Leserbriefe
Liebe Leser*innen,
die Redaktion begrüßt es sehr, wenn Sie sich in Leserbriefen und Diskussionsbeiträgen zu den Themen der Zeitschrift äußern – ganz herzlichen Dank! Gleichzeitig müssen wir darauf hinweisen, dass wir uns – gerade angesichts der erfreulich zunehmenden Zahl von Zuschriften – vorbehalten, eine Auswahl zu treffen oder gegebenenfalls Zuschriften auch zu kürzen.
Damit Ihr Leserbrief noch in der kommenden Ausgabe gedruckt werden kann, sollte er bis zum 9. April 2026 bei der Redaktion (redaktion@psychotherapeutenjournal.de) eingehen.
Als Leser*innen beachten Sie bitte, dass die Diskussionsbeiträge die Meinung der Absender*innen und nicht die der Redaktion wiedergeben.
Psychoonkologische Unterstützung: Erfahrungen und Einordnungen einer Betroffenen und Fachkollegin
Zu K. Haller et al.: Strukturbezogenes Arbeiten in der Psychoonkologie: Strukturdiagnostik und Strukturbezogene Psychotherapie in der psychosozialen Versorgung onkologischer Patient*innen. Psychotherapeutenjournal 4/2025, S. 340–348.
Mit Interesse habe ich diese Arbeit gelesen. Ich bin Betroffene (Lymphom, Rezidiv im ZNS und Stammzellentransplantation) und Fachkollegin (Psychologische Psychotherapeutin und Psychoonkologin) und stimme dem Plädoyer für strukturbezogenes Arbeiten in der Psychoonkologie uneingeschränkt zu. Ich möchte die Ausführungen der Autor*innen um drei Themen ergänzen, die ich für relevant halte.
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Erfahrungswissen: Meine Erfahrung mit psychoonkologischer Unterstützung auf den onkologischen Stationen zahlreicher Krankenhäuser war positiv – trotz Mehrbettzimmer, trotz spontaner Kurzgespräche und trotz unterschiedlicher Methoden: Mit einem jungen Psychoonkologen habe ich ein behaviorales Angstranking erstellt, obwohl Angst nicht mein größtes Problem war. Die Gespräche mit einer älteren Psychoonkologin taten mir sehr gut. Ich nehme an, dass sie strukturbezogen gearbeitet hat, konnte sie leider nicht mehr fragen, da sie nach 3 Wochen verschwand, Schichtwechsel, eigene Erkrankung, was auch immer. Eine Psychoonkologin habe ich in einer Gruppe erlebt (Reha) – eher schwierig, da sie mich immer wieder unterbrach. Ich habe es hingenommen, kein Grund, sich aufzuregen. Insgesamt empfand ich es als sehr wohltuend, dass sich zwischen MRTs, Chemo-Infusionen etc. auch um meine Psyche gekümmert wurde, ich möchte fast sagen: egal wie. In den ambulanten Behandlungsphasen, und das sind viele, hatte ich gar keine Unterstützung, abgesehen natürlich von der, die ich mir selbst organisiert habe. Und damit sind wir bei Thema 2:
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Die Versorgungslage im Hinblick auf Psychoonkologie insgesamt ist besser als noch vor drei Jahren. Das Arbeitsfeld ist neu und steht nicht nur Psychologischen Psychotherapeut*innen offen. Und da waren und sind vermutlich immer noch „Profis“ unterwegs, die streng genommen keine Profis sind. Ich selbst, Klinische Psychologin (BDP) und Psychologische Psychotherapeutin, wurde kurioserweise während meiner Fortbildung in Psychoonkologie von einem Soziologen in Klinischer Psychologie unterrichtet. Überaus problematisch ist, dass es noch immer keine psychoonkologische und auch keine psychotherapeutische Unterstützung für Phasen zwischen Behandlungen und Nachsorgeuntersuchungen gibt. Krebsberatungsstellen gibt es nur wenige, und das auch nur in großen oder Universitätsstädten. Niedergelassene Psychotherapeut*innen fühlen sich, so mein Eindruck, nicht zuständig. Ich habe Kolleg*innen angeschrieben. Auf Mails wurde nicht geantwortet. Per Anruf erreichte ich kaum jemanden. Rückrufe, um die ich auf Anrufbeantwortern gebeten hatte, gab es nicht. Ich war damals, kurz nach meiner Emeritierung, neu in Stadt und Bundesland, entsprechend auch ohne Netzwerk. Nur einmal wurde mir ein Therapieplatz in fünf bis sechs Monaten in Aussicht gestellt. So what?! Ob ich dann überhaupt noch lebe? Krebs ist Krebs und trotz vieler medizinischer Fortschritte unberechenbar – unberechenbar auch für niedergelassene Psychotherapeut*innen, die mit Krankenkassen abrechnen?
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Das dritte Thema ist das Methodenthema, das ich aufgreifen und noch weiter ausführen möchte. Wie im Prinzip immer, und das unzweifelhaft auch berechtigterweise, werden die Richtlinienverfahren als diejenigen genannt, die in der Psychoonkologie zum Einsatz kommen können, gerne auch einander ergänzend und strukturbezogen angepasst. In diese strukturbezogenen Anpassungen könnten Anteile des Psychodramas aufgenommen werden – vielleicht ein abschreckender Name für Menschen, die selbst gerade menschliche Tragödien durchstehen müssen, nichtsdestotrotz aber hoch geeignet – auch, wenn nicht gar insbesondere, für Menschen, die eine emotionale Introspektive nicht gewohnt sind. Das Psychodrama arbeitet schon immer strukturbezogen und handlungsorientiert. Ein Beispiel aus meiner eigenen Krankengeschichte: Meine erfreulichste Erfahrung mit Psychoonkologie war die mit einer Psychoonkologin (und Diplom-Psychologin) in einer Rehaklinik im Schwarzwald. Ihren Namen habe ich leider vergessen. Freiburger Schule. Sie hat mich „machen lassen“, wie ich sagen würde, und dennoch die Leitung behalten. Ich bin Psychodramatikerin und damit eher handlungs- als gesprächsorientiert. Sie war mitnichten Psychodramatikerin, kannte die Methode aber und ermunterte mich zu agieren. Ich konnte meinen Krebs auf einen leeren Stuhl setzen und ihm die Meinung sagen, habe dabei, glaube ich, in einer Art „Doppel“ / Alter Ego, Unterstützung von ihr erhalten. Ich konnte meine Familie und enge Freunde um mich versammeln – auf weiteren leeren Stühlen, da es eine Einzelsitzung, keine Gruppensitzung war. Ich konnte mit ihnen psychodramatische Zwiesprache halten, also im Rollentausch antworten. Und einigen Freund*innen, die mich per Cancer-Ghosting mieden, seit sie von meiner Erkrankung wussten, konnte ich die Meinung sagen, was auch guttat. Der Rückzug von Freund*innen, den Menschen mit Krebst oft erleben, ist sehr belastend. Das waren nur drei Sitzungen insgesamt, die mir sehr geholfen haben – ohne dass ich „Struktur, Dynamik und Attraktoren“ meines Familiensystems begreifen musste. Sehr schön. Psychodramatisch habe ich auch mit Gott verhandelt, bin gestorben und habe eine Rede zu meiner eigenen Beerdigung gehalten, „Techniken“, die ich entwickelt habe, als ich in den 1990er-Jahren mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken gearbeitet habe. Angesichts dieser Erfahrungen, die vermutlich nicht nur ich, sondern auch andere Psychodramatiker*innen gemacht haben, ist zu wünschen, dass solche Methoden in die Ausbildung von Psychoonkolog*innen mit einbezogen werden.
Ich wünsche allen Krebskranken, dass sie den Mut nicht verlieren – und Kolleg*innen wünsche ich den Mut, sich mit Belastungen durch Krebs und anderen potenziell letalen Krankheiten auseinanderzusetzen.
Prof. i. R. Dr. Angelika Groterath
Saarlouis und Rom
Weiterhin bestehender Informationsbedarf zur Weiterbildung in Sozialmedizin
Zu U. Worringen: Psychotherapeutische Weiterbildung in der medizinischen Rehabilitation. Psychotherapeutenjournal 4/2025, S. 368–375.
Ich habe über 30 Jahre für die DRV gearbeitet (Bad Mergentheim, dann als Ltd. Psychologe am Campus Bad Neustadt). Aufgrund dieses Erfahrungsschatzes möchte ich Frau Dr. Ulrike Worringen zu ihrem ausgezeichneten Artikel „Psychotherapeutische Weiterbildung in der medizinischen Rehabilitation“ gratulieren. Sie hat gründlichst recherchiert und die Leistungen der Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen in der Rehabilitation eindrücklich im Detail dargestellt. Ferner arbeitet sie heraus, dass die Absolvent:innen nach der Reform des Psychotherapeutengesetzes für die Arbeitswelt besser vorbereitet sind. Ich möchte aus der Fülle der von Frau Dr. Worringen beschriebenen Aspekte nur zwei betonen:
Dr. Worringen schreibt, dass es seit 2021 eine Weiterbildung gibt in Sozialmedizin für Psychologische Psychotherapeut:innen. Dies hat sich in der Community nach meinem Überblick noch nicht ausreichend herumgesprochen. Da besteht noch Informationsbedarf. Ferner weist Dr. Worringen zu Recht darauf hin, dass die Fachpsychotherapeut:innen eine stark forschungsmethodische Ausbildung haben. Es wäre schön, diese Kompetenzen im Alltag von der DRV mehr zu unterstützen – z. B. durch die Förderung von Dissertationen.
Dr. Lothar Schattenburg
Bad Neustadt