Originalia

Erlebnisräume in tiergestützter Psychotherapie

Zwischen professioneller Rahmung und situativer Offenheit

Experiential Spaces in Animal-Assisted Psychotherapy

Between Professional Structure and Situational Openness

verfasst von: Rainer Wohlfarth & Bettina Mutschler

Veröffentlicht / published 16.09.2026

Abstract

Zusammenfassung: Der Beitrag entwickelt das Konzept des Erlebnisraums als zentrale Kategorie tiergestützter Psychotherapie und diskutiert es im Rückgriff auf Hartmut Rosas Unterscheidung zwischen Konstellation (strukturierte, regelgeleitete Ordnungen) und Situation (offene, responsive Vollzüge). Tiergestützte Psychotherapie wird als relationales Dreieck (Psychotherapeut*in – Patient*in – Tier) verstanden, in dem therapeutische Wirksamkeit wesentlich durch situative Offenheit, Resonanz und relationale Selbstwirksamkeit entsteht. Zugleich sind professionelle Rahmungen (Tierwohl, Qualifikation, Diagnostik, Sicherheit und Dokumentation) unverzichtbar. Es wird argumentiert, dass Wirksamkeit und Ethik tiergestützter Psychotherapie von einer dialektischen Integration beider Pole abhängen: Struktur muss Sicherheit gewährleisten, ohne den Spielraum so zu verengen, dass Erlebnisräume in funktionale Durchführungssequenzen kippen.

Summary: The article develops the concept of the experiential space (Erlebnisraum) as a central category of animal-assisted psychotherapy and discusses it with reference to Hartmut Rosa’s distinction between constellation (structured, rule-governed orders) and situation (open, responsive enactments). Animal-assisted psychotherapy is conceptualized as a relational triangle (psychotherapist–client–animal) in which therapeutic efficacy emerges primarily through situational openness, resonance, and relational self-efficacy. At the same time, professional frameworks (animal welfare, qualification, diagnostics, safety, and documentation) are indispensable. It is argued that the effectiveness and ethical integrity of animal-assisted psychotherapy depend on a dialectical integration of both poles: structure must ensure safety without narrowing the scope for action to such an extent that experiential spaces collapse into functional implementation sequences.


Einleitung

Mit seinem 2026 erschienenen Werk „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ legt Hartmut Rosa eine gesellschaftstheoretische Diagnose vor, die über soziologische Fragestellungen hinausweist. Rosa beschreibt eine zunehmende Dominanz von Konstellationen, strukturell vorgeformten, regelgeleiteten Ordnungen, gegenüber Situationen, die durch Offenheit, Unvorhersehbarkeit und lebendige Responsivität gekennzeichnet sind. Wo Konstellationen dominieren, schrumpft der „Spielraum“, also jener Bereich, in dem Subjekte durch Urteilskraft, Resonanzfähigkeit und Selbstwirksamkeit handeln können.

Diese Unterscheidung eröffnet einen theoretischen Bezugsrahmen für tiergestützte Psychotherapie. Gerade hier verdichtet sich das Spannungsfeld zwischen struktureller Professionalität und situativer Offenheit: Tiergestützte Psychotherapie operiert in einem relationalen Feld, das zugleich institutionell gerahmt und prozessual emergent sein sollte. Der Beitrag untersucht, inwiefern Rosas Begriffe auf tiergestützte psychotherapeutische Prozesse übertragbar sind, und leitet Implikationen für Theorie, Praxis und Ethik ab.


Theoretischer Bezugsrahmen

Konstellation, Situation und Spielraum

Rosa (2026) versteht unter Konstellationen zunächst institutionell verfestigte Handlungsmuster, normierte Abläufe und strukturierte Rahmungen, die Interaktionen regulieren und kalkulierbar machen. Ergänzend lassen sich persönliche Konstellationen beschreiben, die sich in Beziehungsmustern, Leistungsorientierung, Pflichtbewusstsein oder Kontrollorientierung ausdrücken. Konstellationen schaffen Sicherheit, Stabilität und Planbarkeit.

Situationen hingegen sind lebendige Vollzüge, in denen Handelnde durch situative Wahrnehmung, Responsivität und Urteilskraft eigenständig entscheiden, wie sie antworten. Der Spielraum entsteht im Übergangsbereich zwischen beiden Polen: Er ist weder strukturlos noch vollständig determiniert, sondern eröffnet Möglichkeiten zu einer kreativen, resonanten Weltbeziehung.

Übertragen auf psychotherapeutische Prozesse lassen sich Konstellationen als professionelle Rahmenbedingungen konzeptualisieren: Behandlungsverträge, Setting, Indikationskriterien, Manuale, Dokumentationspflichten sowie ethische Leitlinien. Persönliche Konstellationen von Psychotherapeut*innen lassen sich im Sinne Rosas als verinnerlichte professionelle, biografische und institutionell geprägte Ordnungen verstehen, die Wahrnehmung, Beziehungsgestaltung und Interventionsverhalten prästrukturieren. Dazu gehören internalisierte Therapieschulmodelle, implizite Vorstellungen von „guter“ bzw. „gelingender“ Psychotherapie, eigene Bindungs- und Affektregulationsmuster sowie ein individueller Umgang mit Kontrolle, Unsicherheit und Verantwortung. Diese inneren Ordnungen geben Halt und Orientierung, können jedoch den situativen Spielraum einschränken.

Situationen im Sinne Rosas bezeichnen im Psychotherapieprozess jene offenen, nicht vollständig planbaren Begegnungsmomente, in denen Psychotherapeut*in und Patient*in sich wechselseitig berühren und responsiv aufeinander bezogen sind. Sie entstehen im konkreten Vollzug der Interaktion und sind durch Unverfügbarkeit, Emergenz und affektive Präsenz gekennzeichnet. In solchen Situationen erweitert sich der therapeutische Spielraum, weil nicht vorgefertigte Interventionen, sondern situative Wahrnehmung, Resonanz und Urteilskraft handlungsleitend werden.

Tiergestützte Psychotherapie als triadischer Prozess

Tiergestützte Psychotherapie erweitert die klassische Dyade in der Psychotherapie um ein oder mehrere nichtmenschliche Lebewesen als Mit-Akteure (Wohlfarth et al., 2018; Wohlfarth & Mutschler, 2022a; Wohlfarth & Mutschler, 2026). Die Triade erzeugt zusätzliche Komplexität und zusätzliche Möglichkeiten: Das Tier reagiert kontingent, primär nonverbal, oft leiblich nah. Damit können präverbale Bindungs- und Affektsysteme angesprochen werden, die in rein sprachlichen Settings schwerer zugänglich sind (Wohlfarth & Mutschler, 2026). Aufseiten der Patient*innen werden Tiere ganz im Sinne Carl Rogers (1983) als empathisch, wertschätzend und echt wahrgenommen. Im Erleben der Patient*innen werden Tiere zudem oft als beziehungsbezogene Gegenüber wahrgenommen, die keine zielgerichteten Leistungs- oder Veränderungserwartungen an sie stellen. Im Kontrast dazu wird die psychotherapeutische Beziehung als implizit ziel- und performanzorientiert erlebt.

Aus systemischer Perspektive begegnen sich im tiergestützten Setting die drei selbstorganisierten Systeme Psychotherapeut*in, Patient*in und Tier. Die Beziehungsgestaltung und Kommunikation erfolgen dabei primär über die emotionalen und körperlichen Subsysteme von Patient*in und Tier. In diesem Sinne ist tiergestützte Psychotherapie vor allem eine Therapie des limbischen Systems (van der Kolk, 2023; Remole, 2025; Mormann et al., 2011).

Aktuelle wissenschaftliche Befunde zeigen, dass soziale Interaktionen mit Haustieren physiologische Veränderungen im Gehirn und im Herz-Kreislauf-System auslösen, die mit Entspannung und Aufmerksamkeit assoziiert sind (Wohlfarth & Mutschler, 2022b; Pendry & Vandagriff, 2020; Teo et al., 2024; Marti et al., 2022). Als neurobiologische Basis wird angenommen, dass positive Interaktionen mit Tieren Gehirnbereiche beim Menschen aktivieren, die an der Verarbeitung von Aufmerksamkeit, Emotionen und Bindung beteiligt sind (Liu et al., 2025; Marti et al., 2022), und zur Ausschüttung von Oxytocin, Serotonin und Dopamin führen (Nagasawa et al., 2009; Schmitt et al., 2025).

Studien legen nahe, dass tiergestützte Psychotherapie insgesamt positive psychische Effekte aufweist (Wohlfarth & Mutschler, 2022b): Das allgemeine psychische Wohlbefinden wird gestärkt (Fonseka et al., 2022), Angst und Stress reduziert (Beetz, 2017; Holder et al., 2020; Brandão et al., 2025; Esteve et al., 2025; Hernández-Espeso, 2026) sowie das emotionale Befinden verbessert (Pandey et al., 2024). Metaanalysen belegen unter anderem moderate Effekte tiergestützter Psychotherapie auf Depressionssymptome (McFalls-Steger et al., 2021; Villarreal-Zegarra et al., 2024) sowie posttraumatische Symptome (Hediger et al., 2021). In Interaktionsstudien konnte gezeigt werden, dass diese Effekte wahrscheinlich über eine Regulation der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) (Peña-Jorquera et al., 2025) sowie über affektive Regulationsmechanismen erfolgen (Koskela et al., 2024). Erste Befunde zeigen erhöhte Ausschüttungen von Oxytocin und Serotonin bereits bei kurzen tiergestützten Interventionen (Menna et al., 2019; Santaniello et al., 2025). Zudem wird diskutiert, dass Tiere als Bindungsfiguren fungieren und sichere Beziehungserfahrungen ermöglichen (Bachi, 2013; Julius et al., 2014).

Insgesamt deuten die Studienergebnisse auf potenziell therapeutische Wirkungen hin, wenngleich die Evidenz aufgrund methodischer Heterogenität und Schwächen im Studiendesign variiert (Hernández-Espeso et al., 2026). Besonders hunde- oder pferdegestützte Interventionen dominieren die Forschung, zeigen jedoch unterschiedliche Wirkungsausprägungen je nach Setting und Diagnostik (Wagner et al., 2022). Methodische Einschränkungen, wie etwa kleine Stichproben, mangelnde Standardisierung und heterogene Endpunkte, begrenzen gegenwärtig verallgemeinerbare Schlussfolgerungen darüber, welche spezifischen Komponenten wirksam sind. Insgesamt gilt tiergestützte Psychotherapie als vielversprechende ergänzende Intervention, deren Effektivität und Wirkmechanismen weiter systematisch erforscht werden müssen, insbesondere mit hochwertigen RCT-Studien und klaren Prozess-Outcome-Modellen (Serpell et al., 2017).

Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Interaktion zwischen Patient*in und Tier nicht vollständig planbar ist. Vielmehr ist sie emergent, das heißt, sie entsteht aus der Interaktionsdynamik des Beziehungserlebens und der sozialen Aktivierung, weniger durch isolierte Trainingsmechanismen. Ziel tiergestützter Psychotherapie ist, dass der Kontakt zu einem nichtmenschlichen Lebewesen körperliche und emotionale Sicherheit vermittelt, einschließlich der Sicherheit davor, sich beschämt, gerügt oder verurteilt zu fühlen, und so den Mut fördert, psychische Verletzungen zu tolerieren, sich damit auseinanderzusetzen und sie zu verarbeiten (van der Kolk, 2023).

Wir verstehen unseren Ansatz der tiergestützten Veränderungsarbeit als Metamodell (Wohlfarth & Mutschler, 2026), ohne die erheblichen rechtlichen und praktischen Unterschiede zwischen den Tätigkeitsfeldern von Psychotherapie, Coaching und Beratung zu nivellieren.

Es muss zusätzlich betont werden, dass „die“ tiergestützte Psychotherapie als eigenständige Psychotherapieschule nicht existiert. Auch innerhalb approbierter Psychotherapie unterscheidet sich die Einbindung des Tieres teils deutlich, je nach zugrundeliegender allgemeiner Grundhaltung (wie tiefenpsychologisch, verhaltenstherapeutisch oder systemisch) und der spezifischen Interventionslogik (wie etwa schematherapeutische, interpersonelle, dialektisch-behaviorale, mentalisierungsbasierte oder übertragungsfokussierte Ansätze) (Ganser, 2018; Hediger et al., 2019a; 2019b; Gerhards-Sommer, 2023; Heintz & Weiger, 2025; Wohlfarth et al., 2018; Wohlfarth & Mutschler, 2026). Tiergestützte Psychotherapie ist somit kein eigenständiges Verfahren, sondern eine methodische Erweiterung bestehender psychotherapeutischer Ansätze im triadischen Setting.


Erlebnisräume als zentrales Konzept in der tiergestützten Psychotherapie

Vor diesem Hintergrund wird der Begriff des Erlebnisraums als zentrale Kategorie tiergestützter Psychotherapie vorgeschlagen (Wohlfarth & Mutschler, 2026). Erlebnisräume bezeichnen intentional eröffnete, professionell gehaltene, jedoch nicht vollständig kontrollierte Interaktionsfelder, in denen Patient*in und Tier in resonante Beziehung treten können. Ein Erlebnisraum ist weder bloßes Setting noch freies Spiel. Er ist ein Möglichkeitsraum, der durch Struktur gesichert, jedoch nicht determiniert wird; seine Qualität liegt in der Offenheit für emergente Prozesse.

Erlebnisraum als Möglichkeit, Erleben zu erzeugen

Die Hypnosystemik weist darauf hin, dass Erleben fortlaufend durch Prozesse der Aufmerksamkeitsfokussierung erzeugt wird, teils willentlich, überwiegend jedoch unwillkürlich auf unbewusster Ebene (Schmidt, 2005). Der Erlebnisraum ist daher jeweils so zu gestalten, dass das angestrebte Erleben bei den Patient*innen tatsächlich entstehen kann.

Hierzu sind emergente Momente unabdingbar. Sie entstehen, wenn Patient*in, Tier und Psychotherapeut*in in einen lebendigen, häufig improvisierten Dialog treten, in dem neue Muster nicht „gemacht“, sondern im Vollzug hervorgebracht werden. In tiergestützter Psychotherapie finden sich solche emergenten Momente häufig, werden jedoch ebenso häufig übersehen. Gemeint sind plötzlich auftretende Einsichten, spontane Erinnerungen, unerwartete Reaktionen des eigenen Erlebens oder des Gegenübers bis hin zu entscheidenden Wendepunkten (Hoffmann & Schmolke, 2019), insbesondere in zuvor stagnierenden, unsicheren oder als hoffnungslos erlebten Therapieverläufen.

Fallvignette: „Er kommt von selbst“

Eine 35-jährige Patientin mit ausgeprägter sozialer Unsicherheit nimmt an einer tiergestützten Psychotherapie mit einem Esel teil. Zu Beginn der Stunde steht sie mit deutlichem Abstand im Paddock und vermeidet Blickkontakt, sowohl mit dem Tier als auch mit dem Psychotherapeuten. Der Psychotherapeut gibt keine konkrete Handlungsanweisung, sondern lädt sie lediglich ein, im Tempo der Situation zu bleiben. Nach einigen Minuten tritt der Esel ruhig näher und bleibt in einem Meter Abstand stehen. Die Patientin hält inne, atmet sichtbar tiefer und sagt leise: „Er kommt einfach…, ohne dass ich etwas mache.“ In diesem Moment entsteht ein Erlebnisraum: Die Situation ist nicht geplant oder instruiert. Die Begegnung ergibt sich aus der Interaktion selbst. Die Patientin erlebt sich nicht gedrängt und bedrängt, sondern wahrgenommen. Sie geht einen kleinen Schritt auf das Tier zu – aus eigener Initiative. Der Esel bleibt stehen. Der Psychotherapeut greift diesen Moment behutsam auf: „Sie mussten nichts tun und trotzdem ist Kontakt entstanden.“ Der Erlebnisraum zeigt sich hier als professionell gehaltener, aber nicht kontrollierter Raum, in dem Resonanz und Selbstwirksamkeit emergent entstehen.

Das Konzept des Erlebnisraums besitzt darüber hinaus integratives Potenzial im Hinblick auf unterschiedliche psychotherapeutische Schulen. Es ist nicht an eine spezifische methodische Ausrichtung gebunden, sondern beschreibt eine strukturelle und prozessuale Qualität therapeutischer Begegnung. Ob psychodynamisch, verhaltenstherapeutisch, systemisch, humanistisch oder hypnosystemisch orientiert – alle Ansätze arbeiten mit Beziehung, Affektregulation, Bedeutungszuschreibung und Veränderungsprozessen im Hier und Jetzt. Der Erlebnisraum schafft hierfür einen konzeptionellen Freiraum, in dem schulenspezifische Interventionen verortet werden können, ohne deren theoretische Fundierung zu relativieren. Er fungiert damit als metatheoretischer Rahmen, der Gemeinsamkeiten betont, ohne Differenzen einzuebnen.

Zentrale Eigenschaften des Erlebnisraums

Erlebnisräume in der tiergestützten Psychotherapie zeichnen sich durch Schutz, Responsivität und radikale Orientierung am Eigenen aus (Wohlfarth & Mutschler, 2026). Sie bieten einen geschützten Rahmen, in dem Patient*innen experimentieren, scheitern und unvollkommene Antworten geben dürfen, ohne existenzielle Konsequenzen befürchten zu müssen. Zugleich sind sie durch hohe Responsivität geprägt: Das Tier antwortet, wenn es entsprechend ausgewählt und vorbereitet wurde, kontingent auf das Verhalten des*der Patient*in und hält so einen lebendigen Interaktionsprozess aufrecht, dessen Verlauf nicht vollständig kontrollierbar ist.

Der Erlebnisraum tiergestützter Psychotherapie ist durch eine spezifische Unverfügbarkeit gekennzeichnet, da das Tier als eigenständiges System nicht vollständig plan- oder steuerbar ist. Gerade diese Nicht-Planbarkeit eröffnet einen authentischen, gegenwartsbezogenen Erfahrungsraum, in dem Beziehung und Selbstregulation jenseits instrumenteller Zielorientierung entstehen können.

Im Erlebnisraum geht es daher nicht um das Reproduzieren vorgefertigter Lösungen, sondern darum, die eigene authentische Antwort zu finden. Durch die Einbindung eines Tieres entsteht ein psychischer Raum, in dem emotionale Erfahrungen wie Trost, Freude, Widerstand, Autonomie oder auch Enttäuschung unmittelbar erlebbar werden (Wohlfarth & Mutschler, 2026). Veränderungen entstehen dabei weniger durch direkte Kontrolle als durch die Gestaltung förderlicher Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich komplexe Systeme selbst organisieren können.

Nur wenn gezielt sensorische, motorische und kognitive Zentren angeregt werden, wird das Gehirn neue Netzwerkverbindungen aufbauen und so auch neue emotionale und kognitive Leistungen vollbringen können (Wöller & Kruse, 2015). Es geht also darum, bedeutungsvolles Erleben zu ermöglichen, um so die gleichzeitige Stimulation von Hirnarealen zu erreichen. Dies gelingt dann besonders gut, wenn Erlebensräume geschaffen werden, in denen Patient*innen neue Erfahrungen machen können, unfertige Situationen bewältigen müssen, direkte Rückmeldung auf ihr Verhalten bekommen und Authentizität, Wertschätzung und Zuwendung erfahren. Und wenn all dies zusammenkommt, entstehen „Verdichtungserlebnisse“, womit die gleichzeitige Anregung mehrerer Hirnareale gemeint ist (Wöller & Kruse, 2015).

Tiere tragen zu diesem positiven affektiven Klima bei, das Offenheit, Handlungs- und Reflexionsbereitschaft begünstigt. Gleichzeitig benötigen insbesondere psychisch belastete Menschen klare zeitliche, räumliche und leitende Strukturen, damit neue Erfahrungen integriert werden können. Ein wirksamer Erlebnisraum entsteht schließlich dort, wo eine emotionale Verbindung freiwillig, lebendig und ohne Leistungsdruck entsteht. In solchen resonanten Begegnungsräumen werden bisherige Muster sichtbar und die Veränderung, vor allem impliziter Beziehungsmuster, wahrscheinlicher.

Mikroprozessperspektive: Interaktive Regulation und Gegenwartsmomente

Ein Erlebnisraum ist nicht nur ein „sicherer Wohlfühlort“, sondern ein Ort, in dem es auch zu Konflikten, Brüchen und Korrekturen kommt. In diesem Raum können Trost, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Beruhigung, Spontanität, Freude, Spaß, Lebendigkeit, aber auch Grenzen, Widerstand, Distanz, Autonomie, Angst oder auch Enttäuschung erlebt werden.

Hier kann auf Beebe und Lachmann (2013; 2020) zurückgegriffen werden, die in ihrer interaktiven Regulationsperspektive zentrale Beziehungsprinzipien betonen: „ongoing regulation“, „rupture and repair“ sowie „heightened affective moments“. Diese Prinzipien lassen sich auch auf den Erlebnisraum und damit die Interaktion zwischen Patient*in und Tier übertragen:

  • Ongoing regulation beschreibt die kontinuierliche Abstimmung im Kontakt, die sich vor allem nonverbal über Mimik, Gestik, Körperhaltung, Abstand, Tempo und prosodische Merkmale der Sprache vollzieht und für die Aufrechterhaltung der Patient*in-Tier-Verbindung wesentlich ist.

  • Rupture and repair bezieht sich auf unvermeidliche Störungen im Austausch (z. B. Rückzug des Tieres, Überforderung, Missverständnisse), die erkannt, gehalten und bearbeitet werden müssen, damit Vertrauen und Allianz wachsen können.

  • Heightened affective moments bezeichnen affektiv verdichtete Situationen, die Veränderungsdynamik auslösen und tiefgehende Einsichten ermöglichen.

Fallvignette: „Nicht schon wieder ziehen“

Eine 38-jährige Patientin mit Erschöpfungsdepression arbeitet in einer tiergestützten Sitzung mit einem Esel. Ziel ist es, eigene Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen.

Ongoing regulation: Zu Beginn geht die Patientin ruhig neben dem Esel her. Ihre Atmung ist flach, aber gleichmäßig. Der Esel passt sein Tempo an ihr zögerliches Gehen an. Zwischen Patientin und Tier entsteht eine kontinuierliche, nonverbale Abstimmung – Tempo, Abstand, Körperspannung regulieren sich wechselseitig. Dies ist ein Beispiel für ongoing regulation, eine fortlaufende ko-regulative Abstimmung im Beziehungsgeschehen.

Rupture: Plötzlich beschleunigt die Patientin, zieht leicht am Strick. Der Esel bleibt abrupt stehen. Die Patientin reagiert gereizt: „Warum blockiert er jetzt?“ Die wechselseitige Abstimmung ist unterbrochen – eine rupture im Beziehungssystem.

Repair: Der Psychotherapeut lädt ein: „Was passiert gerade zwischen Ihnen beiden?“ Die Patientin atmet aus, lockert den Strick. „Ich mache wieder Druck… so wie sonst auch.“ Sie tritt einen Schritt zurück. Der Esel geht erneut los. Die Synchronität kehrt zurück – eine repair, eine Wiederherstellung der Beziehung nach einer Unterbrechung.

Heightened affective moment: Die Patientin bleibt stehen, legt ihre Stirn kurz an den Hals des Esels und sagt leise: „Ich darf auch einfach langsamer sein.“ In diesem verdichteten Moment ist spürbar erhöhte Affektintensität vorhanden. Die Erfahrung ist nicht nur kognitiv, sondern emotional und körperlich tief verankert. Dies entspricht einem heightened affective moment, einem verdichteten, transformierenden Beziehungsmoment.

Diese Beziehungsprinzipien lassen sich mit Sterns Konzept der Gegenwarts- und Jetzt-Momente verbinden, das als bedeutsam für psychotherapeutische Veränderung gilt, weil solche Momente emotionale Aktivierung bündeln und neue Beziehungserfahrungen ermöglichen (Stern, 2005). Ein Gegenwartsmoment ist jene Zeitspanne, „in der psychische Prozesse sehr kleine Wahrnehmungseinheiten zu den kleinsten globalen Einheiten (zu einer Gestalt) verbinden, die im Kontext einer Beziehung eine Bedeutung haben“ (Stern, 2005, S. 248). Gegenwartsmomente dauern objektiv etwa eine bis zehn Sekunden und werden subjektiv als „Jetzt“ erlebt.

Ein Jetzt-Moment ist ein besonderer Gegenwartsmoment, der sich unverhofft einstellt und den üblichen Interaktionsrahmen infrage stellt. Dadurch gewinnt er Bedeutung für die weitere Beziehung: Der*die Patient*in wird in die Gegenwart „gezogen“ und erlebt eine spezifische Spannung, die Stern als „intersubjektive Angst“ beschreibt. Die Lösung dieser Krise kann in einem Begegnungsmoment erfolgen: Dieser verlangt eine authentische, spezifische Reaktion auf das im Jetzt-Moment Entstandene, wodurch sich die gemeinsame Beziehung und das implizite Beziehungswissen verändern oder weiterentwickeln. Bleibt ein Begegnungsmoment aus, verstreicht die Chance, die im Jetzt-Moment liegt.

Fallvignette: „Er bleibt einfach stehen“

Ein 42-jähriger Mann (M.) befindet sich nach einem beruflichen Zusammenbruch in psychotherapeutischer Behandlung. Er beschreibt sich als dauerhaft „funktionierend“, innerlich jedoch erschöpft und entfremdet. Die Sitzung findet im Rahmen einer tiergestützten Therapie mit einem Esel statt.

Während eines geführten Spaziergangs bleibt der Esel plötzlich stehen. M. versucht zunächst, ihn durch Ziehen am Strick weiterzuführen. Der Esel bewegt sich nicht. M. seufzt gereizt: „Typisch. Nichts geht voran.“

Jetzt-Moment: Nach einigen Sekunden lässt M. den Zug nach. Er steht still neben dem Tier. Der Esel senkt den Kopf und lehnt sich leicht an seine Hüfte. M. atmet hörbar aus. Es entsteht eine dichte Stille. In diesem Augenblick verändert sich die Qualität der Situation: Die Dynamik von „Ziehen und Funktionieren“ stoppt. Aufmerksamkeit, Körperhaltung und Affekt verschieben sich synchron. Dieser unerwartete Stillstand bildet einen Jetzt-Moment, intensiv, gegenwärtig, nicht geplant.

Begegnungsmoment: Der Psychotherapeut sagt ruhig: „Er scheint erst weiterzugehen, wenn Sie aufgehört haben zu ziehen.“ M. blickt auf den Esel, streicht ihm über den Hals und sagt leise: „Vielleicht merkt er, dass ich die ganze Zeit nur drücke.“ Eine kurze Pause. „Ich mache das überall so.“ Hier entsteht ein Begegnungsmoment: Der Patient erkennt sich im Spiegel der Interaktion. Der Psychotherapeut bestätigt nicht belehrend, sondern hält den Raum. Der Esel bleibt ruhig angelehnt. M. erlebt sich nicht bewertet, sondern verstanden.

Wir beobachten häufig, dass sich Patient*in und Tier in einem Prozess befinden, den Stern als „moving along“ (Vorangehen) beschreibt, einem kleinschrittigen Prozess, in dem Gegenwartsmomente entstehen. Da Beziehungen selten konfliktfrei sind, steigen die Spannung und die Angst, die Beziehung könnte scheitern. Kommt es dann zu einem Begegnungsmoment, entsteht kurzzeitig ein „offener Raum“: Die Beteiligten lösen sich aus gewohnten Mustern, reorganisieren sich und setzen die Interaktion in einem erweiterten Zustand fort. Bezogen auf tiergestützte Psychotherapie bedeutet dies: Wenn Begegnungsmomente genutzt werden, kann sich das implizite Beziehungswissen im triadischen Feld verändern, ein Prozess, der wesentlich zum Therapieerfolg beiträgt.


Funktionen des Erlebnisraums

Psychologisch lassen sich drei Funktionen des Erlebnisraums hervorheben (Wohlfarth & Mutschler, 2026):

  1. Aktivierung impliziter Beziehungserfahrungen, weil Tiere überwiegend nonverbal und kontingent reagieren und damit präverbale Bindungs- und Affektsysteme ansprechen,

  2. Resonanz und Affektregulation durch ko-regulative Prozesse über Rhythmus, Blickkontakt, Nähe und Berührung,

  3. Förderung von Selbstwirksamkeit durch unmittelbares, leiblich-situatives Feedback.

Aktivierung impliziter Beziehungserfahrungen: Tiere kommunizieren überwiegend nonverbal und reagieren kontingent auf Körperspannung, Atemrhythmus, Bewegungsimpulse sowie Annäherungs- bzw. Rückzugssignale. Dadurch werden präverbale Bindungs- und Affektsysteme angesprochen, wie sie in frühen Beziehungserfahrungen wirksam sind. Implizite Beziehungsmuster, etwa Erwartungen von Zurückweisung, Vereinnahmung oder sicherer Resonanz, können im Kontakt mit dem Tier aktiviert und erfahrungsnah überprüft werden. Weil Tiere nicht sprachlich interpretieren oder moralisch bewerten, entsteht ein Interaktionsraum, in dem korrigierende Beziehungserfahrungen auf leiblich-affektiver Ebene möglich werden.

Resonanz und Affektregulation durch Ko-Regulation: Im Kontakt mit einem Tier entstehen ko-regulative Prozesse über geteilten Rhythmus (z. B. Gehen, Atmen), Blickkontakt, räumliche Nähe und Berührung. Diese Interaktionen fördern Synchronisierung und unterstützen die Regulation von Erregungszuständen. Das Tier wirkt dabei als responsiver Mit-Akteur: Affektzustände können gespiegelt, moduliert oder stabilisiert werden. In einem professionell gehaltenen Rahmen ermöglichen solche Resonanzprozesse sowohl Beruhigung als auch Vitalisierung und tragen zur Stabilisierung innerer Zustände bei.

Selbstwirksamkeit: Ein zentrales Merkmal von Erlebnisräumen ist die Ermöglichung von Selbstwirksamkeit. Und dies nicht ausschließlich aufseiten der Patient*innen, sondern im relationalen Feld zwischen Patient*in, Psychotherapeut*in und Tier.


Selbstwirksamkeit im tiergestützten Kontext

Im Folgenden wird das Konzept der Selbstwirksamkeit im Kontext tiergestützter Psychotherapie differenzierter entfaltet und in seiner spezifischen Bedeutung für triadische therapeutische Prozesse präzisiert. Dabei steht insbesondere die Frage im Vordergrund, wie Selbstwirksamkeit im relationalen Feld zwischen Patient*in, Psychotherapeut*in und Tier entsteht und wirksam wird.

Selbstwirksamkeit bezeichnet die subjektive Überzeugung, durch eigenes Handeln Einfluss auf Situationen und deren Verlauf nehmen zu können (Bandura, 1997). Sie gilt als zentraler Wirkfaktor psychotherapeutischer Veränderung, da sie Motivation, Emotionsregulation und Bewältigungskompetenz wesentlich beeinflusst.

Tiergestützte Erlebnisräume bieten besondere Bedingungen für das Erleben von Selbstwirksamkeit: Durch die unmittelbar erfahrbare Interaktion mit einem Tier werden Handlung und Wirkung direkt erlebbar, denn Tiere reagieren kontingent. Die Kommunikation erfolgt nonverbal und niedrigschwellig, Rückmeldung ist leiblich spürbar. Tiere nähern sich, weichen aus, bleiben stehen oder folgen und machen damit eigenes Verhalten unmittelbar wirksam. Diese situative Rückmeldung fördert nicht nur individuelles Kompetenzgefühl, sondern ermöglicht relationale Selbstwirksamkeit im Kontakt. Damit wird Selbstwirksamkeit in tiergestützten Settings nicht lediglich als Therapieziel verstanden, sondern als konstitutiver Bestandteil des therapeutischen Prozesses selbst. Und Selbstwirksamkeit entwickelt sich in diesem Kontext nicht aus Kontrolle, sondern aus der Erfahrung, in einem unverfügbaren Gegenüber wirksam antworten und in wechselseitige Resonanz treten zu können.

Selbstwirksamkeit betrifft jedoch nicht nur den*die Patient*in, sondern auch das Tier (Wohlfarth & Mutschler, 2026). Dass Tiere selbstwirksam sein dürfen, ist ein ethisch wie therapeutisch zentraler Aspekt: Tiere sind keine Interventionsinstrumente, sondern fühlende Organismen mit eigenen Regulationsbedürfnissen. Erlebnisräume setzen daher voraus, dass das Tier als handlungsfähiger Mit-Akteur auftreten kann: Annäherung darf initiiert oder verweigert werden, Rückzug wird respektiert, Interaktionsintensität bleibt variabel und Verhalten ist nicht ausschließlich fremdgesteuert. Eine ausschließlich signal- bzw. belohnungsgesteuerte Nutzung reduziert spontane Responsivität und funktionalisiert Interaktion.

Wenn Tier und Patient*in selbstwirksam sind, entsteht relationale Selbstwirksamkeit. Diese bezeichnet die Erfahrung, in Beziehung wirksam zu sein. Im Dreieck von Patient*in, Tier und Psychotherapeut*in entsteht ein Ko-Regulationssystem; Selbstwirksamkeit ist hier relational eingebettet. Sie zeigt sich, wenn das Tier kontingent reagiert, der Kontakt freiwillig bleibt und der*die Psychotherapeut*in den Prozess hält, ohne ihn zu dominieren. Diese Erfahrung kann insbesondere bei bindungsunsicheren oder traumatisierten Patient*innen korrigierende Beziehungserfahrungen unterstützen.

Die*der Psychotherapeut*in ist dabei vor allem für die „Übersetzungsarbeit“ zuständig (Wohlfarth & Mutschler, 2026). Übersetzungsarbeit in der tiergestützten Psychotherapie bezeichnet die Aufgabe des*der Psychotherapeut*in, die nonverbalen, leiblichen und situativen Interaktionen zwischen Patient*in und Tier in verstehbare psychische Bedeutungen zu überführen. Dabei werden Verhaltensweisen des Tieres nicht vermenschlicht, sondern als Beziehungssignale im Kontext der therapeutischen Dynamik reflektiert und mit dem inneren Erleben des*der Patient*in verknüpft. Übersetzungsarbeit schafft somit eine Brücke zwischen unmittelbarer Erfahrung und bewusster Selbstreflexion.

Fallvignette: „Er reagiert auf mich“

Ein 29-jähriger Patient mit ausgeprägten Selbstzweifeln und sozialer Rückzugstendenz arbeitet in einer tiergestützten Sitzung mit einem Hund. Zu Beginn wirkt er unsicher, seine Bewegungen sind zögerlich, der Blick geht häufig zu Boden. Der Hund bleibt zunächst auf Distanz.

Auf Einladung des Psychotherapeuten achtet der Patient bewusst auf seine Körperhaltung und Atmung. Als er sich innerlich sammelt und dem Hund ruhig die Hand hinhält, nähert sich dieser langsam und legt schließlich den Kopf in seine Hand. Der Patient lächelt überrascht: „Jetzt kommt er…, weil ich ruhiger geworden bin.“

Im anschließenden Gespräch wird deutlich, dass der Patient den Zusammenhang zwischen eigener innerer Regulation und äußerer Wirkung unmittelbar erlebt hat. Der Erlebnisraum ermöglicht hier eine konkrete Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Nicht durch Instruktion, sondern durch leiblich-situative Rückmeldung erfährt der Patient, dass sein eigenes Verhalten Einfluss auf die Qualität von Beziehung nimmt.

Selbstwirksamkeit benötigt Sicherheit durch Rahmung; zugleich kann Überstrukturierung das Selbstwirksamkeitserleben durch Fremdsteuerung und Passivierung beeinträchtigen. Professionelle tiergestützte Praxis ist daher auf Balance angewiesen: Zu wenig Struktur begünstigt Unsicherheit und Überforderung, zu viel Struktur führt zu Fremdsteuerung. Angemessene Struktur ermöglicht eigenständiges Handeln und unterstützt damit Selbstwirksamkeit.


Ambivalenz zwischen Struktur und Spielraum

Eine ausschließlich situationsorientierte Perspektive verkennt die Notwendigkeit professioneller Konstellationen sensu Rosa (2026). Tiergestützte Psychotherapie ist eingebettet in rechtliche, ethische und institutionelle Rahmenbedingungen, u. a. Tierwohlstandards und Belastungsregulation, Qualifikationsanforderungen, diagnostische Indikationsstellung, Dokumentations- und Evaluationspflichten sowie Hygiene- und Sicherheitsvorgaben. Diese Rahmungen gewährleisten Schutz, Transparenz und Qualität; sie sind nicht als Gegensatz zum Erlebnisraum zu verstehen, sondern als dessen Bedingung.

Problematisch wird Struktur dort, wo sie in Überregulierung oder Kontrollorientierung kippt. In der Praxis zeigt sich dies vor allem im Wunsch vieler Psychotherapeut*innen nach einem primär signal- bzw. belohnungsgesteuerten Tiereinsatz, nach Manualisierung und vorgefertigten „Übungen“, standardisierten Interventionssequenzen und einer Fokussierung auf performative Ergebnisse. In solchen Fällen droht eine Reduktion auf ein funktionales Trainingssetting, in dem Interaktion instrumentell wird.

In Anlehnung an Rosa (2026) kann von struktureller Verengung gesprochen werden, wenn die Rahmenbedingungen und der Wunsch nach Kontrolle – vor allem des Tierverhaltens – den Erlebnisraum absorbieren. Der Erlebnisraum wird dann zum kontrollierten Durchführungsraum. Psychodynamisch kann übermäßige Kontrollorientierung als Ausdruck psychotherapeutischer Unsicherheit verstanden werden: Planbarkeit reduziert Ambiguität, verhindert jedoch Emergenz.

Dann ist kein Spielraum mehr vorhanden, in dem psychotherapeutische Veränderungen und Einsichten plötzlich und unerwartet entstehen können, ohne direkt aus den vorherigen psychotherapeutischen Interventionen planbar oder reduktiv ableitbar zu sein. Wenn Erlebnisräume offen sind und die Interaktion zwischen Tier und Patient*in prozesshaft gestaltet ist, entstehen Selbstorganisationsprozesse, bei denen aus der Interaktion zwischen Patient*in und Tier ein neues Ganzes hervorgehen kann.

Tiergestützte Psychotherapie lebt somit von Improvisationsfähigkeit, situativer Wahrnehmung, affektiver Feinabstimmung und dialogischer Offenheit (Wohlfarth & Mutschler, 2026). Psychotherapeut*innen (unabhängig von ihrer grundsätzlichen psychotherapeutischen Orientierung und der aktuell angewendeten Therapieform) begleiten Prozesse, statt sie vollständig zu steuern. Sie halten Spannung aus, anstatt sie vorschnell zu regulieren, und eröffnen damit Bedingungen, unter denen Erlebnisräume entstehen können.

Oder hypnosystemisch ausgedrückt (Schmidt, 2005): Ambivalenz ist kein Hindernis, sondern ein Hinweis auf mögliche Vielfalt und damit eine Einladung, beide Seiten würdigend in den tiergestützten Therapieprozess einzubeziehen. Konzeptionell lässt sich dies als Balance modellieren: Sicherheit (u. a. klare Verantwortlichkeiten, Tierwohl, Regeln, Gestaltung des Erlebnisraums als sicherer Ort) steht neben Offenheit (u. a. situative Responsivität, Ko-Regulation, Spielraum).

Dokumentation und Evaluation sollten daher nicht nur performative Ergebnisse abbilden, sondern auch gelebte Erfahrung und Prozessqualität berücksichtigen (Krupp et al., 2025).


Resonanz und Würde des Tieres

Nicht alle Tiere sind, ebenso wenig wie alle Menschen, für die tiergestützte Psychotherapie geeignet. Analog zur professionellen Qualifikation menschlicher Psychotherapeut*innen bedürfen auch Tiere einer sorgfältigen Auswahl, Eignungsdiagnostik sowie einer fundierten Vorbereitung, um im psychotherapeutischen Setting verantwortungsvoll mitarbeiten zu können. Neben artspezifischen Kompetenzen spielen dabei insbesondere Temperament, Belastbarkeit, soziale Sensitivität und Stressregulationsfähigkeit eine zentrale Rolle. Eine qualitätsgesicherte Vorbereitung stellt sicher, dass das Tier adäquat den klinischen Anforderungen gewachsen ist und die Intervention sowohl für Patient*innen als auch für das Tier selbst sicher und ethisch vertretbar gestaltet werden kann.

Im konkreten Setting setzt eine resonante Begegnung, in der alle Partner*innen selbstwirksam sein können, Gegenseitigkeit voraus. Wird das Tier funktionalisiert, verliert es Subjektstatus; Beziehung wird zur Nutzungsbeziehung. Die Würde des Tieres wird gewahrt, wenn seine Bedürfnisse berücksichtigt, Überforderung vermieden, es nicht als reines Instrument eingesetzt und spontane Initiative zugelassen wird. Gerade unvorhergesehene tierische Impulse eröffnen häufig psychotherapeutisch bedeutsame Momente, weil sie nicht inszeniert sind und damit authentische Beziehungserfahrungen ermöglichen. Grundvoraussetzung hierfür ist, dass das Tier „nein“ sagen darf.


Schlussfolgerung

Die Übertragung von Rosas Unterscheidung zwischen Konstellation und Situation auf die tiergestützte Psychotherapie verdeutlicht: Psychotherapeutische Veränderung beginnt nicht primär durch kontrollierte Durchführung standardisierter Interventionen, sondern im resonanten Vollzug lebendiger Begegnungen. Konstellationen sichern Professionalität. Doch erst im Spielraum zwischen Struktur und Offenheit entsteht der Erlebnisraum, in dem Selbstwirksamkeit, Beziehung und Entwicklung möglich werden.

Die Gestaltung von Erlebnisräumen ist daher kein Zusatz, sondern ein strukturelles Qualitätsmerkmal tiergestützter Psychotherapie. Ihre Ermöglichung verlangt eine therapeutische Haltung, die Sicherheit bietet, ohne Spontaneität zu ersticken, und eine Praxis, die auch tierliche Selbstwirksamkeit und Würde als konstitutive Bedingungen therapeutischer Wirksamkeit versteht.

Die Beziehung zum Tier ermöglicht neue emotionale Erfahrungen, korrigierende Beziehungserlebnisse und einen unmittelbaren Zugang zu Gefühlen, Verhaltensmustern und inneren Konflikten. Damit diese Erfahrungen jedoch nachhaltig wirksam werden, bedarf es der bewussten Reflexion, des Transfers in den Alltag sowie der Integration in den psychotherapeutischen Gesamtprozess. Erst durch die Einbettung in die „klassische“ Psychotherapie können die im Kontakt mit dem Tier angestoßenen Entwicklungen stabilisiert, kognitiv eingeordnet und langfristig in das Leben der Patient*innen übernommen werden.


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Rainer Wohlfarth
Dr. Rainer Wohlfarth
Korrespondenzanschrift:
Privatpraxis für Psychotherapie / Kompetenzzentrum für tiergestützte Psychotherapie und tiergestütztes Coaching
Brandbach 4
77887 Sasbachwalden
mail icon psychotherapie@wohlfarth-mutschler.de

Dr. Rainer Wohlfarth ist als Psychotherapeut (VT, Hypnotherapie, Neuropsychologie) in eigener Praxis tätig. Er ist seit 20 Jahren im Feld tiergestützter Psychotherapie wissenschaftlich und praktisch tätig. Er war von 2010 bis 2020 Präsident der European Society for Animal Assisted Therapy und von 2018 bis Juli 2026 Vizepräsident der International Society for Animal Assisted Therapy.

Bettina Mutschler
Bettina Mutschler
Kompetenzzentrum für tiergestützte Psychotherapie und tiergestütztes Coaching
Brandbach 4
77887 Sasbachwalden
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Bettina Mutschler ist systemische Beraterin, Coach und Fachkraft für tiergestützte Therapie. Sie schafft mit ihren vier Eseln und zwei Hunden spannende Erlebnisräume für Klient*innen mit psychischen Herausforderungen.

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Wohlfarth, R. & Mutschler, B. (2026). Erlebnisräume in tiergestützter Psychotherapie: Zwischen professioneller Rahmung und situativer Offenheit. Psychotherapeutenjournal, 25 (3), 237–244. https://doi.org/10.61062/ptj202603.004