Originalia

Queere Lebenswelten in der Psychotherapie

Chancen und Herausforderungen psychodynamischer Ambiguität

Queer Life Worlds in Psychotherapy

Opportunities and Challenges of Psychodynamic Ambiguity

verfasst von: Lena Barth & Alex Hartig

Veröffentlicht / published 16.09.2026

Abstract

Zusammenfassung: Queere Lebenswelten verweisen exemplarisch auf die Ambiguität, Prozesshaftigkeit und Mehrdeutigkeit moderner Subjektivität. Der Beitrag beleuchtet zentrale psychosoziale Themen queerer Lebensrealitäten und diskutiert deren Bedeutung für eine queersensible psychodynamische Psychotherapie. Im Fokus stehen Ambiguität als Ressource, die Folgen von Minderheitenstress und internalisierter Diskriminierung sowie spezifische Übertragungs-, Gegenübertragungs- und Abwehrdynamiken im therapeutischen Setting. Anhand aktueller theoretischer und empirischer Arbeiten wird gezeigt, wie queere Lebens- und Familienformen traditionelle normative Ordnungen erweitern und neue symbolische Räume eröffnen. Eine queersensible psychodynamische Haltung wird als klinisch und ethisch notwendig beschrieben, da sie Anerkennung, Resilienz und selbstbestimmte Subjektentwicklung fördert.

Summary: Queer worlds exemplify the ambiguity, fluidity, and processual nature of modern subjectivity. This article examines central psychosocial aspects of queer lived realities and discusses their relevance for queer-sensitive psychodynamic psychotherapy. It focuses on ambiguity as a resource, the effects of minority stress and internalized discrimination, and specific dynamics of transference, countertransference, and defense within the therapeutic setting. Drawing on contemporary theoretical and empirical work, the article illustrates how queer forms of living and family constellations challenge normative frameworks and open up new symbolic spaces. A queer-sensitive psychodynamic stance is presented as both clinically and ethically necessary, as it fosters recognition, resilience, and self-determined processes of subject formation.


Einführung

Queere Lebenswelten sind gegenwärtig in ein Spannungsfeld eingebettet, das durch eine historisch einmalige Sichtbarkeit bei gleichzeitiger Zunahme gesellschaftlicher Bedrohungen gekennzeichnet ist. Dem Vorbild anderer EU-Staaten folgend (Montiel, 2023), hat Deutschland im Jahr 2024 das Selbstbestimmungsgesetz verabschiedet und damit einen bedeutsamen Schritt in Richtung rechtlicher Anerkennung und Gleichstellung gemacht. Zudem sind in den vergangenen Jahren queere Repräsentationen in Medien, Kunst und Wissenschaft vermehrt zu finden.

Demgegenüber verweisen internationale Organisationen wie ILGA-Europe[1] (2024, 2025) sowie die Fundamental Rights Agency (FRA, 2023) auf eine anhaltende und teils zunehmende queerfeindliche Gewalt, politische Delegitimierung und strukturelle Exklusionsmechanismen. Dieser gesellschaftliche Dualismus, Fortschritt einerseits, Backlash andererseits, prägt nicht nur öffentliche Diskurse, sondern wirkt tief in die innerpsychische Realität queerer Menschen hinein. Er beeinflusst Prozesse der Identitätsentwicklung, Beziehungsdynamiken sowie subjektive Sicherheits- und Zugehörigkeitserfahrungen und findet schließlich auch Ausdruck in psychotherapeutischen Settings.

Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden zentrale Themen queerer Lebenswelten herausgearbeitet, die für das Verständnis psychischer, insbesondere psychodynamischer Prozesse in der Psychotherapie von Relevanz sind. Dabei wird deutlich, dass tradierte cis- und heteronormative Leitbilder durch zeitgenössische queere Lebensentwürfe herausgefordert werden, und es wird gezeigt, weshalb inklusivere theoretische und klinische Perspektiven für eine gelingende psychotherapeutische Arbeit erforderlich sind. Ein zentrales theoretisches Konzept dieses Beitrags ist das der Ambiguität, verstanden als das Aushalten von Vielheit und Vagheit (Bauer, 2011). Queere Lebensformen und Familienkonstellationen können durch Mehrdeutigkeiten, offene Bedeutungsräume, gesellschaftliche Zuschreibungen und strukturelle Ungleichheiten gekennzeichnet sein. Für die psychotherapeutische Praxis bedeutet dies nicht allein, Ambiguität zu tolerieren, sondern vor allem, dort Eindeutigkeit herzustellen, wo sie stabilisierend und entlastend wirkt. Eine queersensible therapeutische Haltung zeichnet sich daher durch die Fähigkeit zur klaren Benennung diskriminierender Strukturen, zur Kontextualisierung von Erfahrungen und zur reflektierten Parteinahme aus. Innerpsychische Belastungen können dadurch auch als gesellschaftlich verursacht und nicht ausschließlich als individualisiert betrachtet werden. Ambiguität bleibt dabei als Grundannahme moderner Subjektivität bestehen; sie bildet den theoretischen Hintergrund (psychodynamischen) Denkens. Im konkreten therapeutischen Handeln mit queeren Patient*innen jedoch kann die explizite Eindeutigkeit, die klare Botschaft, genau so richtig zu sein, wie man ist, eine zentrale korrigierende und stabilisierende Erfahrung darstellen. Im Folgenden werden zunächst gesellschaftliche Bedingungen queerer Lebenswelten skizziert. Darauf aufbauend wird diskutiert, weshalb psychodynamische Konzepte für das Verständnis von Ambiguität, Anerkennung und Differenz spezifisch geeignet erscheinen. Abschließend werden zentrale Abwehrmechanismen und deren Bedeutung für eine queersensible psychotherapeutische Praxis beleuchtet.


Primäre und sekundäre Themen queerer Lebenswelten

Queere Gruppen umfassen eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten, sexuellen Orientierungen und Selbstpositionierungen, die sich außerhalb tradierter hetero- und cisnormativer Kategorien verorten. Viele queere Menschen sind in besonderem Maße von Minderheitenstress, Diskriminierungserfahrungen, internalisierter Scham, Identitätskonflikten und traumatischen Erlebnissen betroffen, die sich nachhaltig auf die psychische Gesundheit auswirken können. Eine psychotherapeutische Arbeit mit queeren Patient*innen, unabhängig davon, ob sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität explizit zum Thema werden, erfordert daher eine erhöhte Sensibilität für diese spezifischen Lebensbedingungen. Der vorliegende Beitrag versteht sich als Versuch, ausgewählte (dabei unvollständige) Einblicke in diese Dynamiken zu geben. Für eine gelingende therapeutische Praxis bedarf es nicht nur eines grundlegenden Wissens über die Herausforderungen queerer Lebensführung, sondern insbesondere der Fähigkeit, die ambigen Lebensbedingungen queerer Menschen auch als Quelle von Kreativität, Resilienz und innovativen Formen subjektiver Orientierung zu würdigen. Eine queersensible Psychotherapie begreift Ambiguität folglich nicht als Defizit, sondern als entwicklungsfördernde Bedingung – und damit als zentrale Ressource eines zeitgemäßen psychotherapeutischen Arbeitens. Zugleich zeigt sich in der klinischen Praxis, dass eine rein ressourcenorientierte Deutung queerer Lebensrealitäten nicht immer angemessen ist. Gerade bei stark von Diskriminierungen betroffenen Personen sollte auch ein gemeinsames Betrauern verwehrter gesellschaftlicher Privilegien therapeutisch zentral sein. Anerkennung von Stärke und empathische Parteinahme im Angesicht realer Benachteiligung stehen hier gleichrangig nebeneinander.

Als primäre Themen innerhalb einer psychotherapeutischen Arbeit mit queeren Personen lassen sich jene Prozesse beschreiben, die direkt mit der Entdeckung, Entwicklung und Integration der eigenen sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität verbunden sind, sowie die unmittelbare Auswirkung dieser auf die Außenwelt. Dabei kann das innere Coming-out, also das Erkennen und Anerkennen der eigenen nicht cisgeschlechtlichen Identität bzw. der eigenen nicht heterosexuellen Orientierung, vom äußeren Coming-out (als komplexer sozialer Prozess der Offenlegung gegenüber Familie, Peers, Arbeitskontexten oder der Öffentlichkeit) unterschieden werden. Eng damit verknüpft sind Fragen nach Selbstwert, Identitätskohärenz und dem Umgang mit Minderheitenstress, Diskriminierungserfahrungen und internalisierter Queerfeindlichkeit. Auch intrafamiliäre Dynamiken, Loyalitätskonflikte und der Umgang mit Akzeptanz oder Zurückweisung durch zentrale Bezugspersonen stellen essenzielle Themen dar. In klinischen Kontexten treten zudem spezifische Fragestellungen im Zusammenhang mit medizinischen oder sozialen Transitionen, Indikationsstellungen, körperbezogenen Themen sowie veränderten Realitäten von Intimität in den Vordergrund. Schließlich gewinnen alternative Beziehungs- und Familienkonstellationen, etwa gleichgeschlechtliche Elternschaft, Co-Parenting oder konsensuelle Nicht-Monogamie, zunehmend an Bedeutung und fordern tradierte normative Skripte heraus.

Sekundäre Themen innerhalb einer queersensiblen psychotherapeutischen Arbeit beziehen sich weniger auf die queere Identität und/oder (sexuelle) Orientierung selbst als auf deren Interaktion mit allgemeinen psychischen, relationalen und gesellschaftlichen Prozessen. Dazu zählen etwa die Begleitung von Angehörigen im Rahmen von Coming-out- oder Transitionsprozessen, generationsübergreifende Konflikte sowie partnerschaftliche Dynamiken, die durch ein Coming-out einer Partnerschaftsperson ausgelöst werden können. Hinzu kommen intersektionale Belastungen, bei denen Queerness mit weiteren Marginalisierungsdimensionen wie Rassismus, Klassismus, religionsbezogener Diskriminierung und Ableismus verschränkt ist. Sekundäre Themen umfassen darüber hinaus Herausforderungen queeraffirmativer Elternschaft sowie die langfristigen Folgen historischer Pathologisierung und gesellschaftlicher Stigmatisierung.


Gesellschaftliche Ambivalenzen und Ambiguität als psychische Realität queerer Subjektivität

Gesellschaftliche Diskurse, normative Ordnungen und strukturelle Machtverhältnisse wirken nicht nur als äußere Rahmenbedingungen queerer Lebensführung, sondern schreiben sich nachhaltig in die psychische Realität queerer Personen ein. Kultur- und gesellschaftstheoretische Arbeiten der letzten Jahre zeigen, dass Anerkennung für queere Menschen trotz rechtlicher Fortschritte weiterhin prekär bleibt und an implizite Bedingungen geknüpft ist, etwa an politische Konjunkturen, soziale Räume oder normative Erwartungen an Geschlecht und Begehren (Butler, 1990; Ahmed, 2017; Bröckling, 2022). Sichtbarkeit fungiert in diesem Zusammenhang als ambivalentes Moment: Sie eröffnet Möglichkeiten von Selbstermächtigung, Zugehörigkeit und Repräsentation, erhöht jedoch zugleich die Exponiertheit gegenüber Diskriminierung, Gewalt und politischer Delegitimierung, wie aktuelle europäische Erhebungen belegen (FRA, 2023; ILGA-Europe, 2024). Diese strukturelle Unsicherheit übersetzt sich auf subjektiver Ebene in innere Spannungsfelder zwischen Ausdruck und Schutz, Selbstbehauptung und Anpassung, Zugehörigkeit und Fremdheit. Viele queere Patient*innen berichten von einem Oszillieren zwischen dem Wunsch nach Sichtbarkeit und Authentizität und der Angst vor Zurückweisung, Sanktionierung oder Bindungsverlust, ein Konflikt, der nicht selten durch frühe Erfahrungen konditionaler Anerkennung geprägt ist (Herek & McLemore, 2013; Meyer, 2003). Vor diesem Hintergrund wird Ambiguität zu einem zentralen Strukturprinzip queerer Subjektivitätsbildung. Postmoderne Identitätskonzepte begreifen Identität nicht als stabile Einheit, sondern als einen fluiden, lebenslang anhaltenden und potenziell widersprüchlichen Prozess (Bauman, 1995; Diamond, 2016; Keupp et al., 2008). Queere Menschen begegnen häufig existenziell bedeutsamen Entwicklungskonflikten, da sie zwischen normativen Orientierungs- und Geschlechterentwürfen, eigenen Selbstbildern, familiären Loyalitäten und dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung navigieren müssen. Ambiguitätstoleranz fungiert dabei als zentrale Ressource psychischer Integration und Resilienz.


Minderheitenstress, Trauma
und Internalität

Das Minority-Stress-Modell (Meyer, 2003) beschreibt eindrücklich, wie gesellschaftliche Diskriminierung, Stigmatisierung und strukturelle Ungleichheit nicht auf der Ebene äußerer Belastungen verbleiben, sondern über wiederholte soziale Interaktionen in die psychische Binnenstruktur von Menschen eingeschrieben werden. Erweiterungen dieses Modells betonen, dass Minderheitenstress sowohl distale Stressoren (z. B. offene Diskriminierung, Gewalt, rechtliche Exklusion) als auch proximale Stressoren umfasst, etwa die permanente Erwartung von Zurückweisung, Verbergungsstrategien und internalisierte Queerfeindlichkeit (Hatzenbuehler, 2009; Pachankis, 2023). Aktuelle empirische Arbeiten zeigen, dass insbesondere internalisierte Stigmatisierung tiefgreifende Auswirkungen auf Selbstwertregulation, Affektverarbeitung und Beziehungserleben hat (Flentje et al., 2025). Diese Prozesse können sich in chronischer Scham, Selbstzweifeln, überstrenger Selbstkritik, hypervigilantem Beziehungserleben sowie in rigiden moralischen oder leistungsbezogenen Selbstanforderungen (Pachankis, 2023) manifestieren. Psychodynamisch lassen sich solche Phänomene als Introjektion abwertender oder beschämender Objektbeziehungen verstehen: Gesellschaftliche und familiäre Queerfeindlichkeit wird verinnerlicht und wirkt fortan als internalisierte Über-Ich-Struktur oder als destruktives Selbstobjekt, das die Entwicklung eines kohärenten und wohlwollenden Selbst boykottiert. Im Kontext psychodynamischer Theoriebildung beschreibt das Über-Ich die verinnerlichten gesellschaftlichen und familiären Normen, die das Selbstwertgefühl, moralische Bewertungen sowie Schuld- und Schamerleben mitprägen. Neben diesen konflikthaften inneren Dynamiken sind queere Lebensgeschichten häufiger als cis- und heteronormative Biografien von traumatischen Erlebnissen geprägt, die aus realen Erfahrungen von Zurückweisung oder Gewalt resultieren können, insbesondere im familiären Kontext früher Bindungsbeziehungen (Craig et al., 2020). Solche Erfahrungen können zu Traumafolgensymptomatiken führen, die sich der bewussten Symbolisierung teilweise entziehen. Therapeutisch ergibt sich daraus die Notwendigkeit, psychisches Leiden weniger als intrapsychischen Konflikt zu deuten, sondern vielmehr die sozialen und biografischen Ursprünge von Symptomen systematisch mitzudenken. In diesem Zusammenhang könnte, bei falscher oder vorschneller Anwendung, das Deuten selbst als Form der Diskriminierung diskutiert werden. Strukturelle Barrieren im Gesundheitssystem, etwa Gatekeeping oder diskriminierende Erfahrungen, können psychische Belastungen zusätzlich verstärken. Queersensible Versorgung setzt daher die Förderung von Selbstbestimmung und eine Reflexion institutioneller Machtverhältnisse voraus (Borcherding et al., 2025).


Übertragung und Gegenübertragung im therapeutischen Setting

Übertragung und Gegenübertragung bezeichnen die wechselseitige Aktualisierung von Beziehungserfahrungen, Erwartungen und Affekten von Patient*innen und Psychotherapeut*innen im therapeutischen Setting und stellen wichtige Erkenntnisquellen psychodynamischen Verstehens dar. Die therapeutische Beziehung bietet einen zentralen Ort, an dem sich gesellschaftliche Machtverhältnisse, normative Ordnungen und kollektive Konflikte nicht nur widerspiegeln, sondern auch reinszenieren oder transformieren können. Queere Patient*innen können Psychotherapeut*innen dabei sowohl als idealisierte Figuren von Anerkennung und Schutz erleben als auch als potenziell abwertende oder kontrollierende Objekte, die an frühere Erfahrungen bedingter Zugehörigkeit, Pathologisierung oder Zurückweisung anschließen. Diese Übertragungen sind weniger als individuelle Verzerrungen zu verstehen, sondern als Ausdruck realer gesellschaftlicher Erfahrungen, die sich im therapeutischen Raum aktualisieren. Gegenübertragungsreaktionen umfassen entsprechend nicht nur persönliche Affekte der Psychotherapeut*innen, sondern sind stets auch kulturell und politisch mitgeprägt. Eigene normative Annahmen über Geschlecht und Sexualität sowie unbewusste Ängste vor Ambiguität, Kontrollverlust oder dem Fremden können sich in Irritation, Vermeidung, Idealisierung oder auch in subtilen Formen der Pathologisierung niederschlagen. Wie Gozlan (2021) sowie Zach (2024) herausarbeiten, besteht die Gefahr, dass Psychotherapeut*innen, insbesondere aus einer privilegierten, cis-heteronormativen Position heraus, unbewusst zu Repräsentant*innen gesellschaftlicher Machtverhältnisse werden und queere Patient*innen erneut mit normativen Erwartungen oder epistemischer Gewalt konfrontieren. Solche Dynamiken können sowohl in explizit trans- oder queerfeindlichen Reaktionen als auch in hinderlichen Idealisierungen auftreten (Zach, 2024).

Aktuelle psychodynamische und relationale Ansätze betonen daher, dass eine wirksame queersensible Psychotherapie eine kontinuierliche Selbstreflexion der Psychotherapeut*innen voraussetzt, die eigene Gegenübertragung als zentrales Erkenntnisinstrument begreift. Die Auseinandersetzung mit eigenen Affekten, etwa Angst, Verunsicherung, Fremdheit, benevolente Gefühle, Liebe und/oder Idealisierung, ermöglicht es, diese nicht defensiv abzuwehren, sondern in verstehende und reflektierende Prozesse zu überführen. In diesem Sinne wird Gegenübertragung dabei zu einem Ort ethischer Verantwortung: Psychotherapeut*innen sind aufgefordert, ihre eigene Verwobenheit in gesellschaftliche Normen und Machtverhältnisse anzuerkennen und aus der eigenen Norm herauszutreten (Preciado, 2021), um queeren Menschen offen begegnen zu können. Gelingt diese reflexive Haltung, kann der therapeutische Raum zu einem intersubjektiven Feld der Anerkennung werden, in dem Ambiguität nicht als Bedrohung, sondern als gemeinsamer Erfahrungsraum gehalten wird. Hier werden neue Symbolisierungen möglich, die es Patient*innen (und Psychotherapeut*innen) erlauben, widersprüchliche Selbstanteile zu erkennen, gesellschaftliche Zuschreibungen zu transformieren und eigene Lebensentwürfe zu entwickeln.


Abwehrmechanismen im Kontext gesellschaftlicher Queerfeindlichkeit

Abwehrmechanismen queerer Patient*innen sind häufig eng an reale äußere Bedrohungslagen gekoppelt und erfüllen primär eine schützende Funktion im Umgang mit Diskriminierung, Gewalt und sozialer Marginalisierung. Mechanismen wie Verleugnung („ich bin nicht so“), Reaktionsbildung (etwa als übermäßige Anpassung an hetero- oder cisnormative Erwartungen), Dissoziation oder projektive Identifikation, bei der eigene queere Impulse dem Außen zugeschrieben werden, dienen dem psychischen Überleben in potenziell feindlichen sozialen Kontexten. Diese Abwehrformen sind weniger Symptomausdruck intrapsychischer Defizite als vielmehr teiladaptive Antworten auf wiederholte Erfahrungen von Gewalt, Bedrohung, Ausschluss oder Beschämung. Empirische Arbeiten zeigen, dass Abwehr bei queeren Menschen oft sozial funktionalisiert ist: Sie schützt nicht nur das Selbst vor Überwältigung, sondern reguliert zugleich die Passierbarkeit sozialer Räume und Beziehungen (Pachankis, 2023). Gleichzeitig gehen diese Strategien nicht selten mit innerpsychischen Kosten einher, etwa in Form chronischer Anspannung, Selbstentfremdung oder internalisierter Queerfeindlichkeit.

Ergänzend ist zu berücksichtigen, dass auch Psychotherapeut*innen nicht außerhalb gesellschaftlicher Macht- und Diskriminierungsverhältnisse stehen, sondern eigene Abwehrmechanismen in das therapeutische Geschehen einbringen. Unbewusste Abwehrformationen wie Projektion, Verdrängung oder Vermeidung können aktiviert werden, wenn queere Lebensrealitäten eigene normative Gewissheiten, Privilegien oder unbearbeitete Ängste berühren. In Anlehnung an das Konzept des „inneren Rassisten“ von Davids (2019) lässt sich dies als unbewusstes Abwehrsystem verstehen, in dem bedrohliche oder konflikthafte Anteile der eigenen Innenwelt abgespalten und auf das als „anders“ markierte Gegenüber projiziert werden. Auf diese Weise kann das Fremde, hier queere Subjektivität, zur Projektionsfläche für eigene Unsicherheiten, frühe Ängste oder unreflektierte gesellschaftliche Normen werden. Häufig zeigen sich solche Prozesse im therapeutischen Raum etwa in unangemessener Sprache im Patient*innenkontakt (z. B. Deadnaming, falsche Pronomen oder implizite normative Annahmen über Geschlecht und Begehren) oder einer Nichtaufnahme in die Therapie („das kann ich nicht, damit habe ich keine Erfahrung“). Psychodynamisch erfüllen solche Abwehrformen sowohl eine psychohygienische Funktion, indem sie innere Konflikte entlasten, als auch eine „imperialistische“ Funktion, bei der das Andere entweder entwertet oder idealisiert wird, ohne in seiner Eigenständigkeit verstanden zu werden. Für die therapeutische Arbeit bedeutet dies, dass Abwehrmechanismen auf beiden Seiten der Beziehung ernst zu nehmen sind. Queersensible Psychotherapie zielt daher nicht auf die Eliminierung von Abwehr, sondern auf deren bewusste Wahrnehmung, Reflexion und allmähliche Flexibilisierung. Voraussetzung hierfür ist die Bereitschaft der Psychotherapeut*innen zur Selbsterfahrung und zur Auseinandersetzung mit eigenen Diskriminierungswelten, frühen Bindungserfahrungen, Privilegien und normativen Verstrickungen. Erst wenn eigene Schwellen erkannt und bearbeitet werden, kann der therapeutische Raum zu einem Ort werden, in dem (1) diskriminierungsdurchsetzte Lebensrealitäten vorbehaltlos erfasst werden können, (2) empathische Parteinahme stattfinden sowie (3) Wertschätzung transportiert werden kann.


Triangulierungsprozesse in Reproduktion und alternativer Familie

Triangulierung beschreibt die Integration eines „Dritten“ in dyadische Beziehungen und gilt als zentrales psychodynamisches Entwicklungsprinzip. Sie ermöglicht die Erfahrung von Differenz und unterstützt die Entwicklung eigenständiger Identität und Beziehungsfähigkeit. Alternative Familienformen, etwa lesbische Paare, schwule Väter durch Leihmutterschaft, trans* Eltern oder Solo-Mütter mit Spendersamen, unterlaufen traditionelle Vorstellungen von Familie als cis- und heteronormativer, biologisch begründeter Dyade und eröffnen zugleich neue symbolische Ordnungen von Elternschaft. Empirische Befunde aus der Forschung (Quindeau, 2019; Barth, 2025) zeigen, dass Triangulierungsprozesse in diesen Familien keineswegs defizitär oder entwicklungshemmend sind, sondern oft besonders reflektiert, flexibel und innovativ ausgestaltet werden. Entscheidend ist dabei weniger die formale Familienstruktur als vielmehr die Fähigkeit der Beteiligten, Differenz und Abwesenheit (z. B. von einer „klassischen“ Mutter- oder Vaterfigur oder auch vom Samenspender, der Eizellspenderin oder der Leihmutter) zu kommunizieren und integrieren zu können. Eine mögliche symbolische Repräsentation erlaubt, Differenz einzuführen, ohne die primären Bindungen zu destabilisieren, und unterstützt die narrative Vermittlung von Herkunft, Zeugung und Zugehörigkeit gegenüber dem Kind. Im Kontext einer psychodynamischen Perspektive erfüllt z. B. die samenspendende Person hier eine triangulierende Funktion, die nicht an Geschlecht oder leibliche Vaterschaft gebunden ist, sondern an die Fähigkeit, ein Drittes zu repräsentieren, das die dyadische Verschmelzung dadurch öffnet (Grieser, 2015; von Klitzing & Stadelmann, 2011). Damit wird deutlich, dass Triangulierung vielfältige Formen annehmen kann, etwa als symbolischer Anderer, als erzählte Herkunft oder als phantasmatisches Bezugselement (Abelin, 1971). Wird „das Dritte“ nicht symbolisch integriert, sondern abgespalten oder tabuisiert, kann dies zu unbewussten Konflikten, Sprachlosigkeit und einer fragilen inneren Ordnung führen. Die daraus resultierenden Dynamiken können sich langfristig auf die Familienbeziehungen auswirken und Gegenstand psychotherapeutischer Arbeit werden. Gelingt eine Integration, entstehen narrative Tetraden oder Polyaden, in denen – neben einer symbolischen Integration – Freund*innen, Großeltern, ganz reale Wahlverwandtschaften oder Community-Strukturen triangulierende Funktionen übernehmen. Diese Konstellationen zeigen eine hohe triadische Kompetenz im Sinne der Fähigkeit, Abwesenheit auszuhalten, Beziehungen zu differenzieren und dem Kind multiple Identifikationsangebote zu eröffnen (Golombok, 2015; Grieser, 2015). Triangulierung erweist sich in dieser Situation als ein phasenübergreifendes, lebenslang wirksames Entwicklungsprinzip, das immer wieder neu ausgestaltet wird, wenn Fremdes, Drittes oder Abwesendes integriert werden muss (Grieser, 2015). Queere und alternative Familienformen machen diese Prozesse besonders sichtbar und fordern zugleich eine Erweiterung klassischer psychodynamischer Konzepte, die Triangulierung nicht länger heteronormativ verengen, sondern als offene, relationale und kreative Leistung des Subjekts begreifen.


Grundhaltung in der queersensiblen Psychotherapie

Therapeutische Räume werden im Rahmen einer queersensiblen Psychotherapie zu Orten intersubjektiver Anerkennung als Grundlage für die Entwicklung eines kohärenten, zugleich flexiblen Selbst. Ein Ziel, das für alle Menschen in Krisensituationen wichtig erscheint. Im Folgenden sollen einige Themen zusammenfassend aufgezeigt werden, die für die praktische Arbeit mit queeren Menschen bedacht werden können:

Ambiguität anerkennen im therapeutischen Gegenüber

Eine queersensible therapeutische Haltung versteht Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit und Nichtwissen als konstitutive Bestandteile psychischer Entwicklung und moderner Subjektivität. In Anlehnung an Bions Konzept der Negative Capability (Bion, 1962) bedeutet dies, offene Bedeutungsräume nicht vorschnell zu schließen, sondern Spannungen und Unschärfen reflexiv zu halten. Diese Ambiguitätstoleranz ist jedoch primär als professionelle Kompetenz der Psychotherapeut*innen zu begreifen. Sie ermöglicht es, eigene normative Selbstverständlichkeiten, implizite Annahmen über Geschlecht und Begehren sowie mögliche Irritationen in der Gegenübertragung wahrzunehmen und zu reflektieren. Gleichzeitig erschöpft sich queersensible Praxis nicht im Aushalten von Uneindeutigkeit. Im therapeutischen Arbeiten mit queeren Personen kann es, gerade vor dem Hintergrund internalisierter Queerfeindlichkeit, zentral sein, Eindeutigkeiten herzustellen: durch klare Benennung diskriminierender Strukturen, durch Kontextualisierung gesellschaftlicher Belastungen und durch explizite Parteinahme im Sinne einer validierenden Haltung. Insbesondere Personen mit stark internalisierten abwertenden Überzeugungen profitieren davon, wenn erlebte Missstände im Außen verortet und nicht vorschnell intrapsychisch individualisiert werden, auch wenn ein solches Vorgehen in anderen psychotherapeutischen Kontexten zurückhaltender gehandhabt wird. Ambiguität anzuerkennen und zugleich dort Eindeutigkeit zu schaffen, wo sie stabilisierend wirkt, stellt somit keinen Widerspruch dar, sondern beschreibt eine differenzierte therapeutische Balance zwischen Offenheit und Positionierung.

Diskriminierungsrealitäten im Außen ernst nehmen

Symptome queerer Patient*innen werden primär nicht intrapsychisch gedeutet, sondern als nachvollziehbare Reaktionen auf reale Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen verstanden. Eine queersensible Psychotherapie vermeidet Pathologisierung sozial verursachten Leidens und validiert externe Belastungsfaktoren explizit.

Internalisierte Queerfeindlichkeit erkennen und bearbeiten

Verinnerlichte gesellschaftliche Abwertung wird als eigenständiges Konstrukt ernst genommen. Eine therapeutische Arbeit zielt darauf ab, diese internalisierten Anteile bewusst zu machen, affektiv zu bearbeiten und ihre Wirksamkeit auf Selbstwert, Beziehungsgestaltung und Über-Ich-Strukturen zu reduzieren.

Sprache als Medium von Anerkennung nutzen

Sensibler Sprachgebrauch (z. B. korrekte Pronomen, Namen, offene Fragen statt Annahmen) wird als zentraler Bestandteil therapeutischer Beziehungsgestaltung verstanden. Sprache wirkt hier nicht nur vermittelnd, sondern kann Zugehörigkeit, Anerkennung und Sicherheit fördern. In diesem Sinne lassen sich nach Borcherding et al. (2026) insbesondere die Frage nach der gewünschten Anrede, die Kommunikation eigener Pronomen sowie das aktive Vermeiden von Misgendering als Mikroaffirmationen verstehen, die Sicherheit und Anerkennung im therapeutischen Kontakt fördern.

Eigene Privilegien und Positionierungen reflektieren

Psychotherapeut*innen sind aufgefordert, eigene gesellschaftliche Positionierungen (z. B. Cisprivilegiertheit, Heteroprivilegiertheit) sowie damit verbundene Machtasymmetrien kritisch zu reflektieren. Diese Selbstreflexion dient der Reduktion impliziter Normsetzungen im therapeutischen Raum.

Übertragung, Gegenübertragung und Abwehrmechanismen beachten

Queere Themen können spezifische Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamiken in beiden beteiligten Personen aktivieren, etwa Vermeidung, Idealisierung oder Unsicherheit. Eine ambige Grundhaltung schließt die Bereitschaft ein, diese wahrzunehmen, zu reflektieren und gegebenenfalls therapeutisch nutzbar zu machen.

Intersektionalität mitdenken

Queere Lebensrealitäten sind häufig von mehrfachen Diskriminierungserfahrungen geprägt (z. B. in Verbindung mit Rassismus, Klassismus, religionsbezogene Diskriminierung). Eine ambige Grundhaltung berücksichtigt diese Verschränkungen, ohne sie hierarchisch zu ordnen oder zu vereinfachen.


Schlussfolgerungen

Queere Lebenswelten verdeutlichen in besonderer Weise, wie stark moderne Subjektivität von Ambivalenzen, Mehrdeutigkeiten und gesellschaftlichen Spannungsfeldern geprägt ist. Ambiguitätstoleranz erweist sich dabei insbesondere als professionelle Kompetenz der Psychotherapeut*innen: Sie ermöglicht es, eigene normative Selbstverständlichkeiten, Privilegien und Verstrickungen in cis- und heteronormative Ordnungen zu reflektieren und jene Irritationen zu halten, die aus der Begegnung unterschiedlicher gesellschaftlicher Positionierungen entstehen. Die Ambiguität liegt damit nicht primär in der queeren Person begründet, sondern häufig in der Spannung zwischen gesellschaftlichen Normen und queeren Lebensrealitäten. Für queere Patient*innen kann daher Eindeutigkeit eine zentrale entlastende Erfahrung darstellen. Therapeutisches Arbeiten bedeutet in diesem Kontext daher auch, Belastungen als Ausdruck realer Diskriminierungsverhältnisse zu kontextualisieren und nicht vorschnell intrapsychisch zu verstehen und deuten.

Zugleich knüpft eine queersensible Psychotherapie an jene adaptiven Bewältigungsressourcen an, die Vaughn & Witherspoon (2022) als zentrale Quellen im Umgang mit Minoritätenstress beschreiben. Positive subjektive Erfahrungen wie Erleichterung, Stolz und Freude, emotionale Stärken wie Mut und Integrität sowie kreative Formen der Lebensgestaltung können wichtige Ressourcen darstellen. Eine ressourcenorientierte Perspektive darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass queere Lebensrealitäten mit realen Verlusten, Einschränkungen und Ungleichheiten verbunden sein können. Das gemeinsame Anerkennen und, wenn notwendig, Betrauern dieser Bedingungen ist ebenso Teil einer differenzierten therapeutischen Haltung. Für die psychotherapeutische Praxis bedeutet dies, queere Lebensrealitäten mitzudenken, ohne sie zu essentialisieren oder auf einzelne Identitätsdimensionen zu reduzieren. Neben fundierten Kenntnissen zu LGBTQ+-spezifischen Themen erfordert queersensible psychotherapeutische Arbeit vor allem Selbstreflexion, Sensibilität für Machtasymmetrien sowie die Bereitschaft, eigene normative Vorannahmen kritisch zu prüfen. Die therapeutische Beziehung wird dabei (auch außerhalb queerer Themenfelder) zu einem Raum, in dem gesellschaftliche Bedingungen, individuelle Erfahrungen und innere Konfliktdynamiken miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Gerade in Zeiten des aufstrebenden Populismus wird es zur Kernaufgabe klinisch Tätiger, sich politischen Vereinnahmungsversuchen zu widersetzen. Psychotherapeutisches Vorgehen sollte wissenschaftlich begründet sein; die aktuelle Sk2-Leitlinie zur Versorgung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter ist beispielhaft als fundiertes und umfassendes Instrument zur Handlungsorientierung zu nennen (Maur et al., 2025). Eine ambige Grundhaltung bietet mit ihrer Ablehnung von Vereinseitigungen zusätzlichen Schutz vor ideologischen Einflussnahmen. Der therapeutische Raum kann demnach dazu beitragen, Anerkennung zu ermöglichen sowie selbstbestimmte Lebensentwürfe zu stärken, ohne queere Lebensrealitäten dabei symbolisch zu überhöhen oder funktionalisierend zu vereinnahmen.


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Lena Barth
Dr. Lena Barth
Korrespondenzanschrift:
mail icon lena.barth@medicalschool-hamburg.de

Dr. Lena Barth ist Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin in eigener Praxis. Sie lehrt an der MSH Medical School Hamburg und habilitiert zu Minderheitenkontexten sowie zur Weiterentwicklung psychodynamischer Konzepte im Kontext gesellschaftlicher Diversität. Sie leitete den Ausbildungsgang Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie am Hafencity Institut für Psychotherapie. Anknüpfend an ihre Forschung gründete sie das Institut für Moderne Elternschaft.

Alex Hartig
Alex Hartig
mail icon a.hartig023@freenet.de

Alex Hartig ist Psychologischer Psychotherapeut, lebt in Hamburg, ist als Supervisor und Dozent tätig und arbeitet zudem für die Beratungsstelle NaSowas in Lübeck. Die Beratungsstelle NaSowas gehört zum Jugendnetzwerk lambda::nord e. V., das sich für die Belange junger queerer Menschen einsetzt.

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Barth, L. & Hartig, A. (2026). Queere Lebenswelten in der Psychotherapie: Chancen und Herausforderungen psychodynamischer Ambiguität. Psychotherapeutenjournal, 25 (3), 226–232. https://doi.org/10.61062/ptj202603.002