Nachrufe

Nachruf

Zum Tod von Johannes Helm (1927–2025)

verfasst von: Paul R. Franke

Veröffentlicht / published 18.03.2026
Johannes Helm (1927–2025)

Johannes Helm (1927–2025)

Am 22. August 2025 starb in Neu-Meteln (Mecklenburg) Prof. Dr. Johannes Helm nach langer schwerer Krankheit im Alter von 98 Jahren. Vermutlich werden viele seinen Namen nicht mehr kennen, dennoch soll an dieser Stelle an den vielfach begabten Psychologen, Maler und Schriftsteller gedacht werden.

Johannes Helm wurde am 10. März 1927 in Schlawa (Niederschlesien), heute Polen, geboren. Mit 17 wurde er 1944 eingezogen und an die Westfront geschickt, wo er in Kriegsgefangenschaft geriet. Als Kriegsgefangener musste er fast drei Jahre unter schlimmsten Bedingungen in belgischen Steinkohlenbergwerken schuften. Nach seiner Entlassung 1948 begann er an der Humboldt-Universität zu Berlin das Psychologiestudium, das er 1953 abschloss. 1958 wurde er zum Dr. phil. promoviert und leitete ab 1977 als Professor den Lehrbereich Klinische Psychologie. Nachdem sich die Psychologie in der DDR in den 1960er-Jahren von der Dominanz der Pawlowschen Lehren befreit hatte, beschäftigte sich Helm mit der Gesprächspsychotherapie, die von Carl Rogers begründet und von dem Psychologenehepaar Tausch zu Beginn der 1960er-Jahre in der Bundesrepublik verbreitet wurde. Helm bildete 1968 eine Arbeits- und Forschungsgruppe, um sich autodidaktisch das Verfahren der Gesprächspsychotherapie nach Rogers/Tausch anzueignen, im engen Austausch mit dem Ehepaar Tausch. Gemeinsam mit dem Philosophen Achim Thom (Leipzig) widerlegte er das staatliche Vorurteil, dass es sich bei der Gesprächstherapie um eine „bürgerliche“ Ideologie handele, und belegte, dass die Ziele der Gesprächspsychotherapie auch den Idealen des „sozialistischen Menschenbildes“ entsprechen würde. Ausbildungsprogramme für diese Therapieform wurden entwickelt und zuerst in Berlin in die Studienrichtung Klinische Psychologie integriert. Sein diesbezügliches Lehrbuch „Gesprächspsychotherapie. Forschung – Praxis – Ausbildung“ erschien 1978 und war ein großer Erfolg.

Im gleichen Jahr erschien noch ein völlig anderes Buch von ihm mit dem Titel „Malgründe“ (Aufbau-Verlag). Um es etwas leger zu sagen: Johannes Helm hatte noch ein „zweites Leben“: Seit Beginn der 1970er-Jahre malte er und das mit zunehmender Begeisterung. In diesem Buch stellte er 44 seiner Bilder vor und schrieb dazu einen Text mit seinen Gedanken und Assoziationen zu dem jeweiligen Bild. Sein Malstil entsprach zuerst der „Naiven Malerei“. Er sagte, dass ihn damals die naive Malerei von Albert Ebert beeindruckt hatte. Albert Ebert (1906–1976) war zu DDR-Zeiten Heizer an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale. 1963 erschien das Insel-Bändchen (Nr. 765) „Albert Ebert. Poesie des Alltags“ und machte ihn schlagartig auch jenseits der DDR bekannt.

1986 beendete Johannes Helm seine akademische Tätigkeit, zog nach Neu-Meteln bei Schwerin, wo er seit etwa 10 Jahren zeitweilig wohnte, und widmete sich ganz der Malerei. Dort gab es eine Künstlerkolonie, zu der auch das Schriftsteller-Ehepaar Christa und Gerhard Wolf gehörte. In Christa Wolfs Buch „Sommerstück“ wird über diese Gemeinschaft geschrieben. Seitdem entstanden mehr als 1300 Gemälde. Die Phase der naiven Malerei hatte er hinter sich gelassen, seine Gemälde sind höchst professionell. Mehrmals im Jahr veranstalteten seine Frau und er in seiner umgebauten Scheune gut besuchte Ausstellungen seiner Bilder mit Lesungen und Musik.

Aber er war auch schriftstellerisch tätig. In seinem Buch „Tanz auf der Ruine. Szenen aus einem vergangenen Land“ (2007) karikierte er den Wissenschaftsbetrieb in der DDR. Wundervolle und emotionale Gedichte schrieb er auch, die z. T. mit Gemälden von ihm in dem Buch „Seh ich Raben, ruf ich Brüder“ (Stock und Stein Verlag) 1996 erschienen.

Johannes Helm war seit 1976 verheiratet mit der Psychologin und Schriftstellerin Helga Schubert (geb. 1940), die auch zu DDR-Zeiten schon schriftstellerisch tätig war und damals u. a. das Drehbuch für den Film „Die Beunruhigung“ über eine an Brustkrebs erkrankte Frau geschrieben hatte. Helga Schubert war 1989/90 zum Ende der DDR Pressesprecherin des Runden Tisches. 2020 erhielt sie den Bachmann-Preis für eine Lesung aus dem damals entstehenden Buch „Vom Aufstehen“, eine späte, aber hoch verdiente Ehrung. In dem Buch beschreibt sie ihr Leben und das Zusammenleben mit Johannes Helm, der über viele Jahre an einer langwierigen Krebserkrankung litt und den sie all die Jahre aufopferungsvoll zuhause pflegte und ihm damit den Aufenthalt und das Ende in einem Krankenhaus oder Pflegeheim ersparte. Bei Besuchen habe ich immer wieder bewundert, mit welcher Ruhe, Güte und Gelassenheit sie diese oft schweren Lebensumstände bewältigte und dabei nachts noch schriftstellerisch tätig war. Ich glaube, dass sein Tod für beide eine Erlösung war.

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