Psychoanalyse des Populismus und des Klimawandels
Pioch, E., von Hauenschild, L., Meinert, K., Mühlinghaus, I. & Watzel, T. (Hrsg.). (2025). Zwischen Angst und Hoffnung – Psychoanalyse in Zeiten gesellschaftlicher Krisen. Gießen: Psychosozial Verlag. 261 S., 39,90 €
verfasst von: Otmar Klett, Berlin
Unter dem Titel „Zwischen Angst und Hoffnung – Psychoanalyse in Zeiten gesellschaftlicher Krisen“ ist eine Sammlung psychoanalytisch orientierter Beiträge erschienen, deren gesellschaftspolitische Relevanz aktueller kaum sein könnte. Die Texte basieren auf Vorträgen der Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) aus dem Jahr 2024, die unter dem Motto „Angst, Regression, Desintegration und Hoffnung? – Psychoanalyse in Zeiten der Krise“ stand. Die thematische Rahmung verdeutlicht, dass zentrale Fragestellungen die Wechselwirkung gesellschaftlicher Krisen mit individuellen und kollektiven Ängsten, deren Einfluss auf die psychoanalytische und psychotherapeutische Praxis sowie potenzielle Lösungsansätze betreffen.
Insgesamt fünf Beiträge beschäftigen sich mit der Psychodynamik von Populismus und Verschwörungsnarrativen, davon einer mit dem sozialen Klima in Russland nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die gesamte Ukraine und einer mit Antisemitismus unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 7. Oktober 2023. Zwei weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Verleugnung des menschengemachten Klimawandels und Veränderungen des sozialen Klimas. Vier Texte setzen sich mit der Möglichkeit von Hoffnung und deren Verhältnis zur Illusion auseinander. Ein Beitrag beleuchtet die Psychodynamik der Rache, ein anderer widmet sich dem Begriff der Regression. Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Rezension werde ich im Folgenden exemplarisch drei Beiträge näher betrachten.
Die Psychoanalytikerin Karin Johanna Zienert-Eilts analysiert die Mechanismen des destruktiven Populismus, den sie exemplarisch an der Bewegung um Donald Trump veranschaulicht. Ein zentrales Element ist das „perverse Containing“, bei dem psychisch unverarbeitete Inhalte nicht aufgenommen und transformiert, sondern verstärkt und in ihrer Destruktivität potenziert werden. Die damit verbundene Zunahme von Angst werde durch „exzessive Identifizierung“ mit einem Anführer sowie dessen Verschwörungsideologie und der Zugehörigkeit zu einer omnipotenten Gruppe abgewehrt. Die Anfälligkeit für destruktiven Populismus erklärt sie mit frühkindlichen Zuständen von Angst und Desorientierung, die durch Propaganda gezielt reaktiviert und instrumentalisiert würden.
In ihren psychoanalytischen Erkundungen untersucht die Psychoanalytikerin Angela Mauss-Hanke den Zusammenhang von Rache mit der „Wendung vom Passiven ins Aktive“ als grundlegenden Mechanismus zur Bewältigung narzisstischer Kränkungen. Eine Disposition für die pathologische Verarbeitung von Racheimpulsen könne in der brutalen Desillusionierung kindlicher Omnipotenz begründet sein. Die pathologische Verarbeitung bestehe in einem Teufelskreis aus Projektion der Enttäuschungswut und Rückzug in den Groll. Dadurch kann Ablehnung bei anderen induziert werden, was zu einer Bestätigung und verstärkter Projektion führe. Diese Dynamik könne schließlich in einem aktiven Racheakt münden, was am Beispiel des Amokläufers von Emsdetten eindrucksvoll illustriert wird.
Die britische Psychoanalytikerin und Vorsitzende des Klimaausschusses der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA), Sally Weintrobe, betont die Rolle narzisstisch-omnipotenten Denkens für die Aufrechterhaltung der Verleugnung des Klimawandels. Sie zeigt auf, wie Omnipotenz eine Scheinwelt erschaffen kann, die das Denken einschränkt, indem es an Projektionen gebunden wird, die durch fortgesetzte seelische Arbeit aufrechterhalten werden müssen. Die Verleugnung des Klimawandels versteht sie als kollektiven seelischen Rückzug von der Realität, durch den dahinterliegende wirtschaftliche Interessen verschleiert würden. Anhand von Erfahrungen mit zwei Gruppen beschreibt sie anhand der aus Jugendlichen zusammengesetzten Gruppe das Vorherrschen von depressiver Schuld und das Bemühen, psychisch mit der Bedrohung durch den Klimawandel umzugehen. In der Gruppe älterer Menschen wurde hingegen vermehrt Omnipotenz eingesetzt, um Mitgefühl und Schuld abzuwehren und einen seelischen Ort des Rückzugs von der Realität aufrechtzuerhalten.
Die dargestellten Überlegungen haben eine hohe Plausibilität, wenngleich ich mir an mehreren Stellen eine stärkere Bezugnahme auf empirische soziologische Befunde gewünscht hätte. Dennoch werden hier wichtige konzeptuelle Beiträge zur Erforschung sozialpsychologischer Wirkmechanismen geleistet. Der Band überzeugt sowohl durch die thematische Relevanz und die Vielfalt der theoretischen Positionen als auch durch die Mischung aus etablierten und jüngeren, bislang weniger bekannten Autorinnen und Autoren. Neben dem Umstand, dass wesentliche Beiträge zum sozialpsychologischen Verständnis aktueller gesellschaftlicher Krisen sowie Ansätze für deren Bewältigung vorgestellt werden, ist die Lektüre auch deshalb anregend und lohnenswert, weil man zeitgenössischen psychoanalytischen Konzepten bei der Arbeit zusehen kann.