Nachruf
Zum Tod von Rainer Richter (1947–2026)
verfasst von: Andrea Benecke im Namen der Bundespsychotherapeutenkammer, Heike Peper im Namen der Psychotherapeutenkammer Hamburg und Heiner Vogel im Namen des Redaktionsbeirats
Rainer Richter (1947–2026)
Foto: © Irina Efremova
Mit großer Bestürzung und tiefer Trauer nehmen wir Abschied von Univ.-Prof. Dr. phil. Rainer Richter, der unerwartet am 18. März 2026 im Alter von 79 Jahren verstorben ist. Er war eine der prägendsten Persönlichkeiten der Psychotherapie in Deutschland. Als langjähriger Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) und Gründungspräsident der Psychotherapeutenkammer Hamburg hat er sich über Jahrzehnte mit Weitsicht, Mut und Beharrlichkeit für die Etablierung und Weiterentwicklung der Psychotherapie im Gesundheitswesen eingesetzt.
Mit ihm verlieren wir einen Pionier und eine Leitfigur der Professionalisierung der Psychotherapeutenschaft. Rainer Richter hat sich für die wissenschaftliche Fundierung, Professionalisierung und Versorgungsorientierung in der Psychotherapie eingesetzt – als Wissenschaftler, Hochschullehrer, Kliniker und engagierter Berufspolitiker.
Ein Leben für die Psychotherapie
Nach seinem Studium in Göttingen und Basel war er im Bereich der Psychophysiologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel tätig. Im Anschluss an seine Tätigkeit in Konstanz wechselte er 1978 als wissenschaftlicher Assistent an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Nach Stationen in den Abteilungen für Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie bei Adolf-Ernst Meyer und seiner Habilitation wurde er 1992 Professor am UKE und ließ sich im Anschluss an eine Professur in Ulm dauerhaft in Hamburg nieder.
Insbesondere die Psychotherapie- und Versorgungsforschung als einer seiner Forschungsschwerpunkte dürfte einen wesentlichen Grundstein für sein berufspolitisches Engagement und seinen Einsatz für die Etablierung der beiden Heilberufe der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen und Psychologischen Psychotherapeut*innen gelegt haben.
Pionier der Berufspolitik
Als Vorsitzender des Errichtungsausschusses gestaltete Rainer Richter den Aufbau der Psychotherapeutenkammer Hamburg und wurde deren erster Präsident – ein Amt, das er bis 2015 innehatte. Von 2005 bis 2015 stand er zeitgleich an der Spitze der Bundespsychotherapeutenkammer und hat sie als Interessenvertretung der Psychotherapeut*innen im deutschen Gesundheitssystem entscheidend geprägt. Gleichzeitig hat er mit seinem Wirken den Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihren Bedürfnissen in Versorgung und Gesellschaft bundesweit eine Stimme verliehen und wies unablässig darauf hin, dass psychisch kranke Menschen schlechter versorgt werden als körperlich Erkrankte. Der Abbau langer Wartezeiten in der ambulanten Psychotherapie und die Entwicklung einer sektorenübergreifenden Versorgung für schwer psychisch kranke Menschen waren ihm ein besonders dringendes Anliegen. Gegen teils heftige Widerstände setzte er sich für grundlegende Reformen in stationären Einrichtungen der Psychiatrie und Psychosomatik ein.
Darüber hinaus sind das Psychotherapeutengesetz von 1999 und dessen umfassende Reform im Jahr 2019 untrennbar mit seinem Namen verbunden. Dank des von Meyer, Richter, Grawe, Graf v. d. Schulenburg und Schulte 1991 vorgelegten Forschungsgutachtens wurde im Jahr 1998 das Psychotherapeutengesetz verabschiedet.
Außerdem machte Rainer Richter sich intensiv für die Verbesserung der Qualifikation des psychotherapeutischen Nachwuchses stark. So war er maßgeblich an der 2020 in Kraft getretenen Aus- und Weiterbildungsreform beteiligt.
Mehrere Jahre gehörte Rainer Richter dem Redaktionsbeirat des Psychotherapeutenjournals an. Seine Stimme hatte Gewicht – seine Überzeugungen und sein fachlicher Blick beeinflussten die Arbeit des Gremiums und die Gestaltung des Psychotherapeutenjournals in besonderer Weise.
Ein besonderes fachliches Anliegen war für den Psychoanalytiker Rainer Richter die Weiterentwicklung der psychodynamischen Verfahren. Als Gründungspräsident der Deutschen Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (DFT) förderte er ein modernes, an der Versorgung orientiertes Verständnis psychodynamischen Arbeitens. Für seine Verdienste wurde er 2023 mit dem Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft ausgezeichnet.
Vorbild und Verpflichtung
Mit Prof. Dr. Rainer Richter verliert die Psychotherapeutenschaft in Deutschland eine ihrer verdienstvollsten Persönlichkeiten. Sein herausragendes Engagement für die psychische Gesundheit und für die Psychotherapie ist uns Verpflichtung und Ansporn zugleich.
Wir sind außerordentlich dankbar, dass wir mit ihm einen Teil des berufspolitischen Weges gemeinsam gehen durften.
Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Familie und allen Angehörigen.