Editorial

Liebe Kolleg*innen,

Im Zwischenland“: Unter diesem programmatischen Titel erschien 1902 ein Novellenband von Lou Andreas-Salomé über das „Seelenleben halbwüchsiger Mädchen“: nicht mehr sein, was man war, und noch nicht sein, was man sein wird. Das quälende Erleben des „Dazwischenseins“, Krise der Adoleszenz.

Erschreckend gut beschreibt das Bild eines quälenden „Dazwischenseins“ auch unsere gesellschaftliche Realität im Jahr 2026: regionale und globale Eskalationen, politische Verwerfungen und Kriege „zwischen Ländern“ in Afrika, Europa, dem Nahen Osten, den USA, der Welt. Dazu katastrophische Klimaveränderungen, Nachwirkungen der Pandemie, Migrationskrisen hier und dort. Neue (alte) Projektionsflächen gesellschaftlicher Spaltung. Was war, was ist, was bleibt? Zwischen Krieg, Klima, Krankheit, Krise – wohin die Aufmerksamkeit richten?

Psychische Krisenverarbeitung vollzieht sich vor diesem Hintergrund fast ebenso zwangsläufig in „Zwischenländern“: Zwischen Körper, Erleben und Identität trifft äußere auf innere Verunsicherung. In rastlosem Schlaf, der nicht mehr trägt, in Nervosität, die nicht mehr abklingt, in Getriebensein. Immer weiter suchend und doch nicht findend. Wo kann ich bleiben, wohin muss ich gehen? Wie kann überhaupt noch etwas bewohnbar sein, ein Körper, ein Land? Und weiter: welcher Körper, welches Land, wessen Körper, wessen Land? Mitunter entsteht das Gefühl, nicht mehr da(heim) zu sein, obwohl man noch da ist, nur: wo eigentlich? Wo ist Heimat, Zugehörigkeit, Identität, Zuhause?

Glenn Albrecht (2003) spricht von einem Schmerz über den fortschreitenden Verlust von „solace“ (Trost) im eigenen Zuhause. Er meint damit: Um-welt. Ich meine damit: Welt.

So mag es darum gehen, „solace“ dorthin zurückzubringen, wo Verlust droht oder bereits eingetreten ist, damit Unbehaustes wieder bewohnbar wird, innen wie außen: im individuellen System, im gesellschaftlichen System, im Gesundheitssystem.

Wenn Belastungen sich derart verdichten, braucht es umso dringlicher passend ausgerichtete Unterstützung. Für uns als Berufsstand bedeutet dies, eine bedarfsorientierte psychotherapeutische Versorgung zu sichern, Menschen in Krisen bedarfsgerecht begleiten zu können und politische Verantwortung zu tragen, im besonderen Bewusstsein unserer eigenen Geschichte.

Vor diesem Hintergrund versammelt dieses Heft Beiträge aus unterschiedlichen Bereichen mit ganz verschiedenen psychotherapeutischen Bedarfen und Perspektiven und einem besonderen Verweis auf die Geschichte der Psychotherapie. Was die Beiträge der vorliegenden Ausgabe verbindet, ist vielleicht ebengerade das „Dazwischen“ als gemeinsamer Grundton.

Färber verweist auf die jüdischen Wurzeln der Psychotherapie und darauf, wie sehr sich unsere Geschichte zwischen jüdischer kultureller Prägung, Texttradition, Religionskritik und schließlich Verfolgungserfahrung bewegt. Der Beitrag konturiert unsere Geschichte vielleicht auch als Teil therapeutischer Selbstverortung.

Borcherding et al. markieren das Dazwischen von Körper, Recht und Anerkennung in der Versorgung von trans und nicht-binären Menschen und leiten Empfehlungen für eine diskriminierungssensible psychotherapeutische Praxis ab. So sollen Körper und Geschlechtsidentität nicht Ort dauernder Fremdheit bleiben, sondern als eigener Raum Anerkennung und Schutz finden.

Küpper et al. ordnen Forschung und Versorgungsherausforderungen zur ambulanten Psychotherapie bei Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störung ein. Sie geben praxisnahe Empfehlungen, sodass autistisches Erleben nicht in Vereinzelung festgeschrieben bleibt, sondern in tragfähige Bezüge rückgebunden werden kann.

Krahl und Koller bündeln den Stand der (neuro-)psychologischen Begutachtung nach COVID-19, wenn Beschwerden im Sinne eines Post-COVID-Syndroms geltend gemacht werden. Das Thema berührt ein Feld, in dem sich Körperliches und Psychisches nur schwer trennen lassen, in dem aber genau diese Unschärfe über Anerkennung, Versorgungspfade und konkrete Hilfsmöglichkeiten mitentscheidet.

Vogel et al. richten den Blick schließlich auf das Leben nach einer Krebserkrankung zwischen Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter. Sie entwickeln Schritte zu einem bedarfsorientierten psychoonkologischen Nachsorgemodell, damit auch das „Danach“ körperlicher Erkrankung als Zeit eigener Verletzlichkeit und Neuorientierung gewürdigt wird.

Wir hoffen, dass die Auseinandersetzung mit diesen Themen hilfreich sein kann und dazu anregen mag, sich weiter zu befassen, früher oder später, hier oder dort. „Im Zwischenland“.

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Sandra Dörrenbächer (Saarland)
Mitglied des Redaktionsbeirates

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