Suchbewegungen durch das Dickicht unserer apokalyptischen Gefühle
Kattermann, V. (2025). Auf dem Sonnendeck der Titanic? Nachdenken über gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit. Gießen: Psychosozial-Verlag, 160 S., 22,90 €
verfasst von: Josef Berghold, Lübeck
Spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Gefährdung der Lebensgrundlagen unserer Zivilisation unübersehbar. Seit den 1980er-Jahren hat dabei der menschengemachte Treibhauseffekt zunehmende Beachtung gefunden. Nach dem 1992 abgehaltenen „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro, auf dem u. a. die UN-Klimarahmenkonvention beschlossen wurde, versuchten 1.700 führende Wissenschaftler*innen – unter ihnen eine Mehrheit der Nobelpreisträger*innen der Naturwissenschaften –, die Weltgemeinschaft mit einer dramatischen Warnung aufzurütteln: Um den Kollisionskurs der Menschheit mit der natürlichen Welt noch abzuwenden, verblieben nicht mehr als eines oder höchstens ein paar Jahrzehnte (Union of Concerned Scientists, 1992). Horst-Eberhard Richter, der sich große Mühe gab, die Öffentlichkeit für diese Warnung empfänglich zu machen, musste sich bald eingestehen, dass sie bei einer großen Mehrheit „auf eine Mauer gepanzerter Abgestumpftheit“ prallte (Richter, 1993, S. 24). Die verbliebene Zeit ist denn auch weitgehend ungenutzt verstrichen, was besonders klar an den CO2-Emissionen in die Erdatmosphäre ablesbar ist, die im langjährigen Trend seit 1992 im selben Tempo weiter zugenommen haben wie schon in den Jahrzehnten davor (Statista, 2025), ohne dass Anzeichen einer Kehrtwende erkennbar würden.
Was macht dies mit uns allen? Wie reagiert unsere Gesellschaft, wie reagieren verschiedene gesellschaftliche Gruppen – bewusst, halb- oder unbewusst – auf diese Aussicht auf einen globalen Kollaps, die immer schärfere Konturen annimmt? Wie können wir ihr gegenüber noch einigermaßen angemessene Haltungen und konstruktive Handlungsorientierungen entwickeln? Zu diesen Fragen versucht die Einzel- und Gruppenanalytikerin Vera Kattermann, einen überaus reichhaltigen Fundus an historischen, kulturwissenschaftlichen, politischen, sozial- und tiefenpsychologischen Einblicken und Reflexionen nutzbar zu machen. Dabei lässt sie sich auf eine Reihe sehr umsichtiger und offener Suchbewegungen ein, die nicht auf umfassende Antworten zielen, sondern vor allem eine Anregung zum Austausch zwischen möglichst vielen Menschen liefern, denen diese Fragen am Herzen liegen.
Wie bereits im Buchtitel angekündigt, zieht sie zur Veranschaulichung unserer existenziellen Krise zunächst die klassische Metapher vom Untergang der Titanic heran, die eindringlich wie wenige andere die Gefahren technologischen Allmachtswahns und entsprechend lebensbedrohlicher Fahrlässigkeit symbolisiert. Mit dem bildhaften Hinweis auf das Sonnendeck des zu seiner Zeit größten Passagierschiffs der Welt richtet Kattermann ihren Fokus besonders auf die privilegierteren Schichten der globalen Gesellschaft, die mit ihrer überwiegenden Verleugnung und Abwehr gegen dringend notwendige Selbstkritik und Veränderungen eine Hauptverantwortung für den drohenden Untergang tragen. Daran anschließend bietet sie eine kursorische Erörterung menschheitsgeschichtlicher Endzeitszenarien, die sie von frühen Mythen über zornige und strafende Götter bis in unsere Gegenwart führt, in der die eskalierende Spannung zwischen der sich immer gröber aufdrängenden Realität einerseits und ihrer umso beharrlicheren Missachtung andererseits einer zunehmenden emotionalen Gleichgültigkeit und Aushöhlung des solidarischen Zusammenhalts in unserer Gesellschaft den Boden bereitet.
Ein über weite Strecken richtungsweisender Kompass für Kattermanns Suchbewegungen ergibt sich aus der Selbstwahrnehmung, dass ihre Gefühle der Angst und Verzweiflung angesichts unserer Zukunftsaussichten, wenn sie sich näher auf sie einlässt, fast unerträglich werden. Wenn wir uns aber trotz allem noch konstruktive Sinnperspektiven oder Restspuren von Hoffnung erschließen wollen, sollten wir diese Gefühle, so gut es eben geht, dennoch aushalten und genauer ausloten. Im Sinne dieses Anliegens setzt sie sich zunächst mit der tief in uns wurzelnden Weigerung oder Unfähigkeit auseinander, (gefühlt) an unsere eigene Sterblichkeit zu glauben. Dies führt sie in weiterer Folge zu sorgfältigen Abwägungen zwischen widersprüchlichen Bedeutungen, die mit dem Begriff der Hoffnung gemeint sein können. Dabei beleuchtet sie vor allem den Gegensatz zwischen aktiver Selbstbefragung nach inspirierenden Zielen und realistischen Handlungsmöglichkeiten und einem grundlegend passiven, der Abwehr von Verzweiflung dienenden Wunschdenken – wobei zu Letzterem nicht zuletzt auch der Kult einer neoliberal getrimmten „Resilienz“ zählt, der Größenfantasien von Unverwüstlichkeit nährt.
Neben diesen entgegengesetzten Versionen von Hoffnung liefern auch Konflikte zwischen Gruppen mit sich gegenseitig ausschließenden Hoffnungen, das mühevolle Anliegen einer tragfähigen Konfliktkultur oder die lähmenden Wirkungen verhärteter Herrschaftsstrukturen maßgebliche Wegmarkierungen für Kattermanns weit ausholende Reflexionen zum gesellschaftlichen Ringen um verbleibende Spielräume von Zukunftsfähigkeit. Damit gelangt sie schließlich auch zu einer konkreteren Konfrontation mit den politisch-psychologischen Konsequenzen einer eventuell nicht mehr abwendbaren zerstörerischen Kriseneskalation. Unter diesen sticht ein massiver Verlust an sachlicher Gesprächsbasis und Vertrauenswürdigkeit in der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung hervor, der auch ein Hochschießen von Ressentiments, Feindbildern und sozialdarwinistischen Strömungen mit sich bringt, was insbesondere autoritären bis totalitären Tendenzen mächtigen Vorschub leistet.
Um diesen bedrohlichen Entwicklungen entgegenzuwirken, geht Kattermann abschließend nochmals auf mehrere in ihrem Buch entwickelte Ansätze und Überlegungen ein, wie gesellschaftliche Hoffnungsfähigkeit am Leben erhalten und wirkmächtig gemacht werden könnte. Als wesentliches Anliegen schälen sich dabei u. a. mit psychotherapeutischen Settings vergleichbare gesellschaftliche Schutzräume heraus, in denen unsere verstörenden Krisenwahrnehmungen kognitiv wie emotional sortiert und verdaut werden können oder auch gemeinsames Träumen über unsere ungewisse Zukunft ermöglicht würde. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Anerkennung der umfassenden wechselseitigen Angewiesenheit und Bezogenheit unserer Gesellschaft, in der die Zwangsläufigkeit von heftigen Konflikten ebenso unabweisbar ist wie die Notwendigkeit ihrer demokratischen Rahmung und in der auch die unscheinbaren Beiträge möglichst vieler Einzelner gebraucht werden und in die „Schwarmintelligenz“ eines engagierten Gemeinwesens einfließen sollten.
Die beeindruckende und originelle Vielfalt bzw. Komplexität von Kattermanns Suchbewegungen dürfte allerdings dazu beigetragen haben, ihr Anliegen, möglichst gut verständlich zu schreiben, teilweise zu vereiteln. Ich habe die Lektüre streckenweise mühsam gefunden, was aber nichts daran ändert, sie insgesamt als sehr lohnenswert einzuschätzen.