Editorial

Liebe Kolleg*innen,

Beitragssatzstabilisierungsgesetz, Honorarkürzungen oder Positionspapiere sind Begriffe, die Psychotherapeut*innen inzwischen sehr vertraut sind. Doch sie stehen nicht nur für abstrakte gesundheitspolitische Fachdebatten. Sie markieren reale Herausforderungen für ein Versorgungssystem, das unter Druck geraten ist, und sind reale Gefahren für die Psychotherapie, wie wir sie bisher nicht kannten.

Viele Kolleg*innen erleben die aktuellen Entwicklungen allerdings nicht nur als finanzielle Einschnitte. Sie empfinden es auch als Entwertung ihrer Arbeit – und damit als Abwertung psychischer Erkrankungen insgesamt. Die Honorarkürzungen haben große Unruhe ausgelöst und die Reformbemühungen der Bundesregierung lassen eine zusätzliche Verminderung der Vergütung – aber auch eine Schwächung des gesamten Gesundheitssektors – erwarten.

Gleichzeitig zeigt sich in dieser Situation etwas Ermutigendes: Psychotherapeut*innen erleben sowohl innerhalb der eigenen Profession als auch darüber hinaus ein hohes Maß an Solidarität. In kürzester Zeit haben sich zahlreiche Kolleg*innen ausgetauscht, vernetzt und gegenseitig gestützt. Ganz im Sinne der „sprechenden Medizin“ wird deutlich: Reden hilft. Es hilft, Belastungen zu teilen, Affekte zu ordnen und einander zu stabilisieren. Und es hilft auch, gemeinsam handlungsfähig zu werden und das Gefühl von Wirkmächtigkeit zurückzugewinnen.

Ob in der Fachöffentlichkeit, in sozialen Medien, in Radio- und TV-Beiträgen oder auf der Straße: Es ist ein zunehmendes Interesse an einer aktiven Gestaltung der aktuellen Situation entstanden. Ein Berufsstand hat sich erkennbar politisiert und tritt entschlossen und weithin sichtbar auf. Für viele ist das eine neue Erfahrung; andere erinnern sich an berufspolitische Auseinandersetzungen der 90er-Jahre. Doch jetzt entsteht eine neue, eigene Dynamik.

Dabei bleibt eine zentrale Gewissheit leitend: Psychotherapie wirkt. Psychotherapie ist effizient, sie ist unverzichtbar, und sie hat einen hohen Wert für die Gesellschaft. Gerade in Zeiten, in denen ihre Rahmenbedingungen unter Druck geraten, ist es umso wichtiger, die Bedeutung klar zu benennen und zu verteidigen. Dies geschieht ebenfalls in den zahlreichen Gesprächen mit Politiker*innen, die von Kammern, Verbänden und nicht zuletzt von Kolleg*innen geführt werden. Wir müssen im Dialog bleiben, um die Psychotherapie zu stärken!

Auch diese Ausgabe des Psychotherapeutenjournals trägt dazu bei. Sie zeigt die Vielfalt psychotherapeutischer Arbeit, die fachliche Breite unseres Feldes und die Stärke einer Profession, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist – und die bereit ist, sie zu übernehmen.

Eine zentrale Forderung an Psychotherapie, aber auch ein Anspruch unserer Profession an sich selbst, ist die wissenschaftliche Fundierung der Behandlungsansätze. Hierbei spielen Leitlinien eine wichtige Rolle. In ihrem Beitrag stellen Frantz und Wessels die aktuellen S3-Leitlinien zur Behandlung psychotischer Patient*innen vor und lassen dies in eine äußerst praxisorientierte Darstellung der Behandlungsoptionen münden.

Küpper und Kolleginnen setzen die Reihe zu Autismus-Spektrum-Störungen fort und beschreiben praxisorientiert ergänzende Behandlungsangebote.

Teismann und Kolleginnen beschäftigen sich differenziert mit assistiertem Suizid und verdeutlichen hiermit nochmals, dass psychische Erkrankungen einen tödlichen Verlauf nehmen können. Im Artikel wird u. a. das Motivational Interviewing zum Umgang mit Ambivalenzen suizidaler Menschen beschrieben.

Hauffe stellt Überlegungen dar, die Kulturtheorie Freuds auf die jetzigen gesellschaftlichen Bedingungen zu aktualisieren, und lädt damit zum philosophisch-psychotherapeutischen Reflektieren ein.

Das Fortschreiten der Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) wird von Hornstein aufgegriffen, u. a. die Illusion von Beziehung und Bindung durch eine KI – Aspekte, die auch in den zunehmenden Forderungen der Kostenträger nach kostengünstigem Einsatz von DiGA mitgedacht werden müssen!

Abgerundet wird dieses Heft durch eine rechtliche Einordnung von Einsichts-, Einwilligungs- und Handlungsfähigkeit in der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen.

Vielfältige Themen in spannenden Zeiten! Im Namen des Redaktionsbeirats wünsche ich eine bereichernde Lektüre.

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Björn Riegel (Schleswig-Holstein)
Mitglied des Redaktionsbeirates

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