Familienplanung und Elternschaft
Herausforderungen und Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Störungen
Family Planning and Parenthood
Challenges and Needs of Individuals with Mental Disorders
verfasst von: Doris Erbe, Christine Knaevelsrud, Anne Jahnke, Sarah Schumacher & Silvia Krumm
Abstract
Zusammenfassung: Viele Personen mit psychischen Störungen sind Eltern oder haben einen Kinderwunsch, sehen sich jedoch häufig mit Stigmatisierung und negativen Stereotypen konfrontiert, die ihre Entscheidungsfindung erschweren. Zudem treten ungeplante Schwangerschaften bei Menschen mit psychischen Störungen gehäuft auf. Diese wichtigen Themen werden in der psychotherapeutischen Praxis oft unzureichend behandelt. Aktuelle Studien verdeutlichen, dass viele Patient*innen eine umfassende Unterstützung wünschen und den Austausch über Themen wie Sexualität, Partnerschaft, Kinderwunsch und Elternschaft als hilfreich empfinden. Der vorliegende Artikel zeigt bisherige wissenschaftliche Befunde auf und bietet praktische Empfehlungen zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung.
Summary: Many individuals with mental disorders are parents or wish to become parents, yet they often face stigmatization and negative stereotypes that complicate their decision-making processes. Additionally, unplanned pregnancies are more common among people with mental disorders. These important issues are often inadequately addressed in psychotherapeutic practice. Recent studies highlight that many patients desire comprehensive support and find discussions about topics such as sexuality, partnership, family planning, and parenthood beneficial. This article presents existing scientific findings and offers practical recommendations for improving psychotherapeutic care.
Einleitung
Eine 19-jährige Patientin befindet sich in psychotherapeutischer Behandlung einer mittelgradigen depressiven Episode und einer instabilen Persönlichkeitsakzentuierung. Aktuell bemüht sie sich, ihr Abitur nachzuholen. Sie lebt nach mehreren dysfunktionalen und instabilen Beziehungen nun in einer stabilen Partnerschaft mit einem gleichaltrigen jungen Mann. Während einer Sitzung äußert sie aufgeregt die Sorge, schwanger zu sein, da sie die Pille nicht vertrage und auf weniger zuverlässige Verhütungsmethoden zurückgreife. In der darauffolgenden Sitzung berichtet sie, ihre Periode bekommen zu haben, bedauert jedoch, nicht versehentlich schwanger geworden zu sein – in einer Schwangerschaft hätte sie das Gefühl, dass ihr Freund sie nicht verlassen könnte.
Dieses Fallbeispiel verdeutlicht die Bedeutung der Familienplanung in der Psychotherapie, einem Bereich mit erheblichen Forschungslücken (Schonewille, 2024).
Diese Lücken sind problematisch, insbesondere angesichts der hohen Relevanz des Themas (Krumm, 2012; Krumm & Badura-Lotter, 2015). Für Personen mit psychischen Störungen ergeben sich bei der Familienplanung vielfältige Fragen zum Zusammenhang zwischen Elternschaft und psychischer Gesundheit. Psychische Störungen der Eltern gelten allgemein als Risikofaktor für Kinder (Zietlow & Krumpholtz, 2024). In Bezug auf die entgegengesetzte Wirkungsrichtung, also die Auswirkungen von Elternschaft auf Personen mit psychischen Störungen, ist die Studienlage jedoch weniger klar. Einige Studien legen nahe, dass Vaterschaft vor psychischen Störungen schützt (Mckenzie & Carter, 2013), während bei ungeplanten Schwangerschaften das Gegenteil beobachtet wurde (Smith et al., 2023). Besonders wenig ist über die Entscheidungsprozesse wie Kinderwunsch, Partnerwahl und Verhütungsverhalten bekannt. Darüber hinaus bestehen für Betroffene von psychischen Störungen erhebliche Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf Planbarkeit bzw. Gewolltheit von Schwangerschaften, die Auswirkungen psychischer Störungen auf Elternschaftsentscheidungen, die potenziellen Folgen psychischer Erkrankungen der Eltern auf ihre Kinder sowie die gesellschaftliche Stigmatisierung betroffener Eltern. Auf diese Themen wird in diesem Artikel zunächst eingegangen, gefolgt von Ergebnissen aktueller Studien, einem Praxisbeispiel sowie Handlungsempfehlungen für die Psychotherapie.
Ungeplante Schwangerschaften
Ungeplante Schwangerschaften umfassen sowohl unerwünschte Schwangerschaften („unwanted“) als auch gewünschte, jedoch zu früh eingetretene Schwangerschaften („mistimed“) (Helfferich et al., 2021). Eine bislang fehlende Kategorisierung betrifft die Frage, ob die Schwangerschaft mit dem gewünschten Partner zustande kam und ob mit diesem über gemeinsame Kinder gesprochen wurde, wie etwa im London Measure of Unplanned Pregnancy erfasst (Hall et al., 2017). Solch eine Einschätzung könnte speziell für Personen mit psychischen Störungen von Bedeutung sein, da hier partnerschaftliche Unterstützung besonders wichtig ist und psychische Erkrankungen umgekehrt die Stabilität von Partnerschaften beeinträchtigen können (Bünnings et al., 2021). Frauen mit psychischen Störungen haben ein erhöhtes Risiko für ungeplante Schwangerschaften. Besonders betroffen sind Frauen mit Depressionen, ADHS, Persönlichkeitsstörungen und/oder Substanzmissbrauch, die signifikant höhere Wahrscheinlichkeiten unerwarteter Schwangerschaften zeigen (Krumm et al., 2025; Owens & Hinshaw, 2020; Schonewille et al., 2023). Dies könnte teilweise auf inkonsistentes Verhütungsverhalten (Kremer et al., 2024) oder andere riskante sexuelle Verhaltensweisen zurückzuführen sein (Hertz et al., 2022). Ungeplante Geburten stellen einen Risikofaktor für die psychische Gesundheit sowohl der Kinder (Boden et al., 2015) als auch der Eltern (Abajobir et al., 2016; Maximova & Quesnel-Vallée, 2009) dar. Sie sind unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburten und niedriges Geburtsgewicht (Shah et al., 2011), reduzierten Stillraten (Lindberg et al., 2015) sowie einer schlechteren Eltern-Kind-Beziehung (Nelson & O’Brien, 2012) verbunden. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko für körperliche Misshandlung ungeplanter Kinder (Goto et al., 2005) sowie allgemein schlechtere Gesundheit und Entwicklung, darunter vermehrtes aggressives Verhalten (Crissey, 2005). Auch das Risiko für postpartale Depressionen ist nach ungeplanten Schwangerschaften erhöht (Abbasi et al., 2013). Die Prävention ungeplanter Schwangerschaften ist also von zentraler Bedeutung für die Gesundheit und Lebensqualität der Betroffenen sowie ihrer potenziellen Kinder. Die thematische Auseinandersetzung in der Psychotherapie, insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS, Depressionen und Substanzmissbrauch, bietet somit erhebliches Potenzial zur Vorbeugung zukünftiger psychischer Probleme und Krisen.
Elternschaftsentscheidungen
Es ist zu erwarten, dass die weitreichenden Auswirkungen psychischer Störungen auf das Erleben und Verhalten der Betroffenen auch das Familienplanungsverhalten beeinflussen. Dabei sind Faktoren wie persönliche Ziele, Werte, Wünsche und Lebensplanung von Bedeutung. Psychische Störungen könnten beispielsweise die Angst vor Überforderung, Stigmatisierung und sozialem Abstieg im Zusammenhang mit der Elternschaft verstärken. Generell erschweren die Symptome einer psychischen Störung die Entscheidungsfindung erheblich (Baumann et al., 2014), was auch bei Fragen der Familienplanung gilt. So berichten kinderlose Personen im gebärfähigen Alter mit depressiven Symptomen von stärker ausgeprägten Befürchtungen und weniger positiven Erwartungen bezüglich der Familiengründung als Personen ohne depressive Symptomatik (Erbe & Preetz, 2022). Zudem zeigen Menschen mit Depressionen oft andere Entscheidungsstile als nicht Betroffene: Sie tendieren eher dazu, Entscheidungen aufzuschieben, und betrachten die Familiengründung seltener als selbstverständlich (Lehnert et al., 2025). Für Eltern ist bekannt, dass Depressivität mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit assoziiert ist, die Entscheidung für die Elternschaft zu bereuen (Erbe et al., 2025b). Auch ist vorstellbar, dass Personen mit psychischen Störungen aufgrund eingeschränkter psychosozialer Ressourcen die Familiengründung als Möglichkeit der Anerkennung betrachten – ein Traum, der jedoch fragil sein kann, wie bereits für Frauen in unsicheren Lebensverhältnissen beschrieben (Weckemann, 2014). Einige Frauen mit psychischen Störungen äußern den Wunsch, eigene traumatische Kindheitserfahrungen zu überwinden, indem sie eine eigene glückliche Familie gründen (Ahmad et al., 2024). Auch der Wunsch nach Normalität und einem konventionellen Lebensverlauf kann eine Rolle spielen (Portugaly, 2022).
Der Umgang mit einem Kinderwunsch im Kontext einer psychischen Erkrankung kann sich als Dilemma zwischen der Berücksichtigung eigener und antizipierter kindlicher Bedürfnisse einerseits und biografischer Planungsnotwendigkeit bei krankheitsbezogen eingeschränkter Planungsmöglichkeit andererseits darstellen (Krumm, 2010). Eine besondere Bedeutung in der Auseinandersetzung mit einem Kinderwunsch nimmt dabei das Thema Medikation ein. Zwar existieren medizinische Leitlinien und spezialisierte Beratungsangebote zur Anpassung der Medikation bei einem Kinderwunsch. Dennoch erleben viele betroffene Frauen ihren Wunsch nach Mutterschaft als schwer vereinbar mit einer notwendigen Medikation – häufig entsteht das Gefühl eines unauflösbaren Konflikts. Hinzu kommen Stigmatisierungserfahrungen, die es erschweren, den Kinderwunsch im professionellen Kontext offen zu thematisieren (Krumm et al., 2010). Neben einer zielgerichteten Aufklärung zu Psychopharmaka erscheint ein umfassendes Verständnis für die Bedeutung eines Kinderwunschs im Kontext einer psychischen Erkrankung als grundlegende Voraussetzung für die Weiterbildung psychiatrischer Fachkräfte im Umgang mit Aspekten der reproduktiven Gesundheit (Checchia et al., 2016). In der Psychotherapie gilt es insbesondere, die Auswirkungen der psychischen Störung auf Kinderwunschmotive und Elternschaftsentscheidungen zu explorieren und potenziell dysfunktionale Denk- und Verhaltensweisen (z. B. inkonsistentes Verhütungsverhalten, Betrachtung eines eigenen Kindes als Beziehungsstabilisator, Selbstwertstütze oder Korrektur der eigenen Kindheit) zu bearbeiten.
Kindeswohl im Spannungsfeld der reproduktiven Autonomie
Im Hinblick auf Familienplanung im Kontext psychischer Gesundheit gilt es, stets sowohl die Bedürfnisse, Herausforderungen und Anliegen sowohl der (potenziellen) Eltern als auch die ihrer Kinder zu berücksichtigen, wie im Folgenden erläutert wird.
Stigmatisierung(serfahrungen)
Menschen mit psychischen Erkrankungen werden oft negativ stereotypisiert, ihnen werden ein „schwacher Charakter“, Gefährlichkeit oder eine Unfähigkeit zur Elternschaft und angemessenen Erziehung ihrer Kinder unterstellt (Lenz, 2016). Die Stigmatisierung reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und fand ihren Höhepunkt in Deutschland während der NS-Diktatur, als Zwangssterilisierungen und -abtreibungen bei Betroffenen stattfanden (Krumm & Becker, 2006). Während diese schlimmsten Zeiten der Diskriminierung glücklicherweise heute vorbei sind und das Ziel reproduktiver Autonomie (d. h. der selbstbestimmten Entscheidung über alle Fragen der eigenen Familienplanung) auch für Personen mit psychischen Störungen gilt (Krumm & Badura-Lotter, 2015), berichten Frauen mit psychischen Störungen auch heute noch kulturübergreifend, dass gesellschaftliche Erwartungen und Stigmatisierung ihre reproduktiven Entscheidungen erschweren (Ahmad et al., 2024; Bagadia et al., 2020; Kebede, 2017). Auch in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachwelt werden reproduktive Themen bei psychisch kranken Patient*innen nicht selten als Tabu betrachtet (Krumm et al., 2014). So beschränken sich Fachleute häufig darauf, wirksame Verhütungsmethoden zu empfehlen (Checchia et al., 2016). Es gibt zudem Hinweise, dass einige Psychotherapeut*innen und andere psychiatrische Fachkräfte Mutterschaft und psychische Erkrankungen teils als inkompatibel betrachten und implizit erwarten, dass Patientinnen sich gegen Kinder entscheiden (Checchia et al., 2016; Kebede, 2017).
Neben der Diskriminierung durch andere spielt auch die Selbst-Stigmatisierung eine Rolle; viele Mütter mit psychischen Erkrankungen nehmen sich selbst als unzureichende oder gar „schlechte“ Mütter wahr (Dolman et al., 2013). Schamgefühle sowie die Angst vor Bevormundung, Stigmatisierung und Sorgerechtsentzug können dazu führen, dass Eltern Hilfsangebote nicht in Anspruch nehmen (Lenz, 2016). Dies gilt es in der Psychotherapie zu berücksichtigen, da einige Patient*innen auch beim Thema Kinderwunsch Stigmatisierung befürchten und deshalb zögern, das Thema in der Psychotherapie anzusprechen, wie im Abschnitt „Aktuelle wissenschaftliche Studien“ noch dargestellt wird.
Das Kindeswohl bei Kindern von Eltern mit psychischen Störungen
Bei der Betrachtung der reproduktiven Autonomie von (potenziellen) Eltern sollten nicht nur deren Interessen, sondern auch Fragen des Wohlergehens der (potenziellen) Kinder berücksichtigt werden (Krumm & Badura-Lotter, 2015). Kinder psychisch kranker Eltern haben ein bis zu 8,4-faches Risiko, selbst psychisch zu erkranken (Uher et al., 2023). Dieses Risiko resultiert aus einem komplexen Zusammenspiel von genetischen, neurobiologischen und psychosozialen Faktoren. Psychosoziale Risikofaktoren können entweder direkt durch das Verhalten, die Kognitionen und Emotionen der Eltern verursacht werden oder resultieren aus einer Vielzahl familiärer und kontextueller Stressoren, die mit den psychischen Erkrankungen der Eltern verbunden sind, wie etwa Partnerschaftskonflikte, Isolation und Armut (Van Santvoort et al., 2015). Bereits in der Schwangerschaft können schädigende Einflüsse wie mütterlicher Stress (Tung et al., 2024) oder die Einnahme von Psychopharmaka wie Valproinsäure (Binswanger et al., 2022; Rohde & Schaefer, 2010) eine Rolle spielen. Nach der Geburt können psychische Störungen die elterlichen Fähigkeiten erheblich einschränken; mit zunehmender Schwere der psychischen Erkrankung steigt die Wahrscheinlichkeit von Sorgerechtsentzügen und Inobhutnahmen (Jungbauer et al., 2011). Diese Folgen von Elternschaft gilt es in der Psychotherapie mit Personen im fertilen Alter im Blick zu behalten.
Umgang mit dem ethischen Dilemma
Die Abwägung zwischen der reproduktiven Autonomie von Patient*innen und dem Wohlergehen ihrer (potenziellen) Kinder kann ein ethisches Dilemma darstellen. Krumm et al. (2014) haben diesbezüglich auf einen „blinden Fleck“ hingewiesen. Der ethische Konflikt zwischen dem Wohlergehen der Patientinnen und dem ihrer Kinder wird von Psychotherapeut*innen und anderen psychiatrischen Fachkräften unterschiedlich gelöst: In einigen Fällen wird das Wohl der Patientinnen zugunsten des Kindeswohls priorisiert, um die Therapiebeziehung zu schützen. In anderen Fällen wird die Verantwortung an die Angehörigen delegiert, die als legitimiert angesehen werden, von einer Familiengründung abzuraten. Teilweise wird auch die Strategie genutzt, Patientinnen „non-direktiv“ zu beraten, das heißt explizit keine konkreten Empfehlungen für oder gegen eine eigene Familiengründung abzugeben – verbunden mit der Hoffnung, dass die Patient*innen auf dieser Basis selbst eine Entscheidung treffen, was jedoch auch zu Verunsicherungen oder Überforderungen führen kann (Krumm et al., 2014).
Anstelle einer Empfehlung, von einer Familiengründung abzusehen (die meist nicht befolgt wird (Viguera et al., 2002)), könnte es sinnvoll sein, dass Psychotherapeut*innen den Kinderwunsch akzeptieren. Darüber hinaus kann die Anerkennung des Kinderwunsches durch Behandler*innen genutzt werden, um die Motivation der Patientinnen zur Etablierung gesundheitsfördernder Verhaltensweisen zu steigern, die sich positiv auf den Schwangerschaftsverlauf auswirken können, wie Suchtmittelabstinenz, gesunde Ernährung oder körperliche Bewegung (DGBS & DGPPN, 2019). Um mögliche eigene Vorbehalte (wie etwa hinsichtlich der vermeintlichen Unvereinbarkeit von psychischen Störungen und Elternschaft) zu reflektieren, müssen Psychotherapeut*innen sich mit der eigenen Rolle auseinandersetzen, sie benötigen jedoch auch Unterstützung, beispielsweise durch spezielle Weiterbildungsinhalte, die aktuell noch weitgehend fehlen.
Aktuelle wissenschaftliche Studien
Ungewollte Schwangerschaften bei Frauen mit Traumatisierungserfahrungen und mit psychischen Störungen: Ergebnisse der ELSA-Studie
Im Rahmen der vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) geförderten ELSA-Studie („Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer. Angebote der Beratung und Versorgung – ELSA“[1]Nähere Informationen unter: https://www.elsa-studie.de [20.10.2025].) wurde die Bedeutung der psychischen Gesundheit für den Umgang mit einer ungewollten Schwangerschaft in zwei Teilprojekten untersucht. Eine an der FU Berlin durchgeführte Vertiefungsstudie untersuchte, inwieweit traumatische Erfahrungen in der Kindheit der betroffenen Frauen, d. h. emotionale oder körperliche Vernachlässigung sowie emotionaler, körperlicher oder sexueller Missbrauch, einen Vulnerabilitätsfaktor für psychische Belastungen im Rahmen einer unbeabsichtigten Schwangerschaft darstellen. Dazu wurden n = 190 Frauen zwölf Monate nach einer unbeabsichtigten ausgetragenen oder abgebrochenen Schwangerschaft mit störungsspezifischen Fragebögen sowie strukturierten klinischen Interviews untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass Frauen, die traumatische Erfahrungen in der Kindheit gemacht hatten, eine signifikant höhere depressive Symptomlast berichteten, signifikant häufiger die Diagnose einer depressiven Episode erfüllten (Klusmann et al., 2025) und häufiger Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung aufwiesen (Haering et al., 2025) als Frauen, die diese Erfahrung in der Kindheit nicht gemacht hatten. Zudem zeigte sich, dass Schwierigkeiten in der Emotionsregulation (Klusmann et al., 2025) sowie chronischer Stress (Blecker et al., 2025) zugrunde liegende Mechanismen für den Zusammenhang zwischen traumatischen Kindheitserfahrungen und depressiver Symptomatik nach einer unbeabsichtigten Schwangerschaft sein können. Aus diesen Befunden lassen sich relevante (präventive) Interventionen für Frauen mit unbeabsichtigten Schwangerschaften ableiten, die auf die Förderung von Emotionsregulationsstrategien und Stressmanagement abzielen sollten.
Eine am Universitätsklinikum Ulm durchgeführte Vertiefungsstudie beschäftigte sich mit der spezifischen Situation von Frauen mit psychischen Erkrankungen. Dabei konnte gezeigt werden, dass Frauen mit psychischen Erkrankungen in Deutschland ähnlich häufig schwanger werden wie Frauen ohne psychische Erkrankungen, jedoch signifikant häufiger ungewollte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche berichten (Krumm et al., 2025). Zudem befinden sich Frauen mit psychischen Erkrankungen zum Zeitpunkt des Eintritts einer ungewollten Schwangerschaft häufiger in belastenden Lebenslagen – etwa in Bezug auf Wohnen, Finanzen, Bildung und partnerschaftliche Unterstützung – als Frauen ohne psychische Erkrankungen oder Frauen mit psychischen Erkrankungen, die eine gewollte Schwangerschaft austragen. Solche Mehrfachbelastungen erhöhen nicht nur die Wahrscheinlichkeit einer negativen Bewertung der Schwangerschaft, sondern erschweren auch deren Bewältigung sowie den Zugang zu Hilfeangeboten. Aufgrund dieser wechselseitigen Zusammenhänge zwischen ungewollter Schwangerschaft, psychischer Gesundheit und sozialer Lage sollten Aspekte der reproduktiven Gesundheit stärker als Teil einer recoveryorientierten psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung berücksichtigt werden (ebd.).
Wünsche von Patientinnen in der Psychotherapie: Ergebnisse einer Interviewstudie
Der Wunsch nach verbesserter Beratung bezüglich Entscheidungen zur Elternschaft wurde bereits in einer nicht-klinischen Stichprobe aufgezeigt (Meyer et al., 2024). Auch in klinischen Studien äußern Befragte immer wieder den Wunsch, dieses Thema zu behandeln (Binswanger et al., 2022). Die meisten Personen mit psychischen Störungen, die sich ein Gespräch über Familienplanung wünschen, erhalten jedoch nicht die nötige Unterstützung (Schonewille, 2024).
Eine Interviewstudie, durchgeführt im Rahmen einer Kooperation zwischen der Sprechstunde für psychische Erkrankungen in Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kinderwunsch sowie der Hochschulambulanz für Psychotherapie der Universität zu Köln, erfasste konkrete Wünsche nach solchen Gesprächen in der Psychotherapie (Erbe et al., 2025a). Die Ergebnisse zeigen, dass die befragten Frauen unterschiedliche Wünsche für die Psychotherapie im Zusammenhang mit ihrem Kinderwunsch und der (möglichen) Elternschaft haben. Dazu zählen gezielte Vorbereitung auf Schwangerschaft und Elternsein, umfassende Informationen, die Gewissheit, prä- und postpartal psychotherapeutisch begleitet zu werden, sowie emotionale Unterstützung und ein einfühlsames Ansprechen des Kinderwunsches durch Psychotherapeut*innen.
Es wurden auch Wünsche hinsichtlich der Kompetenzen der Psychotherapeut*innen geäußert, insbesondere in Bezug auf spezifische Psychoedukation sowie vertieftes Wissen über die Phasen von Schwangerschaft und Geburt. Gleichzeitig verdeutlichte die Studie ambivalente Gefühle der Patientinnen, etwa den Wunsch, unbeabsichtigt schwanger zu werden, um die Entscheidung nicht bewusst treffen zu müssen. Zudem äußerten sie Sorgen, unaufgeforderte Ratschläge oder Druck von Psychotherapeut*innen hinsichtlich Elternschaftsentscheidungen zu erfahren und Unverständnis für alternative Lebens- und Familienkonzepte zu erleben. Diese Ergebnisse verdeutlichen den Bedarf an ganzheitlicher Betreuung und Unterstützung für Frauen mit psychischen Erkrankungen in Bezug auf Familienplanung. Um betroffenen Frauen angemessene Hilfestellung zu bieten, ist es sinnvoll, spezielle Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen für Psychotherapeut*innen und andere Fachkräfte im Gesundheitswesen zu entwickeln, die mit dieser Zielgruppe arbeiten.
Praxisbeispiel – Sprechstunde für psychische Erkrankungen in Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kinderwunsch der LVR-Klinik Köln
Als Beispiel aus der Praxis soll hier die Sprechstunde für psychische Erkrankungen in Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kinderwunsch der LVR-Klinik Köln skizziert werden.
Diese wird durch drei Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie mit Expertise und Erfahrung im Bereich „Peripartale psychische Erkrankungen“ durchgeführt. Schwerpunkte liegen dabei auf der Beratung und psychiatrisch-medikamentösen Behandlung bei peripartalen psychischen Erkrankungen in Schwangerschaft und Postpartalzeit auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eine Beratung bei vorbestehender Psychopharmaka-Behandlung findet dabei idealerweise bereits vor Eintreten der Schwangerschaft statt, um ggf. eine Umstellung auf für die Schwangerschaft geeignete medikamentöse Alternativen zu planen und nicht-medikamentöse Maßnahmen einzuleiten.
Zuweisungen erfolgen durch Gynäkolog*innen, Hebammen oder Hausärzt*innen, können aber auch eigeninitiativ nach Terminvereinbarung durch die Betroffenen erfolgen. Aufgrund der personellen Ausstattung und Anbindung an die Institutsambulanz der Allgemeinpsychiatrie können in der Regel Termine innerhalb von wenigen Wochen möglich gemacht werden. In akuten Fällen kann zudem auf die 24/7 besetzte Notaufnahme der Klinik zurückgegriffen werden.
Auf Wunsch werden Partner*innen oder weitere Angehörige beteiligt. Durch die Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst der Klinik und die Vernetzung mit lokalen Unterstützungsangeboten oder Familienberatungsstellen kann die Beratung im Rahmen der Sprechstunde zudem als Lotsin fungieren. Dazu gehört auch Hilfestellung bei der Suche nach ambulanter Psychotherapie im Einzelsetting, die die Ambulanz selbst nicht anbieten kann. Seit etwa zwei Jahren findet eine wöchentliche verhaltenstherapeutisch orientierte ambulante Gruppentherapie für psychisch erkrankte Schwangere und Mütter im ersten Jahr nach der Geburt statt. Hier wird neben der Vermittlung von psychoedukativen Elementen und verhaltenstherapeutischen Strategien im Umgang mit häufigen Symptomen wie Ängsten, Zwangsgedanken und Schlafstörungen viel Wert auf offenen Austausch gelegt. Durch eine regelmäßige Teilnahme von bis zu zehn Teilnehmerinnen über mindestens vier Monate entsteht ein stabiles und vertrauliches Gruppensetting. Dies eröffnet einen sicheren Raum, in dem auch die problematischen und ambivalenten Gefühle in Bezug auf Mutterschaft und Erkrankung offen thematisiert, reflektiert und angenommen werden können.
Im Fall einer medikamentösen Behandlung während Schwangerschaft und Stillzeit werden regelmäßige Verlaufskontrollen mit Bestimmung der Medikamentenspiegel im Blut durchgeführt. In Geburtsvorbereitungsgesprächen im letzten Trimenon wird gemeinsam ein Schriftstück verfasst, das bei Anmeldungen im Krankenhaus vorgelegt werden kann und medizinische Informationen zum bisherigen Behandlungsverlauf, Empfehlungen zu medikamentösen Strategien um die Geburt und Ansprechpersonen im Bedarfsfall enthält.
Ergänzend ist zu erwähnen, dass in seltenen Fällen die ambulante Behandlung nicht ausreicht, sodass eine teilstationäre oder stationäre Behandlung notwendig wird. Diese kann durch die Anbindung an die Akutklinik über das Casemanagement meist rasch organisiert werden.
Folgendes Fallbeispiel illustriert die Arbeit in der Peripartalambulanz: Eine Patientin stellte sich in der 13. Schwangerschaftswoche vor mit einer zunehmenden depressiven Symptomatik seit Feststellen der aktuellen Schwangerschaft. Sie beschrieb Symptome wie gedrückte Stimmung, Gereiztheit, Lustlosigkeit, Grübeln mit gedanklicher Einengung auf Verlustängste und die Überzeugung, keine gute Mutter sein zu können. Obwohl es sich um eine gewünschte und geplante Schwangerschaft handle, sei sie in großen Zweifeln, ob sie das Kind behalten und aufziehen könne. Durch die Situation hätten sich massive Partnerschaftskonflikte entwickelt, sie denke über Trennung nach. Trotz Reduktion beruflicher Belastungsfaktoren verschlechterten sich die Symptome innerhalb von zwei bis drei Wochen weiter, im Verlauf kamen ausgeprägte selbstabwertende sowie lebensmüde Gedanken hinzu. Bei einer Behandlung mit einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), der Teilnahme an der ambulanten Gruppentherapie sowie dem Aufsuchen einer Paarberatung zeigte sich eine allmähliche Besserung, die Patientin konnte sich konstruktiver mit ihrer Mutterrolle und damit verbundenen Ängsten auseinandersetzen und beschrieb zunehmend Gefühle von Verbundenheit und Vorfreude. Sie begann im Verlauf eine ambulante Psychotherapie, um die psychotherapeutischen Inhalte aus dem Gruppensetting zu vertiefen.
Zusammenfassend können aus fachlicher Sicht die positiven Effekte einer Peripartalambulanz als Teil einer allgemeinpsychiatrischen Institutsambulanz betont werden.
Durch betroffene Frauen wird rückgemeldet, dass v. a. der vergleichsweise niederschwellige Zugang und die persönliche, fachliche Begleitung als hilfreich erlebt werden.
Implikationen für die Versorgung und Vorschläge für die Integration in die Psychotherapie
In der psychotherapeutischen Praxis begegnen Psychotherapeut*innen immer wieder der Herausforderung, sensitive Themen anzusprechen, die für viele Patient*innen von großer Bedeutung sind, jedoch nicht selten tabuisiert werden. Dies gilt auch für den Bereich der Familienplanung und des Kinderwunsches. Forschungsergebnisse zeigen, dass sowohl Patient*innen als auch Psychotherapeut*innen das Thema aus verschiedenen Gründen vermeiden, was auf Ängste und Befürchtungen hindeuten kann.
Eine Möglichkeit, dieser Vermeidung entgegenzuwirken, besteht darin, solche Themen aktiv in die Anamnese zu integrieren. Selbst einfache Fragen, die den Kinderwunsch oder die Einstellung zu Schwangerschaft und Familienplanung betreffen, können einen Raum schaffen, in dem Patient*innen ihre Gedanken und Gefühle offen ausdrücken können. Wichtig kann die Integration des Themas in die Psychotherapie insbesondere dann sein, wenn die Symptomatik der Patient*innen, wie etwa Impulsivität bei ADHS oder negatives Denken bei Depressionen, die Familienplanung beeinflusst. Gleichzeitig muss darauf hingewiesen werden, dass das Einbringen solcher Themen in die Therapie stets im Einvernehmen mit den Patient*innen geschehen sollte. Dies respektiert deren Autonomie und schafft ein Vertrauensverhältnis. Wenn eine Patientin, wie in der eingangs beschriebenen Fallvignette, ambivalente Gefühle äußert, könnte dies durchaus Anlass für eine therapeutische Exploration bieten, jedoch nur, wenn die Patientin bereit ist, darüber zu sprechen.
Ein konstruktiver und offener Umgang mit Themen wie Familienplanung kann zudem helfen, potenziell dysfunktionale Verhaltensweisen zu identifizieren, wie inkonsistente Verhütung oder die Planung einer Schwangerschaft unter ungünstigen Bedingungen (z. B. in einer instabilen Partnerschaft). Indem Psychotherapeut*innen die Anliegen ihrer Patient*innen ernst nehmen und punktuell ansprechen, können sie eine frühzeitige Unterstützung ermöglichen, die das Wohl der Patient*innen und ihrer potenziellen Kinder berücksichtigt.
Mit Bezug auf die bisherigen Forschungsergebnisse lassen sich Implikationen für die psychotherapeutische Versorgung formulieren, um das Thema Familienplanung adäquat in die Therapie zu integrieren:
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Kinderwunschanamnese: Damit Psychotherapeut*innen ein Gespräch zum Thema Familienplanung anbieten können, müssen sie zunächst die Situation ihrer Patient*innen sowie deren Bedürfnisse kennen. Es ist empfehlenswert, Fragen hierzu bereits in die biografische oder Sexualanamnese oder aber in Fragebögen zur Biografie zu integrieren. Dabei sollte sowohl die ideale als auch die realistisch erwartete Anzahl von Kindern exploriert werden, da Differenzen diesbezüglich inkonsistentes Verhütungsverhalten insbesondere bei Männern vorhersagen können (Kremer et al., 2024).
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Atmosphäre: Eine offene und akzeptierende Atmosphäre erleichtert es Patient*innen, über Sexualität, Partnerschaft, Kinderwunsch und Elternschaft offen zu sprechen.
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Vorbeugung und Umgang mit ungeplanten Schwangerschaften: Um ungeplanten Schwangerschaften vorzubeugen, sollten verwendete Verhütungsmethoden und deren Konsistenz erfragt werden. Das Verantwortungsbewusstsein für Verhütung sollte bei Männern und Frauen exploriert werden, ggf. auch die Kenntnis von Verhütungsmitteln erfragt werden, die speziell Männern zur Verfügung stehen, wie etwa die thermische Verhütung (Martin, 2023). Abhängig von Sexual- und Verhütungsverhalten und vom Störungsbild (etwa ADHS) kann es sinnvoll sein, über ein erhöhtes Risiko für ungeplante Schwangerschaften aufzuklären, bei Jugendlichen eventuell auch deren Bezugspersonen. Falls es trotz präventiver Maßnahmen zu einer ungeplanten Schwangerschaft kommt, sollte Stigmatisierung vermieden werden. Bei Frauen mit eingetretenen ungeplanten Schwangerschaften sollte frühzeitig eine Anbindung an Angebote und Strukturen im Bereich der frühkindlichen Unterstützung, wie die Frühen Hilfen und Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, erfolgen. Präventive Maßnahmen sollten auch darauf abzielen, Frauen mit traumatischen Kindheitserfahrungen durch den Einsatz von Screenings möglichst frühzeitig zu identifizieren und ihnen individuelle Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen. (Präventive) psychotherapeutische Interventionen bereits während der Schwangerschaft sollten unter anderem Strategien der Emotionsregulation sowie Techniken des Stressmanagements beinhalten (Blecker et al., 2025; Klusmann et al., 2025).
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Akzeptanz des Kinderwunsches: Dass Psychotherapeut*innen generell von einer Familiengründung abraten, ist eine der größten Befürchtungen von Patient*innen mit Kinderwunsch und sollte vermieden werden. Vielmehr kann es hilfreich sein, die Sehnsucht nach einem eigenen Kind wertzuschätzen und als Zeichen für Lebensbejahung und Zukunftsorientierung zu betrachten. Der Fokus kann zunächst darauf gelegt werden, die individuellen Lebensumstände und Wünsche zu verstehen und zu würdigen. Unrealistische Erwartungen können jedoch bearbeitet werden (siehe Punkt 5).
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Aufbau realistischer Erwartungen: Um den Kinderwunsch eines*einer Patient*in vollständig zu verstehen, ist es entscheidend, zu explorieren, welche Kinderwunschmotive zentral sind und welche Hoffnungen an eine Familiengründung geknüpft werden. Wie im ersten Fallbeispiel aufgezeigt, ist es möglich, dass sich die Symptomatik der psychischen Störung (z. B. Verlustängste) auch auf die Ausbildung von Kinderwunschmotiven (etwa Partnerbindung) auswirkt, die sich in der Realität als nicht Erfolg versprechend erweisen – ungeplante Schwangerschaften sind beispielsweise langfristig nicht mit einer geringeren Trennungswahrscheinlichkeit verbunden (Hajek, 2021). Nach einer ausführlichen Exploration der Kinderwunschmotive kann erarbeitet werden, ob die geäußerten Bedürfnisse durch ein Kind erfüllbar sind und welche anderen Quellen der Bedürfnisbefriedigung es geben könnte. Insbesondere bei Personen mit Depressionen oder generalisierter Angststörung kann es ggf. sinnvoll sein, auch überzogene Befürchtungen (Erbe & Preetz, 2022) zu entkräften. Beim Aufbau realistischer Erwartungen können klassische therapeutische Interventionen zum Einsatz kommen. In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie kann es beispielsweise darum gehen, unbewusste Konflikte und Ambivalenzen, die in Verbindung mit dem Kinderwunsch stehen, aufzudecken und lebensgeschichtlich einzuordnen. In der Systemischen Therapie werden Kinderwunsch und Zweifel im Kontext von Partnerschaft, Herkunftsfamilie und gesellschaftlichen Erwartungen betrachtet und alternative Sichtweisen eröffnet. In der Verhaltenstherapie liegt der Fokus auf der Identifikation und Veränderung dysfunktionaler Gedanken und Verhaltensmuster sowie auf der Förderung von realistischen Erwartungen, Problemlösefähigkeit und Selbstwert.
Zudem kann es sinnvoll sein, Informationen über Risiko- und Schutzfaktoren bzgl. der psychischen Gesundheit von Kindern zur Verfügung zu stellen (Zietlow & Krumpholtz, 2024) oder Forschungsergebnisse zu teilen, die zeigen, wann eine Familiengründung mit einer Steigerung der Lebenszufriedenheit verbunden ist, etwa bei Erstgeburten im Alter von über 30 Jahren (Myrskylä & Margolis, 2014) oder bei geplanten im Vergleich zu ungeplanten Geburten (Erbe et al., 2021).
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Unterstützung bei der Familien- und Lebensplanung: Psychotherapeut*innen sollten sich Zeit nehmen, um die Familienplanung ausführlich zu besprechen und in die allgemeine Lebensplanung einzubetten. Eine Arbeit an Zielen und Werten, wie sie etwa in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie praktiziert wird (Benoy et al., 2023; Hayes et al., 2011), kann hierbei hilfreich sein.
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Unterstützung bei der Entscheidungsfindung und der Entwicklung konkreter Lebensentwürfe: Für die konkrete Ausgestaltung der Familienplanung bietet es sich an, Perspektiven mit dem Blick auf mehrere Zeitpunkte in der Zukunft zu entwickeln. Dabei können sowohl konkrete Pläne als auch Visualisierung, Imagination oder die Methode der wechselnden zeitlichen Perspektive (Rohde et al., 2024) zum Einsatz kommen. Um die Entscheidungsfindung zum einen und die Flexibilität der Patient*innen zum anderen zu unterstützen, sollten dabei möglichst zwei Lebensentwürfe entwickelt werden: einer mit Kindern und einer ohne. Beide sollten – auch wenn der Kinderwunsch stark ausgeprägt ist und vielfältige persönliche, ökonomische und soziale Ressourcen für eine Familiengründung vorhanden sind – ausreichend attraktiv sein, damit keine übermäßige Enttäuschung entsteht, falls sich z. B. aus medizinischen Gründen die Familiengründung schwieriger gestaltet als erhofft.
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Unterstützung bei der Partner*innenwahl bzw. Einbeziehung von Partner*innen: Der Wunsch nach Einbindung des*der Partner*in im Hinblick auf Themen der Familienplanung wurde bereits in der Interviewstudie geäußert (Erbe et al., 2025a). Eine psychotherapeutische Unterstützung kann bereits bei der Partner*innenwahl hilfreich sein, um Beziehungsmuster zu reflektieren. Da langfristig kinderlose Personen oft jahrelang Single sind oder instabile Beziehungen mit wechselnden Partner*innen führen (Kreyenfeld & Konietzka, 2017), können eine Aufarbeitung der eigenen Bindungs- und Partnerschaftsbiografie und der Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen die Partner*innenwahl und den Aufbau einer funktionalen, stabilen Partnerschaft unterstützen.
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Konkrete Planung und Begleitung der Vorbereitung: Wenn Patient*innen sich in Bezug auf ihre Familiengründung ausreichend sicher fühlen und eine realistische Erwartungshaltung entwickelt haben, können Psychotherapeut*innen sie aktiv bei der Umsetzung ihrer Pläne unterstützen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen, wie etwa aus der Medizin oder der Sozialen Arbeit, kann hierbei von Vorteil sein. Die Gespräche können sich sowohl auf das Erreichen weiterer Lebensziele konzentrieren, die die Patient*innen der Familiengründung voranstellen wollen (z. B. Bildungsabschlüsse, berufliche Ziele, stabile Partnerschaft (Krumm et al., 2011)), als auch auf die gezielte Planung der medikamentösen Einstellung vor und während der Schwangerschaft, der Geburtsvorbereitung sowie der psychotherapeutischen Versorgung vor und nach der Geburt (Rohde & Kittel-Schneider, 2024). Psychotherapeutische Ziele können auch das Erreichen von ausreichender psychischer Stabilität, der Abbau von interaktionellen Verhaltensweisen, die für ein Familienleben dysfunktional sein können, sowie der Aufbau sozialer und emotionaler Kompetenzen sein. Ein Kinderwunsch kann Patient*innen motivieren, diese Ziele und die damit verbundene Resilienz vor der Familiengründung zu erreichen (DGBS & DGPPN, 2019).
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Langfristige Perspektive: Eine umfassende Planung sollte auch die Entwicklung und Erziehung der Kinder berücksichtigen. Dabei ist es wichtig, über mögliche Herausforderungen aufzuklären und Krisensituationen, die in verschiedenen Entwicklungsphasen auftreten können, frühzeitig zu antizipieren. Psychotherapeut*innen sollten gemeinsam mit den Patient*innen Frühwarnzeichen für elterliche Überforderung oder Rückfälle hinsichtlich der psychischen Symptomatik identifizieren und Strategien zur Hilfesuche in unterschiedlichen Krisensituationen entwickeln.
Idealtypisch könnte die Umsetzung der vorgenannten Punkte im Hinblick auf den anfangs beschriebenen Fall folgendermaßen aussehen:
Die Psychotherapeutin führt zunächst eine Kinderwunschanamnese durch, um die Sorgen und Wünsche der 19-jährigen Patientin zu verstehen. Aufgrund der Bedenken der Patientin hinsichtlich einer möglichen Schwangerschaft exploriert sie auch, welche Verhütungsmethoden die Patientin anwendet. In einem offenen und unterstützenden Therapieumfeld fühlt sich die Patientin ermutigt, ihre Ängste und Wünsche in Bezug auf Familienplanung und Partnerschaft anzusprechen.
Um ungeplanten Schwangerschaften vorzubeugen, stellt die Psychotherapeutin Informationen über die Wirksamkeit ihrer aktuellen Verhütungsmethoden bereit und vermittelt sie bei weitergehenden Fragen an eine Beratungsstelle. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass sie den Kinderwunsch der Patientin akzeptiert und die Sehnsucht der Patientin nach Mutterschaft wertschätzt.
Falls in der Exploration auch dysfunktionale Kinderwunschmotive (z. B. Vermeidungsverhalten) deutlich werden, reflektiert die Psychotherapeutin diese mit der Patientin im sokratischen Dialog und bearbeitet dysfunktionale Gedanken (z. B. „Ohne Kind bin ich wertlos“ oder „Nur eine Schwangerschaft kann meinen Partner daran hindern, mich zu verlassen“). Auch indem sie der Patientin Informationen über realtypische Verläufe von Elternschaft im Lebenslauf und der Entwicklung von Kindern zur Verfügung stellt, unterstützt sie die Patientin bei der Entwicklung realistischer Erwartungen.
Die Unterstützung bei der Familien- und Lebensplanung wird durch das gemeinsame Erarbeiten individueller Lebensziele und Werte gestärkt. Bei der Entwicklung konkreter Lebensentwürfe wird die Patientin ermutigt, Szenarien sowohl mit als auch ohne Kinder zu betrachten, um eine ausgewogene Entscheidungsfindung zu fördern.
Im Hinblick auf die Partnerwahl betrachtet die Psychotherapeutin mit der Patientin die aktuelle Beziehung, deren Stabilität und die potenzielle Rolle des Partners in Bezug auf ihren Kinderwunsch. Sobald die Patientin sich hinsichtlich ihrer Ziele sowie in der Partnerschaft sicher fühlt, erfolgt eine konkrete Planung für die Umsetzung ihrer Lebensziele. Dabei wird zunächst die Verwirklichung von Lebenszielen geplant, die die Patientin vor der Familiengründung erreichen möchte (z. B. berufliche Abschlüsse, Auslandsaufenthalte).
Durch die kognitive Umstrukturierung, das wachsende Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse und Lebensziele (nicht nur, aber auch im Hinblick auf Familienplanung), die Stärkung der Selbstwirksamkeit und die Verhaltensaktivierung bessert sich die depressive Symptomatik der Patientin und das Ende der Behandlung kann geplant werden. Abschließend wird in der Therapie eine langfristige Perspektive eingenommen, die auch die Entwicklung und Erziehung potenzieller Kinder einbezieht. Zur Rückfallprophylaxe werden Frühwarnsignale für Überforderung identifiziert und Strategien für den Umgang mit möglichen Krisensituationen entwickelt. Die Psychotherapeutin klärt über mögliche Unterstützungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Lebenslagen auf (z. B. Frühe Hilfen) und vereinbart mit der Patientin ggf. Boostersitzungen oder die erneute Aufnahme von Therapiesitzungen bei Bedarf, wenn es notwendig ist, einem Rückfall in depressive Denk- und Verhaltensmuster – auch im Hinblick auf die Familienplanung – vorzubeugen.
Ausblick
Zukünftig sollte der Fokus auf einer besseren Integration von reproduktiven Gesundheitsthemen in die psychotherapeutische Praxis liegen. Dafür ist es notwendig, spezifische Weiterbildungsangebote für Psychotherapeut*innen zu entwickeln, um das Wissen über die Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Störungen diesbezüglich zu erweitern. Zudem sollte die Forschung in diesem Bereich intensiviert werden, um neue Strategien zur Unterstützung Betroffener und zur Prävention ungeplanter Schwangerschaften zu entwickeln. Ein interdisziplinärer Ansatz ist ebenfalls von Vorteil, um verschiedene Perspektiven und Fachkenntnisse zu vereinen, was zu einer besseren Versorgung und Unterstützung führt.