Originalia

Vom Stigma zur Absolution

Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen

From Stigma to Absolution

Understanding Desired Diagnoses and Responding to Them in Clinical Practice

verfasst von: Torben Schubert & Clara Lensing

Veröffentlicht / published 16.09.2026

Abstract

Zusammenfassung: Immer mehr Patient*innen treten mit einer Wunschdiagnose an Psychotherapeut*innen heran, häufig ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung, um eine Selbstdiagnose bestätigt zu bekommen. Der Beitrag ordnet dieses Phänomen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen ein und arbeitet die psychologischen Funktionen heraus, die Diagnosen für Betroffene erfüllen: Kontrolle, Exkulpation (Entlastung von Schuld), Identität, interaktionelle Motive, Selbstaufwertung und Selbstakzeptanz. Vor dem Hintergrund der empirischen Unschärfe kategorialer Diagnosen und deren möglicher langfristiger Nachteile plädieren die Autor*innen für ein transdiagnostisches, prozessbasiertes Vorgehen. Konkrete Leitthemen und typische Hürden aufseiten der Patient*innen und der Psychotherapeut*innen werden dargestellt. Vorschläge für die diagnostische Phase, die Mitteilung der Diagnose und die Entwicklung therapeutischer Perspektiven werden abgeleitet, die das Leid der Betroffenen jenseits der Diagnose ins Zentrum stellen.

Summary: A growing number of patients approach psychotherapists with a desired diagnosis, frequently ADHD or an autism spectrum disorder, seeking confirmation of a self-diagnosis. This article situates the phenomenon within broader societal changes and identifies the psychological functions that diagnoses fulfill: control, exculpation (relief from guilt), identity, interactional motives, self-enhancement, and self-acceptance. Against the backdrop of the empirical fuzziness of categorical diagnoses and their possible long-term drawbacks, the authors advocate a transdiagnostic, process-based approach. Concrete guiding themes and typical obstacles on both the patients' and the therapists' side are outlined. Recommendations are derived for the diagnostic phase, the communication of the diagnosis, and the development of therapeutic perspectives that place patients' suffering, beyond the diagnosis, at the center.


Einleitung

Auffallend unbedarft berichtete eine junge Mutter neulich in unserer Praxis, wie entlastet sie durch die ADHS-Diagnose sei, die sie im letzten Monat von ihrem Psychiater bekommen habe. Seither stresse sie sich nicht mehr damit, ihren Kindern täglich drei Mahlzeiten zuzubereiten, da dies mit ihrer Neurobiologie schlicht unmöglich sei. Allein die mitfühlende Freude wollte sich therapeutischerseits nicht so recht einstellen. Stattdessen meldete sich ein schales Unbehagen in der Magengegend. Die beschriebene Patientin hat etwas bestätigt bekommen, was sich aktuell so viele Patient*innen wünschen wie nie zuvor: eine Wunschdiagnose, mit der sie zu uns Psychotherapeut*innen und anderen Fachkräften kommen, um Selbstdiagnosen prüfen zu lassen (Neumann et al., 2026).

Vorbilder finden sich überall: Prominente erzählen rückblickend von der einen, alles erklärenden Diagnose, die zuvor erlebtes Scheitern in ein neurobiologisches Narrativ verwandelt. Auf Plattformen wie TikTok identifizieren Influencer*innen in millionenfach geklickten Videos einzelne Alltagsphänomene wie Reizüberflutung, Prokrastination oder soziale Erschöpfung als Ausdruck ihrer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus-Spektrum-Störung (ASS) – und zwar kurzweilig, catchy und leicht anschlussfähig. Die Art, wie wir gesellschaftlich über psychische Störungen sprechen, meist in Diagnoseform, lässt die zugrunde liegenden Konzepte breiter und unschärfer werden („Looping-Effekt“; Padberg, 2025). Eine Folge: Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene vermuten bei sich selbst verstärkt psychische Diagnosen. Einer repräsentativen Erhebung der Ohio State University (2024) zufolge vermutet etwa ein Viertel der US-amerikanischen Erwachsenen eine bislang unerkannte ADHS bei sich.

Während man früher die mit Stigma besetzten Diagnosen lieber vermied, um weiter als „normal“ zu gelten, verhält sich dies nun häufig umgekehrt: Insbesondere jüngere Menschen wünschen sich eine Diagnose, um sich vom normativen Druck dieses „Normalseins“ befreien zu dürfen. Passend zum generellen gesellschaftlichen Wandel ist diese entlastende Distinktion nur eine Lösung des Individuums: Bei ungebremst steigenden gesellschaftlichen Leistungsstandards profitieren nur diejenigen von der Entstigmatisierung, die die verheißungsvolle Diagnose erhalten haben. Die anderen sollen in Schule, Arbeit oder sozialen Situationen auch weiterhin den unhinterfragt hohen Anspruch an z. B. anhaltende Aufmerksamkeit, Selbstorganisation und soziale Reibungslosigkeit erfüllen.

Paradoxerweise scheinen die frühere Distanzierung von Diagnosen und der heutige Wunsch nach diesen ein ähnliches übergeordnetes Ziel zu verfolgen: zu genügen.

Fallbeispiel

Eine 21-jährige Auszubildende in einer Werbeagentur stellt sich aufgrund von Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und gelegentlichen Panikattacken vor. Sie arbeite langsamer als ihre Kolleg*innen, an manchen Tagen könne sie sich „gar nicht“ konzentrieren. Nach zwei positiv ausgefallenen Feedbackgesprächen mit ihrem Ausbilder habe sie zwei Wochen antriebslos und anhedon im Bett verbracht. Ihr Partner nehme seit seiner Kindheit Methylphenidat gegen ADHS. Ihre Eltern beschreibt sie als „Workaholics“, die sich wenig um sie und mehr um ihren jüngeren Bruder gekümmert hätten. Zuhause habe man häufig abschätzig über das Unvermögen anderer gesprochen. Bei all ihrer „Verpeiltheit“ seien sich „alle um sie herum“ einig, dass auch sie ADHS habe. TikTok-Clips zu #latediagnosedADHD bei Frauen hätten sie nun zur offiziellen Bestätigung motiviert. In der Gegenübertragung stellt sich Sympathie für die lebendige, offene Patientin ein und zugleich ein leiser Druck, ihrer diagnostischen Erwartung fürsorglich entsprechen zu wollen.


Funktionen von Diagnosen

Psychische Diagnosen sollen komplexe Probleme des Erlebens, Denkens und Fühlens anhand auftretender Symptome so beschreiben, dass sie erkennbar, kommunizierbar und behandelbar werden. Neben dieser klinischen Aufgabe entfaltet jede somatische wie auch psychische Diagnose immer auch eine emotionale Wirkung, unabhängig davon, ob ärztlich gestellt oder als Selbstdiagnose angenommen. Sie übernimmt für Betroffene Funktionen, die sich aus psychologischen Grundbedürfnissen (Grawe, 2004) ableiten lassen. Da deren Erfüllung für Menschen fundamental wichtig ist, wird verständlich, warum manche Patient*innen sich eine bestimmte Diagnose so dringend wünschen.

Kontrolle und Kohärenz

Werden wiederkehrende Probleme als diffus und unverständlich erlebt, entsteht Hilflosigkeit („Was stimmt nicht mit mir?“). Eine Diagnose macht das Erleben benennbar und verstehbar (Sims et al., 2021). Der Aha-Effekt validiert es („Was ich erlebe, ist real“) und normalisiert es, wodurch Unsicherheit und Grübeln in einer schlüssigen Erklärung Ruhe finden („Es ist eine Depression“). Es entwickelt sich ein kohärentes Selbstkonzept, das nach außen mit einem gesellschaftlich anerkannten Begriff kommunizierbar wird.

Exkulpation (Entlastung von Schuld)

Wo Hilflosigkeit ist, ist Selbstbeschuldigung nicht weit. Je stärker das Narrativ einer Diagnose suggeriert, dass die Probleme in unveränderbarer Biologie liegen, desto mehr entlastet sie von der vermeintlichen Schuld, sich nicht genug anzustrengen. Eigenes Leid wirkt weniger selbstverschuldet und im sozialen Vergleich wie ein Schutzschild gegenüber Abwertung. Eltern entlastet sie vom Verdacht eigener Erziehungsfehler, Kinder von überfordernden Erwartungen, Jugendliche von der Bürde, schon jetzt ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu müssen. Retrospektiv dient die Diagnose als Rechtfertigungsgeschichte: Statt der schmerzhaften Auseinandersetzung mit erlebten Krisen oder dem Verhalten früher Bezugspersonen lassen sich diese nachträglich umdeuten: „Niemand ist schuld, es war eine unerkannte Störung.“ Aus der Exkulpation kann dann ein Anspruch auf Verständnis, Entschuldigung und Ausgleich erwachsen.

Identität und Zugehörigkeit

Wer sich lange ausgeschlossen oder fremd gefühlt hat, kann durch eine Diagnose Anschluss an eine Community mit anscheinend identischen Erfahrungen finden (Corzine & Roy, 2024). Gerade für junge Menschen kann dies in ihrer Identitätsentwicklung besonders sinnstiftend sein. Die Neurodiversitätsbewegung wie auch Communitys zu somatisch gefassten chronischen Erkrankungen (vgl. die „Spoonie“-Bewegung[1]) sind eindrückliche Beispiele dafür, wie diagnostische Kategorien zu kollektiven Identitätsangeboten werden. Bestätigte Diagnosen verleihen in Online-Foren oder monatlichen Stammtischen Zugang und Status (Barker, 2008).

Selbstaufwertung

Den Alltag unter erschwerten Bedingungen zu meistern, kann auch etwas Aufwertendes haben. Mehr noch wird im Narrativ neurobiologischer Diagnosen ein „anders funktionierendes Denken“ teilweise zur „Superkraft“ stilisiert. ADHS gilt hier als Quelle von spontaner Begeisterungsfähigkeit und Hyperfokus, Autismus als Ursache von außergewöhnlicher Mustererkennung und kompromissloser Authentizität. Verweise auf erfolgreiche neurodivergente Persönlichkeiten – von Einstein bis Elon Musk – untermauern den Eindruck, mit der Diagnose nicht nur „anders verdrahtet“, sondern etwas Besonderes und in zentralen Aspekten besser zu sein als die „Neurotypischen“.

Interaktionelle Motive

Diagnosen erleichtern es, zwischenmenschliche Motive im sozialen Umfeld durchzusetzen. Sie können Anerkennung oder Wichtigkeit einbringen (Aufmerksamkeit, Mitleid, Respekt für Erreichtes trotz Einschränkung) und andere Bedürfnisse legitimieren, wie Grenzen zu setzen, Rückzug einzufordern und Autonomieansprüche zu begründen. Durch den normativen Charakter „mentaler Gesundheit“ fühlen sich Interaktionspartner kurzfristig oft stärker verpflichtet, dem zu folgen (vgl. Regel-Schema; Sachse et al., 2009).

Selbstakzeptanz

Alle vorangegangenen Funktionen dienen letztlich der übergeordneten Sehnsucht zu genügen: sich selbst akzeptieren zu können, mit allen Schwächen und Andersartigkeiten – und dies mithilfe einer sozial anerkannten Begründung auch von anderen zu erleben. Die Diagnose wird zum Schlüssel, milde mit sich selbst zu sein.

Welche der oben genannten Funktionen inwieweit zum Tragen kommt, hängt von individuellen Bedingungen ab, etwa, welche eigenen Bedürfnisse eher unerfüllt sind. Dies gilt nicht nur für Betroffene selbst, sondern auch (oder manchmal sogar noch mehr) für deren Eltern, Partner*innen oder Kolleg*innen. Solange eine Selbstdiagnose mit Restzweifeln verbunden ist, kann sie diese Funktionen nur unvollständig erfüllen (Zhang et al., 2025). Je zentraler sie für das Selbsterleben bereits geworden ist, desto höher der Druck, sie professionell bestätigt zu sehen.

Auch andere Selbstbeschreibungen können die beschriebenen Funktionen übernehmen, wie Persönlichkeitsbegriffe („hochsensibel“) oder aus der klinischen Psychologie in die Alltagssprache übernommene Konzepte („Das triggert mich!“). Eine Diagnose ist nur eine formalisierte Variante davon. Es darf hierbei nicht unterschätzt werden, dass solche Selbstdiagnosen oft aus gutem Grund benötigt werden: Wo gesellschaftliche Erwartungen permanent dazu drängen, „das Beste“ aus sich herauszuholen, insbesondere in bestimmten familiären oder beruflichen Kontexten, bleibt ohne anerkannten Grund wenig Raum für menschliche Begrenztheit. Je stärker Betroffene dann in der Vielzahl dimensionaler Merkmale, wie Aufmerksamkeitslenkung oder Reizverarbeitung, von der Norm abweichen, desto häufiger fallen sie je nach Lebenskontext (negativ) auf. Stark Betroffene sind im „normalen“ Alltag nahezu chancenlos und müssen meist früh erfahren, was es heißt, anzuecken: Genervtheit, Ausgrenzung und Mobbing hinterlassen schmerzhafte Spuren und machen den Wunsch nach erklärenden Begriffen zutiefst nachvollziehbar.

Schließlich eröffnen Diagnosen auch konkrete gesellschaftliche Zugänge: zum Schwerbehindertenstatus mit den damit verbundenen Erleichterungen am Arbeitsplatz, zur Erwerbsminderungsrente, zu einem Nachteilsausgleich, zu Integrationskräften – und nicht zuletzt zu Medikation und anderen Behandlungsformen. Bei Wunschdiagnosen scheinen die emotionalen Funktionen jedoch im Vordergrund zu stehen, während ein Veränderungswunsch eher nachgeordnet ist (vgl. Neumann et al., 2026).


Attraktivität von Diagnosen mit neurobiologischem Narrativ

Grundsätzlich können alle psychischen und somatischen Diagnosen zur Wunschdiagnose werden und entsprechend wirken. Indem die Diagnosen ADHS und ASS Probleme als unveränderbare neurobiologische Gegebenheiten fassen, entlasten sie Betroffene in besonderem Maße von der Möglichkeit zur Veränderung, die in einer auf Optimierung ausgerichteten Gesellschaft längst zu einer weiteren Verpflichtung geworden ist. Möglich wurde dies durch einen Imagewandel, der den jeweiligen Störungskonzepten ADHS und ASS einen wesentlich breiteren Bereich von Phänomenen zuschrieb als zuvor (concept creep; Haslam, 2016). Was bei Heinrich Hoffmann 1845 noch der motorisch unruhige „Zappelphilipp“ war, hat sich heute zu einer Sicht auf ADHS gewandelt, die vor allem innere Unruhe, Prokrastination und Konzentrationsschwierigkeiten in einem leistungsverdichteten Alltag beschreibt. Und das aus „Rain Man“ bekannte Bild des schwer beeinträchtigten Savants ist einem Bild von ASS gewichen, das mit Reizüberflutung, sozialer Erschöpfung und dem Bedürfnis nach Rückzug weiten Teilen der Bevölkerung vertraut ist.

In ihrer aktuell häufigen Auslegung können die Diagnosen vieles zugleich erklären: den Wunsch, sich von einer Betriebsfeier früh zurückzuziehen; das diffuse Gefühl, unter Kommiliton*innen „anders“ zu sein; die Erfahrung, in der Schule nie richtig dazugehört zu haben. Aus einem unbestimmten Leidensdruck wird ein stimmiges Narrativ: „Ich war schon immer Asperger.“ Die Selbstbeschreibung verschiebt sich damit von einer stigmatisierenden Deutung („zu schüchtern“, „zu kompliziert“, „zu wenig belastbar“) in eine entlastende, neurobiologisch fundierte Kategorie. Gelingt Small Talk oder eine Präsentation doch, lässt sich dies als Maskierung reframen, nämlich als anstrengende Kompensationsleistung über dem eigentlichen Defizit. Dies macht die Diagnose praktisch unwiderlegbar: Passendes Verhalten bestätigt die Diagnose, abweichendes Verhalten bestätigt sie ebenso.

Fallbeispiel (Fortsetzung)

In probatorischen Sitzungen werden Fragebögen herangezogen, Alltagssituationen untersucht (Bewertungsangst vor Kolleg*innen, Lärmbeschallung bei offener Bürotür) sowie die Biografie exploriert. Die Patientin berichtet, wie ihre Eltern sie ständig kritisiert hätten, weil sie bei den Hausaufgaben nebenher gemalt, YouTube geschaut oder mit Freundinnen telefoniert habe. Dabei, so schildert sie unter Tränen, hätten sie nie anerkannt, dass sie trotzdem gute Noten geschrieben und ihre Nachmittage allein strukturiert habe – eben ihren Weg gefunden habe. Unter den geschminkten gleichaltrigen Mädchen habe sie sich fremd gefühlt und ausgeschlossen erlebt; erst später habe sie Anschluss gefunden. Die ADHS-Diagnose würde rückblickend endlich verständlich machen, „warum das alles so passiert ist“, und wenn sie heute bei der Arbeit nicht zurechtkomme, könne sie sich endlich erlauben, „nicht so streng mit sich“ zu sein.

Auch innerhalb der Fachwelt polarisiert der Umgang mit diesem Trend: Während manche eine weiterhin massive Unterdiagnostik von z. B. ADHS postulieren (Neuy-Lobkowicz, 2025) und Ängste, Depression und Süchte eher als Folge hiervon sehen, fordern andere eine strengere Orientierung an den bestehenden ICD- und DSM-Kriterien, um einer Aufweichung der Diagnosekonzepte entgegenzuwirken (u. a. Thomas et al., 2013). Gemeinsam ist beiden Positionen jedoch die Annahme, dass sich individuell komplexes Leid sinnvoll auf eine (oder mehrere) diagnostische Kategorie(n) verdichten lasse.


Denken in kategorialen Diagnosen ist Teil des Problems

Seit der Einführung des DSM-III im Jahr 1980 ging die Kategorisierung psychischer Störungen analog zu körperlichen Erkrankungen mit der Hoffnung einher, sich auf objektive, valide und reliable Diagnoseeinheiten zu stützen. Diese sollten uns durch zukünftige Forschung darüber aufklären, woher eine Störung kommt (Ätiologie) und wie sie am besten zu behandeln ist (spezifische Indikation). Jahrzehntelange Forschungsbemühungen kommen jedoch zu ernüchternden Ergebnissen: Für keine psychische Störung lassen sich verlässliche Marker im Gehirn, kausal verantwortliche Gene oder spezifische Neurotransmitterprofile eingrenzen, die sie zuverlässig von Menschen mit anderen oder ohne psychische Störungen unterscheidbar machen (Abi-Dargham et al., 2023; Insel, 2014). Dies gilt auch für jene Diagnosen, denen eine besonders starke biologische Fundierung zugeschrieben wird: Depression (zur populären Serotonin-Hypothese siehe Moncrieff et al., 2022; Border et al., 2019), Schizophrenie (Farrell et al., 2015) sowie ADHS und ASS (Cortese et al., 2023). Die wenigen genetischen Risikofaktoren, die sich identifizieren ließen, sind zudem nicht diagnosespezifisch, sondern überlappen systematisch zwischen verschiedenen psychischen Störungen – im Widerspruch zur Annahme biologisch distinkter Krankheitsentitäten (Cross-Disorder Group, 2013). Umgekehrt unterscheiden sich Symptomprofile innerhalb derselben Diagnosekategorie so stark voneinander, dass die Heterogenität innerhalb einer Diagnose statistisch kaum von der zwischen zwei völlig verschiedenen Diagnosen zu unterscheiden ist (Newson et al., 2021). Jede Person hat, pointiert gesagt, ihre eigene Depression, ADHS oder Angststörung (vgl. Fried & Nesse, 2015). Entsprechend vergeben Kliniker*innen zur Beschreibung psychischen Leids häufig mehrere Diagnosen gleichzeitig (Komorbiditätsproblem; Anckarsäter, 2010), sind sich bei Vergabe vieler Diagnosen aber kaum einiger als bei einem Münzwurf (Regier et al., 2013). Speziell bei ADHS hängt die Vergabe zudem stark von der entsprechenden Einstellung der Behandler*innen ab (Lyhmann et al., 2023).

Konsequenterweise treffen Psychotherapeut*innen ihre Behandlungsentscheidungen in der Praxis weniger auf Basis der Diagnose als auf Basis dessen, was sie für die relevanten dahinterliegenden Mechanismen halten: je nach Orientierung etwa die Bearbeitung unbewusster Konflikte, die Aktualisierung maladaptiver Kognitionen oder die Veränderung dysfunktionaler Interaktionsmuster im Beziehungssystem.


Langfristige Folgen von Diagnosen für Betroffene

Was für uns Psychotherapeut*innen offensichtlich ist, ist es für Lai*innen nicht: Psychische Diagnosen werden im Alltag selten als soziale Konstruktionen begriffen, auf die sich sehr unterschiedlich reagieren lässt. Stattdessen lebt im Alltagsverständnis deren ursprüngliche Idee fort: Diagnosen werden als essenzialistische Entitäten begriffen – als Aussagen darüber, was eine Person grundlegend ist. Eine Aufmerksamkeitsspanne und soziale Belastbarkeit unterhalb der eigenen Erwartungen werden dann bereits als Ausdruck einer vermeintlich zugrunde liegenden Erkrankung oder Neurodivergenz gedeutet.

So sehr die erhaltene Diagnose mit ihrer impliziten Botschaft entlastet, an der eigenen Natur nichts ändern zu können, kann das enthaltene Trait-Konzept langfristig seine Kehrseiten zeigen. Erleben und Empfinden, das zum diagnostischen Selbstbild passt, wird eher als Krankheitssymptom interpretiert (vgl. Nocebo-Effekt), Gegenteiliges, etwa ein gelungenes Gespräch, seltener registriert oder nur in seinen Nachteilen wahrgenommen (confirmation bias). Erscheinen entsprechende Möglichkeiten oder Anstrengungen von vornherein nicht lohnenswert („why try“ effect), leidet die kontextsensitive Flexibilität. Werden Wünsche gegenüber anderen dauerhaft mit Verweis auf die Diagnose statt durch Gefühle vermittelt, werden Berührungspunkte für Empathie seltener und schleichende Genervtheit und Distanzierung wahrscheinlicher. Alte Beziehungserfahrungen, etwa sich als nicht gesehen zu erleben, können sich so wiederholen – nun entlang der Diagnose. Die externalisierte Verantwortung erschwert Beziehungen auf Augenhöhe, in welchen unterschiedliche Eigenschaften, z. B. Impulsivität und Selbstkontrolle, als wechselseitig bereichernd erlebt werden können. Hinzu kommt ein Abnutzungseffekt: Je mehr Menschen mit derselben Diagnose man kennenlernt – manche davon hochleistungsfähig –, desto weniger trägt sie als Begründung der eigenen Sonderstellung. War die Selbstakzeptanz an die Diagnose gekoppelt, schwindet sie mit deren Distinktionskraft. Auch der initiale Behandlungserfolg unter Stimulanzien hält in aller Regel nicht länger als 36 Monate an (Molina et al., 2009) und stellt die zuvor geglaubte Klarheit wieder infrage.

Hinweise auf diese Effekte: Menschen mit Depression zeigen ungünstigere Verläufe, wenn sie ihre Erkrankung biologisch attribuieren (Lebowitz et al., 2013); Jugendliche mit ADHS-Symptomatik und -Diagnose haben nach acht Jahren kein besseres Outcome als diejenigen mit vergleichbarer Symptomatik ohne Diagnose, aber ein schlechteres Selbstkonzept (Kazda et al., 2022); und in ADHS-Selbsthilfegruppen scheint sich aktuell der Wunsch nach zusätzlicher ASS-Diagnostik zu mehren.

Aus unserer Praxis kennen wir durchaus Fälle, in denen etwa eine ADHS-Diagnose entlastete, ohne die anschließende reife Weiterentwicklung zu verstellen. Ob das individuell der beste Weg war und aufwiegt, dass jede solche Diagnose den gesellschaftlichen Trend zur Abgrenzung über Diagnosen weiter verstärkt, können wir nicht beurteilen.


Transdiagnostische Psychotherapie als Alternative

In der praktischen psychotherapeutischen Arbeit spricht viel für das, was erfahrene Psychotherapeut*innen ohnehin tun: den Blick hinter die Diagnosen auf das komplexe Geflecht transdiagnostischer Prozesse zu richten, die dem heutigen Bestehen der Probleme eines Menschen zugrunde liegen. Statt zu fragen, ob die Problematik besser in einer ADHS oder einer Depression aufgeht (bzw. ob Ersteres zu Letzterem geführt hat), wird analysiert, auf welcher Ebene der Mentalisierung, Beziehungsgestaltung, Emotionsregulation oder kognitiven Flexibilität Probleme entstanden sind oder noch heute ungünstig miteinander interagieren. Die häufige Beobachtung, mit einer neuen Diagnose endlich die passende Therapie gefunden zu haben, beruht selten auf Interventionen, die spezifisch für ADHS oder ASS wären. Vielmehr wurden therapeutische Wirkprozesse gezielter angepasst, etwa die Kommunikation und Beziehungsgestaltung, an die individuelle Reizverarbeitung und Aufmerksamkeitslenkung. Eine neue Diagnose kann für solche Prozesse sensibilisieren, den Blick auf andere zugleich aber verschleiern.

Fallbeispiel (Fortsetzung)

Statt ihre Symptomatik mit einer Depression oder Angststörung zu erklären, würde das Laienmodell der Patientin lauten: Ihre ADHS sei zuhause aufgrund elterlicher Abwesenheit nie aufgefallen, begrenze sie heute aber immens; Ängste und Depression seien die Folge. Stattdessen eröffnet eine transdiagnostische Perspektive einen unverstellten Blick auf zugrunde liegende Mechanismen, hier am Beispiel Arbeitsplatz: Arbeitsbezogener Zeitdruck und Feedback (selbst positives) aktivieren überhöhte, selbstkritische Erwartungen als Kompensationsversuch für alte bedrohliche Selbst-Annahmen („Wenn ich vor anderen nichts leiste, bin ich nichts wert“). Kurzfristig kosten diese ständigen Unterbrechungen Konzentration und verstärken Reizbarkeit, Angst und Hilflosigkeit, die sie durch noch mehr Selbstkritik zu kompensieren versucht – bis dieser Kreislauf zu Panik und depressivem Rückzug führt.

Für den offenen Blick jenseits von Diagnosen hat die Psychoanalyse eine reiche Tradition (Mentzos, 1982), die mit der OPD auch in den klinischen Alltag überführt wurde (Cierpka et al., 2007). Einen besonders ausgefeilten Rahmen bietet zudem die Prozessbasierte Therapie (PBT; Hofmann & Hayes, 2019), in der Schwierigkeiten unserer Patient*innen als individuelles Netzwerk interagierender Prozesse verstanden werden. Während im klinischen Alltag verständlicherweise oft auf persönlich vertraute und bewährte Methoden zurückgegriffen wird, lenkt das prozessbasierte Vorgehen den Fokus noch konsequenter auf die zentralen Wirkmechanismen und schlägt schulenunabhängig vor, welche Interventionen diese am wirksamsten adressieren. Für Psychotherapeut*innen, die einem fundierten Arbeiten über Schulgrenzen hinweg offen gegenüberstehen, kann PBT damit eine wertvolle Bereicherung sein.


Den diagnostischen Prozess beginnen: Wunschdiagnosen differenziert begegnen

Patient*innen mit Wunschdiagnosen können diese auf sehr unterschiedliche Weise einbringen. Wir stellen hier exemplarisch den prototypischen Fall einer erwachsenen Person im Kennenlernprozess dar. Die folgenden Leitthemen lassen sich an andere Konstellationen anpassen, etwa, wenn eine Wunschdiagnose erst im Verlauf auftaucht (z. B. bei unzureichender Wirkung) oder wenn Eltern sie für ihr Kind einbringen. Unsere Vorschläge, wie zentrale Leitthemen in den Erstgesprächen fokussiert werden können, sind in Tabelle 1 dargestellt.

Leitthemen der Exploration

Mögliche Informationsquellen und Beispielfragen

Festigkeit der Selbstdiagnose

Beobachtung: Vorweggenommene Gewissheit („… brauche es nur noch bestätigt“), appellativer Charakter, Aneignung von Fachjargon oder Social-Media-Sprache

Überzeugungsstärke: Vage Idee bis unumstößliche Identität. Wäre auch eine andere Erklärung denkbar?

Genese: Wie sind Sie darauf gekommen? Seit wann?

Bisherige Versuche: Frühere diagnostische Anläufe (welche Fachgruppe, Ergebnis, Reaktionen)? Erfahrungen damit? (Vorbefunde sichten; auf „Diagnose-Shopping“ achten)

Funktionen der Wunschdiagnose

Was würde es für Sie bedeuten, wenn sich die Diagnose (nicht) bestätigt würde? Antwort kann Funktionen zugeordnet und ggf. vertieft erfragt werden:

Kontrolle, Exkulpation (früher, heute),

Identität (diagnosespezifische Foren, Kontakte, Qualität anderer Beziehungen, alternative identitätsstiftende Merkmale),

Interaktionelle Motive (zwischenmenschliche Ressourcen, Ausmaß erfüllter Motive),

Selbstaufwertung, Selbstakzeptanz (Ausmaß „innere*r Kritiker*in“).

Tabelle 1: Leitthemen für die Exploration einer Wunschdiagnose in Erstgesprächen

Leitthemen der Exploration

Mögliche Informationsquellen und Beispielfragen

Festigkeit der Selbstdiagnose

Beobachtung: Vorweggenommene Gewissheit („… brauche es nur noch bestätigt“), appellativer Charakter, Aneignung von Fachjargon oder Social-Media-Sprache

Überzeugungsstärke: Vage Idee bis unumstößliche Identität. Wäre auch eine andere Erklärung denkbar?

Genese: Wie sind Sie darauf gekommen? Seit wann?

Bisherige Versuche: Frühere diagnostische Anläufe (welche Fachgruppe, Ergebnis, Reaktionen)? Erfahrungen damit? (Vorbefunde sichten; auf „Diagnose-Shopping“ achten)

Funktionen der Wunschdiagnose

Was würde es für Sie bedeuten, wenn sich die Diagnose (nicht) bestätigt würde? Antwort kann Funktionen zugeordnet und ggf. vertieft erfragt werden:

Kontrolle, Exkulpation (früher, heute),

Identität (diagnosespezifische Foren, Kontakte, Qualität anderer Beziehungen, alternative identitätsstiftende Merkmale),

Interaktionelle Motive (zwischenmenschliche Ressourcen, Ausmaß erfüllter Motive),

Selbstaufwertung, Selbstakzeptanz (Ausmaß „innere*r Kritiker*in“).

Tabelle 1: Leitthemen für die Exploration einer Wunschdiagnose in Erstgesprächen

Je zentraler die Wunschdiagnose im Selbstkonzept verankert ist, desto wichtiger wird ein frühes, sorgfältiges Verstehen; bei Bedarf mit offener Benennung, dass hier ein Wunsch besteht. Diese Vorarbeit beansprucht Zeit, die in Erstgesprächen knapp ist. Sie erscheint uns angesichts der teils heftigen Reaktionen bei Nichtbestätigung jedoch unverzichtbar (vgl. Neumann et al., 2026).

Hürden aufseiten der Psychotherapeut*innen

Auf therapeutischer Seite reichen bei Wunschdiagnosen die Gründe für abgeneigte Reaktionen von Unsicherheit bezüglich der eigenen Kompetenz bis zu Ärger darüber, wie die Diagnose eingefordert wird. Tabelle 2 stellt mögliche Hürden und Umgangsvorschläge dar.

Hürden bei Psychotherapeut*innen

Vorschläge zum Umgang

Überforderungserleben, wenig Erfahrung mit ADHS/ASS, befürchteter Diagnostikaufwand

Praxisnahe Fachliteratur (z. B. PTJ-Ausgaben 2/2024–1/2026), Fortbildung, Intervision, gezielte Supervision bei spezialisierten Kolleg*innen

Reflex der Nichtzuständigkeit („Neurobiologische Störungsbilder sind nicht mein Feld“)

Zunächst Probleme hinter der Wunschdiagnose explorieren; angesichts steigender Zahl von Anfragen Offenheit für Themen wie Aufmerksamkeit oder Reizverarbeitung, ohne sie von Ebenen des Selbstwerts oder Emotionsregulation zu isolieren

Infragestellung der Expert*innenrolle: Patient*innen kommen vorbereitet durch KI-Chatbots und Social Media („Was du deinem Therapeuten antwortest“).

Eigene Verunsicherung annehmen; Vorbereitung würdigen statt abwerten („Sie haben sich gut informiert“); das Laienmodell vor dem Hintergrund klinischen Wissens einordnen

Druck zum Erhalt der Diagnose: implizit (Diagnose als „letzte Hoffnung“) oder explizit (sonst schlechte Rezension)

Druck ansprechen („Ich nehme großen Druck wahr“), Entlastung durch Diagnose validieren („Auf ADHS zu stoßen, hat Sie entlastet“), Rahmen klar abstecken („keine Diagnosen auf Wunsch“)

Eigene Reaktanz und Abwertung („Das ist doch nur ein Trend“)

Eigene Reaktionen reflektieren, nicht persönlich nehmen; Wunschdiagnose als konstruktiven Lösungsversuch einer schwierigen Lebensrealität anerkennen

Vorschnelle Auflösung der Spannung: Diagnose nachgeben (oder umgekehrt: vorab ausschließen, „alles nur Selbstwert“)

Weder für noch gegen Diagnose argumentieren; Offenheit für den diagnostischen Prozess einnehmen – dient zugleich als Modell für Patient*in

Tabelle 2: Hürden bei Psychotherapeut*innen im Umgang mit Wunschdiagnosen

Hürden bei Psychotherapeut*innen

Vorschläge zum Umgang

Überforderungserleben, wenig Erfahrung mit ADHS/ASS, befürchteter Diagnostikaufwand

Praxisnahe Fachliteratur (z. B. PTJ-Ausgaben 2/2024–1/2026), Fortbildung, Intervision, gezielte Supervision bei spezialisierten Kolleg*innen

Reflex der Nichtzuständigkeit („Neurobiologische Störungsbilder sind nicht mein Feld“)

Zunächst Probleme hinter der Wunschdiagnose explorieren; angesichts steigender Zahl von Anfragen Offenheit für Themen wie Aufmerksamkeit oder Reizverarbeitung, ohne sie von Ebenen des Selbstwerts oder Emotionsregulation zu isolieren

Infragestellung der Expert*innenrolle: Patient*innen kommen vorbereitet durch KI-Chatbots und Social Media („Was du deinem Therapeuten antwortest“).

Eigene Verunsicherung annehmen; Vorbereitung würdigen statt abwerten („Sie haben sich gut informiert“); das Laienmodell vor dem Hintergrund klinischen Wissens einordnen

Druck zum Erhalt der Diagnose: implizit (Diagnose als „letzte Hoffnung“) oder explizit (sonst schlechte Rezension)

Druck ansprechen („Ich nehme großen Druck wahr“), Entlastung durch Diagnose validieren („Auf ADHS zu stoßen, hat Sie entlastet“), Rahmen klar abstecken („keine Diagnosen auf Wunsch“)

Eigene Reaktanz und Abwertung („Das ist doch nur ein Trend“)

Eigene Reaktionen reflektieren, nicht persönlich nehmen; Wunschdiagnose als konstruktiven Lösungsversuch einer schwierigen Lebensrealität anerkennen

Vorschnelle Auflösung der Spannung: Diagnose nachgeben (oder umgekehrt: vorab ausschließen, „alles nur Selbstwert“)

Weder für noch gegen Diagnose argumentieren; Offenheit für den diagnostischen Prozess einnehmen – dient zugleich als Modell für Patient*in

Tabelle 2: Hürden bei Psychotherapeut*innen im Umgang mit Wunschdiagnosen

Angesichts knapper Zeit im Praxisalltag und steigenden gesundheitspolitischen Drucks ist Abwehr gegenüber neuen Themen und zusätzlichen interaktionellen Herausforderungen verständlich. Die Zeiten aber, in denen Patient*innen ohne Vorwissen über psychische Störungen zu uns kommen, sind vorbei. Wenn wir uns proaktiv darauf einstellen, dass Menschen ihre komplexen Lebenslagen vermehrt mit einer Diagnose als konstruktivem Lösungsversuch beantworten, macht das unsere Arbeit vermutlich auch erfüllender.

Hürden aufseiten der Patient*innen

Auch aufseiten der Patient*innen können Hürden den Prozess erschweren: Je zentraler die Wunschdiagnose geworden ist, desto geringer die Bereitschaft, andere Erklärungen zu erwägen, mit Folgen für Verarbeitung, Antwortverhalten und Beziehungsgestaltung. Tabelle 3 fasst Hürden und Umgangsvorschläge zusammen.

Hürden bei Patient*innen

Vorschläge zum Umgang

Hohe Bedeutung der Wunschdiagnose durch übernommene Funktionen; ausbleibende Bestätigung wird als invalidierend erlebt (ggf. Wut, Drohung, Manipulation)

Funktionen zu Beginn (!) der Diagnostik gemeinsam benennen und validieren; das beugt späteren Schwierigkeiten vor

Diagnosegeleitetes Antworten und Erinnern: unbewusste Überpathologisierung alltäglicher Erfahrungen oder bewusstes Hinzufügen/Weglassen aus Angst, Kriterien nicht zu „genügen“

Psychoedukation: Erinnern ist kein objektives „Nachschlagen“, sondern wunschgeleitet; angepasste Antworten führen zu Fehldiagnosen („Eine ungenaue Diagnose ist nicht mehr wert als eine Selbstdiagnose“)

Überidentifikation („Ich bin ADHS“)

Diagnosen als soziale Konstruktionen vermitteln, die Probleme beschreiben; über die Schädlichkeit statischer Konzepte aufklären und betonen, dass es „die spezifische ADHS-/ASS-Therapie“ nicht gibt

Fehlende Bereitschaft zur kollaborativen Exploration

Einladen, Unsicherheit zwischen „Diagnose haben“ und „nicht haben“ auszuhalten; erkennbare Hürden (Angst, Manipulation) direkt ansprechen

Tabelle 3: Hürden bei Patient*innen im diagnostischen Prozess

Hürden bei Patient*innen

Vorschläge zum Umgang

Hohe Bedeutung der Wunschdiagnose durch übernommene Funktionen; ausbleibende Bestätigung wird als invalidierend erlebt (ggf. Wut, Drohung, Manipulation)

Funktionen zu Beginn (!) der Diagnostik gemeinsam benennen und validieren; das beugt späteren Schwierigkeiten vor

Diagnosegeleitetes Antworten und Erinnern: unbewusste Überpathologisierung alltäglicher Erfahrungen oder bewusstes Hinzufügen/Weglassen aus Angst, Kriterien nicht zu „genügen“

Psychoedukation: Erinnern ist kein objektives „Nachschlagen“, sondern wunschgeleitet; angepasste Antworten führen zu Fehldiagnosen („Eine ungenaue Diagnose ist nicht mehr wert als eine Selbstdiagnose“)

Überidentifikation („Ich bin ADHS“)

Diagnosen als soziale Konstruktionen vermitteln, die Probleme beschreiben; über die Schädlichkeit statischer Konzepte aufklären und betonen, dass es „die spezifische ADHS-/ASS-Therapie“ nicht gibt

Fehlende Bereitschaft zur kollaborativen Exploration

Einladen, Unsicherheit zwischen „Diagnose haben“ und „nicht haben“ auszuhalten; erkennbare Hürden (Angst, Manipulation) direkt ansprechen

Tabelle 3: Hürden bei Patient*innen im diagnostischen Prozess

Je nach therapeutischem Stil und Beziehungsqualität lassen sich diese Umgangswege durch weitere Strategien ergänzen – von empathischer Konfrontation über Selbstöffnung und Humor bis zum Setzen klarer Grenzen. Der diagnostische Prozess sollte nur dann fortgesetzt werden, wenn auf beiden Seiten die Voraussetzungen für eine kollaborative Exploration gegeben sind.

Der Einsatz diagnostischer Instrumente wurde in praxisnahen Beiträgen für die häufigsten Wunschdiagnosen ADHS (Haible-Baer & Kirsch, 2024) und ASS (Küpper et al., 2025) fundiert beschrieben und soll hier nicht weiter vertieft werden. Die transdiagnostische Perspektive hilft, jenseits der kategorialen Diagnose tragfähige Hypothesen über das Zusammenspiel psychischer Prozesse zu bilden.

Fallbeispiel (Fortsetzung)

Nach therapeutischer Reflexion der eigenen Tendenz, der Patientin mit einer ADHS-Diagnose gefallen zu wollen, werden die wesentlichen Funktionen der Wunschdiagnose, Exkulpation („sich nicht mehr als faul beschimpfen“) und Kohärenz („Problem klar benennen können“), gemeinsam expliziert und validiert. Patientin und Psychotherapeut lassen sich auf die Unsicherheit zwischen „Diagnose ja“ und „Diagnose nein“ ein. Um ihrem Anliegen einer spezifischen ADHS-Diagnostik gerecht zu werden und dabei gleichzeitig ihre Aufmerksamkeit und Impulsivität transdiagnostisch über die Lebensspanne bewerten zu können, wird zuerst der DIVA-5 durchgeführt. Hier zeigen sich im Erwachsenenalter jeweils sechs von neun Kriterien erfüllt, im Kindesalter subklinisch ein bis zwei von neun; Beeinträchtigung vornehmlich im Arbeitskontext. Fremdanamnese und Grundschulzeugnisse beschreiben sie früher als „aufmerksam“, „meist sorgfältig“, „braucht beim Arbeiten Ruhe“; neurokognitive Testergebnisse durchschnittlich. Das Gesamtbild spricht – mangels Kontinuitätskriterium – gegen eine erfüllte ADHS-Diagnose. Statt einer kategorialen Differentialdiagnose erklärt das oben skizzierte Zusammenspiel ihr Problem besser, bei dem ihre sozial bedrohlichen Selbst-Annahmen als zentraler Mechanismus (prozessbasiert: Knoten) vermutet werden.


Den therapeutischen Prozess beginnen: Diagnostik rückmelden und Perspektiven entwickeln

Geknüpfte Beziehung und erarbeitetes Wissen um die dem Problem zugrunde liegenden Prozesse können nun zum Startpunkt für etwas werden, das weit über die für den Antrag nötige Diagnose hinausreicht: sich in der anschließenden Therapie selbst zu erforschen und im Kontakt mit der Welt zu entdecken. Welche meiner Grenzen darf ich lernen, selbstmitfühlend anzunehmen? Welche meiner Standards, Annahmen über mich und die Welt möchte ich mutig hinterfragen? Was ist mir so viel wert, dass ich Motivation schöpfe, Veränderbares gezielt weiterzuentwickeln oder klug zu kompensieren? Und wie lerne ich, eigene Gefühle und Bedürfnisse zu spüren, zu benennen und zu vertreten – in einem guten Gleichgewicht mit den Menschen um mich?

Unabhängig davon, ob die Wunschdiagnose bestätigt wird, weisen ihre zuvor erarbeiteten Funktionen darauf hin, wo entlang des Widerstands reife und nachhaltige Bewältigungswege entstehen können. Diente sie vor allem der Exkulpation, würde der Umgang mit Schuld und Hilflosigkeit zentral; diente sie eher der Zugehörigkeit, würden Interventionen stärker Bindung und Beziehung adressieren.

Wird sie nicht bestätigt, gilt es zunächst, den empfundenen Verlust empathisch zu validieren. Zentral ist das aufrichtige Angebot, gemeinsam eine alternative, schlüssige Erklärung zu finden. Wird sie bestätigt, ändert sich das Vorgehen nicht grundlegend. Entlastung und Identität dürfen zwar weiter Halt geben, lassen sich aber um kontextsensitive, entwicklungsoffene Formulierungen (siehe Fallbeispiel) erweitern.

Spätestens hier zeigt sich, ob die diagnostische Klärung bereits genügt oder ob hinreichende Veränderungsmotivation und bedeutsames Leid eine anschließende Therapie sinnvoll machen. Im Sinne adaptiver Indikation (Grawe, 1998) lässt sich im Therapieverlauf beobachten, wie Veränderungen wirken und sich diagnostische Einschätzungen und die Beziehung wandeln. So kann der Behandlungsfokus fortlaufend auf die jeweils zentralen Prozesse ausgerichtet werden.

Fallbeispiel (Fortsetzung)

Das Nicht-Vorliegen der Diagnose wird transparent und empathisch mit der sichtlich enttäuschten Patientin besprochen. Dank des zuvor erarbeiteten Verständnisses für die Funktionalität ihres Wunsches lässt sich die vermeintlich eindeutige neurobiologische Erklärung schonend dekonstruieren. Gemeinsam werden neue, kontextsensitive Begriffe für ihre Alltagsprobleme und darin enthaltene Ressourcen gefunden („Im Job konzentriere ich mich besser bei Ruhe, zuhause gern mit Reiz und Tempo“) und ein alternatives Erklärungsmodell (auf Basis der transdiagnostischen Hypothesen, s. o.) erarbeitet. Hierauf reagiert sie entlastet, hoffnungsvoll und lässt sich auf die angebotene Kombinationsbehandlung ein. Diese adressiert keine spezifische Diagnose, sondern den bei ihr als zentral angenommenen Prozess: Ihre sozial bedrohlichen Selbstannahmen werden in und vor einer Gruppe entkräftet und bearbeitet. Zugleich erlebt sie dort über den Umgang anderer Patient*innen mit Ängsten die Universalität des eigenen Leidens (Panik, Reizbarkeit, reaktive Selbstvorwürfe). Da sich dies noch nicht ausreichend auf die kompensatorischen Standards auswirkt, werden diese als „innerer*innere Kritiker*in“ mittels Stuhlarbeit zugänglich gemacht und schrittweise in ein konstruktives inneres Team integriert. Im Alltag übt die Patientin, eigene Bedürfnisse zu erspüren und für sie einzustehen – etwa, indem sie für mehr Ruhe bei der Arbeit die Tür schließt.


Ausblick

Unser gesellschaftlicher Umgang mit psychischen Störungen unterliegt einem Wandel, der uns in der psychotherapeutischen Arbeit herausfordern kann. Für den Umgang mit Wunschdiagnosen im Praxisalltag haben wir Impulse entwickelt, um sie gemeinsam in Praxis und kollegialem Austausch zu erproben und weiterzudenken. Dies kann nur ein Anfang sein, der viele Fragen offenlässt. Etwa: Wie können wir die unvollkommenen Diagnosen, mit denen wir arbeiten müssen, so vermitteln, dass Patient*innen daraus mehr Nutzen als Schaden ziehen? Und wie vertretbar ist eine Diagnostik, die ohne anschließendes Therapieangebot bleibt? Besonders ermutigend wäre es, wenn entsprechende Perspektiven nicht an unseren Praxistüren haltmachten. Wann immer wir öffentlich sprechen – in Fernsehen, Social Media oder Print – tragen wir dazu bei, wie über psychisches Leid gedacht wird. Alltägliches wieder als alltäglich kenntlich zu machen und überhöhten Standards zu widersprechen, hat womöglich höheren gesellschaftlichen Wert, als eine weitere Störung und ihre seltenen Ausprägungsformen zu erklären. Verdeutlichen wir, wie Diagnosen uns limitieren können und welche Alternativen wir anzubieten haben, kann das Menschen etwas freier machen: Die Geschichten, die wir über uns erzählen, können auch ganz andere sein.

Danksagung

Dieser Artikel wäre nicht entstanden ohne den wertvollen Austausch mit vielen geschätzten Kolleg*innen. Ganz besonders danken wir Christian Meier-Brosius, Kornelia Gees, Henning Heck, Dr. Emily Katzenstein und Lukas Sturm.


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Torben Schubert
Dr. Torben Schubert
Korrespondenzanschrift:
Psychotherapeutische Praxisgemeinschaft Lensing & Dr. Schubert
Butenwall 31
46325 Borken
mail icon torben.schubert@uni-muenster.de

Dr. Torben Schubert ist niedergelassener Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Zudem ist er Mitarbeiter der Christoph-Dornier-Stiftung Münster sowie tätig als Supervisor und Dozent an verschiedenen Aus- und Weiterbildungsinstituten. Seine Arbeitsschwerpunkte sind transdiagnostische, prozessorientierte Psychotherapie, moderne Expositionstherapie sowie ethische Spannungsfelder psychotherapeutischer Praxis.

Clara Lensing
Clara Lensing

Clara Lensing ist niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis. Sie ist in Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie ausgebildet und arbeitet schwerpunktmäßig mit interaktionellen Gruppen sowie mit Patient*innen, die sich als neurodivers beschreiben.

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Schubert, T. & Lensing, C. (2026). Vom Stigma zur Absolution: Wunschdiagnosen verstehen und im Praxisalltag begegnen. Psychotherapeutenjournal, 25 (3), 218–225. https://doi.org/10.61062/ptj202603.001