und Anpassungsprozesse. Diese reichen von körperlichen Veränderungen – beispielsweise einem veränderten Körperbild durch Brustamputationen, chirurgische Rekonstruktionen im Gesichtsbereich, den Verlust der Fertilität oder einem künstlichen Darmausgang – über soziale Herausforderungen, wie den Verlust der Arbeitsfähigkeit, veränderte soziale Rollen und deutliche Einschränkungen in der Teilhabe, bis hin zu psychischen Belastungen, wie existenziellen Krisen, intensiven emotionalen Reaktionen und Selbstwertstörungen. Zudem müssen oft unter großer emotionaler Anspannung und anhaltender Ungewissheit in kurzer Zeit viele komplexe und weitreichende Entscheidungen getroffen werden, bei denen stets die existenzielle Dimension der eigenen Sterblichkeit mitschwingt. Der häufige Wechsel von Behandler*innen durch das Schichtsystem und die fachliche Spezialisierung im Krankenhaus erschwert zudem den Aufbau stabiler, vertrauensvoller Beziehungen. Gleichzeitig führt die starke Abhängigkeit vom Medizinsystem dazu, dass Patient*innen sich oft starren Abläufen – wie langen Wartezeiten für Untersuchungen und Befunde – anpassen müssen. Die genannten Aspekte stellen alle Patient*innen vor erhebliche Herausforderungen – vor allem jedoch diejenigen, die bereits Schwierigkeiten im Beziehungsaufbau, in der differenzierten Wahrnehmung von sich und anderen, in der Bildung eines stabilen und positiven Bildes von sich selbst und ihrem Körper sowie in der Selbstberuhigungsfähigkeit und Emotionsregulation aufweisen.

Häufig liegt der Fokus bei der Betrachtung von psychischen Belastungen primär auf den Patient*innen. In der Psychoonkologie ist die Erweiterung dieses Fokus auf mögliche Beeinträchtigungen zentraler Beziehungen, z. B. mit Angehörigen, nahestehenden Personen oder auch Behandelnden, besonders wichtig. Bei der psychoonkologischen Einschätzung des Ausmaßes an psychischen Belastungen ist es daher notwendig, neben der individuellen Ebene den Blick auf das Befinden des psychosozialen Umfelds und die Betrachtung von interpersonellen Auffälligkeiten und Problemen zu erweitern.

Im Zuge der Etablierung der Psychoonkologie wurden verschiedene psychologische und psychotherapeutische Konzepte entwickelt und an die spezifische Situation von Krebspatient*innen angepasst. Zentral für die psychoonkologische Versorgung sind ein regelmäßiges Screening auf psychische Belastungen sowie gegebenenfalls weiterführende Diagnostik und bedarfsabhängige Interventionen. Bei subsyndromalen Belastungen werden beispielsweise Psychoedukation, psychosoziale Beratung, Entspannungsverfahren sowie psychotherapeutische Einzel-, Paar- oder Gruppeninterventionen empfohlen. Beim Vorliegen einer manifesten psychischen Störung wird entsprechend der jeweiligen Leitlinie eine Richtlinienpsychotherapie angeraten (Deutsche Krebsgesellschaft, 2023). Zu den gängigen psychoonkologisch-psychotherapeutischen Ansätzen gehören bedarfsangepasste Formen der Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapien sowie systemische Therapieansätze. Interventionen basieren in der Regel auf einer psychoonkologischen Grundhaltung, die den Respekt vor den Betroffenen und ihrem individuellen Umgang mit Krankheit und Therapie betont. Eine Besonderheit im Bereich der Psychoonkologie stellen zudem sinnorientierte Ansätze dar, die existenzielle Themen rund um Würde, Sinn und einen Umgang mit der Endlichkeit des Lebens fokussieren (Mehnert et al., 2022). Ein weiteres Charakteristikum in der psychoonkologischen Versorgung von Krebspatient*innen liegt in der häufig aufsuchenden Betreuung im Krankenhaus im Rahmen eines Konsil- oder Liaisondienstes. Demnach findet die Konsultation oft spontan im Krankenhauszimmer – nicht selten in Mehrbettzimmern – statt und erfordert sowohl von den Behandler*innen als auch von den Patient*innen ein hohes Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, um einen adäquaten psychoonkologischen Kontakt sowie ein intimes psychotherapeutisches Gespräch zu ermöglichen (Söllner & Stein, 2016). Oft stehen nur wenige, kurze Gespräche zur Verfügung, was die Frage nach geeigneten Formen des Beziehungsaufbaus, der Auftragsklärung sowie wirksamer therapeutischer Unterstützung aufwirft, insbesondere bei Patient*innen mit hoher interpersoneller Skepsis.


Persönlichkeitsstörungen und Psychoonkologie

Psychopathologie und psychische Störungen sind konzeptuell für die Psychoonkologie auf mindestens drei Ebenen relevant: als Folge der körperlichen Erkrankung, als vorbestehender Risikofaktor und für die Entwicklung von Beratungs- und Interventionsstrategien. Neben subsyndromalen psychischen Belastungen treten bei ca. 30 % der erwachsenen Krebspatient*innen behandlungsbedürftige psychische Störungen auf (Mehnert et al., 2014). Für die Behandlung dieser psychischen Belastungen wurde in der Vergangenheit eine große Bandbreite an psychoonkologischen und psychotherapeutischen Interventionen entwickelt, die zumeist auf die Reduktion von Ängstlichkeit und Depressivität, die Unterstützung bei der Bewältigung von psychischen Krisen und körperlichen Belastungen sowie die Förderung der Entspannung und Lebensqualität abzielen.

Bisher wenig Beachtung haben komorbide Persönlichkeitsstörungen oder Einschränkungen der Persönlichkeitsfunktion bei Krebserkrankten gefunden, obwohl diese, auch in subklinischer Form, zu teils erheblichem Leidensdruck bei Patient*innen und deren Umfeld führen können (Di Mattei et al., 2018). Auch in der aktualisierten Leitlinie werden diese nicht explizit erwähnt oder berücksichtigt. Menschen mit der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung haben jedoch ein erhöhtes Risiko, durch intrapsychische und interpersonelle Problematiken, die sich aus einer Krebserkrankung und -behandlung ergeben können, stärker herausgefordert zu sein: Kernsymptome sind intrapsychisch Schwierigkeiten in Wahrnehmung, Regulation und Bewältigung emotionaler Zustände, interpersonell Schwierigkeiten in der adäquaten Wahrnehmung und Kommunikation von Bedürfnissen, dem Umgang mit Kritik und Enttäuschung sowie Hemmungen dabei, anderen angemessen zu vertrauen (Habermeyer & Herpertz, 2009; Herpertz et al., 2022). Weiterhin zeigen sich Schwierigkeiten in der Behandlungsadhärenz (Haller et al., 2022). Resultierende Komplikationen in der Abstimmung von Behandlungsentscheidungen, Therapieplänen und Gesundheitsverhalten können sowohl auf Patient*innen- als auch Behandler*innenseite zu Irritationen und Rückzugstendenzen führen, die gerade angesichts der häufig weitreichenden und unter Zeitdruck zu treffenden Entscheidungen bei Krebspatient*innen von großer Relevanz für den Behandlungserfolg sein können. Zudem kann es zu direkten negativen Reaktionen von medizinischem Personal kommen (Feely et al., 2013; Hay & Passik, 2000; Weitzner et al., 1999), was sich negativ auf die individuelle Behandlungsmotivation auswirken kann. In den engen personellen und zeitlichen Strukturen eines Krankenhauses und den für Patient*innen häufig unübersichtlichen ambulanten Strukturen, bei denen die Versorgung auch von der Adaptations- und Regulationsfähigkeit der Patient*innen abhängt, fallen diese als „schwierig“ erlebten Patient*innen oftmals erst auf, wenn die notwendige Behandlung nicht wie üblich umgesetzt wird. Somit sind diese Patient*innen auch mit dem Blick auf Leitlinienempfehlungen (Deutsche Krebsgesellschaft, 2023) eher unterversorgt.

In der Allgemeinbevölkerung liegt die Zwölf-Monats-Prävalenz für Persönlichkeitsstörungen bei ca. 10–12 % (Volkert et al., 2018). Bisher fehlen große Untersuchungen zur Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen bei Krebspatient*innen (McFarland et al., 2019). Eine französische Studie zu nicht-metastasierten Brustkrebspatientinnen fand eine Punktprävalenz von 35 %, verwendete jedoch ausschließlich ein Selbsteinschätzungsinstrument (Champagne et al., 2016), was möglicherweise zu einer Überschätzung der Zahlen geführt haben könnte. Gleichzeitig weisen die Ergebnisse auf die Bedeutsamkeit von Persönlichkeitsstörungen und zugehörigen Phänomenen in der Onkologie hin: Das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung war hier mit der Entwicklung einer generalisierten Angststörung sowie Major Depression im Erkrankungsverlauf assoziiert und sagte diese besser vorher als Schwere und Behandlungstyp der Krebserkrankung. Im Fall der generalisierten Angststörung konnte das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung sogar besser als eine Angststörung in der Vorgeschichte vorhersagen, ob sich im Verlauf der Krebserkrankung eine weitere Angststörung entwickelt. Ein Grund für die tendenzielle Vernachlässigung von Persönlichkeitsstörungen in der Krebsmedizin und Psychoonkologie mag auch in der möglicherweise stigmatisierenden Begrifflichkeit und Konzeptualisierung liegen. So sind die Diagnosen „Narzissmus“ oder „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ sowohl bei Patient*innen wie auch Behandler*innen immer noch mit eher negativen Assoziationen verbunden, was zusätzlich erschwert, mit den Betroffenen in einen Austausch zu treten (Ring & Lawn, 2019; Stiles et al., 2023). Dies könnte in dem von der Haltung her häufig supportiven und stark patient*innenorientierten Feld der Psychoonkologie im Besonderen der Fall sein. Im vorliegenden Text liegt der Fokus nicht primär auf der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen bei Menschen mit Krebserkrankungen, sondern auf einer Entstigmatisierung im Kontext einer veränderten Terminologie und auf Möglichkeiten einer Verbesserung der psychosozialen Unterstützung von Menschen mit entsprechenden Risikofaktoren.


Von der Persönlichkeitsstörung zur strukturellen Störung der Persönlichkeitsfunktion

Möglicherweise hilft der aktuelle Paradigmenwechsel in der Konzeptualisierung und Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen für einen stärkeren Fokus auf dieses Thema in der Psychoonkologie: In der ICD-11 und zum Teil auch im DSM-5 wird eine dimensionale Betrachtung von Persönlichkeitsstörungen vorgeschlagen, die neben Persönlichkeitsstilen insbesondere auf Einschränkungen in psychischen Funktionen bezüglich der eigenen Person und der interpersonellen Beziehungen fokussiert. In der ICD-11 stehen hierbei vier Dimensionen intrapsychischer Persönlichkeitsfunktionen (Identität, Selbstwert, Selbstreflexion und Selbststeuerung) sowie vier Dimensionen interpersoneller Persönlichkeitsfunktionen (Interesse an interpersonellen Beziehungen, Empathie, die Fähigkeit, Intimität zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, und Konfliktfähigkeit) zur Verfügung (Mulder, 2021). In den psychodynamischen Verfahren haben vergleichbare Konzepte eine lange Tradition und zeigen deutliche theoretische und empirische Überschneidungen zum aktuellen Entwurf im DSM und in der ICD (Blüml & Doering, 2021; Zimmermann et al., 2020). Während international die Theorie der Persönlichkeitsorganisation von Otto Kernberg (Kernberg et al., 2008) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermutlich den größten Einfluss auf die zugehörige Modellentwicklung hatte, entwickelte sich im deutschsprachigen Raum seit den 1990er-Jahren die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD; Arbeitskreis OPD, 2023) zu einem besonders bedeutsamen Instrument. Diese weist, neben dem Erfassen von Symptomatik, Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen (Achse I), repetitiv-dysfunktionalen Beziehungsmustern (Achse II), konflikthaften Motivunsicherheiten (Achse III) auf ihrer Strukturachse (Achse IV), eine differenzierte und über die ICD-11 hinausgehende Untergliederung von verschiedenen Persönlichkeitsfunktionen des Selbst in seiner Beziehung zur Welt und seinen Objekten, also den verinnerlichten und realen anderen Menschen, auf. Hierbei werden insgesamt 27 Facetten (24 Facetten im engeren Sinne und drei Facetten zum Thema „Abwehr“) unterschieden, die hinsichtlich ihres Integrationsniveaus eingeschätzt werden (s. Tab. 1). Weiterhin erlaubt die OPD in ihrer dritten Überarbeitung auch die Erfassung von klinisch relevanter zeitlicher Variabilität der Verfügbarkeit struktureller Funktionen, was z. B. im Falle von schweren körperlichen Erkrankungen eine besondere Rolle spielen kann, und eine Differenzierungsmöglichkeit strukturellen Funktionierens in verschiedenen Lebensbereichen. Die OPD entwickelte sich seit ihrer ersten Version der 1990er-Jahre zunehmend hin zu einem Instrument, das über die Diagnostik hinaus sowohl eine differenzierte Behandlungsplanung als auch eine Therapieevaluation ermöglicht.

Unabhängig davon, in welcher Tradition aktuelle Persönlichkeitsfunktionsmodelle betrachtet werden, erlaubt diese eher am Phänomen als an einem diagnostischen Fachbegriff orientierte Beschreibung, bereits im Gespräch mit Patient*innen näher an deren eigener Wahrnehmung von funktionellen Einschränkungen zu bleiben, ohne direkt mit kategorialen „Labeln“ operieren zu müssen, und erleichtert dadurch eventuell auch die Bereitschaft, sich auf eine zugehörige Diagnostik und therapeutische Unterstützung einzulassen (Herpertz et al., 2022). Zentral ist neben der Frage der diagnostischen Einschätzung jedoch insbesondere die Möglichkeit einer Verschränkung mit Indikationsstellung, Behandlungsplanung und auf Persönlichkeitsfunktionsdefizite ausgerichteten Behandlungsangeboten. Während Forschung zur dimensionalen Diagnostik in den letzten Jahren viele Befunde zur Psychopathologie hervorgebracht hat, sind Behandlungsmodelle, die dezidiert diese Form der Diagnostik als Grundlage ihrer Intervention verstehen, seltener. Eine Ausnahme stellt die Strukturbezogene Psychotherapie dar.

Auf das Selbst bezogene Funktionen

Auf das Objekt/die Beziehung bezogene Funktionen

Selbstwahrnehmung

Objektwahrnehmung

Selbstreflexion

Selbst-Objekt-Differenzierung

Affektdifferenzierung

Objektbezogene Affektdifferenzierung

Identität

Integrierte Objektwahrnehmung

Selbstregulation

Beziehungsregulation

Impulssteuerung

Beziehungen schützen

Affekttoleranz

Antizipation

Selbstwertregulierung

Interessenausgleich

Abwehr

Lebens- und Erlebensmöglichkeiten

Interpersonalität

Mechanismen

Kommunikation nach innen

Kommunikation nach außen

Affekte und Fantasien erleben

Emotionale Kontaktaufnahme

Lustvolles Erleben

Intimität

Körperselbst

Empathie

Bindung an innere Objekte

Bindung an äußere Objekte

Internalisierung

Bindungsfähigkeit

Introjekte nutzen

Vertrauen

Variabilität

Bindungen lösen

Tabelle 1: Dimensionen und Facetten struktureller Fähigkeiten der Persönlichkeitsfunktion nach OPD-3

Auf das Selbst bezogene Funktionen

Auf das Objekt/die Beziehung bezogene Funktionen

Selbstwahrnehmung

Objektwahrnehmung

Selbstreflexion

Selbst-Objekt-Differenzierung

Affektdifferenzierung

Objektbezogene Affektdifferenzierung

Identität

Integrierte Objektwahrnehmung

Selbstregulation

Beziehungsregulation

Impulssteuerung

Beziehungen schützen

Affekttoleranz

Antizipation

Selbstwertregulierung

Interessenausgleich

Abwehr

Lebens- und Erlebensmöglichkeiten

Interpersonalität

Mechanismen

Kommunikation nach innen

Kommunikation nach außen

Affekte und Fantasien erleben

Emotionale Kontaktaufnahme

Lustvolles Erleben

Intimität

Körperselbst

Empathie

Bindung an innere Objekte

Bindung an äußere Objekte

Internalisierung

Bindungsfähigkeit

Introjekte nutzen

Vertrauen

Variabilität

Bindungen lösen

Tabelle 1: Dimensionen und Facetten struktureller Fähigkeiten der Persönlichkeitsfunktion nach OPD-3


Strukturbezogene Psychotherapie

Die Strukturbezogene Psychotherapie wurde von der Arbeitsgruppe um Gerd Rudolf in Heidelberg entwickelt und ist im deutschen Versorgungssystem eine Methode innerhalb der Richtlinienverfahren der tiefenpsychologisch fundierten und analytischen Psychotherapie (Rudolf, 2020). Gleichzeitig bietet sie Behandlungsprinzipien, die auch in anderen Richtlinienverfahren und Interventionsbereichen anwendbar sind. Die Strukturbezogene Psychotherapie hat in der psychotherapeutischen Versorgungslandschaft eine hohe Verbreitung und Akzeptanz, was sich unter anderem in der expliziten Erwähnung im Faber-Haarstrick-Kommentar zu den Psychotherapierichtlinien zeigt (Dieckmann et al., 2020, S. 40). Der Vergleich einer strukturbezogenen Herangehensweise mit einer motiv- und handlungsorientierten Perspektive findet sich beispielhaft in Tabelle 2. Motivorientiert meint hierbei eine klassisch konfliktorientierte psychodynamische Haltung, während handlungsorientiert die Haltung in der klassischen Verhaltenstherapie widerspiegeln soll.

Phänomen

Ausgeprägte, überwältigende Angst

Motivorientiert

Handlungsorientiert

Strukturbezogen

Grundidee

Die Angst wird durch eine nicht bewusste Bedeutung/Funktion verstärkt oder aufrechterhalten

Die Angst wird durch Vermeidung oder anderes Verhalten verstärkt oder aufrechterhalten

Die ausgeprägte Angst erfolgt aus einer akuten oder anhaltenden Überforderung basaler psychischer Fähigkeiten

Ziele

Ergründen der Angst: Bedeutung, Kompromiss, Funktion etc. (grundlegende Kompetenz voraussetzen)

Strategien zum Bewältigen von Gefühlen oder zur Veränderung der Bewertung (grundlegende Kompetenz voraussetzen)

Verbesserung von Fähigkeiten der Affektwahrnehmung, Impulssteuerung und dem Nutzen von Introjekten (grundlegende Kompetenz nicht voraussetzen)

Was tun?

Raum geben, Ambivalenz fokussieren, Spannung zulassen/nutzen

Strategien üben lassen, Üben fordern und fördern

Eine psychologische Begriffssprache entwickeln, Kompetenzen erarbeiten, Hilfs-Ich-Funktionen übernehmen

Was nicht tun?

Zu sehr an die Hand nehmen, leiten, dominieren

Arbeit abnehmen, vermeiden

Patient*innen mit ihrer Innenwelt alleine lassen, nach unbewussten Motiven suchen, überfordern

Beispielintervention

Herausarbeiten von unausgesprochenen Wünschen, Befürchtungen und zugehörigen Hemmungen; Verknüpfung von Ängsten mit diesen Lebensthemen

Expositionstraining in sensu; Entspannungsverfahren

Klarifizierendes Nachfragen; Unterstützen beim Finden von Bildern, Metaphern und Begriffen für innere Zustände; gemeinsames Ordnen von Affektzuständen; Atemtechniken und Imaginationsübungen

Tabelle 2: Therapeutisch-psychoonkologisches Vorgehen im Vergleich am Beispiel von überwältigender Angst aus unterschiedlichen therapeutischen Perspektiven

Phänomen

Ausgeprägte, überwältigende Angst

Motivorientiert

Handlungsorientiert

Strukturbezogen

Grundidee

Die Angst wird durch eine nicht bewusste Bedeutung/Funktion verstärkt oder aufrechterhalten

Die Angst wird durch Vermeidung oder anderes Verhalten verstärkt oder aufrechterhalten

Die ausgeprägte Angst erfolgt aus einer akuten oder anhaltenden Überforderung basaler psychischer Fähigkeiten

Ziele

Ergründen der Angst: Bedeutung, Kompromiss, Funktion etc. (grundlegende Kompetenz voraussetzen)

Strategien zum Bewältigen von Gefühlen oder zur Veränderung der Bewertung (grundlegende Kompetenz voraussetzen)

Verbesserung von Fähigkeiten der Affektwahrnehmung, Impulssteuerung und dem Nutzen von Introjekten (grundlegende Kompetenz nicht voraussetzen)

Was tun?

Raum geben, Ambivalenz fokussieren, Spannung zulassen/nutzen

Strategien üben lassen, Üben fordern und fördern

Eine psychologische Begriffssprache entwickeln, Kompetenzen erarbeiten, Hilfs-Ich-Funktionen übernehmen

Was nicht tun?

Zu sehr an die Hand nehmen, leiten, dominieren

Arbeit abnehmen, vermeiden

Patient*innen mit ihrer Innenwelt alleine lassen, nach unbewussten Motiven suchen, überfordern

Beispielintervention

Herausarbeiten von unausgesprochenen Wünschen, Befürchtungen und zugehörigen Hemmungen; Verknüpfung von Ängsten mit diesen Lebensthemen

Expositionstraining in sensu; Entspannungsverfahren

Klarifizierendes Nachfragen; Unterstützen beim Finden von Bildern, Metaphern und Begriffen für innere Zustände; gemeinsames Ordnen von Affektzuständen; Atemtechniken und Imaginationsübungen

Tabelle 2: Therapeutisch-psychoonkologisches Vorgehen im Vergleich am Beispiel von überwältigender Angst aus unterschiedlichen therapeutischen Perspektiven

Das Krankheitsmodell der Strukturbezogenen Psychotherapie fußt auf einem Defizitmodell struktureller Störungen: Hier wird davon ausgegangen, dass Patient*innen basale psychische Fertigkeiten in Bezug auf Wahrnehmung, Regulation, Kontaktgestaltung und Beziehungsgestaltung in Bezug auf sich selbst und andere sowie diesem Handwerkszeug zugeordnete Möglichkeiten nicht entwickeln konnten. Somit stellen die strukturellen Defizite für sich selbst das dar, was in der Psychotherapie verändert werden soll. Hier geht es also nicht so sehr um eine unbewusste Motivation, wie etwa einem gleichzeitig auftretenden Lebensthema oder Wunsch und seiner Vermeidung („Abwehr“), sondern um eine „Handwerkzeugstörung“ (Ehrenthal, 2017, S. 274). Die Behandlung fokussiert auf das Nachreifen struktureller Funktionen sowie auf einen bewältigenden Umgang mit dem, was lebensgeschichtlich nicht erworben werden konnte und möglicherweise auch langfristig einschränkend wirksam bleibt. Behandlungsziele bei klassischer strukturbezogener Indikationsstellung sind dementsprechend, die eingeschränkten strukturellen Fertigkeiten zu markieren und in ihren Mustern, auch im Beziehungskontext, sichtbar zu machen, den Zugang zu sich selbst und den anderen realistischer, reichhaltiger und freundlicher zu gestalten sowie spezifisch an einzelnen nicht genügend ausgeprägten persönlichkeitsstrukturellen Fähigkeiten zu arbeiten (Rudolf, 2014). Hier handelt es sich oftmals um Kompetenzen, die auch für den Umgang mit Krebserkrankungen zentral sind.

Klassischerweise wird die Strukturbezogene Psychotherapie zur Behandlung von Menschen eingesetzt, bei denen strukturelle Störungen der Persönlichkeitsfunktion vorliegen. Hier wird, psychodynamisch formuliert, im Gegensatz zur konfliktorientierten Behandlung üblicherweise auf eine regressionsfördernde und bedeutungsgebende Vorgehensweise verzichtet, auch wenn dynamische Muster der Beziehungsgestaltung immer mitgedacht werden. Die therapeutische Arbeitsbeziehung wird zwar als Lernraum auch in Bezug auf sich selbst und Beziehungen verstanden. Allerdings geht es nicht darum, eine „Übertragungsneurose“ auf Psychotherapeut*innen zu befördern und diese dann durchzuarbeiten, sondern um beispielhaftes soziales Lernen und dessen Markierung und Nutzen. Insgesamt folgt die Strukturbezogene Therapie damit einem Krankheitsmodell „Struktur“ und nutzt primär strukturaufbauende, entwicklungsfördernde Interventionsstrategien, die das Ziel haben, strukturelle Fähigkeiten zu verbessern (vgl. Ehrenthal, 2017, Abb. 1). Dies kann Behandler*innen und auch somatischen Behandlungsteams helfen, mitunter als herausfordernd erlebtes Verhalten von Patient*innen nicht als intentional gegen sich selbst als Person oder Institution gerichtet zu verstehen, sondern vor dem Hintergrund von nicht ausgebildeten Persönlichkeitsfunktionen einzuordnen: Es geht nicht darum, dass die Patient*innen nicht „wollen“, sondern dass sie in einer spezifischen Weise nicht „können“.

Strukturbezogene Psychotherapie ist eine prinzipienorientierte Behandlungsmethode. Das bedeutet, dass sie seltener spezifische Techniken vorgibt, sondern auf der Basis übergeordneter Konzepte und Prinzipien jeweilige Haltungen und Strategien vorschlägt, welche dann Interventionen und Techniken bestimmen. Das ermöglicht eine hohe Flexibilität und Individualisierung sowohl in Bezug auf die Bedürfnisse der Patient*innen als auch die Rahmenbedingungen und grundständige therapeutische Ausbildung der Psychotherapeut*innen. Zentrale Prinzipien der Strukturbezogenen Psychotherapie sind eine Hierarchisierung der Bearbeitung von Struktur- vor der Arbeit an motivationalen Konfliktthemen, eine generelle Entwicklungsorientierung sowie ein aktives, auf strukturelle Fertigkeiten fokussiertes Vorgehen im Kontext einer beelternden Beziehungsfigur. Daraus ergeben sich verschiedene interpersonelle Haltungen und Positionen, die strukturbezogene Psychotherapeut*innen einnehmen können: Sie können sich „hinter“ die Patient*innen stellen, damit gleichsam die Welt durch ihre Augen sehen und aus dieser Position heraus unter anderem Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung stärken. Ebenso können sie sich „neben“ die Patient*innen stellen und gemeinsam auf etwas Drittes schauen, dabei zum Beispiel helfen, Wahrnehmungen zu sortieren oder Pläne zu entwickeln und die Fähigkeit der Wahrnehmung der anderen zu unterstützen. Auch die Position, sich den Patient*innen „gegenüber“ zu stellen, ist möglich, mit einer interaktionellen Förderung des Erlebens von Alterität, Regulationsfähigkeit und Beziehungskompetenz. Eine vierte Position wäre, Patient*innen im weiteren Sinne „voraus“zugehen, also zu antizipieren, auf welche Herausforderungen des Lebens sich vorzubereiten wäre. Hieraus entstehen spezifische therapeutische Aufgaben, die an anderer Stelle beschrieben werden (Ehrenthal & Grande, 2014).

Im konkreten Vorgehen folgt die Strukturbezogene Psychotherapie auf Sitzungsebene einer basalen Sequenz von vier Schritten (Ehrenthal & Dinger, 2019). Zunächst wird betrachtet, was immer wieder passiert, und dies in Worte gefasst. Hier liegt der Fokus auf dem Ablauf, also darauf, wie etwas vonstattengeht oder auch scheitert, nicht so sehr auf einer Verbindung zu persönlichen Motiven und deren Abwehr bzw. Vermeidung. Im nächsten Schritt steht im Fokus, zu prüfen, welches strukturelle Handwerkszeug den Patient*innen fehlt, um den Umgang mit sich oder der Außenwelt anders zu gestalten. Der dritte Schritt zielt ab auf das Schaffen der für die Patient*innen erforderlichen Rahmenbedingungen, um an den in den Fokus genommenen strukturellen Fähigkeiten arbeiten zu können. Und zu guter Letzt werden spezifische Beziehungsangebote oder auch Interventionsstrategien, die auch einen experimentellen oder übenden Charakter haben können, umgesetzt. Therapeutische Techniken sind an dieser Stelle weniger in limitierender Weise vorgegeben, sondern ergeben sich kreativ entlang der genannten Behandlungsprinzipien aus einer personalisierten, fokusorientierten und kollaborativen Behandlungsplanung. Weiterführende Beispiele für Interventionen finden sich zum Beispiel bei Rudolf (2020), für strukturbezogene Behandlungsziele und Beispielfragen zur Diagnostik bei Ehrenthal und Dinger (2019, Abb. 2).

Neben dem klassischen Indikationsspektrum der Veränderung struktureller Defizite bei Patient*innen mit Persönlichkeitsfunktionsstörungen kann die strukturbezogene Methode jedoch auch bei anderen Störungen oder Störungsmodellen eingesetzt werden. So ist etwa im Kontext von Fokalpsychotherapie mitunter das Stärken struktureller Fertigkeiten eine Voraussetzung, um in einem zeitlich begrenzten Rahmen andere Themen überhaupt bearbeiten zu können. Auch kann der Zugriff auf strukturelle Fähigkeiten zum Beispiel durch außergewöhnliche Anforderungen, Lebensereignisse oder auch Erkrankungen temporär eingeschränkt sein, was auch bei schweren körperlichen Erkrankungen wichtig ist. Zudem ist der Blick auf strukturelle Fähigkeiten der Persönlichkeitsfunktion bidirektional zu verstehen: Einerseits bildet Strukturdiagnostik Einschränkungen von basalen psychologischen Fähigkeiten ab, andererseits aber auch vorhandene Kompetenzbereiche, die Menschen insgesamt in ihrem Leben brauchen. All diese Aspekte prädestinieren strukturbezogene Ansätze dafür, in der Psychoonkologie verwendet zu werden.


Potenzial einer strukturbezogenen Perspektive in der Psychoonkologie

Im Gegensatz zur Richtlinienpsychotherapie hat eine psychoonkologische Begleitung häufig stark supportive Schwerpunkte und zielt auf Krankheitsverarbeitung ab, und das aus gutem Grund. In der psychologischen Behandlungs- oder Begleitungssituation spielen selbstverständlich auch persönliche Lebensthemen und zugehörige motivationale Unsicherheiten eine wichtige Rolle, auch für die Behandlungsplanung (Philipp et al., 2024). Die Strukturbezogene Psychotherapie kann jedoch wichtige ergänzende Impulse für Behandlungsplanung, Zielsetzung und therapeutische Grundhaltung in der psychoonkologischen Behandlung und Begleitung beitragen, und zwar für Krebspatient*innen sowohl mit strukturellen Störungen der Persönlichkeitsfunktion als auch ohne solche Einschränkungen, wie in den folgenden Abschnitten und Beispielen gezeigt werden soll.[1]


Strukturbezogenes Arbeiten in der Psychoonkologie

Strukturbezogene Ansätze können in der psychoonkologischen Arbeit in mindestens fünf Bereichen hilfreich sein:

1. Krebserkrankungen als Herausforderung für strukturelle Fähigkeiten verstehen

Krebspatient*innen sind oftmals mit massiven Anforderungen an die eigenen Bewältigungsfähigkeiten konfrontiert. Wie bereits zu Beginn beschrieben, stellen strukturelle Fähigkeiten der Persönlichkeit eine der basalsten Ebenen der Beschreibung von Psychopathologie (Kerber et al., 2024) und im Umkehrschluss Ressourcen dar. Diese können sowohl im Rahmen von Diathese-Stress-Modellen ein Schwellenmodell bereitstellen, das Reaktionen auf Belastungen im Kontext von Krebserkrankungen verstehbar macht. Auf der anderen Seite können so Bereiche, die für alle Krebspatient*innen wichtig sein können, in ein etabliertes Rahmenmodell integriert werden: Es beinhaltet zum Beispiel die Fähigkeit, sich vor Untersuchungen, Eingriffen oder belastenden Gesprächen selbst zu beruhigen (Adeberg et al., 2021), positive innere Beziehungserfahrungen (Introjekte) zu nutzen, um sich fürsorglich zu begegnen, Fantasien, Hoffnungen und innere Bilder zu einem positiven Ausgang der Behandlung oder Erkrankung zu entwerfen, eigene Affekte und Impulse differenziert wahrzunehmen und mit Angehörigen zu besprechen, Hilfe annehmen zu können, Vertrauen zu Behandler*innen aufzubauen sowie für eigene Interessen einzustehen und gleichzeitig die Beziehung zu Angehörigen und dem medizinischen Personal zu schützen. In palliativen Situationen geht es aus strukturbezogener Perspektive auch darum, im Trauer- und Abschiedsprozess Bindungen zu intensivieren sowie sich auch aus diesen zu lösen.

2. Strukturdiagnostik für eine individuelle Bedarfseinschätzung nutzen

Angst, Depressivität und Distress haben sich als Marker von akuter Belastung bei Krebserkrankungen sehr gut bewährt. Sie können jedoch ohne zusätzliche Informationen, gerade zu strukturellen Fähigkeiten, mitunter den tatsächlichen Unterstützungsbedarf nicht ausreichend abbilden. Angelehnt an Ehrenthal und Dinger (2019) ist bei gut integrierten strukturellen Fähigkeiten eher davon auszugehen, dass Patient*innen über ein hohes Maß an Fähigkeiten zur Bewältigung und Gestaltung verfügen, sodass eine Begleitung oftmals darauf abzielt, diese so gut wie möglich zu reaktivieren. Transparenz und gemeinsame Behandlungsplanung helfen, Reaktanz zu reduzieren. Klinisch sollte jedoch auch daran gedacht werden, diese Menschen in ihrem individuellen Leid nicht zu übersehen, da sie oft als eher „einfache“ Patient*innen erlebt werden. Beim mäßig integriertem Strukturniveau verbinden sich bei insgesamt ausreichend vorhandenen basalen psychischen Fähigkeiten vorbestehende motivationale Unsicherheiten (innere „Konflikte“) um Lebensthemen, zum Beispiel bezüglich Nähe und Distanz, Kontrolle, Versorgung, Selbstwert, Schuld und unterschiedliche Identitätsthemen, in einer besonderen Weise. Klinisch imponiert, wie übliche Herausforderungen der Krebserkrankung zu besonders ausgeprägten Reaktionen führen oder in einer Weise nicht bewältigt werden können, die vor allem vor dem Hintergrund der aktivierten Konfliktthemen verständlich werden. So kann etwa der Umgang mit Behandlungsangeboten durch stark ausgeprägte Ängste, sich abhängig und ausgeliefert zu fühlen, erschwert werden, oder aber durch die Befürchtung geprägt sein, dass sich, wenn man nicht mehr funktionieren kann, alle wichtigen Menschen, auch die Behandler*innen, ganz abwenden. In der Behandlung und Beratung sollte insbesondere darauf geachtet werden, wo wichtige Aspekte aufgrund der spezifischen Aktivierung von Lebensthemen vermieden werden, um dann gemeinsam und bewusst zu entscheiden, ob dies Gegenstand der Gespräche werden soll – oder sogar muss, falls sie etwa eine wichtige Behandlungsentscheidung behindern. Bei gering integriertem Persönlichkeitsfunktionsniveau zeigen sich oft Phänomene einer deutlichen Untersteuerung, was sich etwa in Impulsdurchbrüchen, ausgeprägten interpersonellen Schwierigkeiten und einer merklichen generellen Überforderung bezüglich gesundheitsförderlichen Verhaltens, auch von regelmäßigen Untersuchungen, zeigt. Das eigene Selbst wird als bedürftig, kränkbar und ungenügend, andere Menschen werden tendenziell als böse oder verfolgend erlebt. Behandler*innen sollten hier diese Schwierigkeiten vor dem Hintergrund verstehen, dass den Patient*innen tatsächlich Fähigkeiten fehlen, die diesen auch mit Anstrengung nicht zur Verfügung stehen. Die therapeutische Haltung sollte von einem Gefühl der Beelterung und Aktivität geprägt sein, die auch immer die Lebensrealität der Patient*innen im Blick behält, was etwa das frühe Hinzuziehen eines Sozialdienstes, Jugendamtes oder Ähnlichem bedeuten kann. Im desintegrierten Persönlichkeitsfunktionsniveau fallen ausgeprägte Beeinträchtigungen in fast allen Bereichen der Lebensgestaltung und sozialer Beziehungen auf, eine eigenständige, kontinuierliche Gesundheitsgestaltung ist kaum noch möglich. Hier ist eine frühe Aktivierung oder ein Aufbau von Netzwerken unter Einbezug von Psychosomatik, Psychiatrie, Sozialarbeit und bei Bedarf auch Betreuungspersonen so gut wie immer vonnöten. Eine Bedarfseinschätzung vor dem Hintergrund des Strukturniveaus der Persönlichkeit kann auch im Kontext von multidisziplinären Tumorboards und Supervisionsprozessen von Behandlungsteams hilfreich werden.

3. Strukturdiagnostik für eine individualisierte Behandlungsplanung nutzen

Eine zentrale Annahme von Strukturkonzepten ist, dass das Persönlichkeitsfunktionsniveau ein latentes Konstrukt darstellt, das sich in unterschiedlichen Fähigkeitsbereichen zeigen kann. Die Strukturbezogene Psychotherapie versteht eine zentrale Aufgabe von Strukturdiagnostik darin, relevante Fertigkeitsbereiche in einer Weise zu definieren, dass sie direkte Interventionsziele darstellen können (Ehrenthal & Dinger, 2019). Dabei ist eine Leitfrage, welche strukturellen Fähigkeiten eine Person bräuchte, um relevante Aufgaben besser bewältigen zu können. So könnte bei einer Patientin das Erleben von massiver Überwältigung damit zusammenhängen, dass sie nicht ausreichend gut in der Lage ist, wahrzunehmen, welche Affekte sie gerade erlebt, sodass diese auch nicht handlungsleitend werden können. Hier könnten Affektwahrnehmung und Affektdifferenzierung einen ersten Behandlungsfokus darstellen. Ein anderer Patient wiederum ist möglicherweise einem Behandlungsangebot gegenüber sehr skeptisch, weil es ihm schwerfällt, die Intentionen anderer Personen realitätsgerecht wahrzunehmen, und er sich nicht vorstellen kann, dass andere ihm gegenüber freundlich gesinnt sein könnten. Hier könnten Interventionsziele in der Objektwahrnehmung und im angemessenen Annehmen von Hilfe und Vertrauen liegen. Gerade in der Psychoonkologie ist es wichtig, die Behandlungsplanung bezüglich persönlichkeitsstruktureller Fertigkeiten dahingehend zu hierarchisieren, dass Bereiche, die für den unmittelbaren Bedarf im Kontext der aktuellen Diagnostik- und Behandlungssituation besonders wichtig sind, priorisiert werden und Ziele bezüglich ihrer anzustrebenden Zeitperspektive in „kurz-“, „mittel-“ und „längerfristig“ unterteilt werden.

4. Fokale strukturbezogene Behandlungsstrategien bei onkologischen Patient*innen ohne strukturelle Störungen der Persönlichkeitsfunktionen entwickeln

Ursprünglich wurde die Strukturbezogene Therapie für den Bereich der Persönlichkeitsstörungen und komplexen Traumafolgestörungen entwickelt. Gerade unter Bedingungen einer akuten Behandlungssituation oder krankheitsbezogener existenzieller Themen jedoch haben sich strukturbezogene therapeutische Haltungen auch im Bereich der Behandlung schwerwiegender somatischer Erkrankungen bewährt. Hier geht es nicht darum, andere mögliche Betrachtungsweisen aus der psychodynamischen Konflikttheorie, den kognitiv-behavioralen Schulen oder der systemischen Perspektive für das Verständnis eines Menschen zu vernachlässigen, wohl jedoch um die Möglichkeit, das therapeutische Handeln strukturbezogen anzupassen. Eine kurzfristige Stabilisierung, die es ermöglicht, notwendige onkologische Behandlungsschritte zu unternehmen, kann hier wichtiger sein als ein tiefes Verständnis der eigenen Persönlichkeit oder das Auflösen von irrationalen Überzeugungen. Ein Paar durch strukturstabilisierende Interventionsstrategien in die Lage zu versetzen, die verbleibende Zeit miteinander besser zu gestalten und Abschied voneinander zu nehmen, kann mitunter angemessener sein, als zu versuchen, Struktur, Dynamik und Attraktoren des zugehörigen Familiensystems zu begreifen. Eine ausgeprägte Versorgungsthematik muss nicht immer aufgedeckt werden, wenn die betroffene Person stattdessen darin unterstützt wird, Ärzt*innen und Pflegeteams gegenüber aktuelle Bedürfnisse zu äußern, was man auch als „Konfliktdynamisch verstehen – strukturbezogen handeln!“ beschreiben könnte.

5. Strukturbezogene Psychotherapie bei onkologischen Patient*innen mit strukturellen Störungen der Persönlichkeitsfunktionen durchführen

Hier können bestehende Manuale und Perspektiven (z. B. Ehrenthal & Grande, 2014; Rudolf, 2020) wie weiter oben skizziert verwendet und an die besondere Situation onkologischer Patient*innen angepasst werden. Wünschenswert für die strukturbezogene Behandlung von onkologischen Patient*innen mit Persönlichkeitsfunktionsstörungen ist, neben der Erlangung der notwendigen Kompetenzen zur Förderung struktureller Fähigkeiten, eine parallele psychoonkologische Qualifizierung mit dem speziellen erfahrungsbasierten Wissen um die spezifischen Dynamiken bei Krebspatient*innen. Insbesondere sollten etwa existenzielle Themen von Tod und Unsicherheit berücksichtigt werden sowie die Herausforderungen akuter Behandlungen, inklusive der Auswirkung von Medikation, langfristiger Lebensstiländerungen sowie die Bedeutung von Kontrolluntersuchungen. Eine sektorenübergreifende Versorgung sollte durch proaktiven Austausch mit anderen involvierten Berufsgruppen und Einrichtungen gewährleistet werden. Selbstverständlich gibt es viele Möglichkeiten, therapeutisch mit strukturellen Defiziten umzugehen (Ehrenthal, 2024); die Strukturbezogene Psychotherapie lässt sich jedoch gut auf den jeweiligen Kontext skalieren – vom Konsilgespräch bis hin zur ambulanten Langzeittherapie.


Ausblick

Strukturbezogene Ansätze können die psychoonkologische Arbeit um eine wichtige Perspektive ergänzen: erstens mit Fokus auf ein kohärentes beschreibendes Modell basaler psychischer Fähigkeiten und deren Einschränkungen, das über Angst, Depression und Distress hinausgeht, zweitens in der individuellen Bedarfseinschätzung und Behandlungsplanung und drittens als erprobte, aktive und skalierbare Methode, die durch spezifische beelternde Haltungen und Fokusbereiche Psychotherapeut*innen unterschiedlicher Schulen helfen kann, auch Patient*innen mit Anteilen struktureller Störungen der Persönlichkeitsfunktionen eine angemessene Begleitung und Behandlung zu ermöglichen. Zudem kann das Konzept somatisch-onkologischen Teams helfen, auch bei als möglicherweise besonders „schwierig“ erlebten Fällen die betreffenden Patient*innen optimal zu behandeln. Während sich das Konzept in der Praxis bewährt hat, ist einerseits vertiefende Forschung nötig, andererseits eine weitere Verzahnung mit psychoonkologischen Konzepten und Curricula.


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Karl Haller
Dr. Karl Haller
Korrespondenzanschrift:
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie
Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin
13353 Berlinkarl
mail icon karl.haller@charite.de

Dr. Karl Haller ist Psychologischer Psychotherapeut, Psychoonkologe, Gastwissenschaftler an der Medizinischen Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Campus Virchow-Klinikum der Charité sowie Ambulanzleiter am Institut für Psychologische Psychotherapie und Beratung (ppt). Er forscht zu den Themen psychoonkologische Interventionen, Adhärenz bei körperlichen Erkrankungen, strukturellen Störungen der Persönlichkeitsfunktion sowie historische und konzeptuelle Entwicklungen der Psychotherapie.

Ulrike Dinger
Prof. Dr. Ulrike Dinger
mail icon ulrike.dinger-ehrenthal@med.uni-duesseldorf.de

Prof. Dr. Ulrike Dinger ist Psychologin und Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie lehrt Psychosomatische Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und leitet parallel die Abteilung für Psychosomatische Medizin am LVR Klinikum Düsseldorf und das Klinische Institut für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Düsseldorf, das auch die psychoonkologische Betreuung für das Centrum für Integrierte Onkologie – Düsseldorf gewährleistet. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt die Psychotherapie bei Depression und Persönlichkeitsstörungen inklusive der Behandlung von Menschen mit schwerwiegenden körperlichen und onkologischen Erkrankungen.

Johannes C. Ehrenthal
Jun.-Prof. Dr. Johannes C. Ehrenthal
mail icon johannes.ehrenthal@uni-koeln.de

Jun.-Prof. Dr. Johannes Ehrenthal ist als Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut Professor für Klinische Psychologie und empirisch-quantitative Tiefenpsychologie an der Universität zu Köln. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen in der Diagnostik und Behandlung struktureller Störungen der Persönlichkeitsfunktion und komplexer Traumafolgestörungen, der klinischen Bindungsforschung sowie der Kompetenzentwicklung in der Psychotherapie.

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Haller, K., Dinger, U. & Ehrenthal, J. C. (2025). Strukturbezogenes Arbeiten in der Psychoonkologie: Strukturdiagnostik und Strukturbezogene Psychotherapie in der psychosozialen Versorgung onkologischer Patient*innen. Psychotherapeutenjournal, 24(4), 340–348. https://doi.org/10.61062/ptj202504.001